KAPITEL 35
WASHINGTON D.C.
Kilian legte das Handy beiseite, mit dem er telefoniert hatte, und sah dem Kellner zu, wie er das Frühstück servierte. Hungrig biss er in einen Käsetoast. Trotz aller beunruhigenden Neuigkeiten hatte er einige Stunden geschlafen. Gleich nach dem Aufstehen hatte er sich mit seinem Laptop in den Frühstücksraum gesetzt und weitere Details über Mkultra recherchiert. Er dehnte seine Glieder. Rogans Informationen hatten sich als Glücksfall erwiesen.
Verschlafen kam Nova in den Frühstücksraum, der mit seinen goldgelben Seidentapeten und den cremeweißen Chippendalemöbeln eine altmodische Eleganz ausstrahlte. Sie zog an ihrer engen schwarzen Jeans, der Saum war von Metallnieten verziert, und ihr bunt gescheckter Pullover war etwas faltig, weil sie ihn in Stockholm in Windeseile in die Tasche gestopft hatte.
Der Raum war erfüllt von den Tischgesprächen der anderen Gäste und dem übermütigen Lachen einiger Kinder, die Verstecken unter dem Buffet spielten. Alles sieht so friedlich, so harmlos aus, dachte Kilian. Nichts deutete darauf hin, dass draußen auf den Straßen ein erbitterter Kampf tobte.
Nova setzte sich ihm gegenüber und sah neugierig zu seinem Laptop. »Guten Morgen Kilian. Und? Etwas herausgefunden?«
»Ja, allmählich komplettiert sich das Bild. Es gibt wieder Hoffnung.«
Mit einem Seufzer der Erleichterung nahm sich Nova ein Croissant. »Ich bin so froh, dass dieser Rogan uns nun doch hilft«, sagte sie kauend. »Wie geht es weiter?«
Unbeweglich starrte Kilian auf seinen Laptop. Er wusste nicht, wie er Nova die Situation erklären sollte, ohne sie allzu sehr zu beunruhigen.
»Rogan ist ziemlich sicher, dass Torben ausschließlich wegen seines Hacks abgefischt wurde.«
»Und das nennst du eine positive Entwicklung?«
Nova ließ ihr Croissant sinken und schaute ins Leere. Wenig war von der kecken, aufbrausenden jungen Frau übrig geblieben, die sich mit unerschütterlichem Optimismus in jeder Lebenslage zurechtfand. Eigentlich war eher Kilian derjenige gewesen, der seine Zweifel kultivierte und überängstlich war, er, der geborene Opportunist. Nun schienen sie die Rollen getauscht zu haben. Jetzt war es Nova, die den Kopf hängen ließ.
»Hey, das wird schon«, beschwichtigte er sie. »Wir werden Torben bestimmt aufspüren. Vergiss nicht, Rogan hat immer noch ein fantastisches Netzwerk. Jedenfalls hat ihn das FBI nicht hochgehen lassen, obwohl er schon mal auf der Fahndungsliste stand. Das einzige Risiko ist die CIA.«
»Sehr beruhigend. Geht’s noch? Die haben mehr Leichen im Keller, als das Jahr Sekunden hat.«
»Na, ganz genau wissen wir es ja noch nicht. Eine öffentliche Anfrage erübrigt sich leider bei diesem Fall. Rogan wird weiter verdeckt ermitteln.«
Grübelnd zerbröselte Nova den Rest ihres Croissants. »Wieso eigentlich? Wenn wir Torbens Verschwinden an die große Glocke hängen, bekommt das Ganze doch eine politische Dimension. Dann treten die Diplomaten auf den Plan, die schwedische Regierung macht Druck, und Torben bekommt ein ordentliches Gerichtsverfahren!«
»Träum weiter, Bambi. Ausgerechnet du glaubst an die Segnungen des Rechtsstaats?«
Er drehte den Laptop zu Nova, sodass sie den Text lesen konnte, der auf dem Monitor zu sehen war. Es handelte sich um den Artikel eines britischen Journalisten, der sich mit psychologischer Kriegsführung beschäftigte, unter der Headline »Das Erbe von Mkultra«.
Mit wachsender Bestürzung überflog Nova die Zeilen. Dann richtete sie ihre Augen auf Kilian. »Diese neuartigen Waffensysteme, die im Golfkrieg und bei Demonstrationen in Bahrain und Syrien zum Einsatz gekommen sind – meinst du etwa, dass sie die jetzt hier in den USA anwenden?«
»Tja«, Kilian nahm seine Brille ab und putzte sie umständlich mit der Serviette, »dem lieben Uncle Sam ist einiges zuzutrauen.«
Er setzte seine Brille wieder auf und klickte einen weiteren Artikel an. Es war die Top-News der New York Times vom Morgen.
»Stromunfall an der Wall Street löst Panik aus«, murmelte Nova und sah kurz auf, bevor sie den Text zu Ende las.
Kilian winkte den Kellner heran, der gerade an ihrem Tisch vorbeiging.
»Einen Cappuccino, einen Schinkentoast und einen frisch gepressten Orangensaft für die Lady, bitte.«
Nova grinste. »Das war jetzt, als wären wir verheiratet. Danke.«
»Und? Was hältst du von dem Artikel?«
»Irgendwie gruselig, aber was ist, wenn es wirklich nur ein Unfall war?«
Statt einer Antwort klickte Kilian eine Seite an, die sich mit Stromunfällen beschäftigte. Gemeinsam beugten sie sich über den Monitor und lasen.
Kilian war als Erster fertig. »Ich bin kein Physiker, aber keine der beschriebenen Störfälle mit Stromgeneratoren wirkte sich so aus wie gestern im Financial District. Verstehst du? Die Leute waren paralysiert! Sie hatten plötzlich Panik! Das muss wie Psychofolter gewesen sein!«
»Hm. Diese Waffen gibt es doch schon länger …«
»Ja, aber sie wurden noch nie bei Demonstrationen eingesetzt. Überleg mal. Die Herrschaften bekommen allmählich kalte Füße. Auf den Straßen ist der Teufel los. Was, wenn ein Aktivist einen Sprengsatz in die New Yorker Börse schmeißt? Oder wenn Zehntausende den Amtssitz des Präsidenten stürmen? Noch mal können die nicht auf Demonstranten schießen. Da sind elektrische Felder, die die Leute beeinflussen, schon wesentlich eleganter. Keine Panzer, keine Schüsse, keine Toten.«
»Du meinst – Gehirnwäsche?« Nova hatte ihre Stimme gesenkt.
In diesem Augenblick flutete das Sonnenlicht den Raum, und ihre Iris leuchtete in einem intensiven Blau, das Kilian schon immer fasziniert hatte.
»Ich weiß, das klingt ein bisschen nach James Bond«, gab er zu. »Aber Rogan ist überzeugt, dass Mkultra weiterverfolgt wurde. Keine Ahnung, wie weit die damit sind. Gedankenbeeinflussung, der Schleichweg ins Unterbewusstsein – richtig vorstellen kann ich mir das nicht. Es sei denn, man verabreicht Psychopharmaka, was bei Menschenmassen wie im Financial District natürlich nicht infrage kommt.«
»Wer weiß, vielleicht kippen die bei Starbucks neuerdings Psychodrogen in den Cappuccino.«
Der Kellner kam und servierte ihr das Frühstück. Grinsend deutete sie auf den schaumgekrönten Cappuccino.
»Da kommt ja schon meine tägliche Dosis.«
Kilian musste lachen. Er stopfte sich den Rest seines Käsetoasts in den Mund, während er mit der anderen Hand die Begriffe Gedankenkontrolle und psychische Manipulation in das Suchfenster eingab.
»Boah, das ist ja der reinste Horror.« Er nahm seine Serviette und betupfte sich die Lippen. »Hör mal, was hier steht. Der Wissenschaftler Edgar Schein hat untersucht, dass nur brutale Gewalt das Ich zerbrechen kann. Er vergleicht die Inquisitionsfolter, die chinesische Gedankenreform und die stalinistischen Schauprozesse mit den erzwungenen Geständnissen von Guantanamo!«
Nova trank einen Schluck Cappuccino. Den Toast ignorierte sie. »Aber hier geht es doch viel raffinierter zu! Großer Gott, stell dir vor, sie könnten wirklich mit einer Strahlenwaffe Demos auflösen!«
»Technisch möglich wäre das bestimmt«, überlegte Kilian laut und fing wieder an zu lachen.
Nova sah ihn verdutzt an. »Was ist denn jetzt?«
»Wenn ich mir so mein eigenes Leben anschaue, frag ich mich, inwieweit mein Vater und mein ganzes Umfeld mich gedanklich indoktriniert haben. Dazu waren nicht mal irgendwelche Maschinen nötig.« Schmunzelnd stützte er das Kinn auf die gefalteten Hände. »Hat immerhin funktioniert.«
»Und wie gut! Der angepasste, brave Sohn, der keine Fragen stellte.«
Sie zwinkerte Kilian zu und widmete sich ihrem Frühstück, als dessen Handy auf dem Tisch vibrierte.
»Rogan?«
»Junge, ich wollte dir nur sagen, dass ich mit etwas Glück morgen an jemanden von der CIA rankomme. Such du weiter nach den Forschungen im abgesprochenen Bereich.«
Etwas ratlos starrte Kilian auf den Laptop. »Ich habe schon den ganzen Morgen damit verbracht und bin auf nichts gestoßen, was mich zu Torben bringt. Wonach soll ich genau suchen?«
»Schau mal, ob du etwas über Black Budgets oder sonstige Vorfälle findest, die auf ein neues Programm hindeuten könnten.«
»Rogan, es gibt nichts im Netz. Nur ein paar Experimente mit eingepflanzten Elektroden im Hirn, um Schwerstgelähmten die Kommunikation zu ermöglichen – Stephen Hawking lässt grüßen. Ach ja, und außerdem kann man neuerdings Waffen durch Gedanken steuern.«
»Frag dich immer: Cui bono? Wem nützt es? Achte darauf, wer die Forschungsprojekte bezahlt.«
»Hm.« Kilian klickte fieberhaft die einzelnen Artikel durch, die er bei seinen Recherchen aufgerufen hatte. »Warte mal, hier ist es. Die gedankengesteuerten Waffensysteme wurden von privaten Unternehmen erforscht, aber mit Geldern der CIA finanziert.«
»Sehr gut«, lobte Rogan ihn. »Das sind die verräterischen Spuren. Schau nach einzelnen Forschern, besonderen Ereignissen oder Verknüpfungen. Streng dich an. Wir sehen uns morgen.«
»Kilian, hör mal!« Nova stupste ihn an.
In der Ecke des Hotelrestaurants stand eine halbrunde Bar, die mit Furnierholz verkleidet war. Darüber hing ein Fernseher, auf dem der Nachrichtensender CNN lief, allerdings sehr leise. Es waren die Bilder, die Novas Aufmerksamkeit geweckt hatten, eine Guy-Fawkes-Maske und der Untertitel: Schlag gegen Anonymous.
Wie auf Kommando standen sie beide auf und gingen zum Fernseher.
… das FBI bestätigte unterdessen, dass es sich bei einem der in der vergangenen Nacht verhafteten Anonymousaktivisten um den wegen Cyberterrorismus gesuchten Commander Zero handelt. Man vermutet, dass er für ein Sabotageprogramm verantwortlich ist, das seit Tagen das hohe Datenaufkommen in Teilen des Internet-Backbones verursacht. Ziel der Attacke waren die Domain-Name-System-Server.
Nova stieß Kilian mit dem Ellenbogen an. »Aber das war doch Torbens Superprogramm!«
Kilian legte einen Finger an die Lippen und hörte weiter zu.
… für Duke Calligan, den Leiter der Abteilung Computerkriminalität des FBI, ist dies nur der guten Kooperation zwischen CIA und NSA zu verdanken. Man habe Schaden für die Allgemeinheit verhindern können und …
Verwirrt sahen Nova und Kilian einander an.
Nova fing sich als Erste. »Denkst du, wir sind wirklich auf der richtigen Spur?«