KAPITEL 20
NEW YORK CITY
Torben riss die Tür des Taxis auf und sprang hinein.
»Losfahren, sofort!«
Die Taxifahrerin grinste in den Rückspiegel. Betont langsam startete sie den Wagen und rollte los.
»Die beiden Cops haben es nicht auf dich abgesehen, Kleiner.«
Torben drehte sich um und sah aus dem Rückfenster, wie die Polizisten einen dunkelhäutigen Mann aus einem Gebüsch zogen und abführten. Doch der Schock hatte seine Wirkung getan.
So war es also, unter Fahndungsdruck zu stehen. Jetzt konnte er nachempfinden, wie Peter sich all die Jahre gefühlt haben musste, immer auf der Flucht, immer in Angst, entdeckt zu werden.
Während das Taxi über den Asphalt rollte, überlegte Torben, was er nun tun sollte. Er hatte in ein Internetcafé gehen wollen, um Nova ein Lebenszeichen zu geben. Doch jetzt war er zu verunsichert dafür. Er durfte kein Risiko mehr eingehen.
»Zum Claremont Park.«
»Was immer du angestellt hast, ich fahr dich hin, Kleiner.«
Der Claremont Park grenzte an die endlos lange Teller Avenue, die einen recht bürgerlichen Eindruck machte. Zwei- bis dreigeschossige Vorstadtvillen aus rotem Backstein mit ordentlichen Vorgärten reihten sich aneinander. Nur vereinzelt sah man heruntergekommene Holzfassaden mit abgeblättertem Lack, vor denen sich Müllberge und abgewrackte Autos türmten. Die Upperclass wohnte hier nicht gerade, so viel stand fest.
Torben zahlte und stieg aus. Dann schlenderte er zu der Grünfläche, die wie eine Oase in der Bronx wirkte. Weitflächige Rasenstücke erstreckten sich zwischen Bäumen und Büschen, und es gab sogar einen Pool, der aber um diese Jahreszeit noch geschlossen war.
Kilian hatte recht gehabt. Hier fiel Torben nicht weiter auf. Die Menschen waren mit sich selbst beschäftigt und genossen die ersten Frühlingstage. Ineinander verschlungene Pärchen lagen auf Picknickdecken, Mütter sahen von den Parkbänken aus ihren Kindern beim Herumtollen zu. Ein paar Kids spielten Frisbee, wild bellende Hunde jagten Bällen und Stöckchen hinterher.
Torben ließ sich im Schatten eines Ahornbaums nieder. Zwei punkig gekleidete Mädchen lagen nicht weit von ihm entfernt und tranken Bier, während sie sich lachend unterhielten. Der Kontrast zwischen der friedlichen Atmosphäre ringsum und seiner verworrenen Lage hätte größer nicht sein können.
Wieder wanderten seine Gedanken zu Peter, der von Land zu Land geflohen war.
Torben hatte Peter Norris als Gaststudent in Hamburg kennengelernt. Der ehemalige CIA-Agent hatte wahrlich keine rühmliche Geschichte aufzuweisen. Mehr als zwanzig Jahre lang hatte er Operationen der CIA in Lateinamerika geleitet. Sein Auftrag war es gewesen, unliebsame Regierungen zu beseitigen, die sich den wirtschaftlichen Interessen der USA widersetzten. Nachdem er beschlossen hatte, der CIA den Rücken zu kehren, dafür seine Frau und seine Kinder zurücklassen musste, tauchte er in Frankreich unter. Da er keine Mittel hatte, um sein Buch zu schreiben, wäre er fast einem Agenten auf den Leim gegangen. Er jubelte ihm eine Schreibmaschine unter, die mit einem Sender versehen war, und versuchte, ihn nach Spanien zu locken, um ihn von dort zu entführen und in die Staaten zurückzubringen. Als er die Wanzen entdeckte, floh er nach London. Dort versteckte ihn ein Verlag auf dem Land, bis er sein Enthüllungswerk fertig hatte. Nach der Veröffentlichung musste der damalige CIA-Direktor George Bush die wohl größte Schlappe der CIA einstecken und alle Operationen in Lateinamerika abbrechen. Danach floh Peter durch etliche NATO-Staaten und konnte in Deutschland mithilfe einer Scheinehe jahrelang in Ruhe leben.
Torben erinnerte Peter an seinen Sohn. Bei der Flucht aus den USA hatte er ihn dort zurücklassen müssen. Und so wurde Peter Norris eine Art Vaterersatz.
Als es in Deutschland zu eng wurde, floh er schließlich nach Kuba.
Drohte ihm das gleiche Schicksal? Er konnte sich gut an den Tag erinnern, als er den ehemaligen CIA-Agenten in Eppendorf, einem der wohlhabenderen Viertel Hamburgs, besucht hatte. Damals hatte Torben für die Dauer seines Studiums nur zwei Straßen weiter bei einem pensionierten Professor gelebt.
Er war überrascht von Peters großzügiger Wohnung gewesen, von den kostbaren antiken Möbeln und den edlen Teppichen. Der Erfolg als Autor hatte Peter einen gewissen Wohlstand beschert. Sein Enthüllungsbuch war in zwanzig Sprachen übersetzt und gut verkauft worden. Lange hatte Torben in der gut bestückten Bibliothek gestanden, vermutlich eine der weltweit umfangreichsten Materialsammlungen über die Arbeit der internationalen Geheimdienste. Torben war wie berauscht gewesen. Er, der kleine, unbedeutende Student aus Schweden, hatte damals mit unbändiger Neugier vor einem Mann gesessen, der genau wusste, wie Weltpolitik gemacht wird. Wie verlogen die westlichen Mächte agierten. Er war dabei, weitaus mehr zu verstehen als seine Professoren, die nur am grünen Tisch analysierten. Peters Aura und sein Wissen waren so überwältigend gewesen, dass Torben ihm blind vertraute und sich darauf einließ, Peters brisanten Informationen nachzugehen. Informationen, die etwas mit einer Reaktion zu tun hatten, die das eine Prozent schon lange für den Tag X vorbereitet hatte, an dem das Geldsystem kollabieren und Hunderte Millionen Menschen im Westen vor der Armutsgrenze stehen würden. Doch mit einem hatte man scheinbar nicht gerechnet: Dass diese Millionen absolut friedlich ihre Rechte einfordern und mit Zivilcourage, Aufklärung und langem Atem das öffentliche Leben durch Sitzblockaden, Zeltlager und mannigfache Internetaktionen zum Erliegen bringen würden.
Die Wärme machte Torben schläfrig. Er streckte sich im Gras aus und spürte, wie seine Lider schwer wurden.
Die Sonne sank schon dem Horizont entgegen, als er wieder erwachte. Verblüfft sah er zur Uhr. Er hatte fast neun Stunden geschlafen. Der Park hatte sich geleert, nur ein paar Jugendliche saßen noch auf den Bänken und rauchten. Es war fast acht.
Torben rappelte sich auf und durchquerte den Park, bis er wieder auf die Teller Avenue gelangte. Seine letzte Hoffnung ruhte auf Kilian. Nur er konnte ihm helfen, unbemerkt zurück nach Schweden zu kommen.
Als er die Hausnummer 1303 erreichte, war niemand zu sehen. Unschlüssig stand Torben vor einem unauffälligen Eckhaus und sah sich um. Er wusste, dass er trotz der einsetzenden Dämmerung wie ein Wild auf freier Lichtung zu orten war.
Sicherheitshalber wechselte er die Straßenseite und behielt die Haustür im Blick. Endlich erschien Kilian. Er trug einen lässigen schwarzen Anzug und seine unvermeidliche Nerdbrille. Im Laufen winkte er Torben mehrmals zu.
»Hey, Torben, gut, dass du da bist!«
In dem Augenblick rasten zwei Wagen um die Ecke. Wie aus dem Nichts tauchten zwei Männer in Jeans und Lederjacken auf und verstellten Torben den Weg. Das durfte nicht wahr sein! Welch eine Enttäuschung. Kilian hatte ihn offensichtlich ans Messer geliefert.
»Schwedischer Geheimdienst«, stellte sich einer der beiden vor, ein groß gewachsener, breitschultriger Koloss. »Mr. Arnström, bleiben Sie bitte ruhig und kommen Sie unauffällig mit.« Er wirkte angespannt, aber nicht aggressiv.
»Schweden? Ihr seid wirklich Schweden?« Torbens Überraschung folgte Misstrauen, obwohl der Mann seine Muttersprache akzentfrei sprach.
Der Agent schob sein Jackett zur Seite und deutete mit einer Hand auf seine Waffe.
Blanke Panik überrollte Torben. Er stieß den Mann zur Seite, die Pistole fiel krachend zu Boden. Mit voller Wucht trat er dem anderen gegen die Kniescheibe. Der brüllte laut auf und kippte mit schmerzverzerrtem Gesicht nach hinten.
Aus dem Augenwinkel registrierte Torben noch, wie Kilian niedergerissen wurde, während ihm gleich drei Männer Handschellen anlegten. Hatte er ihn doch nicht verraten? Oder wurde hier eine billige Show abgezogen? Nach dem Motto, wir lassen es so aussehen, als wären wir beiden auf die Schliche gekommen?
So schnell er konnte, rannte er wieder in Richtung Park. Torben hörte, wie ihm ein Verfolger immer näher kam.
Er lief schneller. Der Spurt ließ seine Kopfverletzung schmerzen, die er schon fast vergessen hatte. Nein, bis zum Park würde er es nicht mehr schaffen.
Abrupt bremste er ab, ließ seinen Verfolger auflaufen und trat ihm in die Weichteile. Der Mann sank gekrümmt in sich zusammen. Der Typ war fürs Erste schachmatt. Doch der nächste Verfolger war schon in Sichtweite.
Torben rannte über die Straße, auf ein unbebautes, verwildertes Grundstück zu. Er kletterte über einen hohen Drahtzaun, der das Terrain begrenzte, in der Hoffnung, wie schon in Stockholm, durch irgendwelche Hinterhöfe fliehen zu können. Immer wieder rutschten seine Füße an dem rostigen Zaun ab. Verbissen hangelte er sich weiter nach oben, bis er auf die andere Seite springen konnte.
Plötzlich hörte er einen lauten Knall. Ein Schuss! Ein zweiter Schuss schlug in ein verrostetes Ölfass direkt neben ihm ein. Das metallische Geräusch ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. In Todesangst kämpfte er sich durch mannshohes Gebüsch und stinkende Müllhaufen. Er wusste nicht, wohin. Er wusste nur, dass jetzt nicht nur seine Freiheit, sondern auch sein Leben auf dem Spiel stand.
Völlig schockiert saß Kilian im Wagen der schwedischen Agenten. Was hatte er Torben angetan! Es war von Verhaftung die Rede gewesen, nicht von Hinrichtung. Was zum Teufel hatte Torben nur angestellt, dass man auf ihn schoss?
Er hatte Schwierigkeiten, seinen Mageninhalt bei sich zu behalten. Was zur Hölle ging hier ab? Jede Nervenzelle signalisierte ihm, dass er einen riesigen Fehler gemacht hatte. Er war davon ausgegangen, dass es sich nur um einen Hack handelte, für den Torben bestenfalls eine dicke Geldstrafe oder eine erträgliche Haftstrafe bekommen hätte, und verdammt … die hätte er für den dreisten Diebstahl auch verdient. Aber das hier war ja, als hätte Torben …, Kilian würgte, … ja was? Was zum Teufel hatte er mit den Daten gemacht?
Kilian hörte mit, wie die schwedischen Beamten über Funk Kontakt mit ihren Kollegen hielten. Wieder fielen Schüsse. Kreidebleich drückte er sich tiefer in den Rücksitz. Der Beamte neben ihm machte ein besorgtes Gesicht.
»Sie haben ihn doch nicht umgebracht?«, fragte Kilian mit bebender Stimme.
Die Männer antworteten nicht. Der Agent, der den Wagen steuerte, stellte kommentarlos sein Funkgerät ab und startete den Motor.
Eine Weile fuhren sie stumm durch die Straßen, bis der Beamte neben Kilian sein Schweigen brach.
»Sie können nach Hause, Herr Winter. Wir halten uns an die Abmachungen. Sie haben uns sehr geholfen, wofür ich mich im Namen des schwedischen Staats bei Ihnen bedanke. Sollte Herr Arnström entkommen, ist das schließlich nicht Ihre Schuld.«
»Ach, der schwedische Mörderstaat bedankt sich?«, begehrte Kilian auf. »Für Sie ist alles in Ordnung, was? Aber für mich nicht. Wenn Sie mir gesagt hätten, dass Sie meinen Freund wie einen tollwütigen Fuchs abknallen – nie hätte ich mich darauf eingelassen!«
Tiefes Schamgefühl kroch in ihm empor. Was würde jetzt aus ihm werden? Wie sollte er das verkraften? Und … o Gott, was sag ich Nova? Ich kann doch nicht auch noch sie anlügen. Angewidert von sich selbst, senkte er seinen Kopf und starrte auf die Fußmatte.
Er hatte sich benutzen lassen und seinen Freund verraten. Das hatte Torben vermutlich das Leben gekostet.
»Keine Sorge, Herr Winter«, sagte der Mann neben ihm. »Es ist niemand verletzt worden. Wir bringen Sie zum Flughafen.«
Kilian ließ sich nicht anmerken, was er darüber dachte. Nein, er würde sich jetzt nicht einfach entziehen. Er war Torben etwas schuldig. Eine ganze Menge sogar.
Mittlerweile war es stockdunkel geworden. Torben hatte sich hinter einer verwitterten Gartenmauer verkrochen und spähte durch einen Spalt auf die Parallelstraße der Teller Avenue. Das Hemd klebte ihm auf dem Rücken, seine Handflächen waren vom Drahtzaun abgeschürft. Außer ein paar Passanten war niemand zu sehen.
Eine Sekunde später huschte das Licht einer Taschenlampe in den Mauerspalt. Unwillkürlich wich Torben zurück, doch es nützte ihm nichts mehr. Geblendet kniff er die Augen zusammen, als der Lichtkegel direkt auf sein Gesicht traf.
»Verdammt, ich hab ihn!«, hörte er eine raue Männerstimme. Ein kurzes Piepen folgte.
»Nein, ihr habt mich nicht«, raunte Torben, während er einen Schritt rückwärts machte, sich umdrehte und zurück in das Dickicht hastete.
Das herannahende Knattern von Hubschraubern ließ ihn verharren. Wenige Meter von ihm entfernt hörte er Schreie. »Abrechen, abbrechen!«
Plötzlich fielen wieder Schüsse. Über ihm erschienen gleich zwei Hubschrauber und wirbelten Laub, Papier und Sand in die Luft. Grelle Scheinwerfer leuchteten das Gelände aus, das Dröhnen der Rotoren wurde immer bedrohlicher. Aber warum ließ sich plötzlich niemand mehr blicken? Es war unmöglich, dass der schwedische Geheimdienst hier mit Hubschraubern auftauchte.
Vorsichtig pirschte sich Torben wieder an den Mauerspalt heran. Der Mann mit der Taschenlampe war verschwunden. Hatten die Hubschrauber etwa seinen Verfolger in die Flucht geschlagen? Wer machte hier die Jäger zu Gejagten? War er in der Falle? Zwischen zwei Geheimdiensten, die ihm an den Kragen wollten? Wäre es besser gewesen, sich den Schweden zu stellen?
Seine Neugier war größer als seine Vorsicht. Zentimeterweise schob er sich aus dem Mauerspalt heraus und machte einen Schritt auf die Straße. Einen Augenblick später erfassten ihn die Scheinwerfer der Helikopter. Er hörte noch die Rufe einiger Männer, die auf ihn zurannten, dann brach er zusammen. Ein flammender Schmerz in seinem rechten Oberschenkel hatte ihn zu Boden gestreckt. Mit bebenden Fingern ertastete er ein pfeilähnliches Geschoss, das sich durch den Hosenstoff in seine Haut gebohrt hatte. Ächzend zog er es heraus. Es war eine mit Draht ummantelte Glasampulle. Im Schein der Straßenbeleuchtung konnte er darin den Rest einer Flüssigkeit erkennen.
Ihm wurde schwindelig. Schweiß schoss ihm aus allen Poren und lief sein Gesicht herunter. Alles um ihn herum veränderte sich, war nur noch eine einzige flirrende Fata Morgana. Beim Versuch aufzustehen wurde es noch schlimmer. Mit wackeligen Beinen wankte er ein paar Meter vorwärts. Kurz bevor er das Bewusstsein verlor, spürte er einen Stich in seinem Rücken.