KAPITEL 12

HAMBURG

Torben hatte gerade seinen dritten Instantkaffee getrunken, als der Zug am Hamburger Dammtorbahnhof in der Früh einlief. Hastig stellte er den Becher ab, nahm seinen Armeemantel und stieg aus. Im Vergleich zu den üblichen Stahlkolossen neuerer deutscher Bahnhöfe war dieser Bahnhof im Stil des späten 19. Jahrhunderts belassen worden. Im Untergeschoss befanden sich Geschäfte, deren dunkle Holzfassaden geschnitzte Muster zierten. Dezente Leuchtreklamen verliehen der Ladenzeile ein warmes, einladendes Licht. Der Boden war mit roten Backsteinen gepflastert, es roch nach frischem Gebäck und Pizza.

Zielstrebig ging er zum Ausgang. Die Bank lag nur ein paar Hundert Meter vom Bahnhof entfernt direkt neben einem Taxistand am Gänsemarkt. Kurz erwachte die Erinnerung an bessere Zeiten. Von diesem Bahnhof aus hatte ihn sein Weg sechs Jahre zuvor in die Universität geführt. Auf dem Weg zur Bank wich Torben ein paar abgewrackten Typen neben dem Eingang aus, die ihn um Geld anbettelten. Er hatte ohnehin nur noch ein paar Kronen in der Tasche. Weit würde er damit nicht kommen.

In der Bank war ziemlich viel los. Fast unbemerkt, konnte er in einem Nebenraum die Schließfächer ansteuern. In Hamburg war es nichts Besonderes, wenn flippig gekleidete Menschen über ein Bankschließfach verfügten, und so nahm niemand von ihm Notiz.

»Hundertsiebenundsechzig«, murmelte er, während er die Metalltüren der Fächer abschritt. »Da ist es!«

Mit zitternden Händen schob er den Schlüssel hinein und drehte ihn behutsam um. Was konnte Peter ihm hinterlassen haben? Etwa eine Waffe? Oder einen Hinweis auf Daten, die er nicht kannte? Wahrscheinlich würde er nicht hier stehen, wenn Peter ihm rechtzeitig gesagt hätte, was ihm zu schaffen machte. Mit einem Klicken sprang die Tür auf. Gespannt spähte Torben in das Fach. Es lag nur eine kleine schwarze Tasche darin, nicht größer als eine Geldbörse. Sicherheitshalber schaute er sich um. Es war niemand zu sehen. Sein Herz klopfte heftig, als er die silberne Schnalle der Tasche öffnete.

»Wow!«

Die Angst der letzten Tage wich für einen Moment dem Gefühl, endgültig in Sicherheit zu sein. Mit einem Schnalzer durchblätterte er das Bündel Geldnoten. Zehntausend Dollar! Mit den paar Hundert Kronen, die er bei Nova hinterlegt hatte, wäre hier Schluss gewesen. Das hingegen war ein kleines Vermögen für ihn. Doch die größte Überraschung lag zwischen den Scheinen: ein schwedischer Pass.

»Svensson?« Torben betrachtete fassungslos sein Foto. Es war das Gleiche wie auf seinem Saicom-Ausweis.

Wo zum Teufel hatte er das her?

Allmählich wurde ihm mulmig zumute. Bei dem Aufwand, den Peter betrieben hatte, musste es um weitaus mehr gehen als die Informationsfreiheit, unter der nicht wenige nur verstanden, dass sie ihren nackten Arsch auf Facebook posten durften. Peter musste ihm etwas verschwiegen haben. Ihm ging es immer darum, verdeckte Aktionen der CIA und anderer Geheimdienste zu enttarnen.

Torben betrachtete noch einmal aufmerksam seinen Fund. Aus den hinteren Seiten des Passes ragte ein kleiner gelber Zettel. Vorsichtig zog er ihn heraus.

Lieber Torben, las er. Wenn du diese Notiz in Händen hältst, ist vermutlich etwas Unvorhersehbares geschehen. Falls du nach Los Angeles fliegst, gehe zu dieser Adresse. Du kannst den Leuten, die dort wohnen, absolut vertrauen. Sie bringen dich ohne großes Aufsehen sicher nach Havanna. In Freundschaft, Peter. Dann folgte die Anschrift.

Nach Havanna? Das hatte sich mit Peters Tod wohl erledigt. Aber der Weg in die Staaten war nun frei. Torben hatte sich längst entschieden. Es gab kein Zurück mehr. Er musste diese Hacker in New York vor seinem Programm warnen, sonst würden sie ins offene Messer laufen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihn und Spygate nicht ernst nehmen würden. Havanna würde ihm zur Not immer noch offenstehen.

Vor der Bank nahm er ein Taxi zum Flughafen. Er war unruhig und versuchte, die letzten aufkommenden Zweifel zu verdrängen. Die Fahrt führte ihn durch die vertrauten Straßen seiner Studentenzeit, vorbei an der Außenalster mit ihren großen Rasenflächen und den alten Weiden. Hier hatte er im Sommer oft seine Bücher studiert oder sich einfach zwischen den Vorlesungen entspannt. Schon ging es weiter entlang der Gründerzeitfassaden Eppendorfs in Richtung Flughafen.

»Wir sind da.« Die kehlige Stimme des Taxifahrers riss Torben aus seinen Gedanken.

Die roten Ziffern im Rückspiegel zeigten die Uhrzeit an. Halb zehn. Jetzt musste er nur noch ein Ticket buchen, und er würde in Freiheit sein.

»Nehmen Sie auch Dollar?«, fragte er den Taxifahrer.

Der war wenig begeistert. Doch seine griesgrämigen Gesichtszüge glätteten sich, als Torben ihm einen Hundertdollarschein mit den Worten »Stimmt so, danke« reichte.

Der Eingangsbereich des Flughafens war von einer imposanten Glaskonstruktion überwölbt. Männer in Businessanzügen und bunt gekleidete Touristen drängten sich vor den Security-Schleusen. Nachdem er sich kurz orientiert hatte, fand Torben die Counter der Fluggesellschaften. Gleich beim ersten kaufte er ein Ticket für eine Maschine, die zwei Stunden später startete.

Die junge Frau, die das Ticket für ihn ausfertigte, musterte ihn abschätzig. Torben sah an sich herunter. Der Armeemantel war in der Tat ziemlich abgedreht. An seiner Hose hafteten Blutspuren, und seine Sneakers waren schmutzig vom Stockholmer Schneematsch.

Wenigstens hast du genug Geld, um dir ein passenderes Outfit zu leisten.

»Ich sollte vielleicht mal mein Styling überdenken, was?«, sagte er auf Englisch.

Die junge Frau lächelte, als sie ihm das Ticket übergab. »Es sei denn, Sie gehen jetzt im März auf eine Halloweenparty.« Sie deutete auf einen Gang, der sich an den Eingangsbereich anschloss. »Da drüben werden Sie was finden.«

Die Auswahl an Geschäften war nicht groß, doch sie wirkten gut sortiert. Zuerst ging Torben in eine Drogerie. Er kaufte eine Zahnbürste, Zahnpasta, Kamm, Rasierzeug und einen schwarzen Rucksack, der neben der Kasse angeboten wurde.

Bevor er sich neu einkleidete, putzte er sich auf einer Herrentoilette die Zähne, wusch sich das Gesicht und kämmte sein Haar. Er hatte wirklich zum Fürchten ausgesehen. Anschließend zog er das Basecap wieder tief ins Gesicht. Die verkrustete Wunde war wahrlich keine Zierde.

In einer Boutique direkt nebenan fand er, was er suchte. Das Beratungsangebot der Verkäuferin schlug er freundlich aus. Er wusste genau, was er wollte: eine dunkelblaue Jeans, ein eng anliegendes weißes T-Shirt und ein paar neue Sneakers. In der Umkleidekabine sah er zwischen den Vorhängen, wie zwei Polizisten den Laden betraten und der Verkäuferin ein Foto zeigten. Er hielt den Atem an. Sollten sie sogar schon in Hamburg hinter ihm her sein? Nach einer endlos langen Minute verließen die Polizisten das Geschäft. Torben atmete hörbar aus.

In seinen neuen Klamotten fühlte er sich wie erlöst. So konnte er sich sehen lassen. Eine hellbraune Jeansjacke vervollständigte sein Outfit.

»Sie können mir für die alten Sachen eine Tüte geben«, sagte Torben und legte die abgerissenen Preisschilder auf den Ladentisch.

Bemüht lächelnd, reichte die Verkäuferin ihm eine bunt bedruckte Plastiktüte und scannte die Etiketten ein. Hatten die Polizisten ihr etwa ein Foto von ihm gezeigt? Hatte sie ihn womöglich erkannt?

»Zweihundertneunundsechzigneunzig«, sagte sie. »Zahlen Sie bar oder mit Karte?«

Er zog vierhundert Dollar aus der schwarzen Ledertasche.

»Wenn Sie mir fünfzig Euro rausgeben, sollte das doch passen, oder?«

Die Verkäuferin errechnete den Kurs auf ihrem Taschenrechner.

»Ja, das geht in Ordnung.«

Torben zahlte und verließ zügig den Laden. Die Angst blieb ihm im Nacken. Jetzt würde sich zeigen, ob er mit seinem Pass durch die Kontrollen käme. Vor dem Eingang zum Terminal 1 stopfte er die Tüte mit seinen alten Klamotten in einen Mülleimer. Nur ungern trennte er sich von dem Armeemantel. Er war das Letzte, was er von Nova bekommen hatte, eine Art Talisman. Doch es musste sein. Nichts durfte ihn verraten. Möglich, dass man ihn im Nachhinein auf den Überwachungskameras des Stockholmer Hauptbahnhofs entdeckt hatte.

Der Terminal 1 war völlig überfüllt. Scheinbar hatten in Hamburg gerade die Osterferien begonnen. Familien mit quengelnden Kindern stauten sich in den Gängen. Er näherte sich der Passkontrolle. Torben spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach, als der Polizist seinen Pass scannte. Es dauerte quälend lange. Auch wenn Torben ein unbeteiligtes Gesicht aufsetzte, innerlich zerriss es ihn fast.

Endlich gab der Polizist ihm den Pass zurück und checkte das Ticket. »Guten Flug, Mr. Svensson.«

Torben sah ihn einen Moment irritiert an. Dann reagierte er. Svensson. Natürlich, sein neuer Name. Den sollte er sich besser merken. Er nickte dem Polizisten zu und rückte zum Sicherheitscheck vor. Als er an der Reihe war, legte er seinen Rucksack auf das Band und ging ohne zu zögern in den Körperscanner. Diese Prozedur war problemlos. Torbens Pulsschlag beruhigte sich. Es hatte geklappt, der Pass war akzeptiert worden, der Weg nach Amerika frei.

In der Maschine machte er es sich so bequem, wie es in der Economy-Klasse möglich war. Immerhin blieb der Platz neben ihm frei, so konnte er wenigstens die Beine ausstrecken.

Die Maschine war noch nicht gestartet, als Torben auch schon in tiefen Schlaf versunken war.