KAPITEL 30
MANHATTAN – RESTAURANT PER SE
June und Torben verließen kurz nach neun Uhr das Hotel, begleitet von den beiden Agenten. Einen Wagen brauchten sie nicht, denn das Per Se lag nur wenige Hundert Meter entfernt vom Mandarin Oriental am Columbus Circle.
Während im Financial District die Hölle los war, ging es hier seelenruhig zu. Die Arbeit war getan, der Feierabend konnte genossen werden, niemand ahnte, was sich fast zeitgleich rund um die Wall Street abspielte.
Vor dem Restaurant angekommen, betrachtete Torben den goldenen Schriftzug über der blauen Holztür. Hier also würde sich sein Schicksal entscheiden. Hier erwartete Clark seine Ergebenheit. Eine weitere Chance würde es nicht geben. Stumm folgte er June Madlow in das Restaurant. Der Maître führte sie unaufgefordert zu einem Tisch im hinteren Teil des Gastraums, die beiden Begleiter nahmen am Nebentisch Platz.
Angespannt hockte sich Torben auf seinen Stuhl. Die Atmosphäre im Per Se glich einer – wenn auch eleganten – Höhle. Dunkle Holzlamellen an den Wänden korrespondierten mit dem braun gemusterten Teppich. Die Stühle aus dunklem Edelholz hatten hellbraune Polster, die Tische waren mit cremefarbenen Decken und futuristisch designtem braunem Porzellan eingedeckt. Auf jeglichen Schmuck hatte man verzichtet. Es gab weder Bilder an den Wänden noch Blumen. Alles atmete das Understatement eines modischen Purismus.
Das Lokal war fast leer. Nur ein junges Paar turtelte am Fenster, und drei Männer in dunklen Businessanzügen, vermutlich Börsenmakler, feierten ausgelassen einen Geschäftsabschluss, wie Torben den Gesprächsfetzen entnahm.
So fühlt es sich also an, Teil dieser Welt zu sein, dachte er. Aber einer wie ich ist bloß ein Zaungast in dieser Enklave der Erfolgreichen, auch wenn man es mir in meinem teurem Anzug nicht ansieht. Und in der Tat: Niemand wäre wohl auf die Idee gekommen, ihn für einen Feind des Systems zu halten.
Wenig später zahlte das junge Paar und verließ mit vergnügtem Lachen das Restaurant, und auch die drei Männer brachen auf. Zu einem Zug durch die Bars, wie Torben aufgeschnappt hatte. Nun waren sie ganz unter sich
Ungeduldig spielte Torben mit seinem Messer.
»Wann kommt der Direktor?«
»Jeden Augenblick.« June reichte ihm die Speisekarte. »Suchen Sie sich schon mal was aus.«
Als Torben die Karte überflog, verschlug es ihm den Atem. Keines der neungängigen Menüs kostete weniger als 600 Dollar. Ihm war allerdings nicht nach einem Festmahl zumute. Sein Magen krampfte sich zusammen bei der Vorstellung, dass ihn womöglich seine Henkersmahlzeit erwartete. Er klappte die Karte zu und schob sie beiseite.
In diesem Moment öffnete sich die Tür. Roy Clark kam mit kraftvollen Schritten auf sie zu. Torben konnte den Ausdruck in seinem Gesicht nicht deuten. Der CIA-Direktor schien gut gelaunt zu sein, woraus Torben schloss, dass er noch nicht den Bericht gelesen hatte, der seine Verbindung mit Peter Norris offenlegte. War überhaupt etwas dran an der bedrohlichen An kündigung von June? Andererseits verstand sich Clark bestens darauf, ein Pokerface aufzusetzen, das hatte er gelernt.
»Guten Abend, Mr. Arnström«, begrüßte er Torben dröhnend. »Ich hoffe, Sie haben sich vom gestrigen Schrecken erholt!«
Er setzte sich und winkte den Kellner heran.
»Einen doppelten Whisky auf Eis. Mit dem Essen warten wir noch.«
»Ich nehme auch einen Whisky«, beschloss Torben. »Wer weiß, wann ich noch einmal die Gelegenheit dazu habe.«
June Madlow bestellte nur ein Soda. Offenbar wollte sie einen klaren Kopf behalten. Zwei Minuten später standen die Getränke vor ihnen. Clark prostete seinem Gefangenen gönnerhaft zu und trank einen großen Schluck.
Torben war verwirrt. Er hatte mit Vorwürfen gerechnet, mit massiven Drohungen. Doch es kam nichts. Der CIA-Boss wirkte sogar recht entspannt.
»Ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Bedenkzeit genutzt haben. Und dass Sie den Schaden wiedergutmachen, den Sie angerichtet haben.«
Um Zeit zu gewinnen, nahm Torben einen großen Schluck. Er stand mit dem Rücken an der Wand. So friedlich, ja, fast freundschaftlich dieses Treffen auch wirkte, er hatte nicht vergessen, welche Strafe ihn erwartete. Aber wenigstens wollte er herausfinden, warum die CIA derart interessiert an ihm war. Er nahm all seinen Mut zusammen und holte tief Luft.
»Was in Gottes Namen habe ich getan, dass mich der Chef des mächtigsten Geheimdiensts der Welt zum Essen einlädt?«
Clarks Antwort kam ohne Zögern. »Sie wurden von einem gewieften Agenten ausgebildet, der offenbar Ihr Potenzial erkannt hat. Das hier ist meine Art, Ihnen zu zeigen, was Sie haben können, wenn Sie für uns arbeiten.«
Also wusste Clark doch bereits alles über seine Kontakte zu Peter Norris. Unaufhaltsam stieg die Angst in ihm hoch. Es war völlig abwegig, was der Mann vermutete.
»Norris hat mich nicht ausgebildet, er war nur mein Professor. Das habe ich schon Ihrer Agentin erklärt. Ich wollte nur wissen …«
»Vergessen Sie’s«, unterbrach ihn Clark so aggressiv, dass Torben erschrocken verstummte. Der CIA-Direktor richtete sich zu seiner vollen Größe auf und stemmte die Hände auf den Tisch. »Jetzt hören Sie mal gut zu, Sie kleiner Widerstandskämpfer. Wir werden die terroristische Bedrohung im Netz nicht länger hinnehmen!«
Schon wieder die alten Sprüche, dachte Torben. Dieses markige Soldatengerede über Krieg und Bedrohung, das zur alten, zur analogen Ära gehörte, war nicht sein Fight, er kämpfte in der virtuellen Welt.
Er beugte sich weit vor und sah Clark fest in die Augen.
»Lustiges Konzept. Sie meinen also, Anonymous könnten mit Informationen Terrorismus betreiben? Wie denn, bitteschön? Die meisten Menschen sind doch zufrieden mit der Entwicklung zu mehr Transparenz. Sie erfahren durch die Aktivisten, was ihre Regierungen anstellen. Angst müssen nur Leute haben, die dunkle Geheimnisse weiter verbergen wollen.«
Clark hatte mit wachsender Entrüstung zugehört.
»Nein, zufrieden sind nur diese Verlierer, die ständig ihr eigenes Versagen auf all jene projizieren, die Verantwortung tragen. Schauen Sie sich in diesem Restaurant um. Glauben Sie denn im Ernst, dass jedem solch ein Luxus zusteht? Nein, nur wer bereit ist, etwas zu leisten, hat einen Anspruch darauf, auf der Butterseite zu leben. Das ist ein Naturgesetz. Sie können es auch Sozialdarwinismus nennen, wenn Sie es etwas feiner ausdrücken möchten. Jetzt müssen Sie sich entscheiden, wohin Sie gehören wollen – auf die Seite der Winner oder auf die Seite der Loser.«
Torben konnte nicht fassen, wie simpel das Weltbild eines der mächtigsten Männer der Vereinigten Staaten war. »Wer spricht denn hier von Luxus? Für die meisten Menschen geht es ums nackte Überleben! Schon mal was von Globalisierung gehört? Von multinationalen Konzernen, Billiglohnländern und Massenentlassungen? Anonymous und Occupy glauben an einen Wandel, der den Kapitalismus in seine Schranken weist!«
June schwieg. Sie spielte mit ihrer Goldkette, drehte sie um die Finger und ließ sie wieder abrollen. Zum ersten Mal meinte Torben, ein gewisses Unbehagen bei ihr auszumachen, so, als würde sie ihre Rolle überdenken.
»Nun, meine Geduld und meine Zeit sind begrenzt«, erwiderte Clark gereizt. »Nur so viel: Die Eliten, die Sie so sehr hassen, garantieren einen gewissen Wohlstand für alle. Hören Sie auf, sich als Retter aufzuspielen. Übernehmen Sie Verantwortung, engagieren Sie sich bei uns! Dann können Sie wirklich etwas bewegen.«
Es war sinnlos. Clark schien es tatsächlich nicht zu kümmern, wie ungerecht die Verteilung der Lasten und Gewinne weltweit war. Sein Job war die Sicherheit seines Landes. Punkt. Weiter konnte und wollte er nicht über den Tellerrand schauen.
Der Kellner erschien, doch Clark schickte ihn weg. Ihm schien nicht der Zeitpunkt gekommen, Torben zu einem Essen einzuladen.
»Nehmen wir mal an, eine Regierung plant eine humanitäre Intervention, um Menschen aus einer Diktatur zu befreien«, dozierte er, während er die Eiswürfel in seinem Whiskyglas kreisen ließ. »Dann veröffentlichen Ihre selbsternannten Helden die Daten für den Angriff während des Einsatzes im Netz. Und das nur, weil eine Minderheit eine demokratische Ent scheidung nicht gutheißt. Abgesehen von den Folgen für die Truppen – ist das noch Demokratie? Wollen Sie das verantworten? Würden Sie stillschweigend zusehen?«
Mist, da hat er verdammt noch mal recht, dachte Torben. Verlegen starrte er an die Decke.
Für Clark schien das Gespräch beendet zu sein. Unauffällig gab er den beiden Agenten am Nebentisch ein Signal. Einer von ihnen nahm sofort sein Handy und ging hinaus.
Torben musste dennoch etwas loswerden. »Wenn zum Beispiel herauskommt, dass der Westen Überwachungssoftware in Unterdrückerstaaten liefert, ist das doch eine wichtige Information. Es darf doch nicht sein, dass wir Diktatoren Instrumente zur totalitären Überwachung verkaufen!«
June Madlow trat unter dem Tisch auf seinen Fuß. Hatte er einen Fehler gemacht? War er zu weit gegangen?
»Schluss jetzt!«, brüllte Clark.
Der Agent kam wieder herein und beugte sich zu seinem Chef hinunter, während er ihm leise etwas zuflüsterte. Abrupt stand der CIA-Direktor auf und drückte dem wartenden Kellner einige Scheine in die Hand.
Ich Idiot, dachte Torben, ich sollte meine Glaubwürdigkeit unter Beweis stellen, und nun habe ich alles vermasselt.
Clark kehrte an den Tisch zurück.
»Die beiden Herren bringen Sie zurück ins Hotel. Morgen werden Sie im Rechenzentrum Robert Miles zur Seite stehen, wenn er beginnt, Ihr Programm zu löschen. Danach werden Sie mir alles über Ihren Auftrag von Peter Norris erzählen. Freiwillig oder gezwungenermaßen, das entscheiden Sie.«
Clarks unverblümte Androhung von Gewalt ließ das Blut in Torbens Adern stocken. Die Farce war vorbei. Der Ausflug nach New York, das teure Hotel und die Einladung ins Per Se waren nur ein Zwischenspiel gewesen. Der Kuschelkurs war beendet. Er musste fliehen, jetzt sofort, bevor man ihn wieder einsperrte.
»Könnte ich bitte zur Toilette gehen?«
»Nur zu«, erwiderte Clark, der gerade June Madlow etwas zuraunte und nicht weiter auf Torben achtete. Auch die beiden Agenten am Nebentisch schienen keine Notiz von ihm zu nehmen.
Günstiger konnte die Gelegenheit kaum sein. Jetzt oder nie!, durchzuckte es Torben. Er stand auf, ging langsam zwischen den Tischen hindurch und wandte sich dann blitzschnell Richtung Ausgang. Das Adrenalin schoss durch seinen Körper, während er blindlings auf die Straße rannte, auf den Kreisverkehr des Columbus Circle zu. Schreiend und winkend stoppte er ein Yellow Cab.
»Fahren Sie einfach los, schnell!« Es war nicht das erste Mal, dass er einem Fahrer begegnete, der keine Fragen stellte.
Die Agenten hatten Torbens Verschwinden sofort bemerkt.
Einer zog seine Waffe und wollte hinterherstürzen, als er von Clark zurückgehalten wurde.
»Wir haben Zeit. Er kann nicht entkommen. Hab ich doch gewusst, dass ihr das nicht hinbekommt …«
Verblüfft drehte der Agent sich um. »Wie meinen Sie das?«
Auch June Madlow war aufgesprungen. Jetzt setzte sie sich wieder und verschränkte amüsiert die Arme. Die Agentin war erfahren genug, um Clarks Gelassenheit richtig zu deuten. Der ganze Abend war arrangiert gewesen, vermutlich gehörten sogar die Kellner und die Gäste zur CIA. In solchen Katz-und- Maus-Spielchen war Clark perfekt. Sie hatte noch nie jemanden kennengelernt, der andere Menschen so gut täuschen konnte. Seine lange militärische Karriere und seine Führungserfahrung machten es ihm leicht.
»Lassen Sie mich raten. RFID?«
Mit einem überheblichen Grinsen setzte sich ihr Boss wieder zu ihr und trank den Rest seines Whiskys aus.
»Er hat nicht viele Optionen. So oder so, heute Nacht läuft seine Uhr ab. Entweder führt er uns zu Norris oder er liefert uns noch ein paar von diesen Aktivisten ans Messer. Arnström ist nichts weiter als ein nützlicher Idiot.«
»Wer übernimmt seine Verfolgung?«, erkundigte sie sich.
»Wilster und sein Team. Sie haben draußen schon auf ihn gewartet.«
»Und was ist, wenn er an einen Rechner kommt und ins Netz geht?
»Ins Netz? Kein Problem, das hat Miles im Griff. Arnström wird sein blaues Wunder erleben, wenn er das tut. Sie können schon mal Ihre Sachen packen, Madlow. Sie fliegen sicher noch in der Nacht mit dem Jungen zurück in den Bunker.«
Das Taxi raste durch die gigantischen Straßenschluchten den Broadway hinunter. Die aufblinkenden Werbeflächen spiegelten sich im Fensterglas des Wagens. Sosehr ihn seine gelungene Flucht auch in Hochstimmung versetzte – er wusste nicht weiter. Wohin sollte er fahren? Er hatte nicht die geringste Möglichkeit, das Land zu verlassen, keine Freunde, kein Geld, kein Pass, nichts als seinen Anzug am Leib.
Er rutschte tief in seinen Sitz, damit man ihn von außen nicht sah. Es gab nur einen Ort, an den er sich flüchten konnte – in den Club Cielo, von dem Jackson gesprochen hatte. Die Adresse hatte er sich gemerkt. Mit reichlich Glück würde er dort Jackson antreffen, und der würde ihm vielleicht helfen unterzutauchen.
Mit leichtem Bedauern streifte Torben die Breitlinguhr vom Handgelenk. Abgesehen davon, dass sie möglicherweise einen GPS-Chip enthielt, war sie das einzig Wertvolle, was er hatte.
Für solch ein Stück würde er sicher um die zweitausend Dollar bekommen, auch wenn sie mindestens das Zehnfache wert war. Das wusste er von Kilians Vater, der solch eine Uhr trug.
»Wissen Sie, ob jetzt noch ein Pfandhaus geöffnet hat?«, fragte er den dicklichen Fahrer, der sich geschickt durch den Verkehr schlängelte.
»Was haben Sie denn zu verkaufen?«, erkundigte sich der Mann mit einem neugierigen Blick in den Rückspiegel.
Torben reichte ihm die Uhr nach vorn. »Sie ist echt, kein billiges Imitat.«
Ohne abzubremsen, begutachtete der Fahrer die Uhr.
»Heute Nacht werden Sie das Ding nicht mehr los, aber lassen Sie mich mal nachdenken.«
Es war für ihn offensichtlich, dass sein Fahrgast in der Klemme steckte. »Wie ein Dieb sehen Sie ja nicht aus«, überlegte er laut. »Gut, ich biete Ihnen dreihundert Dollar.«
Das war eine Unverschämtheit, doch Torben hatte schlechte Karten. Und nicht mal Geld, um das Taxi zu bezahlen.
»Dreihundert Dollar? Machen Sie Witze? So eilig habe ich es nun auch wieder nicht.«
Fordernd hielt er seine Hand nach vorn. Der Fahrer stoppte den Wagen und wühlte lange in seiner Jackentasche. Schließlich zog er ein dickes Bündel Scheine hervor.
»Wenn Sie heute noch ein Geschäft machen wollen, dann nehmen sie die 480 Dollar hier. Mehr hab ich nicht. Die Fahrt gibt’s gratis. Letztes Angebot.«
Torben seufzte tief. »Besser als nichts.« Er griff nach dem Geldbündel, ohne die Scheine zu zählen. »Dann fahren Sie mich jetzt bitte in den Club Cielo.«
Der Taxifahrer grinste. »Ins Cielo? Verstehe. Tja, was tut man nicht alles, um Weiber aufzureißen.«
Torben ersparte sich einen Kommentar. Ermattet lehnte er sich zurück. Noch konnte er kaum glauben, dass seine Flucht tatsächlich geglückt war.
Nach einer Viertelstunde hielt das Taxi in der 12. Straße vor einem dunkelrot gestrichenen Haus. Der Club lag in einem Viertel, in dem sich eine Bar an die nächste reihte. Auf dem Bürgersteig drängten sich Passanten, die durch die Nacht tingelten. Der Fahrer verabschiedete sich breit grinsend. Er hatte das Geschäft seines Lebens gemacht.
»Viel Glück!«, rief er Torben hinterher.
Im Neonlicht des Schriftzugs Club Cielo baute sich ein groß gewachsener, muskulöser Türsteher drohend vor Torben auf, winkte ihn jedoch nach einem kurzen Kontrollblick durch. Der Anzug ist meine Eintrittskarte, dachte er erleichtert. Danke, June.
Im Club wurde er von ravigen Elektrobeats empfangen. Das Cielo war ein relativ unübersichtliches Lokal, deshalb blieb er zunächst einmal an der Schwelle stehen, um sich zu orientieren. Sein Blick schweifte durch eine chillige Clublandschaft, in der sich weiße Ledersessel und Couchen um eine weitläufige Tanzfläche gruppierten. Über die Möbel und die dunklen Wände zuckten gelbe Lichtreflexe. Die Gäste waren auffallend gut gekleidet, man sah Männer in dunklen Anzügen, die ihre Krawatten gelockert hatten, und Frauen in Cocktailkleidern. Die gepflegte Atmosphäre stand in krassem Gegensatz zu dem Schuppen, in den ihn Jackson am ersten Abend geschleppt hatte. Es war noch nicht besonders voll. Von Jackson war nichts zu sehen.
Torben ging an die Bar und bestellte sich einen Wodka Energy, für den der Barkeeper 40 Dollar verlangte. Mit seinem Drink in der Hand setzte er sich auf eines der bequemen Ledersofas neben der Tanzfläche.
Er blieb nicht lange sitzen. An der Rückwand des Clubs hatte er einen schmalen Tresen entdeckt, auf dem einige Rechner standen. Endlich, dachte Torben. Er würde als Erstes ein Lebenszeichen an Nova senden und dann eine letzte Warnung an die Hackerelite schicken. Hastig nahm er sein Glas, ging zu einem der Rechner und klickte das Symbol für das Internet an.
Seiner kurzen Euphorie folgte umgehend die Enttäuschung. Nichts. Keine Verbindung.
»Scheiße noch mal!«
Ein schlanker Barkeeper mit hellblond gefärbten Haaren und schwarzem Hemd ging an ihm vorbei.
»Ist seit einer Stunde offline«, sagte er beiläufig. »Keine Ahnung, wieso, aber angeblich ist das Web in ganz NewYork down.«
»Verdammt, ausgerechnet jetzt.« Ein Zufall war das sicher nicht. Ob die CIA dahintersteckte? War das der Kill switch act?
»Hey, kennen Sie Jackson? So einen großen Farbigen mit grünem Haar?«, rief er dem Kellner hinterher, der schon weitergegangen war.
Der drehte sich um und zog eine Grimasse. »Wenn du diesen schrillen Nigger meinst, der kommt, wann er will.«
Ratlos nippte Torben an seinem Drink. Er brauchte dringend einen Verbündeten. Allein würde er sich ein, zwei Tage in irgendeiner billigen Pension verkriechen können, mehr aber auch nicht. Was sollte er bloß tun?
Gedankenverloren ließ er sein leeres Glas stehen und ging zur Toilette. Zu seinem Erstaunen fand er dort kostenlose Kaugummis, Deosprays und Kondome vor. Merkwürdig, dass ein Freak wie Jackson in so einen Luxusladen ging.
Als Torben zur Tanzfläche zurückkehrte, füllte sich der Laden. Es war kurz nach Mitternacht, aber noch immer war kein Jackson in Sicht. Mit einem Gefühl völliger Hoffnungslosigkeit verließ er den Club und streifte planlos durch das Viertel.
Es blieben ihm nicht mehr viele Möglichkeiten. Eine Fahrt nach Washington, um in die schwedische Botschaft zu gelangen, war zu riskant. Jeder Bahnhof wurde von Kameras überwacht, und per Anhalter würde es zu lange dauern. Außerdem stand er sicher schon wieder auf der Fahndungsliste. Wenn ihn jemand erkannte, würde er im Handumdrehen festgenommen werden.
Ein paar Querstraßen weiter hörte er plötzlich ein rhythmisches Hupen. Im Schritttempo rollte ein schwarzer Cadillac auf ihn zu. Gerade als er weglaufen wollte, drang eine vertraute Stimme an sein Ohr.
»Hey, Mann, es ist sicher besser, wenn du von der Straße wegkommst!«, rief Jackson ihm vom Fond des Wagens aus zu. Torben wusste plötzlich nicht mehr, ob er sich über Jacksons Auftauchen freuen sollte. Ihre letzte Begegnung war von einer Polizeirazzia beendet worden. Doch es war vielleicht der einzige Ausweg.
»Steig schon ein«, fauchte Jackson ihn an. »Oder willst du warten, bis die Bullen kommen?«
Resigniert setzte sich Torben zu ihm auf die Rückbank. Anders als bei ihrer letzten Begegnung war Jackson auffallend teuer gekleidet. Er trug ein schwarzes Ledersakko und darunter schwere goldene Ketten auf der nackten Haut. Vorn am Steuer saß Chui und kaute auf einem Kaugummi herum.
»Wo bist du gewesen, Alter?«, fragte Jackson.
Es blieb Torben nichts anders übrig, als etwas zu erfinden. Hätte er die Wahrheit gesagt, würden sie ihn für verrückt erklären oder an der nächsten Straßenecke wieder rauswerfen. Kontakte zum Geheimdienst, ob freiwillig oder nicht, galten als No-Go in der Hackerszene.
»Nach dieser Scheißaktion bin ich erst mal abgedreht. Ich habe zwar noch Geld, aber wegen der Razzia, die ich dir zu verdanken habe, ist mein Pass weg. Du schuldest mir einen Gefallen, würde ich sagen.«
Jackson musterte ihn verächtlich. »Dass du Geld hast, sieht man, du Spinner. Aber du stehst doch auf der Fahndungsliste. Wenn du willst, dass wir dir helfen, musst du jetzt etwas für uns tun.«
Torben zerrte an seiner Krawatte. Es war ungewohnt, mit Schlips und Kragen herumzulaufen, und ihm war mit einem Mal heiß.
»Ich sag es noch mal, ihr solltet unbedingt alle Aktionen stoppen, wenigstens vorübergehend. Das ist mein voller Ernst. David hat keine Chance mehr gegen Goliath.«
Ohne eine Erklärung hielt Chui in einer dunklen Seitenstraße und blendete das Licht ab.
Was jetzt? Torbens Augen weiteten sich.
Jackson stieg aus, öffnete den Kofferraum und holte ein kleines Gerät mit einem runden Metallbogen heraus.
»Raus mit dir!«, schrie er. »Wir können dir nicht vertrauen. Ich bin mir nicht mehr sicher, in welcher Mannschaft du eigentlich spielst.«
Torben verstand kein Wort. Was sollte dieser Wutausbruch?
»Wo hast du die Wanze?« Jackson zerrte Torben aus dem Wagen, riss ihm das Jackett vom Leib und überprüfte es mit dem Metalldetektor. Das Gerät blieb stumm. Nun ging er auf Torben zu, der verschreckt sein Kleingeld aus der Tasche holte und auf den Cadillac legte. Akribisch strich Jackson mit dem Detektor über Torbens Hose, über seine Schuhe sowie über die Knöpfe seines Hemds. Dann gab er Torben das Jackett zurück.
»Okay, bist sauber.« Er wirkte dennoch verunsichert.
»Shit, seid ihr jetzt endlich fertig?«, forderte Chui durch das geöffnete Wagenfenster. »Dahinten steht ein verdammter Cop!«
Hastig stiegen sie wieder ein und fuhren weiter
»Nachdem wir das geklärt haben, sollten wir überlegen, wie es weitergeht«, sagte Jackson. »Du kannst nicht unerkannt durch die Staaten kommen. Es gibt ein neues Überwachungssystem, das wir noch nicht gecheckt haben. Es ist sehr effektiv. Die Bullen haben sogar Leute von uns erwischt, die sich aufs Land zurückgezogen haben, wo es keine Kameras, kein Internet und keine Drohnen gibt. Trotzdem spürt man sie auf.
»Wie bitte? Wie soll das funktionieren?«
»Die Schweine haben sich irgendwas ausgedacht, was unabhängig vom Netz ist. Es wird eng für uns.«
Torben schluckte. Das galt auch für ihn. »Wo fahren wir eigentlich hin?«
Jackson lehnte sich zurück. »In die geheime Zentrale von Commander Zero – mit anderen Worten: zu mir.«
Jackson war Commander Zero? Torben fiel die Kinnlade herunter. Hinter dem berühmt-berüchtigten Hacker, der absoluten Legende der Szene, verbarg sich dieser Mann mit den grünen Haaren?
»Oder hast du Angst vor der Höhle des Löwen?«