7

Im Gebirge von Zemoch schneite es. Es war trockener Pulverschnee, der sich in der unbewegten Luft wie eine Wolke aus Federn herabsenkte. Und es war bitterkalt, so daß der dampfende Atem der Ordensritter und ihrer Pferde die Armee wie Bodennebel einhüllte, während sie sich dahinplagte und die Hufe den Pulverschnee wieder in die Luft stäubten.

Die Hochmeister ritten in voller Rüstung und in Pelze gehüllt an der Spitze. Hochmeister Abriel von den Cyrinikern, trotz seines hohen Alters noch erstaunlich rüstig, ritt zwischen Darellon, dem Hochmeister der Alzioner, und Ritter Heldin, einem sturmerprobten, altgedienten Veteranen, der bei Sperbers Abwesenheit die Pandioner befehligte. Patriarch Bergsten hielt sich ein Stück abseits von ihnen. Der hünenhafte Kirchenmann steckte bis zu den Ohren in Pelzen. Sein Helm mit den Ogerhörnern verlieh ihm ein wildes, kriegerisches Aussehen, das jedoch durch das kleine, schwarzgebundene Gebetbuch gemildert wurde, in dem er las. Hochmeister Komier von den Genidianern hatte die Kundschafter begleitet.

»Ich habe das Gefühl, mir wird nie wieder richtig warm«, klagte Abriel und zog seinen Pelzumhang noch straffer um sich. »Je älter man wird, desto dünner wird das Blut. Seht zu, daß Ihr nicht zu alt werdet, Darellon.«

»Die Alternative ist auch nicht gerade wünschenswert, Abriel.« Darellon war ein schlanker Deiraner, den seine schwere Rüstung fast verschluckt zu haben schien. Er senkte die Stimme. »Ihr hättet wirklich nicht mitzukommen brauchen, mein Freund! Sarathi hätte Verständnis gehabt.«

»O nein, Darellon. Dies ist wahrscheinlich mein letzter Feldzug. Ich hätte ihn mir um nichts auf der Welt entgehen lassen!« Abriel spähte geradeaus. »Was macht Komier eigentlich da vorn?«

»Hochmeister Komier hat gesagt, daß er sich die Ruinen von Zemoch anschauen möchte«, entgegnete Ritter Heldin in polterndem Baß. »Ich vermute, Thalesiern bereitet es ein gewisses Vergnügen, nach einem Krieg die Trümmer zu betrachten.« »Thalesier sind ein barbarisches Volk«, brummte Abriel säuerlich. Er warf einen raschen Blick auf Bergsten, der völlig in sein Gebetbuch vertieft zu sein schien. »Das solltet Ihr aber besser für Euch behalten, meine Herren«, ersuchte er Darellon und Heldin.

»Das werde ich ganz bestimmt, Abriel«, versicherte Bergsten, ohne von seinem Gebetbuch aufzublicken.
»Ihr habt unverschämt scharfe Ohren, Eminenz.«

»Das kommt vom Beichte abnehmen. Die Menschen posaunen zwar gern die Sünden anderer heraus, aber wenn sie ihre eigenen gestehen, kann man sie kaum hören.« Bergsten hob den Kopf und streckte die Hand aus. »Komier kommt zurück.« Der Hochmeister der Genidianer war bester Laune, als er sein Pferd zügelte und der staubfeine Schnee hoch aufwirbelte. »Wenn Sperber eine Ortschaft zerstört, bleibt kein Stein auf dem anderen«, erklärte er vergnügt. »Ich habe Ulath nicht so recht geglaubt, als er erzählte, daß unser Freund das Dach des Azashtempels weggepustet hat. Jetzt glaube ich es. Einen solchen Trümmerhaufen habt ihr noch nie gesehen! Ich kann mir nicht vorstellen, daß in der Stadt auch nur noch ein bewohnbares Haus steht!«

»Euch gefällt so was wirklich, stimmt's, Komier?« sagte Abriel vorwurfsvoll. »Das reicht, meine Herren!« fiel Bergsten rasch ein. »Wir werden dieses alte Streitgespräch nicht neu entfachen. Wir führen auf unterschiedliche Weise Krieg. Arzier erbauen gern Burgen und andere Festungen, und Thalesier reißen sie gern nieder. Das alles gehört zur Kriegführung, und dafür werden wir bezahlt!«

»Wir, Eminenz?« grollte Heldin mit leisem Spott in der Stimme.

»Ihr wißt genau, was ich meine, Heldin. Ich persönlich habe natürlich nichts mehr damit zu tun, aber …«

»Warum habt Ihr dann Eure Streitaxt dabei, Bergsten?« fragte Komier.

Bergsten blickte ihn mißbilligend an. »Um alter Zeiten willen – und weil ihr thalesischen Banditen mehr Respekt vor jemandem habt, der eine Axt in der Hand hält.«

»Ritter, Eminenz«, berichtigte Komier seinen Landsmann milde. »Wir werden jetzt Ritter genannt. Wir waren mal Banditen, doch inzwischen wissen wir uns zu benehmen.«

»Die Kirche begrüßt es, daß Ihr Euch um Besserung bemüht, mein Sohn, aber sie zweifelt auch nicht daran, daß Ihr das Blaue vom Himmel herunterlügt.«

Abriel unterdrückte ein Lächeln. Bergsten war früher selbst genidianischer Ritter gewesen, und manchmal vergaß er auch jetzt noch seinen hohen geistlichen Stand. »Wer hat die Karte?« fragte er, weniger aus wirklichem Interesse, als um ein drohendes Streitgespräch abzuwenden.

Heldins schwarze Panzerrüstung klirrte, als er einen seiner Sattelbeutel öffnete. »Was möchtet Ihr gern wissen, Eminenz?« erkundigte er sich, während er die Karte hervorholte.

»Das übliche. Wie weit? Wie lange? Mit welchen Unannehmlichkeiten müssen wir als nächstes rechnen?«

»Es sind nur noch wenig mehr als dreihundert Meilen bis zur astelischen Grenze, Eminenz«, erwiderte Heldin nach einem Blick auf seine Karte, »und zweitausendsiebenhundert von dort nach Matherion.«

»Also mindestens noch hundert Tage«, brummte Bergsten mißmutig.

»Und das auch nur, wenn wir keine Schwierigkeiten bekommen, Eminenz«, fügte Darellon hinzu.

»Werft einen Blick über die Schulter, Darellon. Hinter uns reiten hunderttausend Ordensritter. Es gibt keine Schwierigkeiten, mit denen wir nicht fertig werden! Was für ein Gelände liegt vor uns, Heldin?«

»Etwa drei Tage östlich von hier befindet sich eine Wasserscheide, Eminenz. Alle Flüsse auf dieser Seite münden in den Merjuker Meerbusen, und die auf der anderen Seite versickern in den astelischen Sumpfgebieten. Ich könnte mir vorstellen, daß unser Weg bergab führt, nachdem wir diese Wasserscheide überquert haben – es sei denn, Otha hat bewirken können, daß hier in Zemoch das Wasser bergauf fließt.« Ein genidianischer Ritter trabte herbei. »Ein Kurier aus Emsat hat uns soeben eingeholt, Hochmeister Komier«, meldete er. »Er sagt, er habe wichtige Nachrichten für Euch.« Komier nickte und ritt zum Heer zurück.

Die anderen setzten ihren Weg fort, während die Schneeflocken dichter fielen.
Komier lachte schallend, als er sich wieder zu ihnen gesellte. Den Kurier hatte er mitgebracht.
»Was ist denn so lustig?« fragte Bergsten.

»Wir haben gute Neuigkeiten von zu Hause, Eminenz«, antwortete Komier grinsend. »Erzählt unserem geliebten Patriarchen, was Ihr mir soeben berichtet habt«, forderte er den Kurier auf.

»Jawohl, hoher Herr.« Der Thalesier mit den blonden Zöpfen blickte Bergsten an. »Es geschah vor einigen Wochen, Eminenz, da konnten die Burgdiener eines Morgens den Prinzregenten nirgends finden, keine Spur von ihm! Zwei volle Tage lang haben die Leibwächter die ganze Burg regelrecht auf den Kopf gestellt, aber das kleine Wiesel schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein.«

»Hütet Eure Zunge, Mann!« grollte Bergsten. »Schließlich ist Avin der Prinzregent – auch wenn er tatsächlich ein kleines Wiesel ist.«

»Verzeiht, Eminenz. Jedenfalls gab es der ganzen Hauptstadt ein Rätsel auf. Denn sobald Avin Wargunsson sich irgendwohin begab, hat er gleich eine ganze Blaskapelle mitgenommen, die mit Fanfarengeschmetter auf ihn aufmerksam machte. Nun – dann fiel einem Kammerdiener ein volles Faß Wein in Avins Studiergemach auf. Das kam dem Mann merkwürdig vor; denn Avin hielt nicht viel von Wein. Also hat man sich das Faß genauer angeschaut. Offensichtlich war es bereits einmal geöffnet worden; denn auf dem Fußboden befanden sich eingetrocknete Weinlachen. Nun, Eminenz, die Suche nach Avin hatte alle Beteiligten ziemlich durstig gemacht; deshalb beschlossen sie, das Faß zu öffnen. Doch sie stellten fest, daß der Deckel festgenagelt war. Aber in Thalesien nagelt niemand ein Weinfaß zu; darum wurden alle sofort mißtrauisch. Sie holten Beißzangen, zogen die Nägel heraus und nahmen den Deckel ab – und da war Avin! Mit dem Gesicht nach unten schwamm er mausetot im Wein.« »Das kann nicht Euer Ernst sein!«

»O doch, Eminenz. Irgend jemand in Emsat hat offenbar eine merkwürdige Art von Humor. Er hat sich die Mühe gemacht, dieses riesige Faß in Avins Studiergemach zu rollen, nur damit er ihn hineinstopfen und den Deckel zunageln konnte. Avin hat offenbar wild ums Überleben gekämpft. Er hatte Holzsplitter unter den Fingernägeln, und auf der Deckelunterseite befanden sich tiefe Kratzspuren. Es war kein schöner Anblick. Ich glaube, nachdem man ihn herausgefischt hatte, tropfte noch zwei Stunden lang Wein aus ihm heraus. Die Burgdiener bemühten sich, ihn für die Bestattung einigermaßen herzurichten, aber Ihr wißt ja selbst, wie schlecht Rotweinflecken sich entfernen lassen. Avin war so purpurfarben wie ein klarer Himmel beim Sonnenuntergang, als man ihn in der Kathedrale von Emsat aufbahrte.« Der Kurier rieb sich nachdenklich die Wange. »Es war der seltsamste Trauergottesdienst, an dem ich je teilgenommen habe. Der Primas von Emsat hat heldenhaft gekämpft, sein Lachen zu unterdrücken, als er die Abschiedsrede hielt. Tja, er hat diesen Kampf verloren, und das führte dazu, daß die gesamte Trauergemeinde in herzhaftes Gelächter ausbrach. Da lag unser Avin auf dem Katafalk, kleiner als eine halb ausgewachsene Ziege und blau wie eine reife Pflaume, und in der ehrwürdigen Kathedrale krümmte sich alles vor Lachen.« »Na ja, zumindest galt Avin die allgemeine Aufmerksamkeit«, meinte Komier. »Das war immer sehr wichtig für ihn.«

»O ja. Und er hatte wahrhaftig vollste Aufmerksamkeit, Hochmeister Komier. Aller Augen waren auf ihn gerichtet. Dann, nachdem man ihn in die Königskrypta getragen hatte, feierte die ganze Stadt, und wir alle brachten Trinksprüche auf den im Rotwein verblichenen Avin Wargunsson aus. Es ist nicht leicht, in Thalesien einen Grund zum Lachen zu finden, wenn der Winter vor der Tür steht, doch Avin ist es gelungen, die dunkle Jahreszeit für uns mit Frohsinn zu erhellen.«

»Was war es denn für ein Wein?« fragte Patriarch Bergsten ernst.
»Arzischer Roter, Eminenz.«
»Weiß man, welcher Jahrgang?«
»Ich glaube, vom vergangenen Jahr.«

»Ein hervorragender Tropfen!« Bergsten seufzte. »Es gab wohl keine Möglichkeit, ihn zu retten?«
»Avin?«
»Wer interessiert sich für Avin? Ich meine den Wein.«

»Der war nicht mehr zu retten, nachdem Avin zwei Tage darin herumgeschwommen ist, Eminenz.«

Wieder seufzte Bergsten. »Was für eine Vergeudung«, sagte er voller Bedauern. Dann sank er über seinen Sattelknauf und lachte wie schon lange nicht mehr.


Es war eisig in den Tamulischen Bergen, als Ulath und Tynian durch deren Ausläufer höher und höher ritten. Die Tamulischen Berge zählten zu den geographischen Anomalien, die da und dort scheinbar aus dem Boden wachsen: karstig, karg und ohne offensichtliche Verbindung zu den benachbarten, mit Nadelbäumen bewaldeten Gipfeln. Die Laubbäume der unteren Hänge waren bereits winterkahl.

Die beiden Männer ritten vorsichtig durchs freie Gelände und bemühten sich, möglichst laut zu sein, um auf ihre Anwesenheit aufmerksam zu machen. »Es wäre sehr unklug, einen Troll zu erschrecken«, erklärte Ulath.

»Bist du sicher, daß da überhaupt welche sind?« fragte Tynian, während sie tiefer in die Berge vordrangen.

Ulath nickte. »Ich habe Fußabdrücke gesehen – oder vielmehr Stellen, wo sie versucht haben, ihre Fährten zu verwischen. Trolle geben sich wirklich Mühe, ihre Anwesenheit vor den Menschen zu verbergen. Tja, es ist eben leichter, sich eine Mahlzeit zu schnappen, wenn sie nicht ahnt, daß sie gefressen werden soll.« »Die Trollgötter haben Aphrael aber versprochen, daß ihre Geschöpfe keine Menschen mehr fressen.«

»Es dürften einige Generationen vergehen, bis es ein paar von ihnen begriffen haben. Trolle können entsetzlich dumm sein, wenn sie es darauf anlegen – und vor allem, wenn es um ihre Lieblingsbeschäftigung geht. Wir sollten jetzt sehr wachsam sein! Sobald wir aus diesem Vorgebirge heraus sind, führe ich die Zeremonie der Trollgötterbeschwörung durch. Danach dürften wir sicher sein. Gerade diese Ausläufer sind gefährlich.« »Warum führst du diese Zeremonie nicht gleich durch?«

Ulath schüttelte den Kopf. »Das würde von schlechten Manieren zeugen. Trollgötter sollte man nicht rufen, ehe man weiter oben in den Bergen ist – auf echtem Trollgebiet.«
»Hier ist aber kein Trollgebiet, Ulath.«

»Jetzt schon. Suchen wir ein gutes Plätzchen für unser Nachtlager.«

Sie errichteten ihr Lager auf einem Stufensims, wodurch sie eine feste Wand hinter und eine steil abfallende vor sich hatten. Dann hielten sie abwechselnd Wache. Als das erste Dämmerlicht die Dunkelheit vom wolkenverhangenen Himmel wusch, rüttelte Tynian Ulath wach. »Am Fuß der Wand raschelt irgendwas im Gebüsch!« flüsterte er.

Ulath setzte sich auf, und seine Rechte legte sich wie von selbst um den Axtgriff. Mit erhobenem Kopf lauschte er. »Ein Troll!« sagte er nach wenigen Augenblicken. »Woher willst du das wissen?«

»Was immer diesen Lärm verursacht, tut es mit Absicht. Wildtiere würden nicht solchen Krach machen, und die Bären halten bereits ihren Winterschlaf. Der Troll will uns auf sich aufmerksam machen!«
»Was sollen wir tun?«

»Wir schüren unser Feuer und zeigen ihm auf diese Weise, daß wir wach sind. Und keine hastigen Bewegungen!« Er schob seine Decken zur Seite und stand auf, während Tynian Reisig aufs Feuer schichtete.

»Sollen wir ihn einladen, sich an unserem Feuer zu wärmen?« fragte Tynian.
»Ihn friert nicht.«
»Es ist eisig kalt, Ulath!«
»Er hat ein dickes Fell. Trolle entfachen Feuer nur, damit sie besser sehen können, nicht zum Wärmen! Wie wär's, wenn du einstweilen schon mal das Frühstück machst! Der Troll wird nichts unternehmen, ehe der Tag richtig angebrochen ist.«
»Ich bin mit dem Frühstück nicht dran!«
»Aber ich muß Wache halten.«
»Das kann ich genauso gut wie du!«

»Du würdest ja nicht einmal wissen, worauf du achten mußt, Tynian.« Das hörte sich vernünftig an, auch wenn anzunehmen war, daß Ulath sich vor allem vor dem Kochen drücken wollte.

Allmählich wurde es heller. Die Morgendämmerung war stets ein seltsamer Vorgang. Man mochte direkt auf einen dunklen Flecken im Wald blicken, und plötzlich wurde einem bewußt, daß man Bäume und Steine und Dickicht sehen konnte, wo einen Herzschlag zuvor nur Dunkelheit gewesen war.

Tynian brachte Ulath einen Teller mit dampfendem Schinken und einem Stück Brot mit ehemals knuspriger Kruste. »Laß den Schinken auf dem Spieß«, riet Ulath. Tynian brummte bestätigend; dann nahm er seinen eigenen Teller und setzte sich zu seinem Freund an den Rand des Felssimses. Während sie aßen, behielten sie den Buchenwald am steilen Hang unter ihnen im Auge. »Da ist er!« Ulath streckte die Hand aus. »Direkt neben dem Felsblock.«

»Jetzt sehe ich ihn auch.« Tynian nickte. »Er scheint mit seiner Umgebung zu verschmelzen, nicht wahr?«

»Das gehört zum Wesen eines Trolls, Tynian. Er ist Teil des Waldes.«

»Sephrenia sagt, daß wir entfernt mit den Trollen verwandt sind.«

»Wahrscheinlich hat sie recht. So viele Unterschiede zwischen uns und den Trollen gibt es eigentlich gar nicht. Sie sind größer und haben andere Eßgewohnheiten.« »Wie lange wird das wohl noch dauern?«

»Ich habe keine Ahnung. Soviel ich weiß, hat es so etwas bisher noch nie gegeben!« »Was wird er als nächstes tun?«

»Sobald er sicher ist, daß wir von seiner Anwesenheit wissen, wird er wahrscheinlich versuchen, sich irgendwie mit uns zu verständigen.«
»Weiß er, daß du Trollisch kannst?«
»Möglich. Die Trollgötter kennen mich und wissen, daß ich zu Sperbers Rudel gehöre.«
»Das ist eine merkwürdige Formulierung.«
»Ich versuche, wie ein Troll zu denken. Wenn ich das schaffe, kann ich vielleicht vorhersehen, was er als nächstes tun wird.«
Da brüllte der Troll zu ihnen hinauf.
»Was hat er gesagt?« fragte Tynian nervös.
»Er möchte wissen, was er tun soll. Er ist sehr verwirrt.«
»Er ist verwirrt? Was bin dann ich?«

»Er hat den Auftrag, auf uns zu warten und uns zu den Trollgöttern zu bringen. Er hat keine Ahnung von unseren Sitten und Gebräuchen und weiß nicht, wie er sich uns gegenüber benehmen muß. Wir müssen ihm weiterhelfen. Steck dein Schwert ein! Wir wollen die Dinge doch nicht noch schlimmer machen, als sie ohnehin sind.« Ulath erhob sich. Er achtete darauf, sich nicht zu hastig zu bewegen. Dann hob er die Stimme und rief auf Trollisch den Hang hinunter: »Komm zu diesem Kind Khwajs herauf, das wir gemacht haben. Wir werden miteinander essen und sprechen, was wir tun müssen.« »Was hast du ihm gesagt?« »Ich habe ihn zum Frühstück eingeladen.«

»Du hast was? Nur ein paar Fuß von uns entfernt soll ein Troll zu fressen anfangen?«

»Es ist eine Vorsichtsmaßnahme. Es wäre unhöflich von ihm, uns zu töten, nachdem er Essen von uns angenommen hat.«
»Unhöflich? Das da unten ist ein Troll, Ulath!«

»Nur weil er ein Troll ist, heißt das noch lange nicht, daß er schlechte Manieren hat. Ach, ehe ich's vergesse: Wenn er in unser Lager kommt, wird er uns beschnüffeln wollen. Es gehört sich, daß auch wir ihn beschnüffeln. Er wird nicht sehr gut riechen, aber tu's trotzdem! Trolle beschnuppern sich, um einander zu erkennen, wenn sie sich je wiederbegegnen.« »Ich glaube, du hast den Verstand verloren!«

»Halte dich ganz einfach an mich und überlaß das Reden mir.«

»Was sollte ich sonst tun? Ich beherrsche kein Trollisch! Schon vergessen?« »Du kannst kein Trollisch? Das ist ja ein Ding! Ich dachte, jeder gebildete Mensch beherrscht diese Sprache.«

Fast lautlos näherte sich ihnen der Troll durch den Buchenwald. Häufig benutzte er die Arme, zog sich daran weiter und bewegte sich mit dem ganzen Körper. Er war etwa drei Meter groß und hatte einen glänzenden braunen Pelz. Mit Ausnahme des Gesichts ähnelte er in gewisser Weise einem riesigen Affen, und aus seinen tiefliegenden Augen sprach ein Schimmer von Intelligenz. Er kletterte auf den Sims, wo die Gefährten ihr Lager aufgeschlagen hatten; dann hockte er sich nieder und stützte die Unterarme auf die Knie, wobei er darauf achtete, daß seine Pranken zu sehen waren. »Ich habe keinen Prügel«, erklärte er halb knurrend.

Gestenreich legte Ulath seine Axt zur Seite und streckte die leeren Hände aus. »Ich habe keinen Prügel«, erwiderte er den üblichen Trollgruß. »Nimm deinen Waffengürtel ab, Tynian«, murmelte er. »Schieb ihn ein Stück von dir weg.« Zuerst wollte Tynian sich weigern, tat dann aber wie geheißen.

»Das Kind von Khwaj, das du gemacht hast, ist gut.« Der Troll zeigte auf ihr Feuer.
»Khwaj wird sich freuen.«
»Es ist gut, die Götter zu erfreuen«, erwiderte Ulath.

Der Troll hieb plötzlich die Fäuste auf den Boden. »Das ist nicht, wie es sein sollte!« rief er unglücklich.

»Nein«, bestätigte Ulath und kauerte sich auf ähnliche Weise nieder wie der Troll. »Das ist es nicht. Aber die Götter haben ihre Gründe dafür. Sie haben gesagt, wir dürfen einander nicht töten. Sie haben auch gesagt, wir dürfen einander nicht fressen.«

»Ich habe gehört, wie sie das sagten. Vielleicht haben wir sie falsch verstanden.«
»Das glaube ich nicht.«
»Könnte es sein, daß ihr Kopf krank ist?«
»Das ist möglich. Trotzdem müssen wir ihnen gehorchen.«

»Wovon redet ihr eigentlich?« erkundigte Tynian sich nervös. Ulath zuckte die Schultern. »Wir philosophieren.«
Tynian starrte ihn an.

»Es ist ziemlich kompliziert. Es geht darum, ob wir moralisch verpflichtet sind, den Göttern zu gehorchen, falls sie verrückt geworden sind. Ich behaupte, ja. Natürlich ist meine Meinung in unserer Lage ein wenig von Eigeninteresse geprägt.«

»Kann es nicht reden?« Der Troll zeigte auf Tynian. »Ist dieses Vogelpiepsen der einzige Laut, den es machen kann?«

»Das Vogelpiepsen dient unseresgleichen als Sprache. Wirst du mit uns essen?« Der Troll blickte auf ihre Pferde und leckte sich die Lippen. »Das?«

»Nein.« Ulath schüttelte den Kopf. »Das sind die Tiere, die uns tragen.« »Sind eure Beine krank? Sind sie darum so kurz?«

»Nein. Die Tiere können schneller laufen als wir. Sie tragen uns, wenn wir rasch vorankommen wollen.«
»Was für ein Essen habt ihr?«
»Schwein.«
»Schwein ist gut. Reh ist besser.«
»Ja.«
»Wo ist das Schwein? Ist es tot? Wenn es noch lebt, töte ich es.«
»Es ist tot.«
Der Troll schaute sich um. »Ich sehe es nicht.«
»Wir haben nur einen Teil davon mitgebracht.« Ulath zeigte auf den Riesenschinken am Spieß über dem Feuer.
»Teilt ihr euer Essen mit dem Kind von Khwaj?«

Ulath beschloß, den Vorgang des Kochens nicht ausgerechnet jetzt zu erklären. »Ja«, antwortete er. »Das ist bei uns so Sitte.«

»Freut sich Khwaj, daß ihr euer Essen mit seinem Kind teilt?«

»Wir nehmen es an.« Ulath zog seinen Dolch, hob den Spieß vom Feuer und säbelte ein gut drei Pfund schweres Stück von dem Schinken ab.

»Sind eure Zähne krank?« Das klang sogar mitfühlend. »Ich hatte auch mal einen kranken Zahn. Hat sehr weh getan.«

»Unseresgleichen haben keine scharfen Zähne«, erklärte Ulath dem Troll. »Nimmst du von unserem Essen?«

»Ja.« Der riesige Troll richtete sich auf und stapfte zum Feuer.

»Das Essen war nahe dem Kind von Khwaj«, warnte Ulath. »Es ist heiß. Es könnte deinem Mund weh tun.«
»Ich heiße Bhlokw«, stellte der Troll sich nun vor.
»Ich heiße Ulath.«
»U-lat? Das ist ein merkwürdiger Name.« Bhlokw zeigte auf Tynian. »Wie heißt es?«
»Tynian«, antwortete Ulath.
»Tin-jan. Das ist noch seltsamer als U-lat.«

»Das Vogelpiepsen unserer Sprache läßt unsere Namen seltsam klingen.« Der Troll beugte sich vor und beschnüffelte Ulaths Kopf. Ulath mußte allen Mut zusammennehmen, um nicht aufzubrüllen und sich zum nächsten Baum zu flüchten. Er schnüffelte nun seinerseits an Bhlokws Pelz. Der Troll roch gar nicht mal so widerlich. Dann beschnüffelten das Ungeheuer und Tynian einander. »Jetzt kenne ich euch«, erklärte Bhlokw.

»Das ist gut.« Ulath streckte ihm das Riesenstück dampfenden Schinken entgegen.

Bhlokw nahm es und stopfte es sich in den Mund, spuckte es jedoch sofort wieder aus und in seine Pranke.
»Heiß«, brummte er ein wenig verlegen.

»Wir pusten darauf, um es ein bißchen kühler zu machen, damit wir es essen können, ohne unserem Mund weh zu tun«, erklärte Ulath ihm.

Bhlokw blies eine Zeitlang heftig auf das Schinkenstück. Dann stopfte er es wieder in den Mund. Für einen Moment kaute er nachdenklich. Dann schluckte er. »Es ist anders«, sagte er diplomatisch. Er seufzte. »Es gefällt mir nicht, U-lat«, gestand er bedrückt. »Das ist nicht, wie es sein sollte.« »Nein. So ist es nicht«, bestätigte Ulath.

»Wir sollten einander töten. Ich habe euch Menschendinge getötet und gegessen, seit ihr zum erstenmal in die Trollberge gekommen seid. So sollte es sein. Ich glaube, die Götter sind krank im Kopf, sonst würden sie uns so was nicht befehlen.« Er seufzte abgrundtief. »Aber dein Gedanke ist richtig. Wir müssen tun, was sie uns befehlen. Vielleicht wird ihr Kopf irgendwann wieder gesund, und sie lassen uns einander wieder töten und essen.« Abrupt stand er auf. »Sie wollen euch sehen. Ich bringe euch zu ihnen.« »Gut. Gehen wir.«

Diesen ganzen Tag und die Hälfte des nächsten folgten die Gefährten Bhlokw immer bergauf, bis er sie schließlich auf eine schneebedeckte Lichtung führte, auf der ein Feuer in einer großen Grube brannte. Dort erwarteten die Trollgötter sie.

»Aphrael kam zu uns«, erklärte ihnen die Monstrosität namens Ghworg.

»Sie hat uns gesagt, daß sie zu euch will«, erwiderte Ulath, »und daß sie zu uns kommt und uns erzählt, wenn etwas passiert, das wir wissen sollten.«

»Sie hat ihren Mund an unsere Gesichter gedrückt.« Ghworg wirkte ziemlich verwirrt. »Das tut sie gern. Es macht ihr Freude.«

»Es hat nicht wehgetan«, gab Ghworg ein wenig skeptisch zu und berührte die Wange, wo Aphrael ihn geküßt hatte.
Tynian fragte leise: »Was hat er gesagt?«
»Das Aphrael hier war und mit ihnen geredet hat«, antwortete Ulath. »Sie hat diese Ungeheuer sogar geküßt! Du kennst ja Aphrael.«
»Sie hat die Trollgötter geküßt?« Tynian wurde kreidebleich.
»Was hat es gesagt?« erkundigte sich Ghworg.
»Es wollte, daß ich ihm sagte, was du gesagt hast.«
»Das ist nicht gut, Ulath-von-Thalesien. Es sollte nicht mit Worten zu dir reden, die wir nicht verstehen. Wie heißt es?«
»Tynian-von-Deira.«
»Ich werde es so machen, daß Tynian-von-Deira unsere Zunge spricht.«
»Wappne dich!« warnte Ulath seinen Freund.
»Was? Was hat er vor?«
»Ghworg wird dir Trollisch beibringen.«

»Aber – einen Moment mal …« Abrupt preßte Tynian sich die Hände an die Schläfen, schrie auf und stürzte zappelnd und sich windend in den Schnee. Der krampfartige Anfall verebbte rasch, doch Tynian war nun noch bleicher und zitterte am ganzen Körper, als er sich mit weit aufgerissenen, wirren Augen aufsetzte. »Du bist Tynian-von-Deira?« fragte Ghworg auf Trollisch. »J-ja«, antwortete Tynian mit bebender Stimme. »Verstehst du meine Worte?«

»J-ja.«

»Das ist gut. Dann sprich nicht mehr diese andere Zunge, wenn du in unserer Nähe bist. Wir wissen nicht, ob wir dir trauen können, wenn du das tust.« »Ich werde daran denken.«

»Das ist gut. Aphrael kam zu uns. Sie sagte, dem mit dem Namen Berit wurde befohlen, sich nicht zu dem Ort Beresa zu begeben, sondern zu dem Ort Sopal. Sie sagte, ihr würdet verstehen, was das bedeutet.« Er blickte die beiden stirnrunzelnd an. »Versteht ihr es?«

»Verstehen wir es?« wandte Tynian sich auf Trollisch an Ulath.

»Ich bin mir nicht sicher.« Ulath stand auf, ging zu seinem Pferd und zog eine Landkarte aus seinem Sattelbeutel. Dann kehrte er zum Feuer zurück. »Das ist ein Bild vom Boden«, erklärte er der ungeheuerlichen Wesenheit. »Wir machen diese Bilder, damit wir wissen, wohin wir reisen.«

Schlee warf einen flüchtigen Blick auf die Karte. »So sieht der Boden nicht aus«, erklärte er, ging in die Hocke und stieß die gewaltigen Finger durch den Schnee in den Schmutz darunter. »So sieht der Boden aus!«

Ulath fuhr zusammen, als die Erde unter seinen Füßen leicht erbebte. Dann starrte er auf Schlees beinahe künstlerisches Werk. Es war keine Landkarte, die er geschaffen hatte, sondern eine stark verkleinerte Reliefdarstellung des gesamten Kontinents. »Das ist ein sehr gutes Bild vom Boden!« lobte er verwundert.

Schlee zuckte die mächtigen Schultern. »Ich habe meine Hand in den Boden gesteckt und seine Form gespürt. So sieht er aus.«

»Wo ist Beresa?« wandte Tynian sich an Ulath, der staunend die haarfeinen Bäumchen betrachtete, die wie zweitägige Bartstoppeln an den Flanken winziger Berge emporwuchsen.

Ulath studierte seine Karte, dann schritt er gut zehn Fuß südwärts zu einer schimmernden Oberfläche mit winzigen Wellen. Seine Füße versanken leicht in Schlees Relief des südlichen Tamulischen Meeres. »Beresa liegt genau hier!« antwortete er auf Trollisch. Dabei bückte er sich und tippte mit einer Fingerkuppe auf einen Punkt an der Küste.

»Das ist, wohin jene, die Anakhas Gefährtin wegnahmen, ihm zu gehen befahlen«, erklärte Tynian den Trollgöttern.
»Wir verstehen nicht!« brummte Khwaj.
»Anakha liebt seine Gefährtin.«
»So soll es auch sein.«

»Er wird wütend, wenn seine Gefährtin sich in Gefahr befindet. Jene, die sie ihm wegnahmen, wissen das. Sie sagten, sie werden Anakha die Gefährtin nicht zurückgeben, wenn er ihnen nicht den Blumenstein gibt.«

Jetzt legten alle Trollgötter verwirrt die Stirn in Falten und bemühten sich, diese Worte und deren Sinn zu enträtseln. Plötzlich brüllte Khwaj auf und spie eine gewaltige, lodernde Feuerwolke aus, die den Schnee auf gut hundertfünfzig Schritt in allen Richtungen schmolz. »Das ist niederträchtig!« donnerte er. »Es ist nicht richtig, das zu tun! Sie führen Krieg gegen Anakha, nicht gegen seine Gefährtin! Ich werde diese Verruchten finden! Ich werde sie in ein Feuer verwandeln, das nie erlöscht. Sie werden für immer und alle Zeit vor Schmerzen heulen!«

Tynian schauderte bei dieser Vorstellung. Dann erklärte er – mit viel Hilfe von Ulath – ihre Tarnung, und durch welche List sie erst ermöglicht worden war.

»Siehst du nun wirklich anders aus als zuvor, Ulath-von-Thalesien?« fragte Ghworg und musterte Ulath neugierig. »Ganz anders, Ghworg.«

»Das ist seltsam. Mir kommst du gleich vor.« Der Gott dachte über seine Worte nach. »Aber vielleicht ist es gar nicht so seltsam«, meinte er schließlich. »Alle von eurer Art kommen mir gleich vor.« Er ballte die riesige Pranke. »Khwaj hat recht. Wir müssen den Verruchten Schmerzen zufügen. Zeig uns, wohin dieser Berit gehen sollte.« Ulath warf noch einmal einen Blick auf seine Karte; dann überquerte er das Miniaturrelief zum Rand des Binnenmeeres von Arjun. Wieder bückte er sich und tippte mit dem Finger auf einen Punkt an der Küste. »Genau hier, Ghworg.« Er bückte sich noch tiefer und starrte auf die Binnenmeerküste. »Es ist wirklich da!« krächzte er verblüfft. »Ich kann sogar die Häuser sehen! Das ist Sopal!«

»Natürlich«, brummte Schlee nicht ohne Stolz. »Es wäre kein gutes Bild, wenn ich etwas ausließe.«

»Wir wurden irregeführt«, sagte Tynian. »Wir dachten, unsere Feinde wären an dem Ort Beresa. Dort sind sie aber nicht! Statt dessen halten sie sich an dem Ort Sopal auf. Der Mann, den wir Berit nennen, hat den Blumenstein nicht. Anakha hat die Saphirrose. Anakha bringt sie nach Beresa. Wenn die Verruchten an den Ort Sopal kommen, um Berit zu treffen, wird er den Blumenstein nicht bei sich haben, um ihn den Verruchten zu geben. Sie werden wütend sein und Anakhas Gefährtin vielleicht Schmerzen zufügen.«

Ghworg starrte düster auf Tynian. »Ich habe ihn unsere Sprache vielleicht zu gut gelehrt«, murmelte er. »Er redet viel zuviel!«

Schlee hatte Tynians Worten dagegen aufmerksam gelauscht. »Aber er hat wahr gesprochen. Anakhas Gefährtin wird sich in Gefahr befinden. Jene, die sie fortgeschleppt haben, töten sie möglicherweise sogar.« Die Haut seiner ungeheuren Schultern zuckte, als er abwesend die Schneeflocken abschüttelte, die unaufhörlich auf ihn hernieder rieselten, und sein Gesicht verzog sich bei der ungewohnten geistigen Anstrengung. »Ich könnte mir vorstellen, daß Anakha dann wütend sein wird – vielleicht so wütend, daß er den Blumenstein erheben und die Welt verschwinden lassen wird. Wir müssen die Verruchten davon abhalten, Anakhas Gefährtin weh zu tun!«

»Tynian-von-Deira und ich werden uns zu dem Ort Sopal begeben«, erklärte Ulath. »Die Verruchten werden uns nicht erkennen, da unsere Gesichter verändert wurden. Wir werden in der Nähe sein, wenn die Verruchten dem mit Namen Berit sagen, daß sie ihm Anakhas Gefährtin im Austausch für den Blumenstein geben. Dann werden wir sie töten und Anakhas Gefährtin zurückbringen.«

»Es spricht gut!« wandte Zoka sich an die übrigen Trollgötter. »Es denkt richtig. Helfen wir ihm und dem anderen – aber erlauben wir ihm nicht, die Verruchten zu töten. Sie zu töten ist nicht genug. Khwajs Vorschlag ist besser. Khwaj soll sie zu Feuern machen, die nie erlöschen. Sie sollen für immer brennen. Das ist besser!« »Ich werde diese Menschendinge in die Zeit versetzen, die sich nicht bewegt«, erbot sich Ghnomb. »Solange die Welt stillsteht, werden wir sie in Schlees Bild auf dem Boden beobachten, während sie sich zu dem Ort Sopal begeben.«

»Könnt ihr wirklich etwas so Kleines wie ein Menschending in Schlees Bild auf dem Boden sehen?« fragte Ulath den Gott des Essens erstaunt.

»Könnt ihr das nicht?« Ghnomb wirkte sogar noch überraschter als Ulath. »Wir werden euch Bhlokw zur Hilfe mitgeben und alles, was geschieht, in Schlees Bild auf dem Boden beobachten. Sobald die Verruchten dem Mann Berit Anakhas Gefährtin zeigen, um zu beweisen, daß sie sie wirklich haben, werdet ihr, du und Tynian-vonDeira, aus der Zeit treten, die sich nicht bewegt, und ihnen Anakhas Gefährtin wegnehmen.«

»Dann werde ich in Schlees Bild vom Boden langen und sie in die Hände heben«, fügte Khwaj grimmig hinzu. »Ich werde sie hierherbringen und Feuer aus ihnen machen, das nie verlöscht.«

»Kannst du tatsächlich in Schlees Bild am Boden greifen und die Verruchten aus der wirklichen Welt holen?« fragte Ulath und staunte noch mehr als zuvor.
»Das ist ganz einfach.« Khwaj zuckte die Schultern.
Tynian schüttelte heftig den Kopf.
»Was ist?« fragte Schlee barsch.

»Der Zalasta Genannte kann auch in die Zeit kommen, die sich nicht bewegt. Wir haben gesehen, wie er das tut.«

»Das macht nichts«, versicherte ihm Khwaj. »Der Zalasta Genannte ist einer der Verruchten. Ich mache auch ihn zu einem Feuer, das nie erlöscht. Das Feuer wird dort ebenso heiß sein wie dies hier.«


Nachdem sie den Felsgrat hinter sich hatten, der die westwärts strömenden Flüsse von den nach Osten fließenden trennte, wurde der Schnee schwerer und nasser. Die gewaltige Wolke feuchter Luft, die dauernd über den astelischen Sümpfen hing, griff nach den Osthängen des Zemochischen Gebirges und löste die ungeheuren Schneefälle aus, welche die Wälder begruben und die Pässe unbegehbar machten. Während sie dem Tal der Südgabelung am Esos zur zemochischen Stadt Basne folgten, mußten die Ordensritter sich ihren Weg durch nasse Schneewehen und Wächten bahnen.

Hochmeister Abriel vom Cyrinischen Ritterorden hatte diesen Feldzug voller Zuversicht angetreten. Er befand sich bei guter Gesundheit, und lebenslange militärische Übungen hatten seinen Körper in Höchstform gehalten. Dennoch ließ sich nicht bestreiten, daß er sich den Siebzigern näherte, und er mußte erkennen, daß ihm der Aufbruch von Morgen zu Morgen schwerer fiel. Allerdings hätte er das nie eingestanden.

Eines Vormittags, als der Schnee in dichten Flocken fiel, kehrte einer der Spähtrupps, die sich etwa eine Tagesreise vor ihnen befanden, mit drei in Ziegenfelle gehüllten Zemochern zurück. Sie waren dünn und schmutzig und völlig verängstigt. Patriarch Bergsten ritt ihnen entgegen, um sie zu befragen. Als die Spitze der Streitkräfte ihn wieder einholte, hatte der hünenhafte Kirchenmann eine hitzige Auseinandersetzung mit einem arzischen Ritter. »Aber es sind Zemocher, Eminenz!« wandte der Ritter ein.

»Wir führten Krieg gegen Otha, Herr Ritter«, sagte Bergsten eisig, »nicht gegen diese abergläubischen armen Teufel! Gebt ihnen zu essen und warme Kleidung und laßt sie laufen!«
»Aber …«

»Ihr wollt doch nicht etwa Schwierigkeiten machen, Herr Ritter?« fragte Bergsten drohend und schien noch größer zu werden, als er ohnehin schon war.

Der Ritter schien zu überlegen; dann wich er ein paar Schritte zurück. »Äh – nein, Eminenz«, entgegnete er. »Ich glaube nicht.«

»Unsere Heilige Mutter Kirche freut sich über Euren Gehorsam, mein Sohn«, brummte Bergsten.

»Wußten diese drei irgend etwas Brauchbares?« fragte Komier.

»Nicht viel.« Bergsten stemmte sich wieder in seinen Sattel. »Irgendwo östlich von Argoch befinden sich irgendwelche Streitkräfte in Marsch. Aber den Berichten so furchtsamer und abergläubischer Menschen darf man nicht allzu viel Glauben schenken. Wer weiß schon, was sie wirklich gesehen haben?«

»Es hört sich aber ganz nach einem Kampf an!« Komier rieb sich erwartungsvoll die Hände.

»Das bezweifle ich«, widersprach Bergsten. »Soweit ich es diesem zusammenhanglosen Gebrabbel entnehmen konnte, setzt die Streitmacht sich hauptsächlich aus irregulären Truppen zusammen – irgendwelche religiösen Geiferer. Unsere Heilige Mutter in Chyrellos hat sich in diesem Teil der Welt kaum Freunde gemacht, als sie im neunten Jahrhundert die verschiedenen elenischen Glaubensgemeinschaften in Westdaresien wieder zu einer einzigen Religion zusammenfügen wollte.«

»Das war vor nahezu zweitausend Jahren, Bergsten!« gab Komier zu bedenken. »Eine arg lange Zeit, Groll zu hegen und zu pflegen.«

Bergsten zuckte die Schultern. »Alter Groll hält sich am hartnäckigsten. Schickt Eure Kundschafter noch ein Stück weiter aus, Komier. Wollen doch mal sehen, ob wir einen genaueren und glaubhafteren Bericht über das Empfangskomitee bekommen können. Ein paar Gefangene wären vielleicht ganz nützlich.« »Ich weiß durchaus, wie man so etwas macht, Bergsten!«

»Dann macht es und sitzt nicht bloß herum und redet darüber!«

Sie zogen an Argoch vorbei, als Komiers Späher mit mehreren Gefangenen zurückkehrten. Patriarch Bergsten befragte die armselig gekleideten und unwissenden elenischen Gefangenen kurz; dann befahl er, sie wieder freizulassen. »Eminenz!« erregte sich Darellon. »Das war sehr unklug! Diese Burschen werden zu ihren Anführern zurücklaufen und ihnen alles berichten, was sie gesehen haben.« »Eben«, entgegnete Bergsten. »Genau das will ich ja. Außerdem möchte ich, daß sie all ihren Freunden erzählen, sie hätten hunderttausend Ordensritter aus dem Gebirge kommen sehen. Ich stachle sie zur Fahnenflucht an, Darellon. Wir wollen diese armen, irregeleiteten Ketzer ja nicht abschlachten. Wir wollen sie lediglich aus dem Weg haben.« »Ich halte es immer noch für strategisch unklug, Eminenz.«

»Euch steht eine eigene Meinung zu, mein Sohn«, erwiderte Bergsten. »Es geht hier nicht um ein Glaubensgebot, und in diesem Fall hat unsere Heilige Mutter durchaus nichts gegen Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen einzuwenden.« »Genau das dachte ich eben auch, wißt Ihr.«

Im breiten Tal des Esos, unmittelbar südlich der zemochischen Stadt Basne – knappe hundert Meilen westlich der astelischen Grenze – stießen sie auf die gegnerische Streitmacht. Die Meldungen der Späher und die Informationen, die sie von den Gefangenen erhalten hatten, erwiesen sich als richtig. Was sich ihnen da in den Weg stellte, war weniger eine militärische Truppe als eine schlecht bewaffnete Horde, die sich in heillosem Durcheinander vorwärts bewegte.

Die Hochmeister der vier Orden scharten sich um Patriarch Bersten, um eine kurze Lagebesprechung zu halten. »Sie sind Angehörige unseres eigenen Glaubens«, erinnerte Bergsten die anderen. »Unsere Meinungsverschiedenheiten liegen im Bereich der Kirchenverwaltung, nicht im Glauben als solchem. So etwas läßt sich nicht auf dem Schlachtfeld bereinigen. Ich möchte nicht, daß zu viele von diesen Leuten getötet werden.«

»Da sehe ich keine große Gefahr, Eminenz«, beruhigte Hochmeister Abriel ihn. »Auf einen von uns kommen zwei von ihnen«, warf Ritter Heldin ein.

»Ein Sturmangriff dürfte für gleiche Kräfteverhältnisse sorgen, Heldin«, erwiderte Abriel. »Diese Männer sind keine Soldaten. Sie sind momentan zwar wild auf den Kampf, aber sie sind nicht ausgebildet, und die Hälfte von ihnen ist lediglich mit Heu- und Mistgabeln bewaffnet. Wenn wir unsere Visiere herunterklappen, unsere Lanzen einlegen und auf sie losstürmen, werden sie rennen wie die Hasen.«

Des ehrwürdigen Hochmeisters Einschätzung der Lage sollte sich zum Teil als richtig erweisen, zum anderen jedoch als folgenschwerer Irrtum – als tödlicher Irrtum sogar, was Abriel selbst betraf. Die Ritter fächerten in exakter Formation aus und bildeten eine breite Front, die sich über das gesamte Tal erstreckte: Cyriniker, Pandioner, Genidianer und Alzioner, alle in stählernen Plattenrüstungen und in den Sätteln ihrer kampferprobten Streitrosse; eine ungeheure Armee und die Zurschaustellung organisierter militärischer Kraft – vielleicht sogar der größten Streitmacht der Welt. Die Hochmeister warteten genau in der Mitte der vordersten Reihe, während ihre Untergebenen die hinteren Reihen zusammenstellten und die Kuriere nach vorn galoppierten, um zu melden, daß alles einsatzbereit war.

»Das dürfte genügen, um sie einzuschüchtern«, sagte Komier ungeduldig. »Ich glaube nicht, daß wir auch den Troß zum Sturm einsetzen müssen.« Er ließ den Blick über seine Freunde schweifen. »Wollen wir es angehen, meine Herren? Zeigen wir diesem Gesindel da vorn, wie echte Soldaten einen Angriff beginnen!« Er gab einem riesigen genidianischen Ritter ein knappes Zeichen, und der blonde Hüne blies schmetternd seine Ogerhorntrompete.

Die Ritter in der vordersten Reihe klappten ihre Visiere herunter und stießen ihren Pferden die Fersen in die Weichen. Die zu absolutem Gehorsam und vollkommener Einsatzbereitschaft ausgebildeten Ritter und Pferde galoppierten in einer völlig geraden Linie, wie eine Stahlmauer, die sich vorwärts bewegte.

Mitten im Sturm senkten sie die erhobenen Lanzen und richteten die stählernen Spitzen in einer funkelnden Linie auf die gegnerische Armee – und dort begann im selben Augenblick eine wilde Flucht. Die schlecht ausgebildeten Leibeigenen und Bauern brachen aus den Reihen aus, warfen ihre Waffen von sich und rannten los, kreischend vor Angst und so schnell ihre Beine sie trugen. Da und dort hielten einige besser ausgebildete Einheiten dem Ansturm der Angreifer stand, doch die Flucht ihrer Verbündeten setzte die Flanken ihres Heeres ungeschützt dem Gegner aus. Die Ritter warfen sich waffenklirrend auf diese wenigen Einheiten. Wieder einmal verspürte Abriel das Hochgefühl, das ihn bei jeder Schlacht überkam. Seine Lanze zersplitterte an einem hastig vorgestreckten Schild. Abriel schleuderte die nun nutzlose Waffe von sich und zog sein Schwert. Er schaute sich um und bemerkte, daß sich hinter den Bauern und Leibeigenen andere Streitkräfte verborgen hatten – und daß diese Armee anders als jede andere war, die er je zuvor gesehen hatte. Die Soldaten waren groß, größer sogar als die Thalesier. Sie trugen Kettenhemden und Brustharnische; letztere lagen so eng an ihren Körpern an, daß jeder Muskel sich unter dem schimmernden Stahl abzeichnete. Ihre ehernen Helme waren den Köpfen seltsamer, bizarrer Tiere nachgebildet und besaßen keine herkömmlichen Visiere, sondern waren statt dessen mit stählernen Masken versehen, die so geschmiedet waren, daß sie individuelle Gesichtszüge aufwiesen.

So sehen wahrscheinlich diese Krieger hinter den Masken aus, ging es Abriel durch den Kopf. Plötzlich lief dem cyrinischen Hochmeister ein eisiger Schauer über den Rücken, als er erkannte, daß diese furchteinflößenden, entsetzlichen Wesen keine Menschen waren.

In der Mitte dieser nichtmenschlichen Armee befand sich ein Lederzelt in ungewöhnlicher Kuppelform: ein geripptes schwarzes Zelt von gigantischen Ausmaßen.

Doch da bewegte es sich, öffnete sich, entfaltete zwei gewaltige, geschwungene Flügel, ähnlich jenen von Fledermäusen. Und dann erhob sich unter dem Schutz dieser Schwingen ein Wesen von unvorstellbarer Größe, ein Geschöpf vollkommener Finsternis mit einem Kopf wie ein umgedrehter Keil und breiten, nach oben spitz zulaufenden Ohren. Zwei Augen loderten in einem auf schreckliche Weise nicht vorhandenen Gesicht, und zwei riesige Arme reckten sich gierig nach vorn. Blitze zuckten unter der glänzenden schwarzen Haut, und der Boden, auf dem die Kreatur stand, rauchte und wurde zu schwarzer Asche versengt.

Abriel wurde von einer seltsamen, tiefen Ruhe durchdrungen. Er hob sein Visier, um diesem Geschöpf der Hölle fest in die Augen zu blicken.

»Endlich«, murmelte er. »Endlich ein geziemender Gegner.« Er klappte sein Visier wieder zu, zog seinen mächtigen Schild vor den Körper und hob das Schwert, das er über ein halbes Jahrhundert ehrenhaft geführt hatte. Seine völlig ruhigen Hände schwangen die Waffe, und er stürmte an gegen diese Monstrosität, die sich immer noch vor ihm erhob, höher und höher. »Für Gott und Arzium!« rief Abriel herausfordernd. Er wappnete sich und stürmte geradewegs ins Nichts.