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Cooper fuhr schreckhaft aus dem Schlaf hoch und war froh, sich mit seinem Gürtel abgesichert zu haben. Er hatte ihn davor bewahrt, von der Plattform zu rollen. Aus dieser Höhe – 25 Fuß – konnte er weit sehen. In dem Wassergraben wimmelte es vor Toten, und keiner schien herausgeklettert zu sein. Sie füllten den Kanal aus, so weit das Auge reichte. Nachdem er hinuntergestiegen war, ging er weiter nach Norden.

Im Hellen legte er ohne Pause viele Meilen zurück, bis er zum Kreuz der Highways 101 und 85 gelangte. Er befand sich nicht weit unterhalb eines großen Ballungsraums, und eine sichere Weiterreise würde sich von hier aus schwierig gestalten.

Die Sonne war fast untergegangen, als er sich einer Wohnsiedlung am Highway näherte. Nachdem er den Highway verlassen hatte, verschaffte er sich vorsichtig einen Überblick.

Die Mauer zur Abgrenzung der Trabantenstadt war unvollendet geblieben und brach wenige Häuser vor der Stelle ab, an der er nun stand. Die meisten Gebäude sahen ebenfalls unfertig aus und blieben dunkel, genauso wie die Straßen.

Der Wind frischte auf. Vorsichtig schlich Cooper zwischen die Häuser. Gleich die erste Tür, die er überprüfte, ging auf, verfügte jedoch nicht einmal über eine Klinke. Er wollte aber ein Haus finden, das sich absperren ließ, Fenster hatte und unbesetzt war.

Nach einer Weile blieb Cooper unvermittelt stehen. Da war ein Gestank, der ihn wie ein Stein ins Gesicht traf. Der Geruch von Zerfall, von schwärender Verwesung strömte ihm in die Nase. Er trat langsam zurück, drehte sich sachte um und kehrte auf die Straße zum Zentrum der Siedlung zurück. Ihm war bewusst, was er im stinkenden Dunkel wahrscheinlich entdecken würde.

Ein Stück weiter machte er ein Haus aus, dessen Türen und Fenster verriegelt waren. An der Seite eines anderen Gebäudes entdeckte er eine Leiter, die er so leise wie möglich hinübertrug.

Nachdem er eingestiegen war, zog er sie hoch und biss angespannt die Zähne zusammen, da die Leiter etwas klapperte. Dann lauschte er noch eine Weile, doch alles blieb still. Müde streckte er sich auf dem nackten Fußboden eines Zimmers aus und nickte sofort ein.

***

Im ersten Moment dachte Cooper, Regen hätte ihn geweckt, doch das sanfte Prasseln und Klopfen wurde von lautem Stöhnen begleitet. Er schaute verstohlen aus dem Fenster. Leichen drängten sich zwischen den Häusern. Sie hatten ihn umzingelt. Zombies, wohin er blickte. Selbst das weitläufige Gelände zwischen Highway und Siedlung füllte sich mit zuckelnden Leibern. Es mussten Tausende sein. Unten brach Glas, die ersten Scheiben barsten unter dem Andrang.

Vielleicht, so dachte Cooper, konnte er es aussitzen. Er hatte Wasser und fühlte sich relativ sicher, weil er auf den Dachboden steigen konnte, dessen Luke schwer war und sich verriegeln ließ. Auf jeden Fall würde er aber in der Falle hocken.

Davon abgesehen war der Gestank überwältigend. Cooper würde sich nie daran gewöhnen können. Er vermittelte ihm das Gefühl, greifbare Partikel verwesenden Fleisches einzuatmen. Selbst in dem geschlossenen Gebäude war der Geruch unerträglich.

Sein Hantieren mit der Leiter musste die Zombies angelockt haben. Gern wäre Cooper geflüchtet, doch eine andere Möglichkeit, als zu warten, bis die Toten abwanderten, kam ihm nicht in den Sinn.

Da fiel ihm das Offensichtliche ein, was die Leichen anlockte: Lärm. Er musste aus der Distanz Krach schlagen, um sie wegzulocken, und das sollte doch mithilfe seiner schallgedämpften Pistolen machbar sein.

Cooper hatte vier Schachteln Munition zur Hand. Jede enthielt 500 Patronen, dennoch wollte er sie nicht sinnlos vergeuden. Er trat vom Fenster zurück und kniete sich im Raum hin. Dadurch würde man draußen noch weniger hören.

Nun zielte er auf ein Haus, das weit entfernt stand, und drückte ab. Klick. Nichts. Die Zombierotte übertönte alles andere und verhinderte, dass er in irgendeiner Weise feststellen konnte, wo die Patrone eingeschlagen war und ob das genügend Lärm verursachte, sie abzulenken.

Er hielt den Lauf der Pistole ein wenig höher und feuerte erneut. Wieder nichts. Mit dem dritten Schuss zielte er leicht rechts neben das Haus. Diesmal glaubte er, eine kurze Bewegung auf dem Dach erkannt zu haben. War die Patrone dort abgeprallt? Er legte abermals an, noch weiter rechts. Der nächste Schuss fiel … und was er damit ausrichtete, war spektakulär. Die Kugel traf ein breites Flachglasfenster über der Eingangstür des Hauses, und die Scheibe flog heraus. Die Scherben fielen hinunter und zerbrachen weiter, was laut genug war, um die meisten Zombies in der Nähe hellhörig werden zu lassen. Sie stürzten auf das Gebäude zu, woraufhin sich auch die Reihen derer rings um Coopers Unterschlupf lichteten.

Nach ungefähr zehn Minuten lungerten nur noch einige Bummler herum. Cooper lud nach und wartete. Er hatte sich in den Kopf gesetzt, es bis zum Highway zu schaffen, nun da das Gros der Toten anderweitig beschäftigt war. Er hielt beide Pistolen, öffnete die Hintertür und hob die Arme.

Klick, klick. Ein sauberes Loch zeichnete sich in der Stirn einer Frau ab, ehe sie zusammenbrach. Kurz darauf fiel ein Mann mit Anzug ohne Unterkiefer; er hatte kein linkes Auge mehr.

Cooper stand auf der Wiese, die an den Highway grenzte, und hielt seine Waffen immer noch hoch.

Klick. Ein kleiner Junge in schmutzigen Lumpen, die einmal ein Sporttrikot gewesen sein mochten, kippte um.

Klick, klick, klick. Ein dicker, nackter Mann hatte ihn mit seinen ruckartigen Bewegungen erschrocken. Die drei Kugeln schlugen in seinen Kopf. Munitionsverschwendung, das musste Cooper in Zukunft unterlassen.

Klick. Noch ein Schlipsträger mit offenem, über seiner Hose hängendem Hemd klappte zusammen.

Klick. Eine Frau mit Bluse ohne Jackett oder Hose ging zu Boden. Die beiden mussten aus einem Gewerbegebiet in der Nähe gekommen sein.

Der Highway war nahe. Cooper blickte zurück und sah, dass ihm ein paar Fans folgten, aber nicht viele. Er lief weiter durchs Gras und zur Schnellstraße hinunter.