Kapitel 3

Berlin, Deutsches Reich,
März 1908

Die Kutsche hielt auf einem breiten, in der Mitte von einer Grünfläche und Bäumen geteilten Boulevard, vor einem hohen schmiedeeisernen Tor. Das Haus hinter dem sandsteingepflasterten Vorplatz stand den herrschaftlichen Gebäuden, die Demy auf den letzten Kilometern bestaunt hatte, in nichts nach.

Nachdem der Bedienstete die gepolsterte Tür geöffnet und den Tritt heruntergeklappt hatte, war Demy die Erste, die ausstieg, wobei sie die helfend angebotene Hand des Bediensteten geflissentlich übersah und allein heruntersprang. Staunend legte sie den Kopf in den Nacken und betrachtete die von der Abendsonne beschienene weiße Hausfassade, die hohen, durch Sprossen unterteilten Fenster, über denen schmucke Stuckdächer hervortraten, die ausschließlich der Zierde dienten und keinerlei Nutzen hatten.

Demy maß das Haus mit den Augen ab. Vermutlich hätte das ansehnliche Wohnhaus auf dem Gut ihres Vaters zwei- oder gar dreimal in dieses Stadthaus hineingepasst.

Eine der beiden wuchtigen, oben abgerundeten Flügeltüren schwang auf, und auf der Plattform oberhalb der ausladenden Treppe stellten sich über ein Dutzend Personen auf, um die Ankömmlinge willkommen zu heißen.

Unbehaglich betrachtete Demy das Begrüßungskomitee. Die weiblichen Bediensteten trugen auffällig gute Kleider mit makellos geplätteten weißen Schürzen und schlichten spitzenbesetzten Häubchen auf dem Haar. Würde sie, da sie in diesem Haus ebenfalls als Angestellte galt, dieselbe Kleidung tragen müssen?

Zwei Männer in schwarzen Hosen, weißen Hemden und grau-schwarz gestreiften Westen eilten die Stufen herunter und luden das reichlich mitgeführte Gepäck ihrer Schwester vom Kutschdach. Auch sie machten auf Demy einen äußerst steifen und vornehmen Eindruck. Wie immer, wenn sie sich unbehaglich fühlte, rümpfte sie ihre schmale Nase, wodurch sich auf dieser winzige Falten bildeten.

»Lass das!«, wurde sie prompt von ihrer älteren Schwester zurechtgewiesen.

»Geh du lieber da die Treppe hinauf. Schließlich wirst du die Dame des Hauses sein!«, gab Demy widerborstig zurück.

Das Mädchen beobachtete, wie Tillas Blick über die mehrstöckige Hausfassade wanderte und sich ihre Gesichtszüge dabei von Unsicherheit in Begeisterung wandelten.

»Selbstverständlich, aber du folgst mir.«

»Sicher doch, gnädiges Fräulein.«

Tilla bedachte Demy erneut mit einem ihrer vorwurfsvollen Blicke, ehe sie ihren schilfgrünen bodenlangen Reiserock mit einer Hand raffte und sich gemessenen Schrittes den Treppenstufen näherte.

Ein knatterndes Geräusch, das zunehmend lauter und unangenehmer wurde, lenkte Demys Aufmerksamkeit von ihrer Schwester ab. Neugierig drehte sie sich um und sah, wie ein schwarzer Daimler Cardan-Wagen vor dem schmiedeeisernen Portal anhielt. Dem Vehikel entstieg ein schlanker junger Mann. Dieser nahm seine Schutzbrille ab, wobei er gleichzeitig auch die Schildmütze von seinem braunen Haar zog, und stürmte auf Tilla zu, um sie am Ellenbogen zu ergreifen.

»Fräulein Tilla van Campen, nicht wahr?«

Mit einem Hochmut, der ihr beigebracht worden war, um allzu forsche Männer auf gebührlicher Distanz zu halten, reckte sie das Kinn und blickte zu dem jungen Uniformierten auf, der ihr ein unbeeindrucktes Lächeln schenkte.

»Ich bin Hannes Meindorff und soll mich bei Ihnen im Namen meines Bruders entschuldigen, weil er Sie leider nicht persönlich willkommen heißen kann. Er ist noch geschäftlich unterwegs, kommt aber, sobald es ihm möglich ist.«

Der junge Mann verbeugte sich galant, was wegen der Schmutzspur in seinem Gesicht und seiner zerzausten Haare so unpassend wirkte, dass Demy ein amüsiertes Auflachen nicht unterdrücken konnte.

»Und Sie sind Fräulein Demy, die Schwester meiner zukünftigen Schwägerin?«, wandte er sich prompt an sie.

Demy schrak zurück, als er auch ihre Hand ergriff, einen Handkuss über diese hinweghauchte und sie mit seinen auffallend weißen Zähnen fröhlich angrinste.

»Ja«, konnte sie nur erwidern, denn Josephs jüngerer Bruder drehte sich bereits wieder zu Tilla um und bat diese, ihm zu folgen.

Gemeinsam stiegen sie die Stufen hinauf, und Hannes stellte ihnen der Reihe nach die geduldig wartenden Bediensteten vor. Demy, überfordert von den vielen neuen Eindrücken, behielt nicht einen einzigen Namen in ihrem Gedächtnis.

Schließlich geleiteten zwei Dienstmädchen, gefolgt von ein paar Männern mit ihrem Gepäck, die Schwestern in den ersten Stock. Ihr Weg führte sie einen Flur entlang, dessen weinroter Teppichbelag die Geräusche ihrer Schritte fast vollständig verschluckte. Vor einer weißen Doppeltür stoppte die Prozession. Eine der Bediensteten öffnete den linken Flügel und trat höflich zurück, damit Tilla und Demy zuerst eintreten konnten.

Während Tilla in den Raum hineinging und einen kurzen Blick über den dunklen Holzboden, die geblümte Stofftapete und die erlesenen Möbel gleiten ließ, wobei sie bereits die Nadeln aus ihrem breitrandigen Hut zog, hielt Demy mit staunend offen stehendem Mund inne. Einen so prachtvoll ausgestatteten Raum hatte sie noch nie zuvor gesehen. Vorhänge aus schwerem Samt, Orientteppiche mit verschlungenen Mustern und ein wuchtiges Himmelbett ließen sie nahezu ehrfürchtig die Luft anhalten. In den Sonnenstrahlen, die durch die hohen Fenster hereindrangen, schimmerten die edlen Holzmöbel in warmen Farben.

Tilla warf ihren Hut achtlos auf eine Kommode und drehte sich nach ihrer Begleiterin um. Mit ein paar Schritten war sie bei ihr und schob ihr mit der Hand den Mund zu.

»Hör gefälligst auf zu starren. Es muss niemand bemerken, wie ungewohnt derartiger Luxus für uns ist!«

»Und warum nicht?«, zischte Demy zurück.

»Weil Papa natürlich nicht gesagt hat, dass er pleite ist. Wir möchten doch nicht, dass in diesem Haus jemand auf den Gedanken kommt, ich heiratete Joseph des Geldes wegen.«

»Tust du aber doch!«, konterte Demy.

»Halt den Mund!« Tilla wandte sich an eines der Dienstmädchen. »Henny, zeige Fräulein van Campen bitte ihr Zimmer.«

Die junge Frau mit den feuerroten Locken lächelte Demy an, ging zu einer unscheinbaren schmalen Tür und öffnete sie.

Demy betrat zum ersten Mal ihr neues Reich. Das Zimmer war etwa halb so groß wie einer der beiden Räume ihrer Schwester, aber sehr hübsch ausgestattet und besaß, da es sich um ein Eckzimmer handelte, auf zwei Seiten Fenster und sogar einen Zugang zu einem kleinen Balkon.

»Oh, wie schön!«, sagte Demy, dankbar darüber, endlich einen Ort zu haben, an den sie sich zurückziehen konnte.

Als es an eine zweite Tür klopfte, fuhr sie neugierig herum. Henny öffnete die Haupttür zum Flur und ließ damit einen Livrierten ein, der wortlos Demys Reisetasche auf einen Stuhl stellte, sich knapp in ihre Richtung verbeugte und augenblicklich wieder nach draußen verschwand. Das Mädchen fragte sich einen Moment lang, ob der Mann vor ihr die Flucht ergriff, da er nicht einmal abwartete, bis sie sich bedankte.

Allerdings wurde sie sofort abgelenkt, da Henny ihre Tasche öffnete und ihre Wäsche auf die mit unzähligen Schubladen versehene Kommode zu stapeln begann.

»Bitte, ich möchte selbst auspacken.« In Demy sträubte sich alles dagegen, einer Fremden dabei zuzusehen, wie sie in dem wenigen herumwühlte, was sie nach Berlin hatte mitbringen dürfen.

Das Dienstmädchen sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an, legte die Blusen zurück in die Tasche und trat folgsam, wenn auch sichtlich verwirrt, beiseite.

Demy fühlte sich verloren in diesem fremden Raum und wartete erst einmal ab, was nun geschah. Ihr Blick wanderte von der offen stehenden Verbindungstür zum Zimmer ihrer Schwester, von dort weiter zu den beiden Türflügeln, die in den Flur hinausführten, glitt über die weißen Möbel, das breite weiße Bett mit den hohen Bettpfosten und hinüber zu der verglasten Balkontür. Nichts geschah. Selbst Henny stand bewegungslos da und wartete ebenfalls.

»Also«, begann Demy und zog die Nase kraus. »Wir können hier stehen, bis wir Wurzeln schlagen, oder Sie sagen mir, was Sie jetzt tun und vor allem, was ich tun sollte!«

Ein erst unterdrücktes, dann offenes Lachen von Henny, welches sie jedoch sofort hinter ihren auf die Lippen gepressten Händen versteckte, ließ Demy erleichtert aufatmen. Zumindest steckte noch Leben in diesem Dienstmädchen!

»Sie sagten, Sie wollen allein auspacken, Fräulein van Campen. Ich warte, bis Sie mir sagen, wobei ich Ihnen helfen darf.«

Demy nickte langsam. Hennys Antwort machte ihr die für sie undurchschaubare Situation nicht leichter. Sie wollte am liebsten allein sein, sich alles ansehen, sich umziehen und ein wenig hinlegen – und später ihre Schwester fragen, was hier überhaupt von ihr verlangt wurde.

Entschlossen streckte Demy sich und trat zu der Frau, um ihr zuzuraunen: »Dass jemand darauf wartet, dass ich ihm sage, was er tun soll, bin ich nicht gewohnt. Das habe ich höchstens mal bei meinem jüngeren Bruder Feddo probiert, allerdings nur mit mäßigem Erfolg.«

Erneut kicherte Henny, bemühte sich aber gleich wieder um ein unbeteiligtes Gesicht. »Vielleicht möchten Sie ein wenig ruhen, Fräulein van Campen? Dann lasse ich Sie allein. Hier drüben, gleich neben dem Kamin, gibt es eine Klingelschnur, mit der Sie mich rufen können, sollten Sie meine Hilfe brauchen oder eine Frage haben.«

Demy betrachtete die braune Kordel mit den aufgebauschten Fransen am Ende, die an der weinroten Tapete entlang verlief. »Das ist gut. Vielen Dank, Henny.«

Als sei dies ein Zauberwort für die junge Frau, knickste sie und verschwand flink durch einen schmalen Türspalt in den Flur.

Erleichtert atmete Demy auf, drehte sich um, öffnete die Balkontür und trat, eingehüllt von einem frischen Luftzug, hinaus. Warmer Sonnenschein begrüßte sie, als sie sich weit über die verschnörkelte weiße Steinbrüstung lehnte und hinunter auf den hübsch angelegten Park schaute. Rundum erhoben sich wuchtige Gebäude dem blauen Himmel entgegen, deren Bauweise den Reichtum der Eigentümer widerspiegelte. Froh um das Grün in der über zwei Millionen Einwohner zählenden Stadt, ließ Demy die Balkontür auf und warf sich mitsamt ihrer schwarzen Schnürstiefel, dem blauen, knöchellangen, schrecklich zerknitterten Reisekleid und dem bis zu den Knien reichenden Mantel auf die Matratzen ihres Bettes, das erbost über die rüde Behandlung knarrte.

Ihre Muskeln waren allesamt angespannt, die Augen mit unruhigem Blick an die mit einem Stuckband verzierte Decke gerichtet.

Allen ihren Protesten zum Trotz war sie also doch nach Berlin geschickt worden. Heimweh überfiel sie, schnürte ihr die Kehle zu und trieb ihr die Tränen in die Augen. Niemals zuvor hatte sie sich so einsam oder gar gedemütigt gefühlt. Selbstverständlich war sie nicht in einem Alter, in dem sie frei über ihr Leben bestimmen durfte, doch dass es plötzlich Tilla war, nicht ihr Vater, die sagte, wo es langging, verstörte sie zutiefst. Mit dem unbestimmten Gefühl, Opfer eines Geschehens geworden zu sein, dessen Hintergrund sich vollständig ihrer Kenntnis entzog, betrachtete sie übellaunig die Stuckverzierungen über sich.

Niemand hatte sie erschöpfend darüber aufgeklärt, weshalb sie hier war, sie wusste nicht, welche Aufgaben in den Zuständigkeitsbereich einer Gesellschafterin fielen. Überhaupt fragte sie sich, ob die Stelle nicht ebenso ein Relikt aus vergangenen Tagen war, wie ein Diener, der Livree trug? Aber beides wurde offenbar in diesem Haus erwünscht! Allerdings änderte das nichts an der Tatsache, dass sie sich diese Aufgabe nicht ausgesucht hatte, ja sie nicht einmal hierherziehen wollte! Sie war schlichtweg zu diesem Schritt gezwungen worden!

Vergeblich kämpfte sie gegen die ihr noch immer in die Augen drängenden Tränen an, wobei sie mit geballten Fäusten dalag und der hohen Decke zumurmelte: »Ich bin ein entwurzelter Baum.«

***

Die jugendliche Neugier siegte schnell über Demys Gefühlschaos und so verließ sie eine halbe Stunde später, nach einem Blick auf die schlafende Schwester im Nebenzimmer, ihre Kammer.

Während sie den Flur entlang zurück in Richtung Treppe schlich, betrachtete sie die gewaltigen goldgerahmten Gemälde zwischen den hohen Türrahmen. Jagdszenen zu Pferde, ernst dreinschauende Männer und Frauen und dazwischen ein paar in Öl verewigte Hunde wechselten sich miteinander ab.

Demy betrat das separat gebaute Treppenhaus und entschloss sich spontan, die Stufen hinunterzugehen, um sich im Erdgeschoss umzusehen.

Mit schief gelegtem Kopf betrachtete sie den steil abfallenden Handlauf, der förmlich danach schrie, zum Rutschen genutzt zu werden. Flugs schwang sie sich hinauf und glitt in hohem Tempo, nur einmal kurz abgebremst, da das Geländer, wie die Treppe, zweimal abknickte, auf diesem abwärts. Gestoppt wurde sie schließlich von kräftigen Männerhänden. Erschrocken, da sie geglaubt hatte, bei ihrem Tun unentdeckt zu bleiben, starrte sie in das unterdessen gesäuberte Gesicht von Hannes. Sein freches Grinsen erinnerte sie sofort an Feddo.

»Sie müssen etwa zwei Meter nach der letzten Kurve abbremsen, sonst haben Sie unten zu viel Schwung und knallen unsanft gegen die Tür. Das erzeugt ein verräterisches Geräusch im Foyer!«

»Danke«, erwiderte Demy mehr konsterniert als keck und beendete ihre Rutschfahrt, nachdem Hannes sie losgelassen hatte.

Noch immer lachend nahm er bei seinem Weg nach oben zwei Stufen auf einmal, während Demy ihre Kleider ordnete. Als sie nach der Klinke griff, schmunzelte sie belustigt vor sich hin. Hannes hatte bei seinem Hinweis über die richtige Rutschtechnik mit Sicherheit aus Erfahrung gesprochen, und das machte ihn ihr gleich sympathisch. Die Aussicht darauf, mit einem so fröhlichen, unkomplizierten Mann in einem Haus zu wohnen, erleichterte ihr die Vorstellung, hier die nächsten Jahre verbringen zu müssen.

Das Foyer mit den tiefen Sesseln um einen dunklen Couchtisch, mit den gewaltigen Pflanzenkübeln und riesigen Kronleuchtern kannte sie ja bereits. Von diesem erhabenen und prunkvoll ausgestalteten Raum gingen mehrere Türen ab, und das Mädchen öffnete neugierig eine nach der anderen.

Der Bibliothek, deren bedrückend wuchtige Regale bis unter die hohe Decke reichten, schloss sich ein bescheidenerer, vermutlich als Handarbeitszimmer genutzter Raum an. Es folgten ein in Blau gehaltener Salon und ein Speisezimmer mit gepolsterten Stühlen und vornehmen Glasvitrinen. Dahinter kamen ein Musikzimmer, in dem ein gewaltiger Flügel stand, und ein paar Räume, deren Nutzen sich ihr nicht auf Anhieb erschloss.

Durch die Verandatür eines dieser Räume konnte Demy in den Park sehen. Sie trat ein, zog die Tür hinter sich zu und eilte zur Fensterfront.

Ein um Aufmerksamkeit heischendes Räuspern ließ sie erschrocken herumwirbeln. In einem Polstersessel, die Füße mitsamt den Schuhen auf der Sitzfläche des gegenüberstehenden Sessels aufgestützt, saß dort ein junger Mann in einer ungewöhnlich geschneiderten hellbraunen Uniform. Der Soldat nahm weder die Füße herunter, noch setzte er sich aufrecht hin, als er mit tiefer Stimme fragte: »Wer bist du denn? Was suchst du hier?«

Demy rümpfte die Nase und versuchte, ihr heftig klopfendes Herz zu beruhigen.

»Da du mir auf meine Fragen nicht antwortest, muss ich wohl davon ausgehen, dass du unerlaubt hier eingedrungen bist?«

»Nein!«, widersprach Demy heftig, obwohl sie sich da gar nicht so sicher war. Immerhin hatte sie sich bei niemandem die Erlaubnis eingeholt, sich im Haus umsehen zu dürfen.

Der junge Soldat verschränkte die Hände hinter seinem Nacken und musterte sie grinsend. Er schien Gefallen an ihrer misslichen Situation zu finden, und das brachte Demy gegen ihn auf.

Mit in die Seiten gestemmten Fäusten erklärte sie: »Mein Name ist Demy van Campen und ich bin keinesfalls ein Eindringling. Meine Schwester wird in den nächsten Tagen Joseph Meindorff heiraten und ich bin ihre …« Sie zögerte, wusste sie doch noch immer nicht recht, warum genau Tilla sie mit in dieses fremde Haus geschleppt hatte.

»Demy?« Der Uniformierte zog die dichten schwarzen Augenbrauen in die Höhe, sodass sie beinahe unter seinem Haar verschwanden. »Anscheinend ein holländischer Name, was allein schon dein drolliger Akzent verrät.«

»Drollig?« Das aufgebrachte Mädchen verschluckte die Bemerkung, die ihr zu diesem Begriff auf der Zunge lag.

»Der Namen passt zu dir – demi heißt auf Französisch halb. Viel mehr als eine halbe Portion bist du ja wirklich nicht.«

»Halbe Portion?« Demy reckte sich und hob das Kinn, wie sie es bei Tilla oft gesehen hatte, wenn diese jemanden in seine Schranken weisen wollte. »Sie benehmen sich jedenfalls schlecht genug für zwei ganze Portionen! Anscheinend sind Sie das schwarze Schaf der Familie!«

Der Uniformierte löste die Hände aus dem Nacken und zuckte gleichgültig mit den breiten Schultern. »Um das zu bemerken hast du nicht lange gebraucht. Und da es dieses in jeder Familie zu geben scheint, frage ich mich, ob ich nicht gerade mit dem schwarzen Schaf der Familie van Campen spreche.«

Demy rief sich mühsam zur Ruhe. Sie war 13 Jahre alt, jedoch hier als 16-Jährige eingeführt worden. Aber gleichgültig, welches Alter man als Maßstab nahm – sich auf diesen Gecken zu stürzen, um ihm einen gezielten Faustschlag zu verpassen, so wie sie es mit einem frechen Mitschüler gemacht hätte, kam einfach nicht infrage.

Der junge Mann, der weiterhin nachlässig in seinem Sessel lümmelte, sah sie unverwandt an. Seine blauen Augen funkelten herausfordernd, und ein anmaßendes Lächeln umspielte seine Mundpartie.

Bevor Demy ihm eine weitere gepfefferte Erwiderung entgegenschleudern konnte, klopfte es an der Tür.

Henny trat ein und musterte Demy erstaunt, verlor jedoch kein Wort über ihre Anwesenheit. Vor sich balancierte sie ein silbernes Tablett, bestückt mit einem niedrigen Glas, in dem eine bernsteinfarbene Flüssigkeit schimmerte. Behutsam nahm sie das Glas vom Tablett und stellte es neben dem Soldaten ab. Der tat, als wolle er nach dem Glas greifen, strich dabei aber mit der Hand über Hennys Arm. Die Angestellte fuhr zusammen und zog sich überstürzt zurück.

Demy nutzte die Situation, um endlich das zu tun, was sie überhaupt in den Raum gelockt hatte: Sie trat an die Verandatür, öffnete sie und ging in den Garten hinaus. Dessen hohe Hecken entlang der Grundstücksmauer, die blühenden Sträucher und Rosenrabatten empfand sie nach der Gesellschaft dieses unmöglichen Kerls noch einladender, als sie es ohnehin schon gewesen wären.

Himmel ueber fremdem Land
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