KAPITEL 49

DAVOS – SCHWEIZ

Die Techniker und Sicherheitskräfte des Secret Service arbeiteten fieberhaft an der Wiederherstellung der Stromversorgung rund um Davos.

In dem Moment, als die ersten Daten der Operation Silent Control im Netz erschienen, waren die Schweizer Behörden aktiv geworden. Dutzende Polizisten und Agenten hatten das Kongresszentrum gestürmt, evakuierten die Politiker und brachten sie in ein Nachbargebäude. Dort erfuhren sie die schockierende Nachricht über den weltweiten Versuch, eine Diktatur des Marktes zu errichten. Die internationale Presse überschlug sich mit Fragen und Meldungen, doch es waren Anonymous, die die verachtenden Pläne in rasender Geschwindigkeit um den Globus sandten.

Spürhunde und Agenten mit Metalldetektoren durchsuchten das Kongresszentrum und die nähere Umgebung. Nachdem die psychotronische Waffe gefunden worden war, sank die Stimmung der Politiker auf den Tiefpunkt.

John Aqiuen, der Sprecher des Weißen Hauses, ein alerter Mittdreißiger, trat auf den Präsidenten zu. Er reichte ihm ein iPad mit weiteren Dokumenten, die soeben im Internet publik geworden waren.

»Mr. President, der Vizepräsident hat die Befehlsgewalt über die Streitkräfte übernommen. Die Verfassung ist außer Kraft gesetzt, und landesweit wurde der Notstand ausgerufen. Es sollen bereits Zehntausende Menschen verhaftet worden sein. Sollen wir die Air Force One startklar machen?«

Konsterniert überflog der Präsident die Datei, die Aqiuen geöffnet hatte.

»Ja, wir reisen sofort ab, das Land braucht mich«, sagte er und stand auf. »Meine Damen und Herren, wenn ich um Ihr Gehör bitten dürfte!«

Alle Anwesenden verstummten.

»Die außergewöhnlichen Vorkommnisse zwingen uns wohl, unsere Gipfelgespräche abzubrechen. Wir müssen jetzt gemeinsam alles dafür tun, um die Vorfälle aufzuklären! Dieser Tag markiert einen Wendepunkt. Ich denke, das ist allen klar!«

Sofort wurde es turbulent. Berater, Dolmetscher und die Staats- und Regierungschefs berieten sich mit teils besorgten, teils erschütterten Gesichtern. Sie wirkten hilflos. Noch nie war die Macht der Parlamente so unterlaufen worden und schon gar nicht in einem solch globalen Ausmaß.

»Können Sie uns sagen, ob die Operation Silent Control bereits angelaufen ist?«, fragte der italienische Ministerpräsident. »Als Bündnispartner haben wir ein Recht zu erfahren …«

Mit einer abwehrenden Handbewegung brachte ihn der Präsident zum Schweigen. »Die Operation ist weltweit gestartet worden und sollte hier ihr perverses Ende finden. Es ist Zeit, dass wir uns unserer Stärken und Pflichten wieder bewusst werden, meine Damen und Herren.«

Dann wurde er von John Aqiuen hinausbegleitet. »Die Air Force One ist voll funktionsfähig«, versicherte er. »Wir haben die Kommunikationssysteme wiederhergestellt, der Virus wurde entschärft.«

»Gut. Wir starten umgehend.« Sie eilten durch den Vorraum des Konferenzsaals und steuerten den Lift an. »Stellen Sie im Wagen eine Verbindung zum Weißen Haus her. Der Ausnahmezustand ist aufgehoben. Ich werde den Vizepräsidenten entlassen und den Befehl für den sofortigen Rückzug der Armee geben. Bereiten Sie bitte eine Rede an die Nation vor. Sobald wir in Washington gelandet sind, gebe ich eine Pressekonferenz.«

»Selbstverständlich.« John Aquien drückte den Liftknopf für das Erdgeschoss. »Haben Sie spezielle Wünsche? Eine These, die ich ausarbeiten soll?«

Während der Lift sich in Bewegung setzte, starrte der Präsident zu Boden. »Nehmen Sie sich die Liste der Verschwörer vor. Ich will alle Namen. Wie ich hörte, gab es ein konspiratives Treffen in London. Ich hätte Clark längst absetzen müssen. Tja, es war ein Fehler – aber das schreiben Sie natürlich nicht!«

Der Sprecher lächelte. »Clark hatte mächtige Leute hinter sich.«

»Und genau damit ist es jetzt vorbei!«, sagte der Präsident zornig. »Der Finanzmarkt und die großen Konzerne haben uns lang genug erpresst. Diese Leute werde ich jetzt entmachten. Und das dürfen Sie ruhig in die Rede schreiben.«

BUNKER WHITESTAR

Torben und June hatten das Labor hinter sich gelassen und gingen in Richtung des gesprengten Flughangars.

Ein Brummen lag in der Luft, das sich zu einem metallischen Knattern steigerte.

»Wow, das sind Hubschrauber!«

Gleißend helles Licht blendete sie, als sie den Hangar betraten. Sie beschatteten ihre Augen mit der Hand, um sich vor den Scheinwerfern zu schützen, die man im Korridor hinter der Schleuse aufgestellt hatte. Mehrere Strickleitern hingen von der Decke herunter, und ein größerer Trupp Soldaten stürmte an ihnen vorbei in den Bunker.

»Wo befindet sich der CIA-Direktor?«, fragte ein ranghoher Offizier.

»Ich führe Sie hin«, erbot sich Orlando, der June und Torben gefolgt war. Er wirkte entkräftet, aber sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Der resignierte, schwermütige Mann, den Torben kennengelernt hatte, wirkte auf einmal lebendig. Seine Wangen waren gerötet, seine Augen funkelten.

»Ciao, Dr. Frankenstein«, verabschiedete sich June von dem Wissenschaftler. »Und kommen Sie gut nach Hause, Ihre Frau und Ihre Tochter warten bestimmt schon auf Sie.«

Es war das erste Mal, dass sie ihn lächeln sah.

»Sagen Sie bitte meiner Familie, dass ich bald wieder bei ihr sein werde«, bat er. »Und dass ich sie vermisse.« Er zögerte. »Was die Experimente betrifft – kann ich mich auf Ihr Stillschweigen verlassen?«

Torben sog hörbar die Luft ein. Er hatte nicht vergessen, was dieser Mann ihm angetan hatte und wie er mit den Gefangenen umgegangen war.

»Sie hätten es verdient, dass man mit Ihnen diese Experimente anstellt«, schnaubte er.

»Lass ihn, der ist genug gestraft – mit jahrelanger Bunkerhaft, vor allem aber mit seinem schlechten Gewissen. Komm, wir sind schon viel zu lange in diesem verdammten Kerker gewesen.«

Nachdem sie eine Treppe erklommen hatten, standen sie in der Wüste. Ein kühler Wind blies. Frierend schlang Torben die Arme um seinen Oberkörper.

Ein Offizier verstellte ihnen den Weg, als sie auf einen der wartenden Hubschrauber zugehen wollten. Er sah erst zum Namensschild auf Junes Revers, dann musterte er Torben.

»Dieser Mann muss hierbleiben«, erklärte er. »Wir haben Anweisung, alle Zivilisten und Bunkermitarbeiter noch heute nach Langley zum Verhör zu bringen.«

Torben starrte ihn hasserfüllt an. Er wollte nur noch weg von diesem Ort, in dem er die furchtbarsten Stunden seines Lebens verbracht hatte.

»Officer, das übernehme ich.« June hielt ihm ihren Ausweis vor die Nase. »Ohne ihn hätten Sie nichts von Clarks Putsch erfahren. Ich kümmere mich persönlich um ihn, wenn wir in Langley gelandet sind.«

»In Ordnung, Agent Madlow, Sie sind die Ranghöhere. Sie tragen die Verantwortung.«

Torben fühlte sich zerschlagen, außerdem schmerzte seine Wunde. Nach den Strapazen der vergangenen Stunden hatte er nur noch Hunger und Durst. Und schlafen wollte er auch endlich – tagelang schlafen.

June zog ihn mit sich. »Den hätten wir in die Tasche gesteckt.«

»Ich muss mit meinen Freunden sprechen, die ich da reingezogen habe!«, sagte Torben. Der Gedanke, dass man vielleicht auch Nova seinetwegen in die Mangel genommen haben könnte, quälte ihn.

Fragend sah June ihn an. Dann fielen sie sich in die Arme. Schweigend standen sie da, mitten in der Wüste. Ihre Haare flatterten im Wind der einfliegenden Militärhubschrauber, die sie mit ihren Scheinwerfern erfassten.

Von einem der Hubschrauber aus beobachtete ein mürrischer Mitarbeiter des Pentagons die Szene. Während er eine SMS-Botschaft empfing, beschrieb der Pilot einen Kreis um Torben und June und setzte zur Landung an.

»Stellen Sie einen Kontakt zum Pentagon her«, wies der Beamte den Piloten an.

Zwei Sekunden später stand die Verbindung.

»Sir, ich habe eben erfahren, dass im Bunker eine EMP-Bombe gezündet wurde«, sagte er in das Mikrofon, das an seinem Kopfhörer befestigt war. »Es ist kaum anzunehmen, dass dort noch relevante Daten auffindbar sind.«

»Dann fliegen Sie nach Utah«, ertönte eine Stimme im Kopfhörer. »Dort sind die letzten Back-ups. Sie dürfen keine Fehler machen, und bringen Sie alles sofort in die Zentrale. Und noch eins: Keine weiteren Zeugen, und kümmern Sie sich um die Wissenschaftler.«

»Jawohl, Sir!«

Er gab dem Piloten eine neue Anweisung. Der Hubschrauber drehte ab und flog in die Morgendämmerung, die den Himmel über dem Horizont rötlich färbte.

Es war nur eine kurze Verschnaufpause. June und Torben wollten so schnell wie möglich den Ort verlassen, und Torben hatte seine Zweifel, ob der ganze Spuk schon ein Ende hatte. Eine Datei konnte er mit allen Mitteln nicht im Bunker öffnen. Ihr Name: Operation Helix. Da der EMP-Impuls alles gelöscht hatte, konnte er nur hoffen, dass alles im Netz oder bei Anonymous gelandet wäre.

Die Isolation der vergangenen Tage, die widersprüchlichen Nachrichten, die Ungewissheit, was von Silent Control schon umgesetzt worden war, nagten an ihm. Seine innere Anspannung war nur für einen Moment gewichen.

Sehr aufrecht ging June zu einem Hubschrauber, der am nächsten parkte. Daneben stand ein uniformierter Soldat und rauchte eine Zigarette.

»Sir, ich habe den Befehl diesen Mann in die CIA-Zentrale zu bringen und …«

Der Rest ging im Lärm landender Hubschrauber unter. Torben sah nur, wie sie ihren Ausweis vorzeigte und dann zurückkam.

»Wir fliegen erst mal zum Stützpunkt Nellis«, erklärte sie. »Man wird dir dort eine Menge Fragen stellen, fürchte ich. Aber du bist frei. Von da an haben wir einen Learjet zur Verfügung.«

»Klingt gut.«

Mit geübten Bewegungen stieg Torben in den Hubschrauber. Mittlerweile kannte er die nötigen Handgriffe. Er setzte den Helm auf und schaltete das Mikro ein. Die Rotorblätter drehten sich schon, als er sich an June wandte. »Kannst du für mich eine Handynummer wählen?«

»Du kannst sie selbst eintippen!«

Doch Torben war abgelenkt. Durch das Wirrwarr von Soldaten, FBI-Beamten und Sanitätern hindurch konnte er erkennen, wie Roy Clark auf einer fahrbaren Trage an ihrem Hubschrauber vorbeigerollt wurde. Für einen kleinen Moment registrierte er Clarks weit geöffnete Augen, die nichts zu sehen schienen. Als hätte er keine Verbindung mehr mit der Außenwelt.

»Wow, er lebt also noch«, murmelte er.

»Was, wen meinst du?«

Mit der rechten Hand zeigte Torben aus dem Fenster. »Na, deinen Chef. Ein Wunder, dass er überlebt hat, oder?«

»Der ist zäh, der alte Kämpfer. Scheint ihm aber nicht gut bekommen zu sein.«

»Puuh, ich werde nie verstehen, wie man so werden und denken kann. Er kannte nur eine Dimension. Alles andere war ihm scheinbar egal.«

Die Rotoren nahmen an Fahrt auf. June gurtete sich fest.

»Ganz so einfach ist es nicht. Ich kannte auch den anderen Clark. Immer voller Angst, jemand könnte an seinem Image kratzen. Er glaubte an seine Sache so sehr, dass es kein Links und Rechts, kein Mitgefühl, keine Fragen mehr gab. Er hat Frau und Kind. Ich habe ihn bei einer seiner wenigen Barbecue-Partys erlebt. Ein liebevoller Ehemann und Vater. Kaum zu glauben, aber wahr.« June schaute konzentriert nach vorn und zog den Helikopter in die Höhe, als sie ein Funkspruch erreichte.

»Sir?«

Mit aufgerissenen Augen nahm June Madlow die Nachricht entgegen, schmunzelte aber einen Moment später.

»Was ist?«, fragte Torben.

»Warte es ab!«

Nova und Kilian hatten sich zu ein paar Leuten gesetzt, die auf einem Laptop die neuesten Nachrichten auf CNN sahen. Es gab in den Medien kein anderes Thema mehr als Silent Control und die Verschwörung, die im Schulterschluss internationaler Konzerne mit der CIA geplant worden war.

Novas Handy klingelte. »Hallo?«

»Hi, Pippi Langstrumpf, ich bin’s.«

»Torben! Mein Gott, wo bist du? Geht es dir gut?«

Wegen des Hubschrauberlärms konnte Torben kaum etwas verstehen. »Ich bin wieder frei! Alles okay! Habt ihr die Dateien bekommen? Ist alles draußen?«

»Ja, die Dateien sind im Netz, es sind nur nicht alle entschlüsselt.« Nova schluchzte. »Aber viel wichtiger ist, dass du lebst!«

Auch Torben war aufgewühlt. Novas Stimme klang vertraut und doch fremd. Er hatte das Gefühl, dass eine wichtige Etappe hinter ihm lag, dass etwas Neues auf ihn wartete, während June gerade den Helikopter auf den größten Luftwaffenstützpunkt der USA zusteuerte.

»Wie läuft’s in Stockholm?«, fragte er. »Was sagt Wallins zu dem Ganzen?«

»Wir sind in New York, du Verrückter! Wir haben versucht, dich zu finden!«

»Was heißt ihr?«

»Kilian und ich. Er hat alles in Bewegung gesetzt, damit wir mehr über Peter Norris erfahren. Wir konnten nicht einfach zusehen, wir wollten dir helfen.«

»Kilian?«, fragte Torben verblüfft. »Der hat mich doch betrogen und ausgetrickst!«

»Ja, aber er hat es bitter bereut. Wo bist du überhaupt? Ich kann dich kaum verstehen.«

»Ich bin auf dem Weg nach Hause. Aber ich sollte wohl besser nach New York fliegen, was?«

»Und zwar schnell, du kranker Nerd«, erwiderte Nova, bemüht ihren flapsigen Tonfall wiederzufinden. »Ich dachte schon, ich muss dich aus meiner Telefonliste löschen. Wir sind in der Trinity Church an der Wall Street und warten auf den Helden, in Ordnung?«

»June, wie lange brauchen wir nach New York?«

»Das sind gute 2 500 Meilen, hm, mit dem Jet etwa vier Stunden.«

»Wir sehen uns in New York«, brüllte Torben in sein Mikro.

Als er das Gespräch beendet hatte, schloss er die Augen. Noch konnte er nicht an ein Happy End glauben. Er hatte Clarks Verschwörung verhindert, was aber war mit den Auftraggebern? Sie würden sicher keine Ruhe geben.

»Soll ich das Radio anschalten?«, fragte June.

»Es gibt hier ein Radio?«

Sie zeigte auf einen Drehknopf, den Torben umgehend bediente.

… nach Anordnung des Justizministers und seiner europäischen Amtskollegen wurden bis auf wenige Ausnahmen alle verhafteten Anonymous wieder freigelassen. Darunter auch der Gründer der People of Liberation Front, Jackson Walker, der aus dem Bunker Whitestar vom FBI befreit wurde.

»Jackson? Er war die ganze Zeit im Bunker? Wenn ich das gewusst hätte!«

»Bestimmt hat Clark ihn Orlando überlassen«, sagte June, während sie den Hubschrauber auf der Landebahn der Nellis Air Force Base aufsetzte. »Aber zum Glück hatte er alle Hände mit dir zu tun.«

»Ja, zum Glück. Schöner hätte ich es auch nicht sagen können.«

Bevor die Rotoren zum Stillstand kamen, stiegen sie aus und wurden von dem diensthabenden Beamten empfangen, der für die Bereitschaftsmaschine des CIA-Direktors zuständig war. Er fuhr sie mit einer gepanzerten Limousine zu einem weiter entfernten Rollfeld, auf dem ein schneeweißer Learjet stand. Von außen hatte die Maschine keinen Schriftzug. Nichts. Der Rumpf war schlank geformt. Ein wunderschönes Flugzeug, dachte Torben beeindruckt.

»Was’n Geschoss – aber das fliegst du nicht selber, oder?«

»Heute nicht, ich dachte eher an Champagner. Und du weißt ja: Don’t fly drunk.«

Mit wackeligen Beinen stieg er die Gangway hoch. Eigentlich fand er es übertrieben, dass so viel Kerosin für zwei Leute verschwendet wurde, aber seine Sehnsucht nach Nova und Kilian war jetzt größer als sein aufrechtes Umweltgewissen. Es kam ihm vor, als sei er Jahre weg gewesen, getrennt von allem, was ihm etwas bedeutete.

Das Innere der Maschine war noch wesentlich beeindruckender. Im Grunde war es ein luxuriöses fliegendes Büro. Sechs gepolsterte Sessel aus weißem Leder waren umgeben von Workstations und Flat Screens. In einem niedrigen Regal lagen aktuelle Zeitungen und Magazine.

»Willkommen an Bord«, begrüßte sie eine junge Stewardess, die die Uniform der US Air Force trug. »Haben Sie einen Wunsch?«

»Zwei Gläser Champagner bitte«, sagte June. »Und haben Sie etwas zu essen für den jungen Mann hier?«

»Selbstverständlich. Sie haben die Wahl zwischen einem Club-Sandwich, Filetsteak und Bœuf bourgignon.«

Torben strich sich die blonde Haartolle aus der Stirn. »Also, für mich eine Cola, bitte. Champagner ist nicht so mein Ding.«

»Setz dich erst mal.«

Sie nahmen nebeneinander in der ersten Reihe Platz. Torben dehnte sich und streckte die Beine aus. Wieder befiel ihn eine unbezwingbare Müdigkeit. Teilnahmslos schaute er auf die drei Bildschirme, die vor ihnen von der Decke hingen. Ohne Ton flimmerten Nachrichtenbilder darüber. Immer wieder wurden Demonstrationen gezeigt, aber auch Bilder vom Bunker, in den eine Bombe des FBI einen Krater gerissen hatte.

»Na, wie fühlt sich das an?«

Torben war unsicher. Besonders euphorisch fühlte er sich jedenfalls nicht. Seine Freiheit erschien ihm trügerisch.

»Ich weiß nur, dass es sich gut anfühlt, neben dir zu sitzen.«

June schwieg. Doch er hörte, wie sich ihr Atem beschleunigte. Er schnallte sich, June folgend, an, während die Maschine so schnell abhob, dass er in seinen Sitz gepresst wurde.

Plötzlich glaubte er, die Stimme von Robert Miles zu hören.

Bin ich schon so daneben? Oder hat Orlandos Experiment mir die Birne weich gekocht?

»Hallo June, hallo Torben!«

Torben fuhr herum. Es war keine Halluzination. Auf dem Gang zwischen den Sesseln stand Robert Miles!

»Was hat das zu bedeuten?«

»Das ist etwas komplizierter.«

Miles reichte Torben ein iPad. Torben blickte auf eine Mail. Du hast gute Arbeit geleistet, mein Junge. Robert wird dir alles erklären, aber seid wachsam. Es ist vielleicht noch nicht vorbei! Alles Gute, Peter. Ich melde mich, sobald die Lage es ermöglicht.

»Verflucht, was hat der sich dabei gedacht? Ich könnte tot sein! Und das nur, weil er diese verdammten Pläne in die Welt gesetzt hat! Ich will eine Erklärung!«

Torben hatte sich abgeschnallt und stand mit geballten Fäusten vor Robert Miles.

»Du glaubst, einen Grund zu haben. Na dann los, hau mir eine rein! Aber die Dinge sind wirklich etwas komplizierter.«

Damit hatte er Torben den Wind aus den Segeln genommen. Kopfschüttelnd ließ er die Fäuste sinken. »Dann sag mir einen Grund, warum er mich so benutzt hat.«

»Benutzt?« Robert Miles setzte sich in den Sessel gegenüber und lehnte sich zurück. »Es gab nur einen Hacker auf der Welt, der das Potenzial hatte, Silent Control zu entdecken. Norris hatte nichts als vage Vermutungen, dass Clark diese Idee, den menschlichen Geist zu manipulieren, weiterentwickeln und zum Einsatz bringen könnte.«

Auch Torben hatte sich wieder gesetzt. Argwöhnisch sah er zu June. »Hast du gewusst, dass er seine Finger im Spiel hat?«

»Wirklich nicht«, beteuerte sie. »Der Funkspruch – du erinnerst dich?«

In Torbens Kopf wirbelten die Gedanken durcheinander. Er hatte sich noch nicht von der Überraschung erholt, dass Peter lebte. Und dass er die ganze Zeit über von Weitem das Geschehen verfolgt hatte.

»Ich könnte tot sein«, wiederholte er leise. »Ihr habt mich ans Messer geliefert.«

Miles runzelte die Stirn. »Es lief völlig aus dem Ruder. Er dachte, du hackst dich bei der CIA ein, stellst alles ins Netz und bleibst unauffindbar in Stockholm. Herrgott, er wusste nicht, was für technische Möglichkeiten es mittlerweile gibt, jemanden wie dich aufzuspüren. Als du dann auf eigene Faust gehandelt hast, wurde es natürlich brenzlig.«

»Und der alte Sack hat seelenruhig in Kuba rumgesessen und alles laufen lassen«, ergänzte Torben bitter.

»Alles andere als das. Ich konnte mithilfe des Assistent Director im letzten Moment als Maulwurf arbeiten. «

»Wann haben Sie denn Ihre Meinung geändert und doch eingegriffen?«, fragte June.

»Also, jetzt mal das Ganze von vorn. Norris erfuhr von alten Gewährsleuten aus der CIA, dass Eliston und Clark Auseinandersetzungen wegen des Einsatzes von elektromagnetischen Waffen hatten. Deshalb hat er Eliston kontaktiert. Als er erfuhr, dass du verhaftet wurdest, hatte Eliston mich bereits als Leiter ins Kontrollzentrum eingeschleust.«

»Was für eine tolle Story!«

»Das war gar nicht so leicht. Ich war überhaupt nicht qualifiziert für den Job, das hast du ja selber gemerkt, Torben. Ich bin unterer Durchschnitt, wenn überhaupt. Aber Eliston hat mich durchgedrückt. Als du im Bunker ankamst, hatte ich gerade meinen Job begonnen. Viel verhindern konnte ich nicht, aber wenigstens Peter auf dem Laufenden halten. Erst sah es ja auch so aus, als ob Clark dir nichts tut. Sie brauchten dich.«

Torben war fassungslos. Natürlich hatte er gemerkt, dass Miles kein Überflieger war. Aber mit dieser Wendung des Geschehens hätte er niemals gerechnet.

»Deshalb warst du auch so nett zu mir – hast mir was zu essen und Lakritz besorgt …«

»… und Clarks Befehle sabotiert. Als ihr in die Programme der Bunkertechnik gegangen seid, habe ich nur so getan, als ob ich was dagegen unternehme. Clark hat sowieso nie begriffen, was ein Computer ist. Das machte es einfacher.«

June schenkte Miles ein anerkennendes Lächeln. »Respekt, hätte ich Ihnen nicht zugetraut.«

Er deutete eine Verbeugung an. »Ergebensten Dank, Madam!«