KAPITEL 9

STOCKHOLM

Torben stürzte schon den x-ten Kaffee in sich hinein. Er war um sechs Uhr morgens aufgestanden und hundemüde. Schlaf hatte er in der vergangenen Nacht wieder mal nicht gefunden. Sein Wurm schwebte nun in den Netzwerken umher. Voller Respekt würden weltweit Hacker und Behörden vor den Bildschirmen kleben und die Programmiersprache bewundern. Es wäre, als würde ein unbekanntes Wunderkind aus der Vorstadt gegen Kasparov im Schach gewinnen, und keiner würde verstehen, wie es das angestellt hatte. Es war ein beruhigendes Gefühl, trotz aller Gefahr, der er sich aussetzte. Spygate würde einen Stempel ins Netz setzen, den lange keiner mehr vergessen könnte.

Er sah aus dem Fenster. Draußen schneite es schon wieder. Auf dem Hinterhof lag inzwischen eine dicke Schneeschicht, und am Fenster des Büros hatten sich Eisblumen gebildet. Dennoch überrollte Torben eine Hitzewelle bei dem Gedanken, dass Spygate bald weltweit sichtbar war. Auf privaten Computern. In den Datenbanken von Unternehmen. Und sogar im Rechenzentrum der CIA! Er hatte sich weit vorgewagt und konnte nur hoffen, dass sein Mut ihm nicht zum Verhängnis werden würde.

Gähnend fuhr Torben seinen Rechner hoch. Morgens um zwei hatte er Kontakt zu Anonymous gesucht. Er hatte sie vor den Folgen seines Programms warnen wollen. In einem einschlägigen Blog hatte er geschrieben, dass sie ihre Aktivitäten sofort stoppen müssten – sonst würden sie enttarnt werden.

Während er sich ein Lakritz in den Mund schob, ging er ins Darknet. Ob es wohl schon Reaktionen auf seine Warnung gab? Er klickte den Blog an. O ja, er war voller Kommentare. Anonymous verhöhnten ihn. Lachten ihn aus.

Er erstarrte, als auf seinem Monitor die Drohung seines anonymen Gegners erschien. Er nannte sich »Anonymous23org«. Die Botschaft war schlicht: »Wir erwischen dich!«

Schnell klickte Torben den Kommentar weg und checkte weitere Einträge des Blogs. Nur ein einziger User, ein Commander Zero, hatte positiv reagiert, mit den Worten: »Du bist gut! Aber du begibst dich in große Gefahr. Ich kann dir einen Weg zeigen, dein Talent besser einzusetzen. In zwei Tagen ist ein Hackerkonvent in New York. Komm her und zeig dich!«

Torben konnte kaum glauben, was er da las. Wer auch immer dieser Jemand war, er hatte ihn, genau ihn gemeint. Und er lud ihn zu einem Hackertreffen nach New York ein. Treffpunkt vor dem Restaurant Trinity Place.

Die Sache wurde immer heißer.

Er hatte seine Warnung abgesetzt. Den Rest würde er hier in aller Ruhe aussitzen, hatte Torben sich vorgenommen. Eine Reise nach New York kam nicht infrage. Ja, er wollte hier in seinem Büro ausharren, bis alles vorbei war.

Eines musste er aber auf alle Fälle tun. Alle Spuren verwischen. Torben schloss den Blog und schickte das letzte Datenpaket von Spygate ins Netz. Dann fuhr er alle Rechner herunter und löschte seine gesamten Daten mit einem Magneten. So, das war’s. Jetzt war er unsichtbar.

Er fühlte sich leer, so leer wie schon lange nicht mehr. Das Netz hatte ihm eine Zeit lang neue Hoffnung gegeben. Die Hoffnung, dass freie Informationen eine so gewaltige Wirkung haben könnten wie die ewige Vision freier Energie, von der im Netz immer wieder die Rede war, die aber die Giganten der Energieversorger angeblich verheimlichten.

Er hatte die Vision mündiger User gehabt, die sich nicht länger von irgendwelchen Medien betrügen ließen. Vielleicht war es naiv, aber er glaubte daran, dass es möglich war, das Netz als eine gigantische Kommunikationszentrale zu nutzen, in der die Informationen frei zum Wohle der Menschheit verbreitet würden, und nicht, um sie länger wie dummes Stimmvieh zu halten, abhängig und eingefangen von den Lügen der Konzerne und Regierungsapparate.

Er stand auf und ging zum Fenster. Verlassen lag der Hinterhof im Zwielicht des heraufdämmernden Morgens. War wirklich alles vorbei? War es eine Illusion, dass es künftig keine manipulierten Informationen mehr geben würde? Er starrte nach draußen. Das Gefühl der Ohnmacht tat ihm körperlich weh. Am liebsten hätte er sein Büro angezündet. Würde er sich eines Tages fragen müssen, ob er das alles umsonst getan hatte?

Er mochte gar nicht an die endlosen Monate denken, die er hier vergeudet hatte.

Seit zwei Tagen hatte Torben nicht richtig gegessen, jetzt meldete sich sein knurrender Magen. Er streifte seinen Parka über und machte sich auf den Weg zu seinem Coffeeshop. Vielleicht würden ihm ein paar frische Croissants die verlorene Bodenhaftung wiedergeben.

Als Torben den Coffeeshop erreichte, stand er vor verschlossener Tür. Mist, es war Sonntag! Das hatte er völlig vergessen, so außerhalb der Zeit hatte er die vergangenen Tage verbracht. Also blieb ihm nur die Imbissbude eine Straße weiter. Er trottete dorthin und bestellte einen Hotdog.

»Alles in Ordnung?«

Der älteren Imbissverkäuferin war offenbar nicht entgangen, wie frustriert Torben wirkte. Kraftlos lehnte er sich an den Tresen, zitternd vor Kälte und Enttäuschung.

Verständnislos sah er sie an.

»Wie bitte? Ob alles … ja, schon. Danke der Nachfrage.«

Er nahm den Hotdog, zahlte und streifte ziellos durch die Straßen. All sein Elan war verpufft. Er fühlte sich nutzlos. Während er in den Hotdog biss, wirbelte er mit den Fußspitzen den Schnee auf dem Bürgersteig hoch. Was sollte er jetzt tun? Sein Job bei Saicom war Geschichte. Kilian dagegen ging unbeirrt den Weg weiter, den er eingeschlagen hatte. Alles, was Torben blieb, war die Freundschaft zu Nova. Aber würde das reichen?

Er fühlte sich plötzlich sehr einsam. Ich muss mein Leben ändern, überlegte er. Aber wie? Teilnahmslos betrachtete er die vertrauten Häuserzeilen, an denen er so oft entlanggeschlendert war. Heute erschienen sie ihm fremd. Sein ganzes Leben erschien ihm auf einmal fremd. Als hätte er das Leben eines anderen gelebt.

Auch wenn er sich gern in seinem Bett verkrochen hätte, ahnte er, dass er gerade jetzt nicht aufgeben durfte. Noch war nicht alles verloren. Noch konnte er versuchen, seine Vision unbegrenzter Freiheit im Netz zu verwirklichen. Oder war das bloß die Selbstüberschätzung eines hysterischen Nerds?

Als er in die Straße einbog, in der er wohnte, fielen ihm zwei silberfarbene Geländewagen auf, die genau gegenüber seiner Wohnung parkten. Er stutzte. In dieser Gegend fuhr niemand solche Luxusautos. Vorsichtig näherte er sich ihnen. Sie wirkten verlassen. Mit einer merkwürdigen Vorahnung betrat er das Treppenhaus und stieg die Stufen zu seiner Wohnung hoch. Ruckartig blieb er stehen. War seine Wohnungstür offen? Angst ergriff ihn. Er hatte das Empfinden, auf einer dünnen Eisscholle zu stehen, die jeden Augenblick zerbrechen könnte.

Ich muss hier weg, schoss es ihm durch den Kopf, so schnell wie möglich. Er polterte die Holzstufen hinunter, zurück auf die Straße. Dann sah er ihn. Den Mann mit der grauen Windjacke und der grauen Wollmütze. Genau der, der ihn verfolgt hatte, als er mit Nova zusammen war.

Torben wandte ihm den Rücken zu und ging in die entgegengesetzte Richtung. Hatte der Mann ihm nicht ein Zeichen gegeben, näher zu kommen, oder hatte er sich getäuscht?

Was zum Teufel geht hier ab?

Er beschleunigte seinen Schritt, zog sein Handy aus der Hosentasche und wählte Novas Nummer. Kein Netz. In seiner Not versuchte er sogar, Kilian zu erreichen, und stoppte es sofort wieder. Er blickte über seine Schulter. Niemand schien ihm zu folgen. Dennoch begann er zu laufen. Alle Ereignisse der vergangenen Tage rasten wie im Zeitraffer an ihm vorbei. Erneut fragte er sich: Welchen Fehler habe ich gemacht?

Er drehte sich noch einmal um, doch es war kein Mensch auf der Straße zu sehen. Jetzt, am frühen Sonntagmorgen, schliefen die meisten noch.

Du siehst weiße Mäuse!

Er wechselte die Straßenseite und ging am Kanal entlang. Neben einem der Schiffe, die hier angelegt hatten, blieb er stehen und starrte die Häuser an, als ob er von ihnen Hilfe erwarten würde. Sie waren fast ausnahmslos in einem Rosaton gestrichen, der so gar nicht zu seiner Stimmung passte. Ein Zeichen von Trost gab es auch von ihnen nicht.

Plötzlich bog ein Geländewagen um die gegenüberliegende Ecke. Torben begann zu rennen.