Kapitel 9
Magdeburg, Deutsches
Reich,
März 1908
Philippes Kopf ruckte unsanft zur Seite, als eine geballte Faust ihn mit Wucht seitlich an der Schläfe traf. Philippe klammerte sich überrumpelt und sichtlich benommen an seinen Sitz, ohne eine Möglichkeit, den zwei nachfolgenden Schlägen auszuweichen oder sich zur Wehr zu setzen.
Der wütende Ruf, den Hannes ausstieß, interessierte die Gestalt in dem dunklen Mantel und mit der über den Kopf gezogenen Kapuze offenbar nicht.
Zornig ballte Hannes die Hände zu Fäusten und stürmte die Stufen hinunter in den Lichtschein der Straßenlaterne, um seinem Freund beizustehen. Inzwischen hatte Philippe sich so weit von dem überraschenden Angriff erholt, um zu reagieren. Geschickt wehrte er einen vierten Schlag ab, packte den Angreifer am Arm und zog ihn unsanft über die Tür des Automobils hinweg zu sich. Mit einer schnellen Bewegung rammte er ihm den Ellenbogen mit so viel Wucht in den Rücken, dass Hannes sich fast wunderte, keine Knochen splittern zu hören.
Philippe stieß den Mann von sich, und Hannes sprang nach hinten weg, da dieser sonst gegen ihn getaumelt wäre. Breitbeinig stand er da, bereit, sich ebenfalls in das Kampfgeschehen zu werfen. Allerdings zog der Fremde es vor, unerkannt zu bleiben und ergriff, wenn auch leicht gebeugt vor Schmerz, die Flucht.
Mit einem Satz sprang Philippe über die geschlossene Tür aus dem Fahrzeug und wollte seinem Angreifer nachsetzen, musste sich dann aber mit einer Hand am Automobil, mit der anderen an Hannes’ Schulter festhalten. Erschrocken über den desolaten Zustand seines Freundes blieb Hannes ebenfalls zurück und ließ den Unbekannten entkommen.
Es dauerte mehrere Sekunden, bevor der Leutnant ihn losließ.
»Geht es wieder?« Besorgt musterte Hannes den deutlich größeren Philippe, der mehrmals blinzelte, als könne er nicht klar sehen. Daraufhin öffnete der Kadett die Wagentür und bugsierte seinen Freund zurück auf den Autositz. Er legte den Dekompressionshebel um, kurbelte seinen Daimler an und ließ sich dann auf den Sitz hinter das Steuer fallen.
»Hat wohl keinen Sinn, den Kerl zu suchen?«
»Wohl kaum«, erwiderte Philippe knapp und drückte eine Hand gegen seine malträtierte Schläfe.
»Soll ich bei Edith klingeln und nach Eis fragen?«
»Blödsinn. Sehen wir zu, dass wir wegkommen.«
Die Ablehnung seines Vorschlags brachte Hannes um eine neuerliche Begegnung mit Edith. Doch er löste die Bremse, steuerte den Wagen die Straße entlang, überquerte an einer Brücke die Elbe und fuhr zurück in Richtung Berlin.
»Weißt du, wer das gewesen sein könnte?«, fragte Hannes nach einer geraumen Zeit des Schweigens.
»Hier in Magdeburg? Ich habe keine Ahnung. In Berlin würde ich dir vielleicht den einen oder anderen Kandidaten nennen können. Aber hier …?«
»Ist dir dieser blonde Kerl im Gasthaus nicht bekannt vorgekommen?«
»Karl Irgendwer?«
»Roth, ja.«
»Sollte er?«
»Er sagte mir, er habe Heimaturlaub und sei ansonsten in Windhuk stationiert. Die Blicke, die er dir zuwarf, wären tödlich gewesen, hätten sie aus Blei bestanden. Ihr scheint dort drüben nicht die besten Freunde gewesen zu sein.«
»Sonst würde ich ihn ja kennen«, erwiderte Philippe mit einer entwaffnenden, wenn auch wenig hilfreichen Logik und versank wieder in Schweigen.
Das Automobil kam in der Dunkelheit nur langsam voran. Die Karbidlampen waren nicht dafür geschaffen, finstere Landstraßen auszuleuchten, und so fuhr Hannes weit nach vorne gebeugt, um überhaupt etwas erkennen zu können. Gelegentlich warf er seinem schweigsamen Freund prüfende Blicke zu, aber dieser hatte einmal mehr die Hände im Nacken verschränkt und schaute mit grimmigem Gesicht in die Nacht hinaus. Ob ihn die jungen Damen beschäftigten, die um seine Gunst gebuhlt hatten? Oder doch vielmehr der Überfall oder gar die erregte Diskussion im Gasthaus?
Philippe war ein Rebell gewesen, seit er selbstständig denken konnte, und vermutlich wusste er, obwohl er außer Landes stationiert war, viel über die Umtriebe und Unruhen in Kaiser Wilhelms Deutschland. Es hätte Hannes nicht gewundert, wenn Philippe Sympathien für die »Aufständischen« empfunden hätte, wie sein Vater alle diejenigen nannte, die nicht mindestens seine Art der Kaisertreue pflegten. Und von denen gab es vor allem unter der gemeinen Arbeiterschaft zunehmend mehr.
Gerade als er seinen Freund auffordern wollte, doch noch mal zu überlegen, woher Roths Hass auf ihn stammen könne, setzte sich Philippe aufrecht hin und begann über Grades Dreidecker und den geplanten Eindecker zu sprechen.
Täuschte Hannes sich, oder lag in Philippes Stimme mehr Eifer und Enthusiasmus, als er jemals zuvor bei ihm vernommen hatte? Bedeutete ihr Ausflug zu Grade, dass Philippe sich neu Gedanken über seine Zukunft machte und damit verbunden auch Pläne schmiedete? Hannes’ Vater würde eine derartige Entwicklung sicher mit Begeisterung sehen, hielt der seinen Zögling doch für einen respektlosen, liederlichen und vagabundierenden Tunichtgut.
»Unser ach so fortschrittliches Land ist weit hintendran, was den Flugzeugbau anbelangt«, redete Philippe weiter. »Gustav Weißkopf, er nennt sich in den Staaten Whitehead, unternahm bereits 1901 erste Motorflugversuche. Und die Gebrüder Wright, die im Gegensatz zu Whitehead intelligent genug waren, ihre Flugversuchte 1903 im Beisein von Zeugen zu unternehmen, weisen ebenfalls Erfolge auf. Zu diesem Zeitpunkt flogen wir hier zwar schon mit den Luftschiffen im Linienverkehr, aber es sind genau diese Ungetüme, die nun zu unserem Problem werden.«
»Problem hinsichtlich was? Sie fliegen doch, können weitaus mehr Passagiere befördern als diese Klapperkisten, und ihre Landungen enden bei Weitem nicht so häufig mit gebrochenen Achsen, Flügeln und Gliedmaßen.« Hannes spottete mehr über Philippes Enthusiasmus als über die angebliche Fehlentwicklung in seinem Heimatland.
»Das Kriegsministerium lässt neue Schlachtkreuzer bauen, aber den Himmel vernachlässigt es vollständig. Grade sagte, die letzte Aussage, die er hörte, war, dass die deutschen Militärs Flugzeuge für lebensgefährlichen Plunder hielten.«
»Nicht zu Unrecht, wie ich finde. Du hast einen etwa acht Meter hohen Hüpfer unternommen, die Luftschiffe überwinden lange Strecken und können dabei noch schwere Lasten transportieren.«
»Sie sind riesig und sehen beeindruckend aus, ja. Doch baut man die Flugzeuge immer wieder neu, verbessert sie von Maschine zu Maschine, wird sich auch ihr Wert und ihre Nützlichkeit steigern. Sie könnten schneller und wendiger werden als die Luftschiffe.«
»Dann wird es neben dem Luftschifferbataillon Nr. 1 in Döberitz bald ein Flugzeugbataillon geben, wenn es nach dir und Grade geht?«
»Es wird nötig sein! Frankreich zum Beispiel steht der Entwicklung neuer Flugzeuge wesentlich positiver gegenüber. Die französische Regierung stellt seit zwei Jahren erhebliche Mittel zur Verfügung, um Militärflugzeuge entwickeln zu lassen. Du wirst sehen, in ein paar Jahren besitzen sie Hunderte von Flugzeugen und eine eigene Fliegertruppe. Aber unser Generalstab ist fest in der Hand der Luftschiffer. Keine Chance also, dass sich dort etwas bewegt. Einzig der für das Luftschiffwesen zuständige Angestellte des Kriegsministeriums, Hauptmann Hermann von der Lieth-Thomsen, hält den Standpunkt des Militärs, auf dem Gebiet der Flugtechnik in einer Zuschauerrolle zu verharren, für bedenklich.«
»Frankreich beobachtet unsere militärischen Entwicklungen mit Misstrauen«, gab Hannes zu bedenken, der sich einmal mehr über Philippes detailliertes Wissen wunderte. Offenbar hatte er sich schon länger mit dem Thema Flugzeuge beschäftigt. »Wie würden sie reagieren, sollte das Deutsche Reich ebenfalls Flugzeuge bauen, und zwar aus der Strafsteuer, die die Franzosen seit dem Krieg achtzehnsiebzig9 an uns zahlen? Soweit ich weiß, wird ein nicht unerheblicher Teil dieser fünf Milliarden Goldfrancs ohnehin für den militärischen Aufbau ausgegeben.« Hannes sah auf seine Worte hin ein Grinsen über das Gesicht seines leidenschaftlichen Gesprächspartners huschen.
»Vielleicht kann von der Lieth-Thomsen die Zuständigen des Militärkabinetts mit der Nachricht aufrütteln, dass sowohl England als auch unser Erzfeind Frankreich inzwischen bei privaten Flugzeugherstellern Maschinen für ihre Armee bestellen.«
»Du scheinst vollkommen begeistert von diesem Dreidecker zu sein.«
Philippe lachte auf und rieb sich seine kalten Hände. »Grade wird seinen Weg gehen. Hast du den Motor gesehen, ein 36 PS starker Sechszylinder mit …«
Nachdem sich Hannes über einen langen Zeitraum hinweg die Ausführungen seines Freundes angehört hatte, ohne viel zu der Unterhaltung beizutragen, übermannte ihn gefährliche Müdigkeit. Er hatte in der vergangenen Nacht kaum mehr als zwei Stunden geschlafen, und dieser Schlafmangel machte sich nun unangenehm bemerkbar. Letztendlich fuhr er an den rechten Straßenrand und hielt den Daimler an.
»Müde?« Philippe hatte bereits die Hand am Türgriff, während er seine Frage stellte.
»Du hast mich ja nicht schlafen lassen.«
»Falsch. Ich habe dich nur frühzeitig geweckt. Das Schlafdefizit geht auf Kosten des Brautpaares, das sich jetzt auf einem Schiff in romantischer Zweisamkeit befindet und in diesem Augenblick vermutlich den Sternenhimmel bewundert.«
»Sei es, wie es sei. Ich fahre demnächst in den Graben.«
»Dann lass uns die Plätze tauschen.«
»Hast du eine Fahrerlaubnis?«
»Aber natürlich.«
»Für Windhuk und Umgebung?«
»Das Reichsgesetz hinsichtlich des Verkehrs mit Kraftfahrzeugen wird erst im nächsten Jahr rechtskräftig, bis dahin ist die Regelung über eine Fahrerlaubnis weiterhin angenehm schwammig. Außerdem würde ich die momentan geplanten Prüfungsanforderungen problemlos bestehen, da ich ein paar Hundert Meter fahren kann, ohne einen Baum zu treffen und auch die Antwort auf die Frage weiß, was ich bei nächtlichen Fahrten zu beachten habe.«
Mit diesen Worten stieg er aus und klopfte gegen die rechte Karbidlampe. Tatsächlich war dies die einzige zu beantwortende theoretische Prüfungsfrage bei Hannes’ Prüfung gewesen. Erneut überraschte es ihn, über wie viel Wissen Philippe verfügte, obwohl er sich seit Jahren in dem fernen, wilden Afrika aufhielt. Über seine Kenntnisse bezüglich der amerikanischen, britischen oder französischen Militärangelegenheiten wunderte Hannes sich schon geraume Zeit nicht mehr. Philippe schien faktisch überall jemanden zu kennen und dessen Kontakte zu den jeweiligen Regierungen weidlich auszunutzen. Vermutlich würde er einen vorzüglichen Spion für das Deutsche Kaiserreich abgeben!
»Besser du bringst uns ohne Fahrerlaubnis sicher nach Berlin, als dass ich den Wagen in den Graben setze«, gab Hannes nach und wechselte mit Philippe den Platz.
Nun, da Philippe fuhr, war Hannes’ Müdigkeit wie weggeblasen. In Gedanken ging er den Tag nochmals durch und blieb bei einer molligen jungen Frau mit Namen Edith hängen.
»Edith ist nett, nicht?«, fragte er mit geschlossenen Augen.
Philippe brummte etwas, das er weder als Zustimmung noch als Ablehnung wertete.
»Na, vermutlich kannst du das gar nicht beurteilen, da du Frauen schneller verführst, als du die jeweilige Vorgängerin loswirst.«
»Wenn du meinst.«
Hannes öffnete ein Auge, um seinen Chauffeur anzusehen, doch sie fuhren soeben durch ein lang gezogenes Waldstück, und das fehlende Licht des Himmelstrabanten ließ sein Vorhaben scheitern. Er lachte und sagte: »Ich ahne, du hast eine neue, große Liebe in der Fliegerei gefunden. Vielleicht bleibst du ihr ja ein paar Jahre lang treu.«