KAPITEL 3

STOCKHOLM

Auf dem Weg ins Kino überschlugen sich Torbens Gedanken. Den roten Ordner hatte er mitgenommen. Am Nachmittag würde er einen Schlüsseldienst organisieren, um ein Sicherheitsschloss einbauen zu lassen. Das hätte er längst tun sollen. Doch er war sich ganz sicher gewesen, dass niemand von seiner Arbeit wusste. Im Inner Circle der Szene war er für seine ausgefallenen Ideen bekannt, sogar ein bisschen berühmt. Doch in dieser Szene war es undenkbar, irgendwo einzubrechen oder jemanden unter Druck zu setzen. Man kooperierte, anders als in den Chefetagen. Also musste jemand aus einer ganz anderen Ebene hinter ihm her sein. Das Gefühl, ausgespäht worden zu sein, weckte all seine Sinne.

Immer wieder sah er sich um, ob ihnen jemand folgte. Doch die Straße war menschenleer. Es hatte wieder zu schneien begonnen. Bei dem Matschwetter ging ohnehin niemand freiwillig nach draußen.

Nova spürte Torbens Angst und versuchte, ihn abzulenken.

»Sag mal, was denkst du, wie haben Anonymous den neuesten Hack bewerkstelligt?«

»Möglicherweise haben sie die Sicherheitscodes der Satelliten geknackt«, antwortete Torben und verfiel wieder in seine Grübeleien.

Genau diesen Weg musste er gehen, um in den Fuchsbau, in die Datenbanken zu kommen, von denen Peter sprach. Aber das war mehr als riskant. Er erinnerte sich an das letzte Gespräch mit Peter Norris, seinem väterlichen Freund. Vor zwei Monaten war er nach Kuba geflogen und seither nicht mehr aufgetaucht. In der Szene kursierten Gerüchte, er sei ermordet worden. Am Vorabend der Reise hatten sie noch zusammengesessen und über die Entwicklungen im Netz diskutiert.

Torben rief sich Peters Worte ins Gedächtnis: Wenn du wissen willst, wer da angreift und was er wirklich vorhat, musst du seine Angst und seine Überzeugungen verstehen lernen. Selbst die finstersten Pläne werden irgendwo aufgezeichnet und dokumentiert. Du hast das Zeug dazu, mehr rauszubekommen, aber viel Zeit bleibt nicht mehr. Ich werde dir nach meiner Rückkehr dabei helfen.

Nova blieb unvermittelt stehen und hauchte ihre kalten Finger an. »Willst du mir nicht langsam mal sagen, warum du dich seit Wochen nur noch in deinem Büro verkriechst und wieso sich jemand die Mühe machen sollte, dir hinterherzuspionieren?«

Torben zögerte, schaute nach rechts und links.

»Was ist los Torben? Komm runter, wir sind allein!«

Er versuchte, sich zusammen zu reißen. Er konnte nicht länger alles mit sich selbst ausmachen, wenigstens Nova sollte etwas von dem erfahren, was Peter ihm gesteckt hatte.

»Erinnerst du dich noch an Peter?«

Ungeduldig trat Nova von einem Fuß auf den anderen. Ihre dünne Lederjacke schützte sie kaum vor der eisigen Kälte, und ihr rotes Haar war von Schneeflocken übersät.

»Wie könnte ich deinen dubiosen Mentor vergessen? Soweit ich weiß, ist er seit einiger Zeit von der Bildfläche verschwunden. Oder hast du Kontakt zu ihm?«

Sie setzten sich wieder in Bewegung. Die Schneeflocken zerschmolzen auf Torbens erhitzten Wangen wie Eiswürfel in der Mikrowelle.

»Nein«, erwiderte er. »In einigen Blogs heißt es, er sei tot. Und da er sich sonst regelmäßig meldet …« Die Stimme versagte ihm. Peter war wie ein Vater für ihn.

Mitfühlend legte Nova einen Arm um Torbens Schulter. »Tot? Wie jetzt – tot? Einfach so gestorben oder …«

Sie beendete den Satz nicht. Torben zog nur die Schultern hoch.

»Du hast mir nie gesagt, wie ihr zusammengekommen seid.«

»Das spielt jetzt keine Rolle! Wichtiger ist, was ich von ihm erfahren habe!«

Peter Norris hatte Torben von einigen hochbrisanten Plänen der CIA erzählt. Nach seinem Ausscheiden aus der Organisation hatte er kaum noch Zugang zu aktuellen Informationen gehabt, und vor allem besaß er nicht Torbens Fähigkeiten, sich diese Informationen über einen digitalen Einbruch zu beschaffen. »Ein bestimmtes Projekt hat ihm besondere Sorgen bereitet. Dabei geht es angeblich um ein ominöses Überwachungsprogramm, aber da war noch mehr. Doch bevor er mich in nähere Details einweihen konnte, war er vielleicht schon tot.«

Stumm schlenderten sie an kleinen Cafés und Geschäften vorbei. Der Neuschnee dämpfte ihre Schritte auf dem Bürgersteig.

»Wie konntest du nur so jemandem vertrauen?«, fragte Nova nach einer Weile.

Torbens Miene verfinsterte sich. Er mochte es nicht, wenn man seinen väterlichen Freund in Zweifel zog.

»Er hat eben lange geglaubt, dass diese Dinge wirklich im Interesse seines Landes seien. Denkst du etwa, diese Agenten sind alle Verbrecher? Die sind auch nur Opfer einer Ideologie. All diese Doktrinen und falschen Informationen wurden ihnen doch von Kindesbeinen an eingeimpft. Peter meinte, jetzt würden Dinge ans Tageslicht kommen, die alle zum Aufwachen zwingen. Ich sollte die Memoiren von einst wichtigen Wegbereitern einer Ideologie lesen, die sich erst jetzt richtig entfalten würde. Walter Lippmann oder Edward Bernays.«

»Torben, was soll ich damit anfangen? Wer waren diese Freaks?«

»Diese Freaks haben die Grundlagen dafür gelegt, wie die Massenmedien unser Hirn mit oberflächlicher Scheiße vollpumpen, wie man eine Demokratie vorgaukelt, die in Wirklichkeit vor allem die Interessen einer Elite vertritt, die mit ihrer Profitgier alle gemeinschaftlichen Lebensgrundlagen zerstört. Ach ja, das nennt man ja Privatisierung!«

»Das Internet – das Mekka der Transparenz …«

»Warum nicht? Mit seiner Hilfe kann entschieden werden, ob wir in eine Diktatur abrutschen oder in eine neue Zeit, in der sich die alten Lager von links und rechts auflösen und wir endlich über die Dinge so reden, wie sie wirklich sind. Gerechtigkeit und so … du weißt schon.« Torben war erleichtert, mit seinem Lieblingsthema seine düsteren Gedanken vertreiben zu können. »Das Netz ist Himmel und Hölle zugleich. Wie auch immer. Ohne Peter komme ich nicht an das konkrete Projekt heran, vor dem er uns warnen wollte. Er hatte einfach zu wenig Zeit, um mir wenigstens seine Vermutungen verdeutlichen zu können. Alles war …«

Torben zuckte zusammen. Als hätte er es die ganze Zeit gespürt: An der Ecke stand ein Mann, der ihn mit seinen Blicken zu verfolgen schien. Er nahm Nova bei der Hand und zog sie mit sich.

»Komm, lass uns schneller gehen, der Film fängt gleich an.«

Was sollte das denn? Nova konnte sich nicht daran erinnern, dass Torben sie jemals an die Hand genommen hatte. Ein kurzer Blick über ihre Schulter genügte, um sein merkwürdiges Verhalten zu erklären. In einigem Abstand folgte ihnen ein Mann. Er sah so durchschnittlich und so unauffällig aus, dass er schon wieder auffallend war: graue Winterjacke, graue Wollmütze, schwarze Aktentasche. Er drehte den Kopf weg und wechselte die Straßenseite, als Torben ihn musterte.

Verdammt noch mal, sah er Gespenster? Oder hing das alles zusammen – der Einbruch in seinem Büro, der graue Verfolger, sein Superprogramm und Peters düstere Andeutungen? Ein Gefühl der Ohnmacht übermannte ihn. War seine ganze Arbeit umsonst gewesen? War es ein Fehler gewesen, Peter blind zu vertrauen? Bevor er das nicht herausgefunden hatte, würde er nicht mehr ruhig schlafen können. Irgendwie musste er an Peters Daten kommen. Doch nach dem letzten Angriff von Anonymous würde alles noch schwieriger werden. Die Sicherheitsvorkehrungen wurden täglich verschärft, und das Risiko aufzufliegen stieg von Stunde zu Stunde.

»Torben, hallo! Wir sind da.«

Torben zog sie schnell ins Foyer des Kinos. Er betrachtete sie schwer atmend.

»Du hast ihn auch gesehen, stimmt’s?«

»Wen denn?«

»Den grauen Typen, der uns gefolgt ist.«

Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Was redest du da? Ich glaube, dass du langsam in eine Riesenscheiße rutschst und paranoid wirst. Sei vorsichtig, ja?«

In diesem Augenblick erschien der grau gekleidete Mann vor der Eingangstür des Kinos und spähte ins Foyer. Ohne eine Karte zu kaufen, zog Torben Nova zum Kinosaal. Er drückte der Kontrolleurin zwei Hundert-Kronen-Scheine in die Hand.

»Ist ein Notfall«, flüsterte er.

Geduckt steuerte er die hinterste Reihe an und ließ sich in einen Sessel fallen. Er lehnte seinen Kopf an das Sitzpolster. War er wirklich schon paranoid? War sein Projekt vielleicht eine Nummer zu groß für ihn? Oder war am Ende er eine Nummer zu groß für die, die um ihren Einfluss fürchteten? Der Nerd aus Stockholm, der unauffällig im Hinterhof werkelte?

Die Werbespots auf der Leinwand waren noch nicht vorbei. Immer wieder blickte Torben zum Eingang, aber der Mann tauchte nicht auf.