15

Cooper ließ die Pistolen fallen, sodass sie an ihren Bändern baumelten. In einer flinken Bewegung zog er den Schlagstock auf und ließ ihn auf den Schädel des Vergewaltigers sausen. Der gedrungene Scheißkerl ging bewusstlos zu Boden. Das Mädchen blieb liegen, noch immer mit aufgerissenen Augen und zerzaust, aber bekleidet. Cooper hoffte, dass die Kleine nicht losschreien würde, während er den Stock zusammenschob. Dann bückte er sich, um ihr aufzuhelfen.

Als er ihre Hände nahm und sie hochzog, bemerkte er entsetzt, dass eine Pistole in der Hand seines Gegners lag. Hätte Cooper eine Sekunde länger gezögert, wäre er womöglich erschossen worden. Er hob die Waffe auf und führte das Mädchen fort. Dabei hörte er die Männer auf der anderen Seite des Gebäudes grölen und lachen. Der Typ am Boden fing an zu stöhnen. Sie mussten von hier verschwinden.

Cooper flüsterte ihr zu, dass sie ihm folgen sollte, doch sie blieb einfach stehen und starrte ihn an, wahrscheinlich unter Schock. Erst als er sie wieder an der Hand nahm, ließ sie sich leiten. Er nahm sie mit auf dem gleichen Weg, den er zum Parkplatz gekommen war, wobei sie sich zwischen den Autos duckten. Jeder Schritt, mit dem sie sich weiter entfernten, kam einer Erleichterung gleich, nur dass sie sich Coopers Empfinden nach nicht schnell genug weit genug absetzen konnten. Er warf einen flüchtigen Blick zurück und stellte sich mit Grausen vor, wie sie um die Ecke auf sie zugelaufen kamen.

Ihm war nach dem inneren Konflikt, den er gerade erlebt hatte, immer noch schwindlig. Er fragte sich, was er nun empfinden würde, hätte er abgedrückt.

Sie erreichten den gegenüberliegenden Rand der Schnellstraße. Kurz darauf schlugen sie sich unter eine Gruppe Kiefern, wo sich Cooper so sicher wähnte, dass er innehalten konnte, um sich umzusehen und zu horchen. Bisher waren keine Verfolger in Sicht, und Alarm geschlagen hatte auch noch niemand. Nach ein paar Augenblicken führte er das Mädchen weiter von den Männern fort, die soeben ihre Eltern umgebracht hatten.

Nach dem kleinen Wäldchen befanden sie sich wieder auf den Feldern. Nachdem sie mehrere Hundert Yards über die Ackerfurchen hinter sich gebracht hatten, blieb Cooper erneut stehen und blickte durch sein Zielfernrohr. Die Luft schien immer noch rein zu sein, also ließen sie sich zwischen Spinatpflanzen nieder. Er schaute sie an, während sie die Arme um ihre angezogenen Beine schlang. Er hatte sie auf 16 geschätzt, aber sie konnte durchaus älter sein. Ihr langes, schwarzes Haar trug sie zu einem Pferdeschwanz. Aufgrund ihrer dunklen Hautfarbe und Gesichtszüge, vermutete Cooper, dass sie Mexikanerin war. Ob sie überhaupt Englisch sprach?

Cooper wusste nicht, was er mit ihr anfangen sollte. Er war eingeschritten und hatte geholfen, musste aber weiter nach Norden gehen. Tage waren vergangen, um allein so weit zu kommen, und mit ihr im Schlepptau würde er noch langsamer vorankommen. Eine Weile betrachtete er seine eigenen Füße. Immer noch klang sein Adrenalinschub ab, immer noch musste er seine Atmung beruhigen, und immer noch schwirrte ihm wegen der Zwickmühle, in die er sich vorhin bugsiert hatte, der Kopf. Er kam nicht davon los, weil er voraussah, dass so etwas wieder geschehen könnte. Was würde er beim nächsten Mal tun? Ins Gras beißen? Die Gewissheit, sein Leben lassen zu müssen oder ein anderes zu nehmen, war eine schwere Bürde.

Letztlich gelangte er zu dem Schluss, das Mädchen mitzunehmen, zumindest vorübergehend. Bisher hatte sie nicht gesprochen, und was aus ihr werden sollte, blieb ungewiss.

Sie gingen noch ein Stück weiter, vergrößerten die Distanz zu dem Einkaufszentrum. Sie folgten dem Spinat, der in Reihen von dem Parkplatz fortführte, und trafen so in einem schrägen Winkel auf den Highway 101. Die Bewaldung am Rand der Felder war licht. Cooper näherte sich behutsam. Er erkannte durch das Fernrohr, dass sich eine große Zahl Toter aus der Umgebung dort sammelte, wo sie hergekommen waren. Zweifellos hatten die Schüsse sie angelockt. Cooper konnte sechs Männer ausmachen – darunter auch das Schwein, dem er eins übergebraten hatte –, die sich auf dem Parkplatz zusammendrängten.

Cooper fühlte sich mit dem Mädchen angreifbar, obwohl sie still war und ihm einfach folgte. Nach einem 20-minütigen Marsch, als er sicher sein konnte, nicht verfolgt zu werden, rasteten sie abermals zwischen den Spinatpflanzen. Er bot ihr etwas zu essen aus einer Einmannpackung an, doch sie schlug es kopfschüttelnd aus. Genauso reagierte sie, als er ihr Wasser geben wollte.

»Ich habe gesehen, was passiert ist, und es tut mir leid.« Das klang so schwach wie dumm, doch mehr gab es nicht zu sagen. »Hast du noch Verwandte? Gibt es Freunde, zu denen ich dich bringen könnte?«

Das Mädchen schwieg weiter. Cooper blieb lange Zeit still neben ihr sitzen. Er ging davon aus, dass sie kein Englisch verstand. Schließlich stand er auf. »Wir müssen weiter.«

Sie blieb sitzen. Er streckte eine Hand aus. »Komm schon, hier dürfen wir nicht bleiben.«

Sie schüttelte den Kopf, ohne aufzuschauen.

Er kniete sich zu ihr. »Ich kann dich nicht hierlassen, jetzt komm.«

Cooper nahm ihren Arm und zog sie hoch.

Der Ackerboden, auf dem der Spinat wuchs, war fett und lehmig. Er schmatzte unter ihren Füßen, was das Gehen erschwerte. Schon zuvor hatte Cooper nicht genau gewusst, wohin er wollte; jetzt mit dem Mädchen an der Hand war er noch ratloser. Er stieg mit ihr über die Furchen, bis sie eine Straße erreichten, die nicht asphaltiert war.

Ihr folgend, gelangten sie wieder zur 101, aber ein gutes Stück weiter nördlich. Cooper bemühte erneut das Fernrohr. Die Toten scharten sich um das Einkaufszentrum, wo sie versuchten, die Barrieren zu überwinden. Massenweise kamen sie aus dem Umland zusammen und zogen zu dem Parkplatz. Vier der Männer erspähte Cooper nun auf dem Dach des Supermarkts. Er nahm das Zielfernrohr wieder herunter. In diesem Fall bedauerte er es nicht, jemanden zurückgelassen zu haben. Hoffentlich, so dachte er, starben sie einen langsamen, qualvollen Tod.

Der Highway war frei und über mehrere Meilen hinweg einsehbar, ehe er seitlich hinter einem Hügel verschwand. Ein kräftiger Windstoß fegte über die Felder.

Sie bewegten sich auf einer einspurigen Fahrbahn, die praktisch parallel zum Highway verlief, aber schmal und kurvenreich war, weshalb Cooper nicht so weit vorausschauen konnte wie auf der Schnellstraße. Gerne hätte er eine Abkürzung durch die Bäume und wieder über die Felder genommen, solange er noch konnte, doch das Mädchen tat sich bereits schwer damit, selbst auf dem ebenen Weg schrittzuhalten.

Er blieb häufiger stehen, um zu lauschen, sich umzusehen und seine Mitreisende ausruhen zu lassen. Ihm graute vor dem Gedanken, was geschehen mochte, falls sie zur Hast gezwungen wurden. Gut möglich, dass er sie dann tragen musste. Bisher allerdings waren sie weder Zombies noch Überlebenden begegnet, sondern hatten nur ein paar Leichen gesehen.

So ging es über eine Stunde lang weiter. Er behielt den Highway unentwegt im Auge, genauso aber auch die Bäume. Vor ihnen tat sich das Ende eines Massenauffahrunfalls auf. Ihm kam es vor, als würden sie langsamer, während sie sich näherten. Plötzlich sprach das Mädchen.

»Können wir anhalten?«, fragte sie in einwandfreiem Englisch und ging zu einer Grünfläche am Rand der Straße. Sie setzte sich und zog die Schuhe aus.

»Natürlich.« Cooper blieb stehen und schaute zu, wie sie ihre Füße massierte. Dann streckte sie die Beine aus und wackelte mit den Zehen. Er ließ sich neben ihr im Schatten ins Gras fallen und überlegte, ob er seine Schuhe auch ausziehen sollte.

»Ich kann nicht mehr gehen.« Sie klang frustriert.

»Das ist okay, aber wir müssen heute noch ein kleines Stück weiterkommen, um über Nacht in Sicherheit zu sein.«

»Nein, es ist nicht okay. Ich bin … war in einer Leichtathletikmannschaft. Für mich ist das ein Klacks, aber es liegt an meinen Schuhen. Sie sind neu und ich habe Blasen.« Sie wandte sich ab und sah zurück die Straße hinunter.

Ihm fiel das Verbandszeug ein, dass er sich in die Taschen gesteckt hatte, und er nahm etwas davon heraus. »Hier.« Als er ihr Pflaster in unterschiedlichen Größen reichte, leuchteten ihre Augen auf, und sie lächelte. Sie war hübsch.

»Oh mein Gott, vielen Dank.« Sie öffnete mehrere Pflaster und klebte sie auf die Stellen an ihren Füßen, die wundgelaufen waren. Dann sprang sie auf und joggte auf der Stelle. »Das ist schon viel besser.«

»Also gut, nun da ich weiß, dass du reden kannst: Was hast du vor?«

Sie schaute auf ihre Füße. »Darüber habe ich nachgedacht. Ich wollte abwarten und herausfinden, was du tust, wie du dich verhältst. Ich schätze, ich bleibe bei dir, falls ich darf.«

»Klar, bloß müssen wir schneller werden. Ich bin auf dem Weg in Richtung Norden, um nach meiner Schwester zu sehen.«

»Wie weit nach Norden?« Sie klang ein wenig beunruhigt. »Ich will mich von anderen Menschen fernhalten, auch von den Kranken.«

»San José.« Er nahm an, sie meinte die Untoten. »Ich heiße Cooper, und du?«

»Ana. Willst du laufen, um Zeit wiedergutzumachen?«

»Nein.« Er musste lachen. »Lass uns einfach ein bisschen flotter gehen.« Ihm war viel wohler zumute, nun da er wusste, dass sie schneller laufen konnte und ihn verstand. Dennoch bereitete sie ihm Sorgen, weil sie gerade mit angesehen hatte, wie ihre Eltern hingerichtet wurden. Was ging in ihrem Kopf tatsächlich vor? Als sie zu ihm aufschaute, bemerkte sie seine mitleidige Miene.

»Das waren nicht meine Eltern«, sagte sie, brach aber in Tränen aus. Sie schluchzte so heftig, dass sie eine Minute lang nicht sprechen konnte. »Ich bin ihr Pflegekind gewesen. Sie waren sehr nett.«

»Verstehe.« Er sah sie besorgt an.

»Das wird schon wieder, denke ich. Wenn man so oft herumgereicht wird wie ich, lernt man, sich an niemanden zu binden.« Sie seufzte und wechselte das Thema: »Was nun?«

»Das ist eine gute Frage. Ich bin mir nicht sicher. Wir müssen einen sicheren Unterschlupf finden, an dem du dauerhaft bleiben kannst, bei einer Gruppe freundlicher Menschen.«

Sie wirkte verdrießlich, als sie antwortete: »Natürlich, das bin ich gewohnt.«

»Was?«, erwiderte Cooper in ungespielter Verwunderung.

»Umzuziehen an einen besseren Ort.« Die letzten beiden Worte betonte sie mit beißendem Sarkasmus.

Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er ihr vielleicht das Gefühl vermittelte, unerwünscht zu sein, wie sie es eventuell mit jedem Familienwechsel empfunden hatte. Jetzt kam er sich vor wie der letzte Arsch – eine weitere Person in ihrem Leben, die Ana abwies.

»Ich setze dich nicht einfach irgendwo aus. Du darfst bei mir bleiben, bis du einen Ort findest, der dir gefällt. Du wirst nicht gezwungen, irgendwohin zu gehen, wo du nicht sein möchtest.«

Sie zuckte mit den Schultern. Bestimmt hatte sie ihr ganzes Leben lang Lügen und Ausflüchte gehört.

»Ich will mit Gil und Marie nach Hause. Ich habe sie gemocht.« Wieder weinte sie, aber ohne erschütterndes Schluchzen; es war nur ein kurzer emotionaler Ausbruch, der ihr Gesicht verzerrte.

Die Erwähnten waren wohl ihre Pflegeeltern gewesen.

»Verständlich. Ich wünschte auch, ich könnte … zurückkehren.«

»Lass uns weitergehen«, schlug sie vor.

Sie gewannen Zeit, indem sie ein schnelleres Tempo anschlugen. Das Land rings um den Highway 101 flachte weiter ab. Verkümmerte Bäume und vereinzelte Gebäude prägten die Hügel in der Umgebung. Der Highway blieb leer, abgesehen von dem Wust von rund 30 Fahrzeugen, die in eine Massenkarambolage verwickelt gewesen waren. Cooper übersah fast eine Hand, die aus einem Sonnenverdeck winkte. Er zog sein Fernrohr heraus. Noch jemand in Not, dem er nicht den Rücken kehren konnte.