Kapitel 14
Berlin, Deutsches
Reich,
März 1908
Lieselotte betrachtete die drei von der warmen Aprilsonne beschienenen Kinder, deren Augen nicht einen Moment von Demy wichen, obwohl im Park die Spaziergänger, Hunde, Enten und Schwäne für viel Ablenkung sorgen könnten, von dem Zeppelin, der über die Stadt hinwegbrummte, einmal ganz abgesehen. Dieses Mädchen besaß die Begabung, ihre beiden Brüder und die Schwester des Dienstmädchens aus dem Meindorff-Haushalt zu fesseln.
Der Lehrer an Lieselottes Dorfschule war ein älterer Herr gewesen, der mit seiner Rute vom ersten Schultag an deutlich gemacht hatte, wer in seinem überfüllten Klassenzimmer sprach und wer zu schweigen hatte. Obwohl sie gern lernte, hatte sie jeden einzelnen Schultag gefürchtet. Umso mehr freute sie sich über die Begeisterung und Zuneigung ihrer Brüder zu ihrer ungewöhnlichen Lehrerin. Immerhin opferten die Jungen für diesen zusätzlichen Unterricht ihre knapp bemessene freie Zeit.
Zufrieden wandte Lieselotte sich um und verließ den Park. Auch sie hatte heute noch etwas vor. Schnellen Schrittes eilte sie durch den Tiergarten bis an den Neuen See. Im Schatten der Trauerweiden, die ihre Zweige weit über die glitzernde Wasserfläche streckten, entdeckte sie ihre Nachbarin Julia.
Die blonde Schönheit trug an diesem Tag ein schlichtes, doch modisch eng geschnittenes Kostüm mit hochgeschlossener Bluse und einem knöchellangen, dunkelblauen Rock, dessen Samtstoff bei jeder ihrer Bewegungen eine neue Farbnuance offenbarte.
Die Bauerntochter untersagte es sich, prüfend an ihrem besten, aber dennoch primitiven mausgrauen Rock und der weißen Bluse hinunterzuschauen.
»Wir sind alle gleich«, flüsterte sie vor sich hin, ehe sie auf Julias unbeschwertes Winken mit einer knappen Handbewegung reagierte.
»Schön, dass du kommst, Liesl«, begrüßte Julia sie freundlich und wandte sich sofort zum Gehen.
»Du sagtest, du wüsstest einen Weg, wie ich meine Schulbildung fortsetzen kann?«
»Bildung ist wichtig, sowohl was den Unterricht im Allgemeinen betrifft, als auch die Möglichkeit, sich über den Fortschritt in der Frauenbewegung zu informieren.«
Wenngleich ihr nicht ganz klar war, worauf ihre Begleiterin hinauswollte, nickte Lieselotte. Sie beeilte sich, mit Julia Schritt zu halten, begierig darauf, die Menschen kennenzulernen, die Julia ihr in den buntesten Farben als Retter in ihrer verfahrenen Situation geschildert hatte.
Als sie die Tiergartenstraße erreicht hatten, betraten die beiden Frauen das mehrgeschossige Gebäude des Hauses Nummer 19. Hintereinander stiegen sie die knarrenden Holzstufen hinauf, bis sie vor einer offen stehenden Tür anlangten. Kritisch blickte Lieselotte vom Treppenhaus aus in die Wohnung. Selbst wenn sie sich hier in einem besseren Stadtteil Berlins aufhielten, empfand sie es als mutig, jedem einfach Eintritt zu gewähren.
Julia trat ohne Scheu ein, nahm ihren Hut ab und legte ihn zu zwei weiteren auf eine Kommode. Während Lieselotte sich im Flur umsah, in dem Papiere, Zeitschriften und Bücher in Stapeln vom Boden der Decke entgegenwuchsen, drangen hinter einer der vom Flur abgehenden angelehnten Türen die aufgeregten Worte einer Frau bis zu ihr.
»Ich kämpfe doch nicht seit nahezu vierzig Jahren dafür, dass wir Frauen in allen Bereichen des täglichen Lebens, auch in der Politik, mit den Herren der Schöpfung gleichgestellt werden, nur damit …«
»Frau Dohm, bitte«, wurde sie von einer jüngeren, jedoch nicht so harschen Stimme unterbrochen. »Gleiche Bildung und Ausbildung für Mädchen und Jungen ist nur recht und billig. Dieses Ziel haben wir fast erreicht, aber einzig die ökonomische Selbstständigkeit wird die Frauen aus dem bisher bestehenden Ehegefängnis erretten. Eine gleichberechtigte Partnerschaft ist der einzige Weg, der dem Wert der Frauen gerecht wird. Hach, der Wert …!« Die Sprecherin lachte mit viel Schalk in der Stimme, und auch ihre Gesprächspartnerin fiel mit ein.
»Das sind Hedwig Dohm und Minna Cauer, Liesl. Ich stelle sie dir gleich vor!«
Erneut nickte Lieselotte, selbst wenn keiner der beiden Namen ihr etwas sagte. Sie betrat hinter Julia den Wohnraum mit seinem gemütlichen vollgestopften Ambiente.
Hedwig Dohm war zu Lieselottes Erstaunen eine Frau, die sich bereits den 80-ern näherte. Ihr ergrautes Haar lag in weichen Wellen, und aus dem faltigen, streng anmutenden Gesicht schauten sie große runde Augen mit unverhohlener Neugier an.
»Grüß dich, Julia. Ist dies das Mädchen, von dem du erzählt hast?« Minna Cauer, Lieselotte schätzte sie rund 10 Jahre jünger als die Dohm, trug ihr schlohweißes Haar züchtig aufgesteckt und unter einer dunklen Haube. Ihre kleine, spitze Nase war das prägnanteste Merkmal ihres schmalen, leicht verbissen wirkenden Gesichts.
»Ja, das ist Lieselotte Scheffler.«
Minna lehnte sich in ihrem Lehnstuhl zurück, wobei sie ihre runzeligen, von Altersflecken übersäten Hände in ihrem Schoß faltete. Sie musterte Lieselotte, die nervös ihr Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerte, sich aber zwang, den Blick der Frau zu erwidern.
»Julia sagte, du wollest gerne eine weiterführende Schule besuchen. Lernen, wachsen, nach Höherem streben?«
»Ist daran etwas auszusetzen?«, gab Lieselotte zurück und erschrak über ihren eigenen barschen Tonfall.
Als Antwort darauf hob Hedwig die Augenbrauen und hakte nach: »Nur, wenn du es nicht auch tust.«
»Ich muss weiter«, entschuldigte sich Julia und verließ, wie es Lieselotte erschien, beinahe fluchtartig die Wohnung.
Unbehaglich verschränkte Lieselotte die Arme vor dem Körper. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Julia sie mit diesen entschlossenen, ja Furcht einflößenden Frauenrechtlerinnen allein ließ. Doch in den folgenden zwei Stunden gaben die beiden Damen ihr nicht nur Hoffnung auf eine qualifizierte Ausbildung, wobei Hedwig betonte, sie selbst habe sich ihr Wissen größtenteils autodidaktisch angeeignet, sondern machten sie auch mit ihren Zielen bekannt. Zu diesen gehörten schon seit mehreren Jahrzehnten das Frauenwahlrecht, der Rechtsanspruch auf gleiche Schulbildung für Frauen und gleichgestellte Entlohnung im Beruf, ebenso wie die Abschaffung des entmündigenden Eherechts und der Anspruch auf gleichberechtigte Erziehungsgewalt der gemeinsamen Kinder, sowie der Kampf gegen Prostitution oder gegen jegliche sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.
Lieselotte, ohnehin völlig erschlagen von dem wechselseitigen Vortrag der beiden betagten Frauen, driftete kurzzeitig in ihre eigenen Überlegungen ab. Ob Minna und Hedwig wussten, womit Julia ihren Lebensunterhalt verdiente?
Unvermutet schnalzte Hedwig mit der Zunge und riss Lieselotte damit aus ihren Gedanken. »Liebe Frau Cauer, ich fürchte, wir überfordern das arme Kind.«
»Sie wollten schon immer zu viel auf einmal.«
»Ich hasste die Bescheidenheit der Frauenbewegung schon in den Siebzigerjahren. Daran hat sich nichts geändert.« An Lieselotte gewandt fuhr Hedwig fort: »Bist du bereit, deinen Weg zu gehen, Lieselotte Scheffler, selbst wenn er steinig ist?«
»Ja«, erwiderte die Gefragte in aller Einfachheit.
»Wunderbar!«, merkte Hedwig trocken an. »Eine klare, eindeutige Antwort ohne viel Drumherum. Ich denke, das Mädchen könnte mir gefallen!« Hedwig lachte laut und zwinkerte Lieselotte verschwörerisch zu. »Wir werden sehen, was wir für dich tun können. Und jetzt wollen wir versuchen herauszufinden, was du für uns tun kannst.«
***
Die Sonne war bereits so tief gesunken, dass ihre Strahlen nicht mehr über die hohen Gebäude Berlins reichten. Obwohl der Himmel, von ein paar weißen Federwölkchen abgesehen, noch blau war, breiteten sich in den Straßen der Stadt die ersten Schatten aus.
Lieselotte fiel das nicht auf. Seit dem Tod ihrer Schwester vor zwei Wochen war diese alles ergreifende Dunkelheit, die seit ihrem Umzug vom Land wie eine bedrohliche Wolke über ihr gehangen hatte, in ihr Herz gekrochen.
Die Familie Scheffler hatte ein entbehrungsreiches, hartes Leben gegen ein nicht minder schweres eingetauscht, jedoch zusätzlich Hunger und Demütigungen dazubekommen.
An diesem Tag indes hatte sich etwas verändert. Ein Licht der Hoffnung war in Lieselottes Herzen entzündet worden. Es musste nicht alles beim Alten bleiben. Sie selbst war gefordert, tatkräftig mitzuhelfen, um die Lage der Menschen um sie herum zu verändern.
Minna und Hedwig mochten zwei alte Damen sein, doch ihre Idee, ihr Kampf, den sie seit Jahrzehnten führten, konnte jungen Frauen wie ihr eine bessere Zukunft bringen. Unterdessen veränderte sich so manches im Alltag der Bürgerinnen: Seit diesem Jahr standen Frauen die regulären Universitäten offen und sie durften sich um eine Mitgliedschaft in politischen Vereinigungen bewerben, was ihnen bisher per Reichsgesetz untersagt gewesen war.
Es erschien Lieselotte absolut verständlich, dass den beiden betagten Kämpferinnen das keineswegs genügte – auch sie wollte mehr –, dennoch sah sie das bereits Erreichte als einen Teilerfolg auf dem steinigen Weg der Anerkennung der Intelligenz und der Schaffenskraft von Frauen an.
Minna und Hedwig gedachten ihr bei der Suche nach Unterstützern zu helfen und sie auf einem der guten Gymnasien Berlins unterzubringen. Lieselotte hatte ihnen von ihrem bisherigen Lebensweg erzählt, und vor allem Hedwig, die publizistisch für die Rechte der Frauen kämpfte, öffentliche Auftritte dagegen scheute, war von ihrer Ausdrucksfähigkeit und Redegewandtheit begeistert.
Froh über ihre beiden engagierten Förderinnen schlug sie eine der aus der Wohnung mitgenommenen Essays und Zeitungsausgaben auf und begann darin zu lesen: Der Mann hat längere Beine als die Frau, bemerkt sehr richtig Herr von Bischoff. Ein Schlusssüchtiger könnte allenfalls daraus schließen, dass der Mann sich mehr zum Briefträger eigne als die Frau, ihr aber aus diesem Grund die Fähigkeit zum Erlernen des Griechischen und Lateinischen absprechen zu wollen, ist mehr kühn als logisch gedacht.
Belustigt kicherte Lieselotte in sich hinein. Diese Hedwig Dohm besaß einen herrlich sarkastischen Humor und brachte damit die Angelegenheit zielgerichtet auf den Punkt. Ein Windstoß raschelte in den Zeitungsblättern und riss ihr diese beinahe aus der Hand. Eilig raffte Lieselotte Die Frauenbewegung zusammen und setzte ihren Heimweg fort.
Zu Hause angekommen bot sich ihr das ewig gleiche Bild: Ihr Vater lag angetrunken im Schlafraum der Eltern und schnarchte, während ihre Mutter am Tisch saß und nähte, obwohl die Petroleumlampe ihr Arbeitsfeld nicht annähernd genügend erhellte.
Durch Helenes Krankheit hatte sie ihre Anstellung eingebüßt, weshalb sie neuerdings Gelegenheitsarbeiten als Näherin ausführte. Dadurch hatte sich ihre finanzielle Situation zusätzlich verschärft, zumal es der Vater aufgegeben hatte, sich um Arbeit zu bemühen.
Peter und Willi saßen auf der Couch und lasen in einem der von Demy und dieser Henny besorgten Schulbücher. Sie taten das nur noch, wenn ihr Vater außer Haus war oder fest schlief, nachdem er kurzerhand einige der neuwertigen Bücher verkauft hatte.
»Du kommst spät.« Ihre Mutter sah nicht von ihrer Näharbeit auf, was dem Mädchen die Gelegenheit gab, die aufrührerischen Schriften ungesehen in ihrer Kleidertruhe zu verstecken.
»Entschuldigen Sie bitte, Frau Mutter.« Die junge Frau küsste die ihr einladend entgegengereckte Wange.
»Es ist noch ein Rest Brot da.«
»Danke.«
»Und ich habe gute Neuigkeiten: Ich darf ab morgen an meine alte Stelle zurückkehren.«
Lieselotte griff nach dem Kanten Brot, der ihr heute als wenig schmackhafte Abendmahlzeit genügen musste, und kaute eingehend darauf herum, damit sich in ihrem Magen zumindest annähernd ein Gefühl der Sättigung einstellte.
»Das ist wunderbar«, erwiderte sie, wusste aber nicht recht, ob das stimmte. Einerseits brauchten sie das Geld, andererseits war es für die kleinen Brüder schön, ihre Mutter mehr um sich zu haben. Auch ihr Vater war ruhiger, wenn seine Frau anwesend war und den Haushalt wie früher ordentlich versorgte.
»Der Abteilungsleiter hat sich für mich eingesetzt. Ich hätte immer gut und schnell gearbeitet, meinte er.«
»Es ist gut, dass dies endlich jemand honoriert, Frau Mutter.«
Ein flüchtiges Lächeln huschte über das verhärmte Gesicht von Lisa. Ihrer Tochter gefiel das. So kannte sie ihre Mutter von früher, als das Leben zwar auch hart und entbehrungsreich gewesen war, aber dörfliche Gemeinschaft auch Hilfe und Beistand bot.
»Der Lohn ist allerdings erst mal geringer als vorher. Bis ich mich neu bewährt habe.«
Lieselotte spürte den Ärger über diese ungerechte und erpresserische Regelung in sich aufsteigen.
»Aber es ist trotzdem mehr, als diese elende Näharbeit abwirft.« Lisa sah von dem edlen Satinstoff auf, der prompt zu Boden glitt. Bestürzt hob die Näherin ihn auf und untersuchte ihn sorgfältig auf Krümel und Flusen.
»Das Beste aber ist, Tochter, dass ich mit dem Abteilungsleiter auch über dich gesprochen habe. Er stellt dich auf Probe ein. Solltest du dich ebenso bewähren wie ich, was ich ihm versichert habe, ist dir ein geregeltes Einkommen sicher. Das heißt: Wir haben ab sofort mehr Geld. Für bessere Mahlzeiten, neue Schuhe für euch, Lampenöl, Brennholz. Ist das nicht herrlich?«
Der letzte Bissen des trockenen Brotes drohte Lieselotte in der Kehle stecken zu bleiben. Sie wollte doch zur Schule gehen, nun, da die Damen Dohm und Cauer ihr ihre Unterstützung zugesagt hatten. Im Gegenzug hatte sie sich verpflichtet, für den Bund fortschrittlicher Frauenvereine tätig zu sein. Sie sollte Minna gelegentlich auf ihren Vortragsreisen durch das ganze Land begleiten und selbst vor den jüngeren Frauen der verschiedenen Vereine sprechen. Das alles würde sie nicht neben der Fabrikarbeit leisten können.
»Frau Mutter, ich …«
»Du brauchst nichts zu sagen. Es ist nicht einfach, diese vielen Stunden durchzuarbeiten und niemals auch nur einen freien Tag zu genießen, außer dem Sonntag natürlich. Aber wir werden ein besseres Leben führen. Wir können den Jungen ein gutes Zuhause bieten – und das ist es doch wert, nicht? Du bist jung und klug. Wenn du dich geschickt anstellst und ein Vorgesetzter deine Fähigkeiten entdeckt, arbeitest du dich hoch. Du könntest eines Tages kleine Leitungsaufgaben übernehmen und mehr verdienen, als ich es je tue. Wir dürfen Gott für diese Aussicht dankbar sein.«
Lieselotte brachte nur ein Seufzen zustande, bevor sie sich abwandte und begann, sich für die Nacht umzukleiden. Dabei rollten ihr Tränen der Verzweiflung über die Wangen, wie zuletzt bei Helenes Beerdigung zwei Wochen zuvor.
Für sie hieß diese Neuigkeit, dass sie schon wieder Abschied nehmen musste. Ihre Zukunftsträume und ihre Wünsche wurden von der bedrückenden Armut und dem Umstand zu Grabe getragen, dass ein paar wenige Reiche die Geschicke Tausender anderer Menschen lenkten.