26
»Bitte laß das, Talen!« sagte Bevier. »Steig entweder ganz hinein oder bleib draußen! Es ist erschreckend, deine untere Hälfte so aus dem festen Stein ragen zu sehen.«
»Der Stein ist nicht fest, Bevier.« Als Beweis steckte der Junge die Hand in den Fels und zog sie wieder heraus.
»Na ja, er sieht zumindest fest aus. Bitte, Talen – rein oder raus, aber nicht dazwischen!«
»Spürst du irgend etwas, wenn du den Kopf hindurchstreckst?« wollte Mirtai wissen. »Im Innern ist es ein bißchen kühler«, antwortete Talen. »Es ist eine Art Höhle oder Tunnel. Am hinteren Ende scheint ein Licht.«
»Ist genug Platz, die Pferde hindurchzuführen?« fragte Sperber.
Talen nickte. »Das müßte sich machen lassen, wenn wir hintereinander gehen. Vermutlich wollte Cyrgon das Risiko, daß jemand die Öffnung durch Zufall entdeckt, so gering wie möglich halten.«
»Dann gehe ich als erster«, entschied Sperber. »Am anderen Ende könnte es Wächter geben.«
»Ich werde dir dichtauf folgen.« Kalten steckte seinen Dolch zurück und zog sein Schwert.
»Das ist eine beinahe vollkommene Illusion.« Xanetia berührte das Gestein links von der Öffnung. »Fugenlos und von wirklichem Fels nicht zu unterscheiden.«
»Die Täuschung war gut genug, Cyrga zehntausend Jahre zu verbergen«, meinte Talen.
»Gehen wir hinein«, sagte Sperber. »Ich möchte mich umsehen.«
Mit den Pferden gab es Schwierigkeiten, wie nicht anders zu erwarten. So gut man einem Pferd auch zuredet – es ist nicht bereit, in eine Steinmauer zu steigen. Bevier löste das Problem, indem er den Tieren die Augen verband. Dann führten die Gefährten ihre Reittiere in den Tunnel; Sperber ging an der Spitze.
Der Tunnel war etwa hundert Fuß lang, und da sich die Öffnung am hinteren Ende noch im Schatten befand, blendete das Licht nicht. »Halte mein Pferd«, flüsterte Sperber Kalten zu. Dann schlich er mit gesenktem Schwert auf diese Öffnung zu. Als er sie erreichte, straffte er die Schultern; dann trat er rasch hindurch und schwang die Waffe, um einem möglichen Angriff zuvorzukommen. »Und?« wisperte Kalten heiser. »Nichts. Es ist niemand da.«
Die anderen führten vorsichtig ihre Pferde herbei und heraus aus dem Tunnel. Sie gelangten in eine von Bäumen beschattete Mulde, die mit trockenem Gras bedeckt und mit unzähligen, aufrecht stehenden weißen Steinen übersät war. »Das Tal der Helden«, murmelte Talen. »Was?« fragte Kalten.
»So hat Ogerajin es genannt. Ich würde sagen, es klingt besser als ›Totenacker‹. Offenbar gehen die Cyrgai mit ihren Toten menschlicher um als mit ihren Sklaven.« Sperber ließ den Blick über den riesigen Friedhof schweifen. Dann wies er zur Westseite, wo ein ansteigender Hang das Ende des Friedhofs markierte.
»Gehen wir«, forderte er seine Gefährten auf. »Ich möchte feststellen, womit wir es zu tun haben.«
Sie durchquerten den Friedhof bis zum Fuß des Hanges, banden ihre Pferde an die dort wachsenden Bäume, und stiegen leise und vorsichtig den Hang hinauf. Die Mulde lag um ein gutes Stück niedriger als der Boden der Wüste rundum; in ihrer Mitte befand sich ein verhältnismäßig großer See, der dunkel in den Morgenschatten lag. Winterlich brachliegende Felder umgaben das Gewässer, und ein Wald dunkler Bäume wuchs an den Hängen der Mulde. Das ganze vermittelte den Eindruck strenger Ordnung, als wäre die Natur zu geraden Linien und präzisen Winkeln gezwungen worden. Jahrhunderte brutaler Sklavenarbeit hatten einen ursprünglich zweifellos idyllischen Ort zu einem strengen Abbild des Geistes Cyrgons geformt. Das verborgene Tal war ungefähr fünf Meilen breit, und an seinem Ende stand die Stadt, die zehn Äonen lang verborgen geblieben war. Die Berge ringsum hatten das Baumaterial für ihre Gebäude geliefert. Die Stadtmauer und die Häuser waren aus dem gleichen, bräunlich schwarzen, vulkanischen Basalt errichtet. Die Außenmauern waren hoch und massiv, und ein steiler, kegelförmiger Berg, dessen Seiten dicht mit Häusern bedeckt waren, erhob sich innerhalb der Mauer. Diesen Berg noch überragend trutzte eine weitere steinerne Einfriedung mit schwarzen Rundtürmen auf der einen und in überraschendem Kontrast zum Rest der Stadt – weißen Rundtürmen auf der anderen Seite.
»Das ist wirklich nicht besonders einfallsreich«, bemerkte Bevier kritisch. »Offenbar war der Baumeister nicht gerade mit einem Übermaß an Phantasie gesegnet.« »Phantasie war keiner der besonderen Wesenszüge der Cyrgai, Herr Ritter«, erklärte Xanetia.
»Wenn wir uns dicht an die Muldenseiten halten, könnten wir näher herankommen«, meinte Kalten. »Die Bäume würden uns verbergen. Unten am See wären wir möglichen Blicken ausgesetzt.«
»Wir können uns Zeit lassen«, sagte Sperber. »Entfernen wir uns fürs erste einmal von der Öffnung des Tunnels. Wenn es der einzige Zugang ins Tal oder heraus ist, müßte es doch einigen Verkehr hindurch geben. Ich sehe auf den Feldern dort unten Leute arbeiten – wahrscheinlich Sklaven. Gewiß werden sie von Cyrgai beaufsichtigt, und es könnte auch Patrouillen geben. Versuchen wir erst einmal, uns ein wenig mit dem hiesigen Umfeld vertraut zu machen, ehe wir irgendwelche Fehler begehen, weil wir uns nicht auskennen oder überstürzt handeln.«
Berit und Khalad errichteten zwei Tagesreisen westlich von der Stelle, wo sie die fremdartigen Soldaten gesehen hatten, ihr Lager. Sie gaben den Pferden nur wenig zu saufen, verzichteten auf ein Feuer und aßen kalte Notverpflegung. Khalad sprach kaum und starrte grübelnd hinaus auf die Wüste.
»Hör auf, dir den Kopf zu zerbrechen, Khalad!« ermahnte Berit den Freund. »Ich sehe es vor mir, Berit, aber ich bekomme es einfach nicht zu fassen.« »Möchtest du darüber reden? Keiner von uns wird viel Schlaf bekommen, wenn du dich die ganze Nacht damit herumschlägst.« »Ich denke stumm nach!«
»Nein, tust du nicht. Wir sind schon zu lange beisammen, mein Freund. Ich kann dich denken hören.«
Khalad lächelte schwach. »Es hat etwas mit diesen Kreaturen zu tun.«
»Das hätte ich gar nicht vermutet«, spöttelte Berit freundschaftlich. »Du hast die letzten zwei Tage an nichts anderes gedacht.
Was willst du denn noch über sie wissen, außer daß sie riesenhaft sind, häßlich, furchterregend und daß gelbes Blut durch ihre Adern fließt?«
»Genau das läßt mir keine Ruhe – dieses gelbe Blut. Aphrael sagt, daß es diese Farbe hat, weil die Kreaturen mit ihrer Leber atmen. Und das wiederum kommt daher, daß sie für gewöhnlich keine Luft atmen. Sie kommen hier eine Zeitlang ohne Atemluft aus, doch größere körperliche Anstrengungen erschöpfen sie rasch. Jene Kreaturen, die wir vorgestern gesehen haben, rannten nicht einfach orientierungslos in der Wüste herum. Sie hatten ein ganz bestimmtes Ziel vor Augen.«
»Die Höhle? Du meinst, die Höhle könnte ein rettender Ort für sie sein?«
»Jetzt kommen wir der Sache schon näher«, sagte Khalad angespannt. »Die Peloi sind vermutlich die beste leichte Reiterei der Welt, doch Klæls Soldaten sind fast so groß wie Trolle und können offenbar Verwundungen ertragen, die für uns tödlich wären. Ich glaube nicht, daß sie vor den Peloi davonlaufen.« »Nein. Sie versuchen, vor der Luft wegzulaufen.«
Khalad schnippte mit den Fingern. »Das ist es!« rief er. »Deshalb rennen sie so unvermittelt zu diesen Höhlen zurück. Sie verstecken sich nicht vor den Peloi. Sie verstecken sich vor der Luft.« »Luft ist Luft, Khalad – ob im Freien oder in einer Höhle.«
»Das glaube ich nicht, Berit. Ich bin sicher, Klæl hat diese Höhle mit jener Art von Luft gefüllt, die seine Soldaten zu atmen gewohnt sind. Er kann nicht die Luft der ganzen Welt verändern; denn das würde die Cyrgai ebenso wie uns töten, und das würde Cyrgon nicht zulassen. Er kann jedoch eine Höhle mit dieser anderen Art von Luft füllen. Es wäre der perfekte Ort! In sich geschlossen und mehr oder weniger luftdicht. Sie bietet diesen Ungeheuern eine Zuflucht, in die sie sich begeben können, wenn sie Atembeschwerden bekommen. Sie können sich in der Höhle erholen, wieder zu Kräften kommen und sich dann wieder in den Kampf stürzen. Gib das rasch weiter, Berit. Aphrael kann den anderen mitteilen, weshalb Klæls Soldaten sich in diesen Höhlen verstecken.«
»Ich weiß zwar nicht, was es uns nutzen sollte, aber ich gebe ihr Bescheid«, versprach Berit skeptisch.
Khalad lehnte sich mit einem breiten Grinsen auf die Ellbogen zurück. »Du denkst nicht mit, Berit! Wenn einem irgendwas Probleme macht und dieses irgendwas sich in einer Höhle verkriecht, muß man es nicht hinein verfolgen. Man braucht bloß dafür zu sorgen, daß der Eingang zusammenkracht. Sobald diese Kreaturen darin in der Falle sitzen, können wir sie vergessen. Wie wär's, wenn du Aphrael das berichtest. Schlag vor, daß sie den anderen rät, jede Höhle zum Einsturz zu bringen, auf die sie stoßen. Aphrael braucht es nicht einmal selbst zu tun.« Wieder runzelte er die Stirn. »Was hast du jetzt wieder?«
»So wird es nicht gehen«, antwortete Khalad nachdenklich. »Diese Bestien haben so gewaltige Kräfte, daß man einen ganzen Berg über ihnen einstürzen lassen könnte, und sie könnten sich trotzdem immer noch einen Weg hinaus graben. Und da ist noch etwas … aber ich kann es in Gedanken noch nicht richtig greifen.« Er hob eine Hand. »Ich komme schon noch darauf«, versprach er, »und wenn ich die ganze Nacht dazu brauche.« Berit stöhnte.
»Ich habe beschlossen, mit Euch zu kommen, Bergsten-Priester«, sagte Atana Maris stockend in holprigem Elenisch. Sie war zur Spitze ihrer Kolonne gerannt, als sie sich etwa fünf Tagesreisen südlich von Cynestra befanden.
Bergsten unterdrückte eine Verwünschung. »Wir sind eine Armee auf dem Vormarsch, Atana Maris«, versuchte er ihr auf diplomatische Weise zu erklären. »Wir wären nicht in der Lage, Euch geziemende Behaglichkeit und Sicherheit zu bieten, wenn wir für die Nacht anhalten.«
»Behaglichkeit? Sicherheit?« Sie blickte Neran, den Dolmetscher, verwirrt an. Neran erklärte es ihr offenbar ausführlich auf Tamulisch, woraufhin das Mädchen in schallendes Lachen ausbrach.
»Was ist so komisch, Atana?« erkundigte Bergsten sich mißtrauisch.
»Daß Ihr Euch darüber Sorgen macht, Bergsten-Priester. Ich bin Kriegerin. Ich kann mich durchaus gegen jeden Eurer Soldaten verteidigen, die mich zu sehr bewundern.«
»Warum habt Ihr Euch entschlossen, uns zu begleiten, Atana Maris?« fragte Heldin. »Mir ist etwas eingefallen, nachdem ihr Cynestra verlassen hattet, Heldin-Ritter«, antwortete sie. »Seit Wochen steht mir der Sinn danach, Itagne-Botschafter zu suchen. Ihr begebt Euch zu dem Ort, an dem er sein wird; deshalb komme ich mit Euch!«
»Wir könnten ihm eine Botschaft von Euch übermitteln, Atana. Ihr braucht wirklich nicht die Strapazen des langen Weges auf Euch zu nehmen.«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Heldin-Ritter. Es geht um etwas Persönliches zwischen Itagne-Botschafter und mir. Als er in Cynestra gewesen ist, war er sehr freundlich zu mir. Dann mußte er fort, aber er sagte, er würde mir schreiben. Er hat es nicht getan. Nun muß ich zu ihm, um mich zu vergewissern, daß es ihm gut geht.« Ihre Augen wurden plötzlich hart. »Und wenn es ihm gut geht, muß ich wissen, ob er nicht mehr freundlich zu mir sein will.« Sie seufzte. »Ich hoffe sehr, daß sich seine Gefühle für mich nicht geändert haben. Ich möchte ihn nicht töten müssen.«
»Ich will nichts damit zu tun haben!« sagte Gahenas abrupt. Sie erhob sich und bedachte die anderen mit mißbilligendem Blick. »Ich wäre bereit gewesen, mich euch anzuschließen, wäre es darum gegangen, Cieronna auf ihren Platz zu verweisen, aber ich lasse mich nicht in einen Hochverrat hineinziehen!«
»Wer sagt etwas von Hochverrat, Gahenas?« versuchte Chacole sie zu beruhigen. »Unser Gemahl wird nicht wirklich in Gefahr geraten. Wir sollen nur so tun, als gäbe es ein Komplott gegen ihn – und wir werden für genügend Hinweise sorgen, die Cieronna als Urheberin hinstellen. Falls Sarabian etwas zustoßen sollte, käme der Kronprinz auf den Kaiserthron, und Cieronna würde Regentin – worüber wohl keine von uns erfreut wäre. Nein, wir werden ihr Komplott aufdecken, bevor wirklich etwas passiert. Dann werden Cieronnas Ränkespiele endlich durchschaut. Sie wird zur Verantwortung gezogen, und wir brauchen nie mehr vor ihr auf die Knie zu fallen.« »Es ist mir egal, wie Ihr es entschuldigen wollt«, stellte die teganische Kaiserin kategorisch fest, »für mich ist das Aufwiegelung zum Hochverrat. Ich werde Euch im Auge behalten, Chacole! Zieht sofort Eure Spitzel zurück und gebt Euren schändlichen Plan auf! Wenn nicht …« Gahenas ließ den Rest des Satzes auf drohende Weise ungesagt, drehte sich um und schritt davon.
»Ihr seid das sehr ungeschickt angegangen, Chacole.« Elysoun wählte eine kandierte Frucht aus der Silberschale auf dem Tisch. »Sie hätte vielleicht mitgemacht, hättet Ihr die Einzelheiten für Euch behalten. Sie brauchte wirklich nicht zu wissen, daß Ihr tatsächlich Eure Meuchler ausschicken würdet. Ihr wart Euch ihrer noch nicht ganz sicher und seid zu schnell vorgegangen.«
»Mir läuft die Zeit davon, Elysoun!« Chacoles Tonfall verriet Verzweiflung.
»Ich verstehe diese Eile nicht«, entgegnete Elysoun. »Wieviel Zeit habt Ihr denn heute gespart? Die teganische Vettel wird von jetzt an jeden Eurer Schritte überwachen! Ihr habt einen großen Fehler begangen, Chacole! Jetzt bleibt Euch nichts anderes übrig, als sie zu töten!« »Töten?« Chacole wurde kreidebleich.
»Es sei denn, es beunruhigt Euch nicht sonderlich, einen Kopf kürzer gemacht zu werden. Ein Wort von Gahenas kann Euch auf den Richtblock bringen. Ihr seid nicht für die Männerpolitik geschaffen, Liebes. Ihr redet zuviel!« Elysoun erhob sich lässig. »Wir können später darüber diskutieren. Jetzt wartet erst einmal ein eifriger Gardist auf mich, und ich möchte nicht, daß sein Feuer abkühlt.« Sie schwebte davon. Elysouns scheinbare Gleichmütigkeit verbarg ihre Besorgnis und ihre große Eile. Chacoles cynesganische Erziehung hatte sie allzu durchschaubar gemacht. Sie hatte sich des Hasses von Sarabians anderen Gemahlinnen gegenüber Kaiserin Cieronna bedient. Dieser Teil ihres Planes war durchaus klug und durchdacht, doch die gekünstelte, ein wenig verwickelte Geschichte, einen Anschlag vorzutäuschen, war auf lächerliche Weise zu übertrieben vorgetragen worden. Ganz offensichtlich war nicht beabsichtigt, das Attentat fehlschlagen zu lassen, wie Chacole und Torellia so scheinheilig behaupteten. Elysoun beschleunigte ihre Schritte. Sie mußte sofort ihren Gemahl aufsuchen, um ihn zu warnen, daß sein Leben sich in unmittelbarer Gefahr befand.
»Xanetia!« Kalten fuhr erschrocken zurück, als die Anarae an diesem Abend urplötzlich in ihrer Mitte erschien. »Könnt Ihr nicht wenigstens hüsteln oder Euch anderweitig bemerkbar machen, bevor Ihr so unerwartet auftaucht?«
»Es lag nicht in meiner Absicht, Euch zu erschrecken, mein
Beschützer«, entschuldigte sie sich.
»Meine Nerven sind zur Zeit nicht die besten«, gestand er.
»Hattet Ihr Glück?« erkundigte sich Mirtai.
»Ich konnte viel erfahren, Atana Mirtai.« Xanetia machte eine Pause, um ihre Gedanken zu sammeln. »Die Sklaven werden nicht sehr streng bewacht«, begann sie. »Cynesganische Aufseher sind für sie zuständig; denn so niedrige Arbeiten sind unter der Würde eines Cyrgai. Die Wüste selbst hält die Sklaven gefangen. Jene, die so töricht sind, einen Fluchtversuch zu wagen, verschmachten unweigerlich in dieser kahlen Öde.«
»Wie sieht es mit dem hier üblichen Ablauf aus, Anarae?« fragte Bevier.
»Die Sklaven verlassen ihre Pferche im Morgengrauen und eilen, von niemandem dazu angetrieben oder bewacht, aus der Stadt, um ihre Arbeit aufzunehmen. Bei Sonnenuntergang, immer noch unbeaufsichtigt, ja, kaum bemerkt, kehren sie zum Essensempfang zur Stadt und ihren Pferchen zurück. Anschließend werden sie für die Nacht gekettet, in ihren Pferchen eingesperrt und beim ersten Tageslicht wieder losgemacht.«
»Einige arbeiten hier in diesen Wäldern«, bemerkte Mirtai und spähte zwischen den Bäumen hindurch, hinter denen die Gefährten sich versteckt hatten. »Aber was tun sie da eigentlich?«
»Sie schneiden für ihre Herren Brennholz in diesen Wäldern«, erklärte Xanetia. »In der Kälte des Winters wärmen die Cyrgai sich an Feuern. Die eingepferchten Sklaven dagegen müssen das Wetter ungeschützt ertragen.«
»Konntet Ihr irgend etwas aus der Anordnung der Stadt ablesen, Anarae?« fragte Bevier.
»Ein wenig, ja, Herr Ritter.« Xanetia bedeutete den Gefährten, sie zum Rand des Waldes zu begleiten, so daß sie über das Tal zur schwarzummauerten Stadt blicken konnten. »Die Cyrgai wohnen an den Hängen des Hügels, der sich innerhalb jener Mauer erhebt«, erklärte sie, »und sie halten sich dem unteren Teil der Stadt fern. Es gibt noch eine zusätzliche Mauer innerhalb der äußeren, und diese innere Mauer beschützt Cyrgons Auserwählte vor einer Berührung mit minderwertigen Rassen. Die untere Stadt enthält die Sklavenpferche, die Lagerhäuser für Nahrungsmittel und die Kaserne der Cynesganer, welche die Sklaven beaufsichtigen und die Außenmauer bemannen. Wie ihr sehen könnt, gibt es da noch jene letzte Mauer, welche die Kuppe des Hügels umschließt. Innerhalb dieser Mauer befinden sich König Santheocles' Schloß und der Tempel Cyrgons.«
Bevier nickte. »Das ist das übliche Schema für eine befestigte Stadt.«
»Wenn Euch das alles bekannt war, warum habt Ihr dann danach gefragt, Herr Ritter?« fragte Xanetia spitz.
»Einer Bestätigung wegen, Erhabene.« Er lächelte. »Die Stadt ist zehntausend Jahre alt. Man hätte in so alter Zeit, vor der Erfindung moderner Waffen, andere Vorstellungen über den Bau von befestigten Städten haben können.« Er kniff die Augen zusammen und spähte über das Tal zur Stadt. »Sie sind offenbar durchaus bereit, im Notfall die Unterstadt zu opfern. Wäre das nicht der Fall, wäre die Außenmauer von Cyrgai bemannt. Die Tatsache, daß sie diese Aufgabe den Cynesganern übertragen haben, bedeutet, daß sie keinen großen Wert auf diese Lagerhäuser und die Sklavenpferche legen. Die Mauer am Fuß des Cyrgonberges ist gewiß besser verteidigt, und falls erforderlich, werden die Cyrgai sich den Berg hinauf bis hinter die letzte Mauer zurückziehen, die Schloß und Tempel umgibt.« »Das ist ja alles schön und gut, Bevier«, meldete Kalten sich zu Wort, »aber wo sind Ehlana und Alean?«
Bevier blickte ihn erstaunt an. »Ganz oben, natürlich. Entweder im Schloß oder im Tempel.« »Wieso bist du dir da so sicher?«
»Sie sind Geiseln, Kalten. Geiseln behält man in seiner Nähe, um sie bedrohen zu können, wenn Feinde zu nahe rücken. Unser Problem besteht darin, in die Stadt zu gelangen.«
»Uns wird bestimmt etwas einfallen«, meinte Sperber zuversichtlich. »Kehren wir ein Stück in den Wald zurück und richten uns für die Nacht ein.«
Sie zogen sich weiter zwischen die Bäume zurück und aßen kalte Notverpflegung. »An unserem Problem hat sich nichts geändert, Sperber«, sagte Kalten, als die Dämmerung sich über das verborgene Tal senkte. »Wie werden wir hinter all diese Mauern gelangen?«
»Die erste Mauer ist kein Problem«, behauptete Talen. »Wir gehen einfach durchs Tor.«
»Und wie willst du das anstellen, ohne angehalten zu werden?«
fragte Kalten.
»Jeden Morgen verlassen Leute die Stadt und kehren jeden Abend
zurück, oder etwa nicht?«
»Das sind Sklaven!«
»Genau.«
Kalten starrte ihn an.
»Wir sollen schließlich in die Stadt, nicht wahr? So geht es am leichtesten.« »Und was ist mit den übrigen Mauern?« fragte Bevier.
»Eine Mauer nach der anderen, Herr Ritter.« Talen grinste. »Bringen wir erst mal die unterste hinter uns. Dann können wir uns Gedanken über die anderen machen.«
Daiya, der Peloi, kam am Vormittag des nächsten Tages im Galopp über die kiesige Wüste zurück. »Wir haben sie gefunden, Eminenz«, meldete er Bergsten, während er sein Pferd zügelte. »Die cynesganische Reiterei hat versucht, uns von ihrem Versteck wegzulocken, aber wir haben es trotzdem gefunden. Sie befinden sich in den Bergen direkt vor uns.«
»Sind auch welche von den Riesen mit den Gesichtsmasken dabei?« erkundigte sich Heldin.
»Ein paar, Freund Heldin«, antwortete Daiya. »Aber da waren auch noch andere, die altmodische Helme und Speere trugen.«
»Cyrgai!« brummte Bergsten. »Vanion hat sie erwähnt. Ihre Taktiken sind dermaßen veraltet, daß wir kaum große Probleme mit ihnen haben werden.« »Wo, genau, sind sie, Freund Daiya?« fragte Heldin.
»In einer großen Schlucht an der Ostseite jener Berge, Freund Heldin. Meine Späher haben sie vom Schluchtrand aus gesehen.«
»Wir sollten sie auf keinen Fall in dieser Schlucht verfolgen, Eminenz«, warnte Heldin. »Sie sind Fußsoldaten und für den Nahkampf ausgebildet. Wir müssen uns etwas einfallen lassen, um sie ins Freie zu locken.«
Atana Maris stellte Neran eine Frage auf Tamulisch, die er offenbar sehr eingehend beantwortete. Sie nickte, sagte einige Worte zu ihm und rannte nach Süden. »Was hat sie vor?« fragte Bergsten heftig.
»Sie sagte, daß eure Feinde euch in einen Hinterhalt locken
wollen, Eminenz.«
Neran zuckte die Schultern. »Nun stellt sie ihnen eine Falle, in
der sie sich selber fangen werden.«
»Haltet sie auf, Heldin!« sagte Bergsten scharf.
Zu Ritter Heldins Ehre sei gesagt, daß er wirklich versuchte, die flinke Atanerin einzuholen. Doch sie blickte nur über die Schulter, lachte und rannte noch schneller, so daß er immer weiter zurückblieb, so sehr er sein Pferd auch fluchend antrieb. Bergstens Verwünschungen waren noch lauter und unfeiner als die Heldins. »Was, verdammt, macht sie?« brüllte er Neran an.
»Die Feinde planen einen Hinterhalt, Eminenz«, antwortete Neran ruhig. »Es nutzt ihnen nichts, wenn jemand sie in ihrem Versteck in der Schlucht entdeckt. Atana Maris wird in diese Schlucht laufen, sich von ihnen sehen lassen und dann wieder hinausstürmen. Der Feind wird versuchen, sie zu erwischen, und dazu muß er ins Freie kommen. Ihr solltet vielleicht ein wenig schneller reiten. Atana Maris wäre bitter enttäuscht, wenn Ihr nicht Stellung bezogen hättet, sobald sie den Feind ins Freie lockt.«
Patriarch Bergsten blickte über die Wüste zu der bronzehäutigen Atanerin, die mit fliegendem Haar geschmeidig in Richtung Süden rannte. Dann fluchte er erneut, richtete sich in den Steigbügeln auf und rief resignierend: »Folgt mir, Männer!«
Ekrasios und seine Brüder erreichten Synaqua am Spätnachmittag, gerade als die Sonne durch die dicke Wolkendecke brach, die den Himmel seit Tagen verborgen hatte.
Die Ruinen von Synaqua waren noch verfallener als die von Panem-Dea und Norenja. Die gesamte Ostmauer war von einem der zahllosen Nebenflüsse des Arjun, die träge durch sein schlammiges Delta strömten, unterspült worden und irgendwann in früheren Zeiten zusammengebrochen. Als Scarpas Rebellen hier eingezogen waren, um sich in den Ruinen einzurichten, hatten sie die Mauer durch einen Palisadenzaun ersetzt. Es war eine Stümperarbeit; die Palisade würde keinen Gegner von einem Sturmangriff abhalten.
Ekrasios überdachte die Lage, als er düster beobachtete, wie die Sonne in einer Wolkenbank im Westen versank. Nach dem unheilvollen Sturm auf Norenja war es zu einem ernsten Problem gekommen. Die Stadt hatte scheinbar viele Tore gehabt, durch welche die von Panik getriebenen Rebellen sich hätten in Sicherheit bringen können, doch ihr Kommandant hatte diese Tore, als Teil seines Verteidigungsplans, mit Schutthaufen versperrt. Die völlig verstörten Rebellen saßen innerhalb der Mauer in der Falle und hatten keine andere Wahl gehabt, als zu kämpfen. Hunderte waren in unbeschreiblichen Qualen gestorben, ehe es Ekrasios gelungen war, seine Männer in die unbewohnten Teile der Ruinenstadt abzuziehen, damit der Fluchtweg durch das Haupttor frei war. Viele Delphae weinten offen über das Grauen, das sie Menschen hatten antun müssen, die im Grunde genommen nur irregeführte Bauern waren. Es hatte Ekrasios zwei Tage und seine ganze Beredsamkeit gekostet, gut die Hälfte seiner Männer davon abzuhalten, den Kampf aufzugeben und sofort nach Delphaeus zurückzukehren.
Adras, Ekrasios' Jugendfreund und nunmehr sein Stellvertreter, gehörte zu jenen, denen die Geschehnisse unendlich nahegingen. Adras wich seinem Vorgesetzten nun aus, wo er nur konnte, und die wenigen Worte, die sie miteinander redeten, waren rein dienstlich. So kam es, daß Ekrasios sich wunderte, als Adras im dunklen Glühen des feurigen Sonnenuntergangs unaufgefordert zu ihm kam. »Darf ich mit dir sprechen, Ekrasios?« fragte er zögernd.
»Aber natürlich, Adras. Du weißt doch, daß diese Förmlichkeit nicht nötig ist.« »Ich möchte dir mitteilen, daß ich heute nacht nicht mitmache.«
»Wir sind durch das Versprechen gebunden, das wir Anakha gegeben haben, Adras«, erinnerte Ekrasios ihn. »Unser Anari hat es ihm geschworen, und dieser Eid ist uns heilig.«
»Ich kann es nicht, Ekrasios!« rief Adras, und plötzlich strömten ihm Tränen übers Gesicht. »Ich ertrage es nicht, was ich getan habe und wieder tun müßte, würde ich diese Stadt betreten. Gewiß hat Edaemus nicht beabsichtigt, daß wir seine schreckliche Gabe derart benutzen.«
Es gab viele Argumente, die Ekrasios hätte vorbringen können, doch tief im Herzen wußte er, daß sie alle Augenwischerei gewesen wären. »Ich werde nicht darauf beharren, Adras, denn das wäre keine Freundschaftstat.« Er seufzte. »Ich muß gestehen, daß es mir nicht weniger zu schaffen macht als dir. Wir sind nicht für den Kampf und den Krieg bestimmt, Adras, und Edaemus' Fluch macht unsere Art von Kriegsführung viel grauenvoller als das Blutvergießen anderer Rassen. Und da wir nicht zu Kriegern geschaffen sind, leiden wir auch eher darunter als andere.« Er machte eine Pause. »Du bist nicht der einzige, der nicht mehr kämpfen will, nicht wahr, Adras? Es gibt noch weitere, habe ich recht?« Adras nickte stumm. »Wie viele?« »Nahezu einhundertfünfzig, mein Freund.«
Ekrasios war erschüttert. Fast ein Drittel seiner Kräfte kündigte ihm den Gehorsam auf, um nicht weitere Blutschuld auf sich zu laden. »Ihr bereitet mir Sorgen, Adras. Ich werde euch nicht zwingen, gegen euer Gewissen zu handeln, aber wenn du nicht an meiner Seite bist und die anderen ihrer inneren Stimme folgen, zweifle ich am erfolgreichen Ausgang dieser Auseinandersetzung. Laß mich darüber nachdenken.« Er begann, auf der schlammigen Dschungellichtung auf und ab zu stiefeln, wobei er sich mehrere Möglichkeiten durch den Kopf gehen ließ. »Wir könnten heute nacht vielleicht trotzdem noch einen gewissen Sieg erringen«, sagte er schließlich. »Laß mich das Maß deines Widerstrebens erforschen, mein Freund. Ich sehe ein, daß du nicht gegen dein Gewissen diese Ruinen vor uns betreten kannst, aber würdest du mich ganz im Stich lassen?« »Niemals, Ekrasios.«
»Ich danke dir, Adras. Vielleicht könnt ihr, du und deine Gleichgesinnten, unseren Plan fördern, auch ohne eure Gefühle zu verletzen. Wie wir in Norenja feststellten, erstreckt Edaemus' Fluch sich auch auf nichtfleischliche Dinge.«
»Das stimmt«, bestätigte Adras. »Das Tor jener armseligen Ruine zerfiel bei unserer kleinsten Berührung.«
»Die Ostmauer von Synaqua ist aus Stämmen errichtet. Dürfte ich dich und deine Gleichgesinnten bitten, sie zu vernichten, während ich und die anderen, die weiterkämpfen möchten, die Stadt betreten?«
Adras' Verstand war hellwach. Sein plötzliches Lächeln vertrieb die Entfremdung, die ihre Freundschaft in den vergangenen Tagen auf eine harte Probe gestellt hatte. »Du bist zum Befehlen geboren, Ekrasios!« sagte er glücklich. »Meine Freunde und ich werden diese Aufgabe gern übernehmen. Betritt mit deinen Kohorten Synaqua durch das Haupttor, während ich und meine Gruppe im Osten einige Hintertüren öffnen, damit jene, die sich in dieser Stadt aufhalten, sie ohne Schaden verlassen können. So ist beiden Seite geholfen.«
»Wohl gesprochen, Adras!« lobte Ekrasios. »Wohl gesprochen.«