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In dem Moment, als Cooper hörte, wie Ben und Willow bei ihren Namen gerufen wurden, dämmerte ihm, dass aus irgendeinem abgefuckten Grund draußen im Wald eine Gruppe ausharrte. Diese hatte es nun auf ihn abgesehen und kesselte ihn ein. Zweierlei brauchte er ganz dringend – eine Fluchtmöglichkeit und eine Lampe.
Er bewegte sich in nahezu vollkommener Dunkelheit, als er versuchte, sich rasch davonzustehlen. Um nicht zu stolpern oder Lärm zu verursachen, streckte er beide Arme vor sich aus und tastete nach Bäumen auf seinem Weg. Plötzlich ging unmittelbar vor ihm ein gleißendes Licht an, sodass er nichts mehr sah. Es blendete jedoch auch den spindeldürren Hänfling, der genau hineinsah, als er es anschaltete. Die Quelle befand sich nicht zwischen ihnen, in Wirklichkeit blickten sie beide ungefähr in die gleiche Richtung. Der junge Mann stand vor Cooper und schaute nun knapp links an ihr vorbei. Cooper machte ihn zuerst aus und reagierte sofort.
Er stürzte sich auf den Kerl, griff mit einer Hand zur Lampe und schlug ihm den Ellbogen gegen den Unterkiefer, so fest er konnte. Der Getroffene gab keinen Ton von sich, als er rücklinks zu Boden ging. Cooper befürchtete, ihn umgebracht zu haben, weil sich sein Kopf so weit zur Seite gedreht hatte.
Mithilfe der Lampe legte er noch ein paar Yards zurück, ehe er sie ausschaltete. Dann lehnte er sich mit dem Rücken an einen Baum. Er wollte nicht, dass seine Gegner ein Licht sahen, das sich im Finsteren von ihnen entfernte, konnte seinen Weg aber auch nicht blind fortsetzen. Deshalb musste er warten, bis sich seine Augen anpassten und seinen Körper wieder zur Ruhe bringen. Adrenalin und Herzklopfen machten es schwierig, sich aufs Hören und Sehen zu konzentrieren.
Er versuchte, wieder gleichmäßig Luft zu holen. Der Schweiß ließ ihn frösteln, und seine Hand tat weh, nachdem er Ben vermöbelt hatte, nicht zu vergessen die Tatsache, dass er sich immer noch benommen und angeschlagen fühlte. Trotzdem dachte er nicht im Traum ans Aufgeben. Er erkannte nicht nur, dass diese Menschen Übles verhießen, sondern hatte auch gesehen, dass der junge Kerl einen schwarzen Umhang mit Kapuze und einen großen Anhänger mit Ziegenkopf um den Hals trug. Viele Leute mochten solche Zusammenkünfte ins Reich moderner Sagen verweisen, doch er hatte manchen gekannt, der andere gekannt hatte, die darin verstrickt gewesen waren. Er erinnerte sich an Fotos und hatte sogar einmal während eines Campingausflugs aus der Ferne eine der besagten Gruppen gesehen, aber wohlweislich weiten Abstand gehalten. Obwohl die meisten dieser Verbände harmlos waren, schienen diese Verrückten nicht davor zurückzuschrecken, Menschenopfer zu bringen.
Die raue, kratzige Baumrinde an seinem Rücken gab ihm ein Gefühl von Sicherheit. Indem er die Augen schloss, stellte er sich auf die Dunkelheit ein und lauschte. Wie es sich anhörte, bewegten sich diese Typen auf die Lichtung zu, schlugen weiter Breschen und sahen aufgrund ihrer eigenen Lampen nichts, weshalb sie einander zubrüllten. Es war nur eine Frage von Minuten, bis sie bemerken würden, dass einer aus ihren Reihen fehlte.
Er öffnete seine Augen wieder. Ihm war es gelungen, sich über den Kreis hinwegzusetzen, in dem sie ihn hatten einschließen wollen. Er schaltete die Lampe nicht wieder ein und ging so behutsam weiter, wie er konnte.
***
Mindestens eine Stunde war verstrichen. Nichts deutete mehr darauf hin, dass er verfolgt wurde, also zog er die Lampe hervor und schaltete sie ein. Jetzt kam er viel schneller voran. Nachdem er einen Hügel in der Nähe erklommen hatte, schaute er sich um. Von der Bucht oder dem Ozean fehlte jegliches Zeichen, und da allerorts der Strom ausgefallen war, ließen sich keine von Menschen geschaffenen Orientierungspunkte ausmachen. Wenigstens hatte er nun ein Ziel: Das Tal auf der anderen Seite der Anhöhe, die er gerade heraufgestiegen war.
Auf halbem Weg hinunter stieß er auf eine asphaltierte Straße und folgte ihr bis an den Fuß des Hügels. Hier war er leichter und sicherer zu gehen, zumal er vermutlich auch schneller herausfinden würde, wo er war, was andererseits aber auch bedeutete, dass Menschen in der Nähe sein konnten, und momentan wollte er niemandem begegnen, ob tot oder lebendig.
Kurze Zeit später erreichte er eine breitere, zweispurige Straße, von der er annahm, dass es die Carmel Valley Road sei. Auf ihr wanderte er noch ein paar Stunden durch die Nacht und war froh, keinem anderen Menschen, egal welcher Verfassung, zu begegnen. Irgendwann fühlte er sich erschöpft. Sein Adrenalinschub hatte längst nachgelassen, und quälender Hunger plagte ihn. Immer noch fühlte er sich angreifbar, obwohl er die Lichtung und den gruseligen Scheiß dort weit hinter sich gelassen hatte. Er musste irgendwo in einer entlegenen Gegend nördlich von Big Sur sein.
Binnen kurzer Zeit entdeckte er mehrere Gebäude in der Ferne, bis zu welchen es von der Straße aus geschätzte zehn Meilen waren. Bis er dorthin zurückkehrte, wo er in Monterey aufgebrochen war, würde er mehrere Stunden gehen müssen. Vor ihm lag noch ein weiter Weg, und dieser blöde Zwischenfall hatte ihn aufgehalten. Wie lange er bewusstlos in dem Bus gesessen hatte, konnte er nur erahnen.
Ungefähr zum Morgengrauen näherte er sich dem Ende des Tals und somit auch einem Ballungsraum. Deshalb entschied er, sich ein Versteck für den Tag und die kommende Nacht zu suchen. Er brauchte etwas zu essen und vor allem Ruhe. Seine Hand tat empfindlich weh und fing zu klopfen an, doch der Biss an seinem Hals setzte ihm richtig übel zu. Er musste seine Wunden säubern und wünschte sich, schon viel früher dazu gekommen zu sein.
Er verließ die Straße und stieg einen kleinen Berg hinauf. Dort oben gab es eine kleine Siedlung, eine Gruppe von etwa 30 Häusern um mehrere Sackgassen. Dabei hoffte er, dass die Bewohner wie vielerorts verschwunden waren. Er fand ein Haus, dessen Eingangstür nicht verschlossen war. Anscheinend hatten sich die Besitzer tatsächlich Hals über Kopf davongemacht. Drinnen überprüfte er, ob sich wirklich niemand mehr in den Räumen aufhielt, und stellte sicher, dass Türen und Fenster allesamt verriegelt waren. Im Obergeschoss endlich ließ er sich auf ein Bett fallen und schlief sofort ein.
***
Nur wenige Stunden später weckte ihn die Sonne. Nach etwas Schlaf fühlte sich Cooper zwar besser, doch die Schwellungen an Hand und Hals fühlten sich heiß und verhärtet an. Scheiße, entzündet. Hätte sie direkt desinfizieren sollen. Er durchstöberte ein Medizinschränkchen und Schubladen im Bad, wobei ihm eine Tube antibiotischer Salbe in die Hände fiel. Dazu nahm er Wasserstoffperoxid und Seife heraus. Als er den Hahn am Waschbecken aufdrehte, stellte er zu seiner Freude fest, dass die Leitung noch funktionierte. Nachdem er seine Hand gereinigt hatte, strich er die Salbe auf die Wunden und verband sie. Glücklicherweise hatte er sich nichts gebrochen.
Daraufhin fing er an, seinen Hals mit einem in Alkohol getränkten Bausch Toilettenpapier abzuwischen, und blieb irgendwo hängen, sodass er an der Haut zog, was wehtat. Er hielt inne, tastete die Beule vorsichtig ab und fühlte etwas Festes, Spitzes. Er packte es mit den Fingernägeln und zog daran. Gleich darauf drehte er ein hauchdünnes Metallstäbchen von einem halben Zoll Länge zwischen den Fingern. Du liebe Zeit, eine Injektionsnadel. Die haben versucht, mir irgendeinen Dreck zu spritzen. Er warf sie ins Becken und war noch einmal froh darum, lebend davongekommen zu sein. Dass die Nadel abgebrochen war, hatte ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. Er war wohl der vollen Dosis dessen entronnen, was sie verwendet hatten, um ihn zu betäuben, und früher als erwartet wachgeworden.
Er aß etwas, schluckte mehrere Schmerztabletten, legte sich wieder hin und schlief bis zum späten Abend. Als er aufwachte, wechselte er den Verband, aß wieder und ruhte sich weiter aus. Am nächsten Morgen war er bereit zum Aufbruch. Im oberen Fach eines Schranks fand er eine Sportpistole vom Kaliber .22, die er mitnahm. Sie wirkte auf absurde Weise unterdimensioniert. Verglichen mit den meisten Schusswaffen kam sie einem Pusterohr gleich, war aber immer noch besser als nichts.
Die Fächer seiner Jacke und Armeehose füllte er mit Dingen, die er hier und dort im Haus fand: einem Taschenmesser, mehreren LED-Leselämpchen, Müsliriegeln und medizinischen Hilfsmitteln jeglicher Art, die er in die Finger bekam.
Wieder unterwegs achtete er darauf, sich von den Straßen fernzuhalten. Er schlug sich ungefähr eine Stunde lang von einem Tannenwald aus auf kleine Hügel und wieder hinunter sowie durch dichtes Gestrüpp. So kam er zu der Ausfahrt, an der er entführt worden war. Er kletterte auf eine steile Anhöhe, um sich umzuschauen. Die Untoten waren immer noch da, dicht an dicht um zerstörte Autos gedrängt. Cooper graute davor, die Stelle noch einmal aufzusuchen. Finden sich Verbrecher nicht wieder am Tatort ein? Was, wenn Ben und Willow zurück sind? Wenn sie ihre ganze Bagage mitgebracht haben?
Er stieg auf der abschüssigen Seite hinunter, die nicht zur Auffahrt zeigte, und machte einen weiten Bogen darum. Sein Ziel war jetzt der Highway 68, dem er etwas abseits folgen wollte.
Stundenlang kämpfte er sich über unwirtliches Terrain. Direkt am Rand der meisten Straßen in Monterey fielen steile Canyons ab, in denen hohe Tannen standen, dichte Büsche wuchsen und umgestürzte Bäume lagen. Feuchte Kiefernnadeln bedeckten Unwägbarkeiten wie hervorstehende Felsen oder Löcher im Boden. Es gab keinen geraden, leichten Pfad. Er lief andauernd Gefahr, steile Böschungen hinunterzurutschen. Die Nadeln waren glitschig und wenn Cooper ins Rutschen geraten sollte, ging es sehr schnell haltlos abwärts. Dennoch wollte er sich lieber barfuß mit verbundenen Augen durch den brutalsten Canyon kämpfen, als sich den Toten zu stellen.
Als er zu einer Schlucht kam, in der es vor Leichen wimmelte, musste er sie überqueren, indem er auf einem Baumstamm balancierte. So ging er nur einen oder zwei Fuß über ausgestreckten Händen hinweg. Nach dieser Gratwanderung war er gezwungen, einen besonders steilen Hang zu bewältigen. Oben gönnte er sich eine Verschnaufpause und verschaffte sich einen Überblick über die nächste Schlucht.
Diese war nicht sonderlich tief, aber breit. Sie hinter sich zu bringen, würde ihm leicht fallen, obwohl ihm das Dickicht am Boden zu denken gab. Als er einen Stein hineinwarf, geschah nichts. Immer noch hörte er die Toten, die sich hinter ihm tummelten, zischelnd und ächzend. Beim Aufstieg hatte er bemerkt, dass sie auf Geräusche reagierten, speziell solche, die eindeutig nicht natürlich in der Umgebung entstanden. Gerade die menschliche Stimme brachte sie in Wallung. Cooper wagte sich ein Stück weiter ans nächste Gefälle und bildete mit beiden Händen einen Trichter vor seinem Mund.
»Hallo?« Er bemühte sich um einen ebenmäßigen Tonfall, weder zu leise noch zu laut.
Da kam Leben ins Unterholz am Fuß des Canyons: Es wackelte und raschelte, als nackte, schmutzige Leiber hervorstürzten, hinfielen und sich wieder erhoben, das Gleichgewicht verloren und wieder zu Boden gingen, sich aber immerzu fortbewegten. Sie näherten sich Cooper, erklommen die Steigung, was eine ausgesprochen schlechte Nachricht darstellte.
Sie knurrten und stöhnten, wodurch sie andere in ihrer Nähe darauf stießen, dass frisches Fleisch in Aussicht stand. Es glich einer Kettenreaktion. Cooper bekam Angst. Innerhalb weniger Augenblicke sah er sich einer Horde Untoter gegenüber, die ihn einzukesseln drohte.
Er grübelte händeringend nach einer Lösung. Auf Bäume zu klettern, kam nicht infrage. Weiter unten am Hang und etwa 30 Yards rechts war etwas, das ihm ins Auge fiel: Eine Betonkonstruktion, also etwas vom Menschen Erschaffenes und eventuell ein Fluchtpunkt oder Unterschlupf. Als ihm dämmerte, worum es sich handelte, lief er schleunigst darauf zu. Es war der Wartungszugang eines Regenwasserablaufs. Diese fünf Fuß hohen Säulen sah man überall auf der Halbinsel. In mehreren Schluchten verliefen große Kanalrohre, in denen man Wasser sammelte, bevor es die Steilwände der Canyons hinunterlaufen konnte, um Erosion zu vorzubeugen.
Während er darauf zueilte, hoffte er, dass der Einstieg nicht verriegelt war, und wusste, dass der Versuch, ihn zu öffnen, selbst in einem solchen Fall eine Herausforderung sein würde. Auf dem Weg hinderte ihn ein großer, nackter und vor Dreck strotzender Toter mit Bierbauch am Weiterkommen. Sonderbare Einstiche, die den Anschein erweckten, er sei mit einem Rechen verprügelt worden, übersäten seinen Körper.
Cooper blieb stehen, um ihm in den geschwollenen Wanst zu treten und damit zu Fall zu bringen. Sein Fuß brachte den Bauch jedoch zum Platzen, woraufhin die Eingeweide durch den Riss spritzten. Die Leiche fiel um und rollte weg, wobei sie drei weitere mitriss, ehe sie sich in ihrem eigenen Gekröse verhedderte.
Dann stolperte eine Frau mittleren Alters auf Cooper zu. Jemand hatte große Stücke Fleisch aus ihren Armen gebissen. Ihr Haar war ein nasses Gewirr von Knoten und Laubblättern, das ihr ins Gesicht hing, aber am schaurigsten sah ihr Mund aus: Der Unterkiefer war gebrochen und hing nun herab, durch ihre zerrissenen Wangen sah man die Kronen der unteren Zahnreihe. Sie näherte sich mit ausgestreckten Fingern, deren Knochen an den Spitzen freilagen, was sie wie Krallen aussehen ließ, blutig und roh.
Er wich ihr aus und lief weiter, doch sie bekam seinen Ärmel zu fassen, packte fest zu und drehte ihn mit einem Ruck herum. Dabei fiel sie vornüber, und als Cooper auf ihren Schädel stampfte, spürte er, dass der Knochen nachgab. Sie versuchte aber, erneut aufzustehen. Andere kamen hinzu. Als er sich umdrehte und fliehen wollte, standen vier weitere vor ihm.
Cooper brauchte schnellstmöglich eine Waffe, er ging in die Hocke. Heftige Schmerzen flammten in seiner malträtierten Hand auf, während er seine Finger unter einen Stein schob, um ihn aus der Erde zu hebeln. Dann richtete er sich wieder auf, hob den Wacker über seinen Kopf und ließ ihn gerade rechtzeitig auf den ersten Zombie niedersausen. Dessen Kopf barst wie eine Melone. Cooper holte wieder aus und knallte den Stein gegen den Schädel eines fetten Kindes. So konnte er nicht lange durchhalten: Der Brocken war schwer, und die Toten kamen ihm zu nahe. Indem er sie so niederstreckte, ging er ein Risiko ein, weil er sich bis in Greifweite vorwagen musste. Ein Fehler, und sie würden ihn schnappen.
Er verfluchte sich selbst dafür, kostbare Sekunden zu vergeuden, weshalb er den Stein beidhändig gegen die Brust eines Mannes warf. Dieser geriet durch den Aufprall zwar ins Taumeln, ließ sich aber nicht zurückdrängen.
Cooper erreichte die Betonsäule, gerade als ihm ein paar torkelnde Leichen sehr nahe kamen. Er rammte einer den Ellbogen gegen die Schläfe, sodass ihr Kopf gegen die Wand schlug.
Nun fand er sich Auge in Auge mit einem jungen Kerl wieder, den er von der Highschool her kannte. Der Tote hob die Arme und öffnete seinen Mund, während er sich nach ihm ausstreckte. Er trug eine Jogginghose, die jedoch hinuntergerutscht war, weshalb er nur kleine Schritte gehen konnte. Während der flüchtigen Augenblicke, in denen Cooper stockte, sah er die Verletzungen des Typen. Sie waren fast allen Untoten gemein, zugezogen beim Sex in den irren Orgien: abgebissene Genitalien und Brüste. Dem Kerl fehlten die Fortpflanzungsorgane, und an ihrer Stelle klaffte nichts als ein großes, blutiges Loch. Er hatte Finger verloren, zertrümmerte Zähne und milchige Augen, trübe geworden nach seinem Tod. Er schnappte nach dem Lebenden, fauchte und versuchte, ihn zu packen. Cooper jedoch schwang sich um die Säule und trat ihm ins Gesicht.
Als der Junge zusammenbrach, richtete sich Cooper auf, stellte sich mit gespreizten Beinen über dem Deckel auf, und bückte sich, um in die Grifflöcher zu fassen. Dann wuchtete er das gusseiserne Rund über seinen Kopf. Es wog wohl annähernd 100 Pfund, doch es zu stemmen, bereitete ihm keine Mühe, was unter gewöhnlichen Umständen wahrscheinlich nicht funktioniert hätte.
Er war versucht, den schweren Deckel auf die Toten zu werfen, doch wenn er den Schacht nicht über sich schloss, würden auch sie mit Leichtigkeit hineinsteigen. Deshalb zog er seine Füße zusammen und ließ sich in der Hoffnung, das Rohr würde nicht zu tief sein, in die Dunkelheit fallen. Innen befanden sich gusseiserne Sprossen, die im Beton eingefasst waren. Cooper rutschte ein ganzes Stück, bevor er eine zu fassen bekam. Nun hing er nur wenige Fuß unter dem Deckel. Dieser war nicht richtig zugefallen; ein schmaler, sichelförmiger Lichtstreif zeichnete sich über Coopers Kopf ab. Faulige, krumme Finger schoben sich in die Lücke, als die Leichen versuchten, ihm nachzustellen. Als sich mehrere tote Finger in den Spalt zwängten, wackelte der schwere Verschluss. Über kurz oder lang würden sie ihn anheben, falls es Cooper nicht gelang, ihn passgenau in die Einfassung zu bugsieren.
Er streckte sich nach oben aus, um den Deckel zu bewegen. Dabei langte er in etwas Schleimiges, Wulstiges, und verzog angewidert sein Gesicht. Müssen Schnecken sein; fast schlimmer als diese Zombies, dachte er. Endlich konnte er den Deckel verschieben. Der helle Halbmond verschwand, und die Öffnung war dicht.
Cooper konnte kaum glauben, dass er noch lebte. Er ruhte sich kurz aus, bevor er den Abstieg in die Finsternis begann. Etwa 20 Fuß tiefer ertastete er keine weiteren Sprossen mehr. Jetzt machte er sich eine der LED-Leselampen zunutze: Unter ihm befand sich ein Kanalrohr mit einem Durchmesser von fünf Fuß und ein paar Zoll hohem Wasser darin, das träge dahinfloss. Alle Regenabläufe führten in die Bucht, also machte er sich auf den Weg gegen die Strömung. Er war froh, noch einmal heil davongekommen zu sein, doch während er vornübergebeugt mit dem Licht in der Hand weiterging, stellte er sich mit Grauen vor, auf diesem engen Raum an Untote zu geraten.
Nach etwa einer Stunde sehnte er sich nach Sonne, frischer Luft und vor allem der Möglichkeit, wieder aufrecht gehen zu können. Deshalb nahm er sich vor, an der nächsten Leiter hinaufzuklettern, die er fand. Nach einiger Zeit tat sich ein dunkler Schacht über ihm auf, und er sah die untere Sprosse im Schein der kleinen Leselampe. Als er aufschaute, erkannte er zwei kleine Lichtpunkte über sich, die das Ende des Rohrs markierten, wo wiederum ein Kanaldeckel lag. Er schätzte die Höhe auf knapp 30 Fuß.
Als er oben ankam, drückte er gegen die Scheibe und schob sie beiseite. Sie klapperte laut, als sie über Asphalt rutschte. Nachdem er so lange durchs Dunkel gegangen war, blendete ihn das Sonnenlicht. Instinktiv duckte er sich wieder in den Schacht, bis sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten. Als er den Kopf erneut herausstreckte, fand er sich auf einer einspurigen, befestigten Straße wieder. Zu beiden Seiten ragten Bäume auf.
Bald entdeckte er, dass er nicht allzu weit vom Weg abgekommen war. Er lief von der Straße aus eine gleichmäßig abfallende Böschung hinunter, die zwar stark bewaldet, aber kaum mit Sträuchern bewachsen war. Die Luft schien rein zu sein, bis er wenige Minuten später leises Stöhnen in der Ferne hörte. Cooper ging weiter, allerdings langsam und vorsichtig, um keinen Lärm zu erzeugen. Dann wieder das Stöhnen, diesmal lauter. Er fragte sich, ob er eine lebende Person oder einen Toten hörte. Irgendetwas an dem Laut, das er nicht bestimmen konnte, verleitete ihn zu der Annahme, es nicht mit einem Untoten zu tun zu haben. Er blieb stehen und erblickte ein Paar Beine. Jemand in mit Schlamm besudelter Jeans und noch schmutzigeren Tennisschuhen saß gleich hinter dem Baum, vor dem Cooper stand. Eine schwache, heisere Stimme fragte: »Hallo?«
Als Cooper vortrat, hockte dort ein alter Mann mit dem Rücken am Stamm. Sein fast gänzlich ergrautes Kopfhaar war verklebt und zerzaust. Er trug abgewetzte Kleider, und neben ihm stand ein zum Bersten gefüllter Rucksack, doch was Cooper direkt ins Auge fiel, war eine Flinte, die der Kerl auf ihn richtete und dabei schief grinste.
»Ha, ich dachte, du wärest eines dieser kranken Arschlöcher!« Er hob die Waffe höher und schwenkte sie. »Jetzt gib mir alles, was du hast!« Sein Finger ruhte am Abzug, was Cooper umso mehr entsetzte, als sich der Alte mühevoll aufraffte. Er schien sich ein Bein verletzt zu haben, seine Hose war aufgerissen und blutgetränkt. Er schnitt eine gequälte Grimasse und achtete darauf, nicht mit dem ramponierten Bein aufzutreten. Als er stand, lehnte er sich gegen den Baum.
Ungefähr zehn Fuß hinter dem Alten begann ein großer Parkplatz. Rechterhand befand sich die riesige Filiale einer Supermarktkette, und links der Highway, nach dem Cooper gesucht hatte. Gerade stießen mehrere Zombies aus dem Gehölz und stolperten auf die andere Seite des Platzes. Weitere folgten, und es dauerte nur ein paar Sekunden, bis sich eine wahre Flut von Untoten über das Gelände ergoss. Die meisten trugen keine Kleidung, was zutiefst verstörend aussah. Selbst aus der Ferne konnte Cooper ihre Verletzungen sehen: Schürfwunden, Beulen und Entstellungen. Aus der Nähe wirkte das noch entsetzlicher, insbesondere die Augen. Sie ließen ihn nie kalt, ja versetzten ihn in Panik – glasig und angelaufen, doch sie bewegten sich und beobachteten, als steckte noch Intelligenz dahinter.
»Los du Dämlack! Rück’s raus – deine Brieftasche, Uhr, alles«, blaffte der Alte ungeduldig.
Cooper fasste mit der rechten Hand in seine Gesäßtasche, während er mit der Linken auf die Leichenhorde zeigte. »Drück ab, und die Toten werden uns überrennen.«
Der Mann ließ sich nicht darauf ein. »Ich bin schneller als die. Außerdem siehst du mit der Jacke aus wie eine beschissene Piñata.«
Cooper trug seine Brieftasche tatsächlich bei sich, aus schierer Gewohnheit. Das Bargeld, Kreditkarten, sein Personalausweis – das alles war nutzlos, doch ebenso gewohnheitsmäßig kam es ihm vor, als händige er etwas Wertvolles aus.
»Du glaubst, du seist schneller als sie?« Cooper trug wirklich etwas buntere Kleidung und fragte sich, ob das die Toten anlockte. Dass kräftigere Farben Bewegungen auffälliger machten, lag auf der Hand.
»Natürlich bin ich das, aber Schluss jetzt mit dem Scheiß! Brieftasche her!«
Cooper warf sie ihm wütend zu. Der Mann ließ die Flinte fallen und humpelte lachend los. Die Toten kamen näher.
»Hey, was machst du da?« Copper wollte ihn warnen, doch der Alte ignorierte ihn und betrat den Parkplatz, während er in dem Geldbeutel kramte. Zwei Zombies schnappten ihn, und er sah verwundert aus, als sie ihn niederrangen. Er fing an zu schreien, während sich auch andere auf ihn stürzten.
Cooper blieb wie erstarrt stehen. Der alte Mann hörte auf zu brüllen, ächzte und gurgelte aber zu Coopers Entsetzen weiter. Ihm wurde übel, da das Opfer bei lebendigem Leib gefressen wurde. Er erwog, ihm einen Gnadenschuss zu versetzen, doch der Platz war bereits übervoll mit Untoten.
Fünf von ihnen knieten rings um den Alten. Cooper hörte, wie sie ihm die Kleider vom Leib rissen, und sah, wie Stofffetzen über ihre Köpfe flogen. Bald klang das Reißen anders – schmatzend, nass –, als sie dazu übergingen, ihm das Fleisch in langen Streifen von den Knochen zu reißen. Das Geräusch war abartig.
Sie fraßen mit Wonne, sperrten ihre Münder weit auf und bissen so große Brocken heraus, dass sie die Kiefer kaum mehr schließen konnten. Die Stimme des Alten versagte, doch die Toten zupften und rupften weiter an seinem Körper. Cooper vernahm ein Knirschen und Glucksen, dann stand einer mit einem Unterarm in den Händen auf. Das Fleisch war bereits abgestreift, und er hielt ihn fest, um daran zu knabbern wie ein dickes Kind auf einem Mittelaltermarkt am Schenkel eines Truthahns.
Ein zweiter Zombie erhob sich mit einem aufgedunsenen, rosafarbenen Organ und vergrub die Zähne darin, sodass es platzte. Flüssigkeit strömte an seinem Kinn und den Armen hinunter, bevor er den Bissen aus seinem Mund und den glibberigen Rest in seinen Händen fallenließ.
Auf dem Parkplatz tummelten sich eine Menge Toter, doch nur wenige waren nahe genug, um Cooper zu bemerken. Drei blieben stehen und stierten ihn direkt an, blieben aber still und fielen auch nicht über ihn her. Cooper konnte sich das nicht erklären, blieb aber auch nicht länger, um es herauszufinden. Stattdessen wandte er sich ab und lief los. Er konnte nicht voraussehen, ob es auf dem Highway sicherer war, doch nun blieb ihm keine andere Wahl mehr.