Kapitel 29

Walvis Bay, Britisches Kolonialgebiet,
Juli 1908

Am frühen Nachmittag des darauffolgenden Tages trafen die drei Reiter in der Niederlassung ein. Es herrschte Windstille, weshalb die Schiffe im Hafen gelangweilt auf und ab dümpelten. Das Knarren der Schiffstaue und sanfte Flattern der Wimpel bildete mit dem rhythmischen Schlagen der Wellen an die Mole eine friedliche Geräuschkulisse.

Die Temperatur an diesem Wintertag erreichte warme 20 Grad, was Karl veranlasste, sich seiner Uniformjacke zu entledigen. Hier im britisch besetzten Gebiet würde ihm außer Meindorff und Rosenzweig kein Soldat der Kaiserlichen Schutztruppe über den Weg laufen, der ihn seiner Nachlässigkeit wegen rügen konnte. Meindorff, selbst leger gekleidet, machte ohnehin kein Aufhebens darum, während Rosenzweig sich hüten würde, sich als Neuling mit einem Unteroffizier anzulegen.

Der Jude verschwand, kurz nachdem sie ihre Reittiere untergebracht hatten, in einer der Gassen des Hafenbereichs, während der Leutnant wieder einmal seinen englischen Freund und, so vermutete Karl, vor allem dessen unverheiratete Schwester besuchte. Er selbst begab sich zu einer winzigen Spelunke direkt am Hafen, in der er einen seiner Männer zu finden hoffte.

Stichmann und er hatten dort schon vor Wochen eine schlagkräftige Truppe von Haudegen aufgetan. Für einen überschaubaren Lohn begleiteten sie als bewaffnete Eskorte die Diamanttransporte der Diacamp, zeigten sich aber auch dem einen oder anderen zusätzlichen Auftrag nicht abgeneigt. Auf ihr Konto gingen die Überfälle und Diebstähle im Bereich der Diamantschürfungen. Koordiniert wurden sie von Karl, der bei drei dieser Raubzüge sogar persönlich zugegen gewesen war.

Es dauerte geraume Zeit, bis sich seine Augen an das schummrige Licht in der Schenke gewöhnt hatten. Die winzigen Sprossenfenster zum Hafen hin waren vom Salzwasser nahezu blind und die Messingschirme der Petroleumlampen entlang der dunklen Holzdecke so trübe, dass sie die Flamme in der Lampe kaum mehr reflektierten. Eine mit Flaschen und ungespülten Gläsern überladene Theke aus vor Alter und Feuchtigkeit dunklem Holz nahm einen Großteil des schmalen Raums ein. Einige winzige runde Tische, umringt von rustikalen Stühlen, die nicht gepflegter wirkten als die verkratzte Theke, waren in die hinterste Ecke gezwängt.

Wie erwartet traf Karl Sam Tischler, Sohn einer Britin und eines Deutschen, am hintersten Tisch des Pubs, wo er sich an einem Glas Schwarzbier festhielt. Karl zwängte sich zwischen den Stühlen hindurch und setzte sich dem Gleichaltrigen gegenüber auf eine schmutzige Bank, wobei er hoffte, dass der Kerl halbwegs bei Sinnen war.

Ein Blick aus rot umrandeten Augen traf ihn. »Mal wieder hier?«

Befriedigt atmete Karl auf. Zumindest erkannte Tischler ihn, was er als ein positives Zeichen wertete. »Ich habe einen Auftrag für Sie.«

»Schon wieder ein Transport?«

»Hört sich ja an, als hättet ihr das Geld nicht mehr nötig.«

Unter mühsam in die Höhe gezogenen Lidern taxierte Tischler ihn. »Was für ein Auftrag?«

»Einerseits einen lukrativen Überfall, zum anderen sollt ihr einen Deutschen ein wenig erschrecken. Ihm darf dabei aber kein Haar gekrümmt werden! Das Ziel ist lediglich, ihm den Aufenthalt hier madig zu machen, damit er möglichst schnell in das beschauliche Kaiserreich zurückkehrt.«

»Wir erledigen das. Die Bezahlung stimmt ja!«

Ein grimmiges Nicken von Karl war die Antwort. Der Kerl und seine Konsorten hatten inzwischen ordentlich Geld in der Tasche – oder versoffen –, während er weiterhin auf seinen ersten Gewinn wartete.

»Ich muss noch ein paar Einzelheiten klären. Wir treffen uns morgen früh um neun hier.«

Bei dem Gedanken, wie lange er nun schon auf die Früchte seiner Arbeit warten musste, stieg in Karl schon wieder Wut auf. Mit großen Schritten verließ er den Pub.

Wenn dieser Nachbaur, wie van Campen angedeutet hatte, öfter einmal zu einer Safari verschwand, könnte es schwierig werden, ihn aufzustöbern. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich weiterhin auf sein Glück zu verlassen, das ihm hold war, seit er aus seinem biederen Umfeld hierher auf den afrikanischen Kontinent übergesiedelt war. Das Wagnis, in dem fremden Land seine drei Pflichtjahre abzuleisten, hatte sich schnell als Glücksgriff herausgestellt. Und vor einigen Wochen hatte er van Campen kennengelernt. Der Niederländer steckte in gehörigen Schwierigkeiten und hatte jemanden für seine, wie er es ausdrückte, groben Arbeiten gesucht. Einen wie ihn!

Statt nur seine lästigen Pflichtjahre abzudienen – und dabei, wie von ihm erhofft, diesen Philippe Meindorff persönlich kennenzulernen – war er nun an einer, bald schon an drei Diamantenminen beteiligt. Und dann gab es da Udako, dieses herrlich fremdartige, aufregende Mädchen … Noch ehe Karls im Zusammenhang mit Udako immer ein wenig schmutzige Fantasie mit ihm durchgehen konnte, richtete er seine Gedanken schnell auf sein momentanes Vorhaben.

Da er zwar perfekt Französisch sprach, seine Englischkenntnisse hingegen recht dünn ausfielen, gestaltete es sich für ihn mühsam, sich bis zum Kontor der Diacamp-Company durchzufragen, das er bisher vorsichtshalber noch nie betreten hatte.

Als er endlich in die richtige Querstraße einbog und die unscheinbare Bürotür in Sicht kam, eilte ein Mann in legerer heller Baumwollhose, weißem Hemd und zur Hose passender Weste über die Straße und betrat das Diacamp-Kontor mit einer Selbstverständlichkeit, als gehöre es ihm.

Karl wich unwillkürlich in den Schatten einer Hauswand zurück. Diese Gestalt, selbst wenn er sie nur von hinten gesehen hatte, kam ihm eigentümlich vertraut vor. Es handelte sich nicht um Stichmann, denn dieser war klein und rundlich. Wen aber, außer dem Buchhalter, sollte er in Walvis Bay kennen?

Karl begann nervös mit seinem Unterkiefer zu mahlen, während er im Schatten zwischen zwei Häusern darauf wartete, dass der Mann wieder auf die Straße trat, damit er sein Gesicht sehen konnte.

Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Zweimal war er nahe daran, die Straße zu überqueren, um einen Blick durch die verschmutzten Fensterscheiben zu werfen, als sich endlich die Tür öffnete.

Beim Angesicht des Mannes schoss Karl das Blut in den Kopf. Obwohl Stichmanns Besucher in Zivil auftrat und sich frisch rasiert hatte und somit der dunkle Vollbart bis auf einen schmalen Oberlippenbart verschwunden war, erkannte er in ihm sofort Leutnant Philippe Meindorff.

Karl verfolgte mit den Augen, wie sein Vorgesetzter gemächlichen Schrittes die Straße hinunterschlenderte. Erst eine Weile nachdem Meindorff aus seinem Blick entschwunden war, fühlte er sich in der Verfassung, sein Versteck zu verlassen. Der Leutnant verdächtigte die Diacamp von Anfang an, dass sie unter nicht immer ganz lauteren Arbeitsmethoden ihre Geschäfte abwickelte. Aber weshalb kam er in Zivil hierher? Hatte der Leutnant Stichmann gekauft? Bekam er von dem Bücherwurm brisante Informationen geliefert?

Wütenden Schritts überquerte Karl den Platz und riss die Tür zu dem kleinen Wohnhaus auf, in dessen Untergeschoss das Büro von Stichmann lag. Dieser war soeben dabei, sorgfältig eine Schublade zu verschließen, und wirbelte bei Karls ungestümem Eindringen erschrocken zu ihm herum.

»Was tun Sie denn hier?«, entfuhr es dem Prokuristen, doch er klang dabei eher ängstlich als herausfordernd.

Wortlos ergriff Karl den Mann im Genick und drückte ihn mit dem Gesicht voran gegen die Schubfächer. »Wer war der Typ, der gerade bei Ihnen war, Stichmann?«

»Der Herr, der soeben hinausgegangen ist?«, nuschelte sein Opfer undeutlich.

Karl nickte und lockerte den Griff so weit, dass Stichmann zumindest halbwegs normal sprechen konnte.

»Sind Sie von allen guten Geistern verlassen, Roth? Sie haben den Mann hoffentlich in Ruhe gelassen!? Es war schon schwierig genug, ihn davon zu überzeugen, dass er mit seiner Unterschrift keinen Fehler begangen hat. Er hat von den Unruhen gehört und glaubt dem Gerede über die teilweise enttäuschenden Funde nördlich von Lüderitz.«

Ruckartig ließ Karl den Buchhalter los, der sofort ein paar Schritte von ihm forttaumelte und den wuchtigen Schreibtisch zwischen sich und ihn brachte, ehe er sein Jackett stramm zog und sich mit beiden Händen das Haar ordentlich zurückstrich.

In Karls Kopf setzten sich die Informationen zu einem Bild zusammen. Einem Bild, das ihm gründlich missfiel! »Dieser Kerl, der über eine Stunde bei Ihnen war, ist der Investor? Dieser Nachbaur?«

»Sie sagen es. Und ich betone noch einmal, Roth, dass ich inständig hoffe, dass Sie ihn keinesfalls so rüde behandeln, wie sie es soeben bei mir taten!«

»Nein. Und entschuldigen Sie«, stammelte Karl und ließ sich unaufgefordert auf einen Stuhl fallen.

Stichmann ließ sich zögernd ihm gegenüber auf seinen Drehstuhl mit den gedrechselten Armstützen nieder, faltete seine schlanken, gepflegten Hände und schien einfach darauf zu warten, was nun geschah.

Durch die verschmutzten Fenster fielen ein paar zögerliche Sonnenstrahlen und malten fleckige Muster auf den derben Dielenboden. Staubnester drückten sich in die Ecken und die Fugen, als versuchten sie vergeblich, sich zu verstecken. Ein brauner Käfer krabbelte durch den Lichtstrahl und suchte sein Heil in der Flucht unter eine krummbeinige Kommode. Während Karl diese nebensächlichen Eindrücke in sich aufnahm, versuchte sein Gehirn, das soeben Erfahrene einzuordnen.

Inwieweit der Buchhalter in die ganze Sache eingeweiht war, entzog sich Karls Wissensstand. Aus Sicherheitsgründen pflegten sie eine größtmögliche Anonymität und vorsichtshalber verschwieg er seine Überlegungen. Leutnant Meindorff hatte sich in Zivil gekleidet als Investor aus Preußen ausgegeben, was bedeutete, dass er die geraubten Zehnkaräter zu Gesicht bekommen hatte. Selbstverständlich konnte sich van Campen noch immer damit herausreden, er habe die Steine jemandem abgekauft; auf diese Weise würde er sich vermutlich nicht mehr als eine Abmahnung oder eine Geldstrafe einhandeln.

Was aber würde geschehen, wenn Meindorff tiefer grub? Konnte er dabei auf Karl stoßen? Welche Folgen standen zu befürchten, sollte durchsickern, dass die Diacamp-Company die Schürfrechte der aus Angst vor weiteren Überfällen aufgegebenen Claims erworben hatte? Führte nicht spätestens ab diesem Zeitpunkt eine heiße, konkrete Spur zur Diacamp?

Karl sah sich erneut in der Verliererrolle. Vermutlich würde van Campen alles Karl in die Schuhe schieben, um seinen Hals zu retten. Schließlich war er es auch, dem das Blut an den Händen klebte.

Wieder knackte Karls Unterkiefer. Mechanisch öffnete er kurz den Mund, damit sich die schmerzhafte Blockade löste. Sein Vorteil war, dass er Meindorff gesehen hatte und nun um seine Scharade wusste. Noch war er diesem aufgeblasenen Kerl ein paar Schritte voraus. Die altvertraute Wut begann in ihm zu brodeln, suchte nach einem Ventil. Karl atmete tief ein und ballte seine Hände zu Fäusten. Jetzt galt es, seinen Vorsprung klug und vor allem erbarmungslos zu nutzen!

Himmel ueber fremdem Land
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