Kapitel 30
Magdeburg, Deutsches
Reich,
Juli 1908
Edith verzog bei dem Lärm in der Montagehalle der Maschinenfabrik Buckau das Gesicht und beeilte sich, den lang gezogenen Gang zwischen den Werkbänken hinter sich zu lassen. Dabei klapperten ihre Absätze laut auf den Bretterboden, der mit Metallspänen, heruntergefallenem Werkzeug und defekten Eisenteilen übersät war. Die Arbeiter in ihrer verschmutzten Arbeitskleidung hoben nicht einmal die Köpfe, sondern setzten weiterhin Lokomotiventeile zusammen, feilten, hämmerten und schweißten.
Endlich erreichte Edith die Tür zum Treppenhaus, ging hindurch und schloss zumindest einen Teil der Geräuschkulisse aus, nachdem sie die Tür hinter sich zugezogen hatte. Wenig später betrat sie den Arbeitsraum mit seinen in Reihen angeordneten Tischen. Trotz ihrer beachtlichen Größe ließen die Fenster an diesem trüben Tag nicht genügend Licht ein, sodass die Deckenlampen über den Arbeitsplätzen angeknipst worden waren.
Edith ließ die Mappen aus ihrem Arm auf ihren Schreibplatz rutschen und setzte sich auf den knarrenden Holzstuhl. Während sie ein frisches Blatt Papier in die Blickensderfer Electric37 spannte, hörte sie an den Nebentischen Sigrid und Frida aufgeregt tuscheln. Was die beiden wohl zu besprechen hatten? Edith lächelte, beachtete ihre Freundinnen aber nicht weiter, sondern schlug die oberste Akte mit den stenografierten Notizen auf und begann, den Laufzettel mit dem von ihr zuvor gezählten Bestand an Schrauben und Muttern abzutippen.
»Wir haben dir ja schon mal gesagt, dass dieser Junge dich in eine gefährliche Richtung beeinflusst, liebe Edith«, sagte Sigrid unvermutet, nachdem sie eine Kiste überprüfter Muttern auf den Stapel entlang der Wand gewuchtet hatte und sich eine neue nahm.
Ediths Finger schwebten über der Tastatur. Ihren Blick behielt sie weiterhin auf den schwarzen Zeichen ihres Notizblockes.
»Du kommst zwar zu unseren Versammlungen, nimmst aber kaum noch an den Diskussionen teil, und wenn doch, äußerst du dich erschreckend liberal«, fügte Frida in nicht ganz so aggressivem Tonfall wie Sigrid hinzu.
Edith ließ die Hände in ihren Schoß gleiten und drehte sich zu den beiden um. Mit gerunzelter Stirn und leicht zur Seite geneigtem Kopf wartete sie darauf, dass die zwei endlich aussprachen, was sie ihr offensichtlich dringend mitteilen wollten.
»Was findest du nur an dem Jungen?« Verständnislos schüttelte Sigrid den Kopf. »Würdest du dich mit diesem Philippe abgeben, könnte ich das ja verstehen. Er ist zumindest annähernd in deinem Alter, sieht sehr gut aus, und ihn umgibt so eine gewisse aufregende Aura des Geheimnisvollen …«
Edith zuckte lediglich mit den Schultern. Philippe war ihr in seiner kurz angebundenen Art und der demonstrativen Überlegenheit ein bisschen unheimlich. Ganz anders verhielt es sich mit Hannes. Er war höflich, charmant und witzig.
In Ediths Alltag gab es nicht viel Grund zur Fröhlichkeit. Ihre Freunde politisierten ununterbrochen, malten dabei düstere Zukunftsvisionen an die Wand und fanden in allem einen Anlass zur Unzufriedenheit. Ihre Eltern kannten unter der Woche nur ihre Arbeit und den Haushalt, am Sonntag ging man zur Kirche und investierte anschließend seine Zeit für wohltätige Zwecke.
»Ich mag Hannes, weil er mich zum Lachen bringt«, versuchte sie zu erklären. »Er hat ein herrlich unbekümmertes Wesen und sieht das Leben nicht immer nur von seiner schlechten Seite. Er gibt mir das Gefühl, wertgeschätzt und schön zu sein.«
»Natürlich kann er sein Leben unbekümmert angehen. Bei dem vielen Geld, das in dieser Familie steckt!«, entrüstete sich Sigrid. »Der Kerl ist oberflächlich und wie alle diese bourgeoisen Männer einzig und allein auf seinen eigenen Vorteil bedacht!«
»Ich muss mir das nicht anhören«, murmelte Edith verletzt und wandte sich ihren Notizen zu. Es machte sie traurig, dass ihre besten Freundinnen so wenig von Hannes hielten und ihr das regelmäßig unter die Nase rieben. Es war ein Fehler gewesen, ihnen von seiner Herkunft zu erzählen. Aber wem hätte sie es sonst anvertrauen sollen? Von ihnen hatte Edith Verständnis und auch Hilfe erwartet, schließlich war es nicht einfach für sie, einen Mann zu lieben, der sich normalerweise nicht einmal nach jemandem wie ihr umdrehen würde. Aber Sigrids und Fridas Unverständnis und Hohn trafen sie jedes Mal mitten ins Herz.
»Es wird schmerzlich für dich sein, aber wir finden, dir sollten endlich die Augen für den wahren Charakter dieses Kerls geöffnet werden.« Sigrid erhob sich hinter ihrem Schreibtisch, griff nach einer Zeitung und legte sie auf Ediths Aktenstapel.
Irritiert wandte Edith sich dem raschelnden Papier zu und glättete mit einer Hand die Knicke darin. Auf einer Porträtfotografie lächelte ihr Hannes fesch entgegen. Sie runzelte die Stirn und überflog erst zögernd, dann immer schneller den fast reißerisch geschriebenen Bericht; dabei verfinsterte sich ihr Gesicht zusehends.
Als sie fertig gelesen hatte, senkte sie betroffen und beschämt den Kopf und strich mit ihren Händen fahrig über ihren grauen Baumwollrock. Hannes hatte ihr von der Scheinverlobung zwischen ihm und Demy erzählt. Mithilfe dieser Farce wollte er Zeit schinden, bis der alte Rittmeister sie entweder akzeptierte oder Hannes einen anderen Weg für ihre gemeinsame Zukunft auftun konnte. Allerdings hatte sie ihn so verstanden, dass es sich dabei um eine Angelegenheit handelte, die nicht laut in die Welt hinausposaunt werden würde. Wer mochte schon gerne in der Zeitung lesen, dass der Mann, den man liebte, eine andere zu heiraten gedachte? Aber nun erging sich die Presse in blumigen Worten über die Verlobung von Demy van Campen und Hans Meindorff.
Edith versteckte ihr Gesicht hinter ihren zitternden Händen. Jetzt würde der Skandal für Meindorff-Elektrik nur noch größer ausfallen! Wie wollte Hannes aus dieser Geschichte jemals wieder herauskommen? Oder wollte er das inzwischen gar nicht mehr? Hatte er den Wünschen seines Vaters nachgegeben?
»Es tut mir leid, Edith, dass du es auf diese Weise erfahren musstest. Aber ich stimme mit Sigrid überein: Du solltest das wissen!« Frida war aufgestanden und setzte sich auf die Kante von Ediths Arbeitsplatz.
»Ja«, erwiderte Edith nur und fühlte sich, als sei ihr Herz in einen der Schraubstöcke aus der Montagehalle geraten, die sie vorhin durchquert hatte. Der Druck nahm immer mehr zu; wurde zu einem grässlichen Schmerz.
In diesem Moment schwang die Glastür auf und der Vorsteher betrat den Raum. »Meine Damen, was hat das zu bedeuten?«
Frida eilte zurück zu ihrem Arbeitsplatz, während Sigrid stur neben Edith stehen blieb. »Edith geht es nicht gut«, verkündete sie trotzig.
Dies entsprach zwar der Wahrheit, dennoch warf Edith der Freundin einen wütenden Blick zu.
»Schon wieder? Fräulein Müller, waren Sie nicht erst vor zwei Wochen krank? Wenn das so weitergeht, werde ich mich bald nach einer neuen Arbeitskraft umsehen müssen, oder was denken Sie?«
»Mir geht es gut, Herr Lindenberg. Ich erledige mein Arbeitspensum wie vorgesehen.«
»Das will ich hoffen. Und dieser kleine Tratsch wird Ihnen allen von der Pause abgezogen.«
Lindenberg ging zu seinem separat stehenden Schreibpult, setzte sich und vertiefte sich in seine Papiere. Die Arbeiter, die bisher desinteressiert weitergearbeitet hatten, warfen ihnen einen vorwurfsvollen Blick zu.
Edith wandte sich wieder den von ihr abzufassenden Listen und Laufzetteln zu, doch sie brauchte lange, bis es ihr gelang, die Notizen fehlerfrei abzutippen. Ihre Gedanken verweilten bei Hannes und der schmerzlichen Erkenntnis, dass er sie offenbar angelogen hatte, und, hätten Frida und Sigrid nicht den Artikel in dieser Berliner Zeitung entdeckt, vielleicht sogar schamlos ausgenutzt hätte. Sie drohte in ein tiefes Loch aus Verzweiflung zu stürzen, mitsamt der Liebe, die sie für Hannes empfand, und gleichzeitig spürte sie einen ständig wachsenden Zorn in sich.