KAPITEL 24

WÜSTE NEVADA – BUNKER WHITESTAR

Die Nacht war kurz gewesen. Clark hatte keine drei Stunden geschlafen. Gegen acht Uhr sollte sein Flug vom Bunker Whitestar nach New York starten. Als er aus einem verchromten Metallbecher einen Schluck Kaffee nahm, unterbrach ein leises Pfeifen seine morgendliche Nachrichtenlektüre. Er inspizierte einen kleinen Bildschirm, verzog die Mundwinkel und öffnete mit einem Tastendruck die Tür.

Mit einem besorgten Gesichtsausdruck trat sein Stellvertreter Eliston ein, den Clark längst wieder in Bluffdale, dem weltweit größten Abhörzentrum der NSA, gewähnt hatte.

»Was machen Sie denn noch hier?«

Eliston warf seinen Mantel auf die Ledercouch. Wie immer trug er einen eleganten Anzug, trotz der frühen Stunde wirkte er, wie aus dem Ei gepellt.

»Ich habe Neuigkeiten aus Washington, die ich unter vier Augen besprechen wollte. Der Präsident hat Verteidigungsminister Rodson entlassen.« Er presste die Lippen zusammen. »Und das ist noch nicht alles. Der Präsident will die Verschmelzung der Auswertungszentren von NSA und CIA verhindern. Jedenfalls solange es keinen Kontrollausschuss im Kongress gibt und die Maßnahme nicht zeitlich begrenzt wird.«

»Wie bitte? Damit weicht er den Patriot Act auf und über lässt die Straße endgültig dem Mob!« Clark knallte seinen Becher auf die Schreibtischplatte. »Dagegen müssen wir etwas unternehmen!«

Eliston zuckte mit den Schultern. Dann setzte er sich auf die Couch und blätterte in einigen Unterlagen, die er mitgebracht hatte.

Unwillig schob Clark seine Dossiers beiseite. Erst am Abend zuvor hatte Strieber sich in einer Mail darüber aufgeregt, dass der Präsident verlautbaren ließ, die Wahlkampfgelder seiner bisherigen Förderer abzulehnen. Mit der Begründung, er wolle den politischen Einfluss der großen US-Unternehmen schwächen. Im Netz wurde er bereits dafür gefeiert.

»Dieser Idiot von Präsident glaubt doch tatsächlich, dass er durch ein paar Zugeständnisse die Sache unter Kontrolle kriegt«, schnaubte er. »Kennt der überhaupt unsere Auswertungen?«

Eliston sah auf. »Ich glaube nicht.«

Daraufhin öffnete Clark eine Schublade und zog einen dicken gebundenen Bericht mit dem Label der CIA heraus. »Sorgen Sie dafür, dass er das hier persönlich bekommt. Ich werde in der Zwischenzeit alles tun, damit diese Demonstrationen gewaltlos aufgelöst werden.«

Ungläubig sah Eliston ihn an. »Wie wollen Sie das anstellen?«

»Warten Sie’s nur ab!« Clark schob seine Daumen unter die breiten Hosenträger, die er über seinem blauweiß gestreiften Hemd trug.

Eliston nahm den Bericht an sich und reichte seinem Chef eine Depesche. »Das kam eben per Eilboten. Die Schweden haben unseren Botschafter einbestellt. Sie wollen ihre beiden Agenten wiederhaben. Dann wären sie bereit, unsere Einmischung in ihre Angelegenheiten zu vergessen.«

Achtlos legte Clark das Schreiben beiseite. »Machen Sie den Schweden klar, dass sie ihre Chance hatten. Wenn die den Fall Arnström öffentlich machen, stellen wir ihre Agenten an die Wand. Wie lange wurde der vor seinem Hack eigentlich überwacht?«

»Wohl nur wenige Tage«, antwortete Eliston »Wir haben von den Deutschen erfahren, dass er seine gefälschten Papiere und die knapp 10.000 Dollar erst nach seiner Flucht aus Stockholm abgeholt hat. Aus einem Depot in Hamburg.«

Dahinter kann nur Peter Norris stecken, dachte Clark ärgerlich. Typisch. Dieser Norris war ein eiskalter Profi. Bei seinen Einsätzen in Guatemala und Ecuador hatte er Kontakte zur Mafia und zu einigen Drogenkartellen geknüpft. An falsche Pässe zu kommen war für einen wie Norris eine Kleinigkeit.

Er hieb mit einer Hand auf seinen Schreibtisch. »Dieser verdammte Norris hat Arnström geholfen! Darauf wette ich meinen Arsch! Wissen wir, wann er Arnström zum letzten Mal kontaktiert hat?«

Wieder ertönte das leise Pfeifen. Clark drückte die Einlasstaste, und Penny kam herein. Sie trug ein graues Kostüm mit einer rosa Rüschenbluse und hielt ein halbes Dutzend Ordner in den Händen.

»Sir, der Jet steht pünktlich bereit. Hier sind die Unterlagen für die Bereitschaftstreffen der Abteilungsleiter kommende Woche.«

»Danke, Penny. Wo ist Agent Madlow?«

Die Sekretärin legte den Berg von Ordnern auf Clarks Schreibtisch.

»Sie weckt gleich Arnström, und dann geht es nach New York. Ich habe die Zimmer im Mandarin bereits gebucht.«

Clark schlug die Ordner auf und überflog ein paar Seiten.

»Unterrichten Sie Agent Madlow, dass ich sie heute Abend um sechs in meinem New Yorker Büro sehen will.«

»In Ordnung, Sir.«

Die Sekretärin huschte davon und schloss behutsam die Tür hinter sich.

»Also, was ist jetzt mit Norris?«, setzte Clark die Unterredung fort. »Wann hat er diesen kleinen Hacker zuletzt instruiert?«

»Sicher ist nur, dass sie seit seiner Abreise nach Kuba keinen Kontakt mehr hatten. Wir haben die Datenwege unter Kontrolle.« Eliston räusperte sich. »Wollen Sie mir nicht langsam mal verraten, was an Norris noch gefährlich sein kann? Der Mann ist doch weg vom Fenster.«

Stirnrunzelnd spielte Clark mit seinem Füllfederhalter. »Das ist nicht gesagt. Na ja, in ein, zwei Tagen weiß ich mehr. Immerhin habe ich eine unserer besten Agentinnen auf Arnström angesetzt.«

»Sie sollten vielleicht nicht zu viel Zeit mit ihm verschwenden. Miles hat mir vorhin versichert, dass er den Wurm in den Griff bekommen könnte.«

»Könnte? Das ist mir zu riskant.« Der CIA-Chef sah seinen Untergebenen angriffslustig an. »Und über die Operationen von Norris werden Sie in Kenntnis gesetzt, wenn Sie meinen Job übernehmen oder wenn ich tot bin. Keine Sekunde vorher. Klar so weit?«

Völlig konsterniert starrte Eliston seinen Vorgesetzten an. »Wie darf ich denn das verstehen?«

Der CIA-Direktor klemmte sich den Aktenstapel unter den Arm und warf sich sein Jackett halb über die Schulter.

»Mir reicht es allmählich. Dies ist mein letzter Einsatz. Danach ist Schluss, und ich werde Sie als meinen Nachfolger vorschlagen. Dann sind Sie den alten Drecksack Clark endlich los.«

Er genoss das überraschte Gesicht Elistons. Mit dieser Ankündigung würde er den smarten Aufsteiger so lange ruhigstellen, bis alles über die Bühne gegangen war. Dann aber würde er, Clark, als ein Mann in die Geschichte eingehen, der die größte Bedrohung der internationalen Sicherheit mit Bravour gemeistert hatte. Und zwar im Alleingang.

Er umrundete seinen Schreibtisch und blieb mit wippenden Fußspitzen vor Eliston stehen.

»Dieser Hacker kann übrigens in den nächsten Tagen Gold wert sein. Ich habe meine Pläne mit ihm. Danach können Sie ihn haben. Notfalls im Leichensack.«

Für einen Moment wurde es still im Raum. Dann stand Eliston auf und stellte sich Clark, der schon die Tür ansteuerte, in den Weg. Sein sonst so gelassenes Gesicht hatte sich rötlich verfärbt.

»Sir, wenn Arnström eine Gefahr für unsere nationale Sicherheit ist, muss ich über alles im Bilde sein.«

Clark schob ihn wie ein überflüssiges Möbelstück beiseite. »Ach, müssen Sie das?«

Eliston taumelte leicht, dann fing er sich wieder.

Wie Kampfhähne standen sie einander gegenüber. Spätestens jetzt war klar, dass sie offene Konkurrenten waren.

»Ich habe Ihnen gerade sehr deutlich zu verstehen gegeben, wo Ihre Kompetenzen enden«, brach Clark das feindselige Schweigen. »Überspannen Sie den Bogen nicht.«

In Elistons Gesicht bebte es vor unterdrückter Wut. »Haben Sie deshalb den Zugang zu sämtlichen Informationen über Norris sperren lassen?

Alles konnte Clark jetzt gebrauchen, nur keinen Widersacher in den eigenen Reihen. Drohend tippte er mit einem Finger auf Elistons teures Jackett.

»Ich warne Sie. Halten Sie sich da raus. Fliegen Sie nach Washington, reden Sie mit dem Präsidenten. Es reicht, wenn Sie ihn hinhalten. In ein paar Wochen ist die Sache sowieso erledigt.«

Doch so leicht ließ sich Eliston nicht ins Bockshorn jagen. »Direktor Clark, sehen Sie sich vor. Wir machen alle Fehler. Aber hier bei der CIA sind die Auswirkungen katastrophal.«

Elender Klugscheißer, dachte Clark. Dich werde ich in den vorzeitigen Ruhestand befördern, wenn das hier vorbei ist.

»Guten Flug«, sagte er knapp. »Sie können jetzt gehen.«

Wortlos nahm Eliston seinen Trenchcoat und schlich aus dem Büro wie ein geprügelter Hund. Clark sah ihm kopfschüttelnd hinterher, dann tippte er eine Nummer in sein Handy.

»Ist der Prototyp in Manhattan angekommen? Ja? Sehr gut. Schicken Sie die Bedienungsanleitungen an unsere Partner. Und behalten Sie Eliston im Auge. Ich will über jeden seiner Schritte informiert werden.«