PROLOG
Professor Itagne von der außenpolitischen Fakultät der Universität zu Matherion saß auf dem Podium und las noch einmal seine Notizen durch. Es war am späten Nachmittag eines herrlichen Frühlingstages und die Fenster des Auditoriums, in dem sich die Fakultät für Politikwissenschaft eingefunden hatte, standen offen, um den würzigen Duft von Blumen und Gras und das ein wenig störende Vogelgezwitscher einzulassen.
Professor Emeritus Gintana, der internationales Handelsrecht lehrte, stand am Rednerpult und leierte eine schier endlose Abhandlung über die Zollbestimmungen des siebenundzwanzigsten Jahrhunderts herunter. Gintana war ein schmächtiger weißhaariger, meist etwas zerstreuter Gelehrter, von dem man immer nur als »der nette alte Herr« sprach. Itagne hörte ihm gar nicht richtig zu.
An der Universität hatte sich herumgesprochen, worüber er referieren würde; deshalb waren sogar die Angehörigen der Fakultäten für angewandte Mathematik und zeitgenössische Alchimie herbeigeströmt und warteten nun mit vor Erwartung glänzenden Augen in dem riesigen Hörsaal. Die Fakultät für Zeitgeschichte saß vollständig in den vordersten Reihen. Ihrer schwarzen Roben wegen sahen sie wie ein Schwarm Krähen aus. Sie waren geschlossen gekommen und hatten sich, um ihren Standpunkt entschlossen vertreten zu können, ein wahres Feuerwerk an Argumenten zurechtgelegt.
Itagne fragte sich müßig, ob er nicht eine plötzliche Unpäßlichkeit vortäuschen sollte. Wie, im Namen Gottes – egal welchen Gottes – konnte er die nächste Stunde überstehen, ohne sich bis auf die Knochen lächerlich zu machen? Natürlich besaß er alle Informationen, aber welcher vernünftig denkende Mensch würde diese Informationen schon für bare Münze nehmen? Ein wahrheitsgetreuer Bericht über die tatsächlichen Hintergründe des Aufstands, der vor kurzem stattgefunden hatte, mußte sich wie das Hirngespinst eines Verrückten anhören. Hielt er sich an die unverfälschte Wahrheit, brauchten die mißgünstigen Kerle von der zeitgeschichtlichen Fakultät nicht einmal den Mund aufzutun. Itagne würde seinen guten Ruf ganz allein, ohne ihr Zutun ruinieren.
Er warf einen letzten, flüchtigen Blick auf seine so umsichtig zusammengestellten Notizen; dann faltete er sie zusammen und schob sie düster in den weiten Ärmel seiner Robe. Was sich heute abend hier ereignen würde, kam einer wüsten Spelunkenkeilerei gewiß näher als einer sachlichen wissenschaftlichen Diskussion. Offensichtlich waren die Herren von der Zeitgeschichte deshalb so vollzählig hier angerückt, um ihn niederzubrüllen. Itagne straffte die Schultern. Also gut! Wenn die Kerle Streit suchten, sollten sie ihn bekommen!
Ein Lüftchen war aufgekommen. Die Vorhänge der hohen Fenster raschelten und blähten sich, und die goldenen Flammenzungen der Öllampen flackerten und tanzten. Es war ein wunderschöner Frühlingsabend, draußen, drinnen, überall – nur nicht in diesem Auditorium.
Es wurde höflich geklatscht, und der alte Professor Gintana verbeugte sich ein wenig aufgeregt und geschmeichelt darüber, daß man seine Anwesenheit überhaupt zur Kenntnis nahm. Seine Notizen in beiden Händen, kehrte er an seinen Platz zurück. Sodann erhob sich der Dekan des Instituts für Politikwissenschaft, um den Hauptvortrag des Abends anzukünden. »Werte Kollegen«, begann er, »ehe Professor Itagne uns die Ehre erweist und mit seinen Ausführungen beginnt, möchte ich die Gelegenheit nutzen, euch einige Besucher von Rang und Namen vorzustellen. Ich bin überzeugt, ihr alle werdet die im folgenden genannten Herren ebenso erfreut wie ich willkommen heißen: Patriarch Emban, Vertreter der Kirche von Chyrellos; Ritter Bevier vom Orden der Cyriniker in Arzium, und Ritter Ulath vom Orden der Genidianer aus Thalesien.«
Wieder ertönte ein höflicher Applaus, als ein bleicher, schlaksiger Student die elenischen Besucher auf die Empore führte und Itagne ihnen entgegeneilte, um sie zu begrüßen. »Dem Himmel sei Dank, daß ihr hier seid!« murmelte er sichtlich erleichtert. »Die gesamte Fakultät für Zeitgeschichte hat sich eingefunden – mit Ausnahme jener, die wahrscheinlich draußen das Pech zum Sieden anschüren und Säcke mit Federn herbeischaffen.«
»Habt Ihr ernsthaft gedacht, Euer Bruder würde Euch den Wölfen zum Fraß vorwerfen, Itagne?« Emban lächelte und ließ sich auf einer Bank unter dem Fenster nieder. »Er war der Meinung, Ihr würdet Euch hier vielleicht einsam fühlen; deshalb schickte er uns, daß wir Euch Gesellschaft leisten.«
Als er an seinen Platz zurückkehrte, fühlte Itagne sich schon besser. Wenn Bevier und Ulath auch keinen geistigen Beistand boten, so konnten sie doch zumindest tätliche Angriffe abwehren.
»Und nun, Kollegen und hochverehrte Gäste«, fuhr der Dekan fort, »wird Professor Itagne von der außenpolitischen Fakultät auf ein kürzlich vom Institut für Zeitgeschichte verfaßtes Schriftstück eingehen, das den Titel trägt: Die Cyrga-Affäre: Eine Untersuchung der kürzlichen Krise. – Professor Itagne.«
Itagne erhob sich, schritt entschlossen zum Rednerpult und setzte seine herablassendste Amtsmiene auf. »Dekan Altus, geehrte Kollegen, verehrte Damen, hochgeschätzte Gäste …« Er machte eine Pause. »Habe ich jemanden ausgelassen?«
Flüchtig ertönte nervöses Lachen. Die Spannung im Auditorium war beinahe mit den Händen zu greifen.
»Es ist mir eine besondere Freude, heute abend so viele unserer Kollegen von der Fakultät für Zeitgeschichte hier zu sehen«, holte Itagne zum ersten Seitenhieb aus. »Da ich über ein Thema reden werde, das diesen Herrn sehr am Herzen liegt, ist es auch besser, daß sie anwesend sind und mit eigenen Ohren hören, was ich sage, als daß sie später auf geklitterte Berichte aus zweiter Hand zurückgreifen müssen.« Er lächelte jovial auf die finster blickenden Männer in der vordersten Reihe hinunter. »Können Sie mir folgen, meine Herren, oder gehe ich zu schnell vor?«
»Unverschämtheit!« entrüstete sich ein wohlbeleibter, schwitzender Professor lautstark.
»Es kommt noch dicker, Quinsal«, versicherte Itagne ihm. »Falls Euch die Wahrheit zu schaffen macht, solltet Ihr lieber jetzt sofort gehen.« Er ließ den Blick über die Anwesenden schweifen. »Es heißt, daß die Suche nach Wahrheit die edelste Aufgabe des Menschen ist, daß in den dunklen Wäldern der Unwissenheit jedoch furchterregende Drachen lauern. Die Namen dieser Ungeheuer sind ›Unfähigkeit‹ und ›politische Schönfärberei‹, ›absichtliche Verdrehung von Tatsachen‹ und ›pure verbohrte Dummheit‹. Unsere edlen Freunde von der Zeitgeschichte zogen unerschrocken aus, um in ihrer kürzlich veröffentlichten Abhandlung ›Die CyrgaAffäre‹ gegen diese Drachen zu kämpfen. Zu meinem tiefsten Bedauern muß ich darauf hinweisen, daß die Drachen Sieger blieben.«
Erneut war Gelächter zu hören, und die Mienen in der vordersten Sitzreihe verfinsterten sich noch mehr.
»An dieser Universität war es ein offenes Geheimnis, daß die Fakultät für Zeitgeschichte keine akademische, sondern eine politische Abteilung ist«, fuhr Itagne fort. »Seit ihrer Gründung durch den Premierminister schien ihre einzige Daseinsberechtigung darin zu bestehen, über seine absolute Unfähigkeit hinwegzusehen und seine unzähligen Fehler so gut wie möglich zu vertuschen. Gewiß, Premierminister Subat und sein Helfershelfer Innenminister Kolata waren nie an Ehrlichkeit interessiert, aber bitte, meine Herren, dies ist eine Universität. Sollten wir nicht zumindest vortäuschen, die Wahrheit zu lehren?«
»Unsinn!« brüllte ein dicker Professor in der vordersten Reihe.
»Sehr richtig«, bestätigte Itagne und hielt ein gelbgebundenes Exemplar von Die Cyrga-Affäre in die Höhe. »Aber wenn Ihr gewußt habt, daß es Unsinn ist, Professor Pessalt, warum habt Ihr es dann veröffentlicht?«
Das Gelächter im Saal war diesmal noch lauter und übertönte Pessalts gestammelten Versuch einer Antwort.
»Befassen wir uns mit diesem epochalen Werk«, schlug Itagne vor. »Wir alle wissen, daß Pondia Subat ein Ränkeschmied und Dummkopf sondergleichen ist, aber was mich an Eurer ›Cyrga-Affäre‹ verblüfft, ist Eure hartnäckige Bemühung, den styrischen Renegaten Zalasta geradezu zum Heiligen zu erheben. Wie, in Gottes Namen, könnte irgend jemand – und mag er so beschränkt sein wie der Premierminister – diesen Halunken verehren?«
»Wie könnt Ihr es wagen, so von dem größten Mann dieses Jahrhunderts zu sprechen!« brüllte ein Professor aus der vordersten Reihe ihn an.
»Wenn Zalasta der größte Mann ist, den dieses Jahrhundert hervorzubringen vermag, Herr Kollege, befürchte ich, daß wir uns in katastrophalen Schwierigkeiten befinden. Die Krise, welche die Fakultät für Zeitgeschichte ›Die Cyrga-Affäre‹ zu nennen beliebt, hatte sich bereits seit mehreren Jahren angekündigt.«
»O ja«, brüllte jemand sarkastisch, »das ist uns nicht entgangen!«
»Wie mich das für euch freut«, rief Itagne zurück und erntete damit weiteres Gelächter aus den Zuhörerreihen. »An wen wandte sich unser Trottel von Premierminister hilfesuchend? An Zalasta, natürlich. Und welche Lösung schlug Zalasta vor? Er riet uns eindringlich, nach dem pandionischen Ritter zu schicken, Prinz Sperber von Elenien. Wieso aber fällt Zalasta ausgerechnet der Name eines Edelmannes als Lösung des Problems ein? Seltsamerweise, ehe dieses Problem überhaupt zur Sprache kam! Und vor allem, wenn man die alles andere als freundschaftlichen Gefühle der Elenier für die Styriker berücksichtigt! Gewiß, Prinz Sperbers Taten sind legendär, aber aus welchem Grund hat Zalasta sich so sehr nach ihm gesehnt? Und weshalb hat er uns nicht darauf aufmerksam gemacht, daß Sperber Anakha ist, das Werkzeug Bhellioms? Hat er diese Tatsache vorübergehend aus seinem Gedächtnis verdrängt? Hielt er die Macht, die ganze Universen erschafft, gar für unwichtig? Nirgendwo in diesem vor kurzem veröffentlichten Unsinn habe ich auch nur den geringsten Hinweis auf Bhelliom gefunden. Habt Ihr die bedeutendste Begebenheit des vergangenen Zeitalters vorsätzlich übergangen? Wart Ihr so damit beschäftigt, Eurem geliebten Pondia Subat die Anerkennung für politische Entscheidungen zuzuschieben, mit denen er nicht das geringste zu tun hatte, daß Ihr Euch entschieden habt, Bhelliom überhaupt nicht zu erwähnen?« »Quatsch!« donnerte eine tiefe Stimme.
»Freut mich, Euch kennenzulernen, Professor Quatsch. Mein Name ist Itagne.«
Diesmal schallte dröhnendes Gelächter durch den Saal.
»Er ist nicht auf den Mund gefallen, stimmt's?« murmelte Ulath Bevier laut genug zu, daß Itagne es hören konnte.
Itagne blickte auf. »Kollegen«, fuhr er fort, »ich behaupte, Zalasta war nicht so sehr auf Prinz Sperbers Anwesenheit erpicht, sondern auf die Bhellioms. Bhelliom ist der Born unendlicher Macht, und Zalasta hatte bereits seit drei Jahrhunderten versucht, ihn sich anzueignen – aus Gründen, die zu abscheulich sind, sie hier zu erörtern. Um sein Ziel zu erreichen, schreckte er vor nichts zurück. Er hat seinen Glauben verraten, sein Volk und seine persönliche Integrität – soweit er eine besaß – um in seinen Besitz zu bringen, was die Trolle ›Blumenstein‹ nennen.«
Der dicke Quinsal plagte sich auf die Füße. »Das schlägt dem Faß den Boden aus! Der Mann hat den Verstand verloren! Jetzt phantasiert er auch noch von Trollen! Dies ist ein akademischer Disput und keine Kinderstunde! Ihr habt Euch das falsche Publikum für Eure Märchen und Gruselgeschichten ausgesucht!«
»Wie wär's, wenn Ihr mir das überlaßt, Itagne?« Ulath hatte sich erhoben und schritt zum Rednerpult. »Ich kann diese Sache in ein, zwei Augenblicken klären.« »Mit Vergnügen«, versicherte Itagne ihm.
Ulath drückte je eine Prankenhand auf die beiden Seiten des Rednerpults. »Professor Itagne hat mich ersucht, Euch, meine Herren, über ein paar Dinge aufzuklären. Es sieht so aus, als hättet Ihr Schwierigkeiten, die Existenz von Trollen zur Kenntnis zu nehmen.«
»Ziemliche Schwierigkeiten, Herr Ritter!« entgegnete Quinsal. »Trolle sind Gestalten aus den elenischen Mythen, nichts weiter. Von einer tatsächlichen Existenz dieser Wesen zu reden, erscheint mir mehr als lächerlich.«
»Wie erstaunlich! Ich beschäftige mich seit fünf Jahren damit,
eine trollische Sprachlehre zusammenzustellen. Wollt Ihr sagen, daß
ich meine Zeit vergeudet habe?«
»Ich glaube, Ihr seid so verrückt wie Itagne!«
»Dann solltet Ihr mich lieber nicht reizen, oder? Vor allem deshalb nicht, weil ich viel stärker bin als Ihr.« Ulath blickte blinzelnd zur Saaldecke. »Die Logik sagt uns, daß es unmöglich ist, etwas Nichtvorhandenes zu beweisen. Seid Ihr sicher, daß Ihr Euch Eure Behauptung nicht noch einmal durch den Kopf gehen lassen wollt?«
»Nein, Ritter Ulath. Ich stehe zu dem, was ich eben sagte. So etwas wie Trolle gibt es nicht!«
»Hast du das gehört, Bhlokw?« fragte Ulath mit leicht erhobener Stimme. »Dieser Kerl behauptet, dich gibt es nicht.«
Draußen vor dem Auditorium erschallte ein gewaltiges Brüllen, und die hintere Flügeltür krachte zersplittert in den Saal.
»Ruhig Blut!« ermahnte Bevier Itagne, als dieser zusammenzuckte. »Es ist nur ein Trugbild. Ulath macht sich bloß einen Spaß.«
»Würdet Ihr Euch umdrehen und mir sagen, was Ihr da hinten im Saal seht, Quinsal?« forderte Ulath ihn auf. »Als was würdet Ihr meinen Freund Bhlokw bezeichnen?«
Die Kreatur, die an der Tür kauerte, war von ungeheuerlicher Größe, und ihre Fratze war vor Wut verzerrt. Gierig streckte sie die Pratzen aus.
»Wer hat das behauptet, Ulath?« grollte die Bestie mit furchterregender Stimme. »Ich werde ihn dafür bestrafen! Zerschmettern! Zerreißen! Zerfetzen! Fressen!« »Beherrscht dieser Troll tatsächlich Tamulisch?« wisperte Itagne.
»Natürlich nicht.« Bevier lächelte. »Ulath übertreibt.«
Die abscheuliche Erscheinung an der Tür erging sich brüllend in einer schaurigen Beschreibung seines Vorhabens mit der gesamten Fakultät für Zeitgeschichte. »Noch irgendwelche Zweifel an der Existenz von Trollen?« erkundigte sich Ulath freundlich, doch bei all den Schreien und dem Krachen umkippender Stühle hörte ihn nicht einer der anwesenden Gelehrten.
Es dauerte eine gute Viertelstunde, wieder einigermaßen Ordnung herzustellen, nachdem Ulath sein Trugbild hatte verschwinden lassen. Als Itagne sich zurück ans Rednerpult stellte, hatten sich alle Zuhörer vorn im Auditorium dicht zusammengedrängt. »Daß Ihr so sehr darauf bedacht seid, Euch keines meiner Worte entgehen zu lassen, rührt mich zutiefst, meine Herren …« Itagne lächelte. »… aber ich kann durchaus laut genug reden, daß ich auch ganz hinten im Saal deutlich zu hören bin. Ihr braucht euch also nicht so sehr nach vorn zu drängen. – Ich nehme an, der Besuch von Ritter Ulaths liebem Freund hat das kleine Mißverständnis über die Trolle aufgeklärt?« Er blickte Quinsal an, der noch auf dem Boden kauerte und keines vernünftigen Wortes fähig war. »Sehr gut«, fuhr Itagne fort. »Nun denn, in aller Kürze: Prinz Sperber kam nach Tamuli. Elenier sind manchmal recht listig, und so riet Königin Ehlana, Prinz Sperbers Gemahlin, einen Staatsbesuch bei Kaiser Sarabian vorzutäuschen. Sie verbarg ihren Gemahl und dessen Freunde in ihrem Gefolge. Schon kurz nach ihrer Ankunft deckten die Elenier einige Dinge auf, die wir offenbar übersehen hatten. Erstens, Kaiser Sarabian hat tatsächlich einen eigenen Verstand und Willen. Und zweitens, die von Pondia Subat geführte Regierung machte gemeinsame Sache mit unseren Feinden.«
»Hochverrat!« schrillte ein dünner, erkahlender Professor und
sprang auf.
»Ach wirklich, Dalash?« fragte Itagne. »Gegen wen?«
»Nun – ich …«, stammelte Dalash.
»Ihr versteht immer noch nicht, meine Herren?« wandte Itagne sich an die Fakultät für Zeitgeschichte. »Die vorherige Regierung wurde gestürzt – vom Kaiser selbst. Tamuli ist nun eine Monarchie nach elenischem Vorbild, und Kaiser Sarabian regiert durch einstweilige Verfügung. Die frühere Regierung – und ihr Premierminister – sind völlig unwesentlich.«
»Der Premierminister kann seines Amtes nicht enthoben werden!« schrillte Dalash. »Er hat es auf Lebenszeit inne!«
»Selbst wenn dem so wäre, ließe sich dieses Problem auf sehr
einfache Weise lösen, meint Ihr nicht?«
»Ihr würdet es nicht wagen!«
»Nicht ich, alter Junge. Es fällt unter die Zuständigkeit des Kaisers. Legt euch nicht mit ihm an, sofern ihr nicht erpicht darauf seid, daß er die Stadttore mit euren Köpfen verziert. Aber halten wir uns damit nicht auf; ich möchte vor unserer üblichen Pause noch etwas weiterkommen. – Der fehlgeschlagene Staatsstreich brachte die Sache schließlich ans Licht. Pondia Subat wußte sehr wohl von der Verschwörung und beabsichtigte, untätig zuzuschauen und die Hände zu ringen, während der besoffene Mob alle seine politischen Gegner tötete, offenbar einschließlich des Kaisers. Wenn Professor Dalash von ›Hochverrat‹ reden will, sollte er sich das erst einmal durch den Kopf gehen lassen. Der fehlgeschlagene Coup hatte zur Folge, daß wir auf vieles aufmerksam wurden, nicht nur auf den Hochverrat des Premierministers, sondern auch auf den des Innenministers. Am bedeutungsvollsten jedoch war die Entdeckung, daß Zalasta der Urheber dieses Komplotts war, und daß er heimlich mit Ekatas verbündet ist, dem Hohepriester Cyrgons, dem Gott der vermeintlich ausgestorbenen Cyrgai.
Prinz Sperber hatte keine Wahl, als Bhelliom aus seinem Versteck zurückzuholen und Verstärkung nach Chyrellos zu schicken. Zudem schloß er Bündnisse, unter anderem mit den Delphae – die es wahrhaftig gibt, in all ihrem leuchtenden Grauen.« »Lächerlich!« rief der selbstherrliche Wortführer der zeitgeschichtlichen Fakultät, der ungeschlachte und muskulöse Professor Pessalt höhnisch. »Ihr erwartet doch nicht ernsthaft, daß wir diesen Unsinn glauben?«
»Ihr habt heute abend bereits einen Troll gesehen, Pessalt«, erinnerte Itagne ihn. »Hättet Ihr auch noch gern den persönlichen Besuch eines Leuchtenden? Das kann ich leicht ermöglichen, falls Ihr möchtet – aber bitte im Freien. Wir würden den Gestank nie wieder los, wenn Ihr hier im Saal zu einer Lache Schleim aufgelöst würdet.« Dekan Altus räusperte sich mahnend.
»Ich brauche nur noch ein paar Minuten«, versicherte Itagne ihm. Er wandte sich wieder dem Publikum zu. »Nun denn«, fuhr er rasch fort, »da das Thema Trolle erneut zur Sprache kam, möchte ich es ein für allemal richtigstellen. Wie ihr selbst festgestellt habt, gibt es die Trolle wirklich. Sie wurden von Cyrgon, der die Gestalt eines ihrer Götter annahm, aus ihrer Heimat in Nordthalesien nach Tamuli gelockt. Die echten Trollgötter waren sehr lange Zeit eingesperrt, und Prinz Sperber bot ihnen ein Tauschgeschäft an – ihre Freiheit für ihre Unterstützung. Dann führte er eine größere Streitmacht nach Nordatan, wo die fehlgeleiteten Trolle Aufstände angezettelt hatten, um die Ataner auf diese Weise zu veranlassen, zur Verteidigung ihrer Heimat zurückzukehren – was uns in einige Verlegenheit gebracht hätte, da die Ataner das Hauptkontingent unserer Streitkräfte bilden. Sperbers Plan bestand darin, unsere Gegner in Sicherheit zu wiegen, doch als Cyrgon und Zalasta die Trolle losschickten, rief Sperber ihre Götter, die sie wieder zurückholten. In seiner Verzweiflung holte Cyrgon eine gewaltige Armee seiner Cyrgai aus der Vergangenheit in unsere Zeit – und ihrem Wesen getreu fraßen die Trolle sie auf.« »Ihr erwartet doch nicht wirklich, daß wir das schlucken, Itagne?« bemerkte Professor Sarafawn, der Vorsitzende der zeitgeschichtlichen Fakultät und Schwager des Premierministers, abfällig.
»Soll das ein Wortspiel sein, Sarafawn?« fragte Itagne. »Na ja, es spielt keine Rolle. Die kurze Antwort lautet: schluckt es und haltet den Mund. Der Bruder Eurer Gemahlin bestimmt nicht mehr den offiziellen Wortlaut der Geschichte. Der Kaiser will, daß wir die Studenten von nun an die unverfälschte Wahrheit lehren. Ich werde voraussichtlich im kommenden Monat einen Tatsachenbericht herausgeben. Ihr solltet Euch ein Exemplar davon besorgen, Sarafawn, denn in Zukunft werdet Ihr Eure Studenten genau das lehren müssen, was in diesem Bericht steht – vorausgesetzt natürlich, Ihr habt an diesem Institut überhaupt noch eine Zukunft. Für das nächste Jahr wird der Haushaltsplan ziemlich gekürzt, was zur Folge hat, daß einige Abteilungen aufgelöst werden müssen.« Er machte eine Pause. »Seid Ihr handwerklich begabt, Sarafawn? Soviel ich weiß, gibt es in dem Städtchen Jura eine gemütliche kleine Berufsschule. Dakonien wird Euch gefallen.«
Der Dekan räusperte sich aufs neue, diesmal etwas ungeduldiger.
»Verzeiht, Dekan Altus«, entschuldigte sich Itagne. »Die Zeit läuft mir wieder einmal davon. Ich möchte euch nur noch kurz auf eine weitere Entwicklung aufmerksam machen. Trotz ihrer militärischen Niederlage waren Cyrgon und Zalasta keineswegs machtlos. Hinterlistig und voller Heimtücke schlich sich Scarpa, Zalastas unehelicher Sohn, in die kaiserliche Schloßanlage und entführte Königin Ehlana. Wie er in einem zurückgelassenen Schreiben verkündete, will er Sperber auf diese Weise zwingen, Bhelliom gegen die sichere Rückkehr seiner Gemahlin auszutauschen.
Nach der Pause, auf die Dekan Altus so geduldig gewartet hat, werde ich von Prinz Sperbers Reaktion auf diese Entwicklung berichten.«