Kapitel 16

Berlin, Deutsches Reich,
März 1908

Fünf Wochen dauerte Demys tägliches Benimm-Training bei Henriette Cronberg nun schon an, und seit der gleichen Zeit erhielt sie außer Französisch-, Deutsch- und Englischunterricht auch Stunden in Literatur, Kunst, Mathematik und Leibesertüchtigung.

Für den heutigen sonnigen Aprilnachmittag setzte die Gouvernante auf eine »praktische Übung«, wie sie sich mit einem fröhlichen Lächeln ausdrückte. Sie und Demy würden der Einladung von Fräulein Margarete Pfister folgen und an einem geselligen Nachmittag teilnehmen.

Zuvor war geplant, Fräulein Adele Boehmer in Schöneberg abzuholen, um anschließend zurück zum Kurfürstendamm zu fahren, einem ehemaligen Waldweg Richtung Jagdschloss Grunewald, der auf Wunsch Bismarcks zu einem über 50 Meter breiten Boulevard ausgebaut worden war.

In der Kutsche der Familie Meindorff erklärte Henriette dem aufgeregten, sorgfältig herausgeputzten Mädchen, dass die Stadt Berlin mittlerweile zwar bis nach Schöneberg hinausgewachsen, Schöneberg selbst aber nicht eingemeindet war. »Vor neun Jahren ist der Viktoria-Luise-Platz, benannt nach der einzigen Tochter des Kaiserpaares, festlich eingeweiht worden, und um diesen herum wohnen nun vor allem Beamte, Militärs und andere Leute, die sich ein Haus in dieser Gegend leisten können.«

Demy ließ auch diese Belehrung über sich ergehen. Wenig begeistert schaute sie an ihrem mintfarbenen Rock mit der dunkelblauen Schärpe hinunter und fragte sich, ob sie mit diesem und der aufwendigen Aufsteckfrisur für einen Nachmittagsbesuch nicht etwas übertrieben ausstaffiert war. Aber Henriette hatte sowohl den bodenlangen Rock und das Bolerojäckchen als auch den breitrandigen, mit cremefarbenem Chiffon bespannten Hut und ihre restlichen Accessoires für sie ausgesucht.

Die Kutsche hielt vor einem gelb gestrichenen mehrstöckigen Haus mit schmalem Fronterker über die gesamte Höhe und abschließenden Rundtürmen an jeder Seite des Gebäudes. Demy beugte sich nach vorn und bestaunte die Wasserspiele des Viktoria-Luise-Platzes, und dabei kam ihr der Gedanke, dass Lieselotte heute wieder vergeblich im Schlosspark Charlottenburg auf sie warten würde. In den letzten beiden Wochen hatte Demy sich an drei Tagen heimlich aus dem Haus geschlichen, und zweimal davon hatte sie ihre Freundin im Park angetroffen. Beim dritten Mal war Lieselotte nicht da gewesen. Demy vermutete, dass Lieselotte eine Arbeit gefunden hatte. Falls das stimmte, würde ihre Freundin fortan kaum Zeit für Treffen mit ihr erübrigen können.

Unterdessen öffnete der Kutscher die Tür und half einer kleinen auffällig dünnen jungen Frau hinein. Adele Boehmer ließ sich mit dem Rücken zur Fahrtrichtung auf der Bank gegenüber von Demy nieder. Ihr Hut wies noch ausladendere Ausmaße auf als Demys, daher war sie gezwungen, ihn abzunehmen, um bequem sitzen zu können. Dabei lösten sich ein paar Strähnen ihrer dünnen braunen Haare aus der Aufsteckfrisur und fielen zerzaust auf ihre Schulter.

»Herzlichen Dank, Frau Cronberg, dass Sie diesen Umweg in Kauf nahmen. Unser Phaeton wird heute von meinem Vater und die beiden Equipagen von meiner Mutter und meinen Schwestern benötigt. So hätte ich beinahe dem Treffen bei dem lieben Fräulein Pfister nicht beiwohnen können.«

Lächelnd beruhigte Henriette die Dame mit den Worten, sie abzuholen sei eine Selbstverständlichkeit. Demy hingegen fragte sich, weshalb Adele kein motorisiertes Taxi rief, wenn sie nicht mit einem der öffentlichen Verkehrsmittel fahren wollte, die Demy inzwischen mit Begeisterung nutzte. Vor allem die Groschenbahn mit ihren ruckelnden Triebwagen und den blitzenden Oberleitungen hatte es ihr angetan. Zudem amüsierte sie, mit welcher Selbstverständlichkeit Fräulein Cronburg den Umweg, den sie den Kutscher zu fahren angewiesen hatte, als Banalität abtat, obwohl es sich doch um Meindorffs Gefährt und Angestellten handelte, über die sie da verfügte.

Plötzlich riss Adeles schrille Stimme sie aus ihren Gedanken. »Sie sind also Demy van Campen, die Begleitung oder vielmehr Gesellschafterin der neuen Frau Meindorff? Ein heute eher rückläufiges Berufsbild einer jungen Dame. Herzlich willkommen in Berlin, Fräulein van Campen. Frau Cronberg kündigte uns ja bei unserem letzten Treffen Ihr Kommen für diese Woche an. Wir hörten allesamt erstaunt, dass sie als fast erwachsene Frau noch Frau Cronbergs Dienste in Anspruch nehmen.«

Demy warf ihrer Erzieherin einen fragenden Seitenblick zu, doch diese schaute scheinbar desinteressiert aus dem Fenster auf die Häuserfronten, die der Wagen gerade passierte. Was mochte ihre Lehrerin noch über sie erzählt haben? War der heutige Ausflug nicht nur eine Übung, um ihre erlernten Fähigkeiten zu testen, sondern vielmehr ein Test, wie sie sich in einer schwierigen Gesprächssituation verhielt? Ihrer Natur entsprechend entschied Demy sich für den direkten Weg. Sie würde bei der Wahrheit bleiben und nicht versuchen, sich in ein gutes Licht zu rücken. Nur wegen ihres Alters musste sie weiterhin tricksen. Also erzählte sie der aufmerksam lauschenden Adele, dass ihre Schwester gern eine nahestehende Person im fremden Berlin um sich haben wollte, weshalb sie Tilla als Gesellschafterin begleitet hatte.

Derweil rollte die Kutsche den Kurfürstendamm hinunter, vorbei an den prunkvollen Wohnpalästen mit ihren Giebeln, Türmchen und Säulen. Endlich hielt das Gefährt vor einer schmucken Jugendstilvilla.

Ein Mädchen in schwarzem Kleid mit weißer Schürze und weißem Häubchen auf dem streng frisierten Haar öffnete ihnen die Tür, nahm ihnen die Mäntel ab und geleitete sie in einen mit edlen Möbeln und allerlei Kunstgegenständen vollgestopften Salon.

Margarete Pfister, die eine pfirsichfarben schimmernde Rock aus Satin trug, dazu eine weiße Bluse mit dem üblichen hohen Spitzenkragen und einem farblich zum Rock passenden Figarojäckchen, erhob sich bei ihrem Eintreten.

»Frau Cronberg, wie schön!« Die junge Frau mit den rotblonden Locken und dem Porzellanteint, die Demy bereits auf der Hochzeit von Tilla und Joseph aufgefallen war, schwebte auf die Gouvernante zu und drückte ihr beide Hände. Anschließend begrüßte sie Adele mit derselben Herzlichkeit, bevor sie sich Demy zuwandte.

Die braunen Augen sahen sie intensiv an, aber Demy verspürte dabei nicht das unangenehme Gefühl, abschätzig gemustert zu werden. In Margaretes Blick lag aufrichtiges Interesse und die unübersehbare Freude darüber, eine neue Bekanntschaft zu schließen.

»Herzlich willkommen in unserer Runde, Fräulein van Campen. Ich hatte ja auf der Hochzeitsfeier bereits das Vergnügen, Ihnen vorgestellt zu werden. Leider fand sich dort keine Gelegenheit für ein Gespräch. Letzte Woche nun war Frau Cronberg so freundlich und erzählte uns ein wenig mehr von Ihnen. Sofort stimmten wir darin überein, Ihnen durch eine Einladung in unseren Literaturzirkel das Einleben in unserer schönen, aufregenden Stadt zu erleichtern. Wir sind ein überschaubarer Kreis von fünf, sechs Frauen.«

Demy war überwältigt von so viel Liebenswürdigkeit, die ihr entgegengebracht wurde, obwohl diese Frauen sie gar nicht kannten. Das Kind in ihr sehnte sich danach, dieses Freundschaftsangebot begierig anzunehmen, doch die junge Frau, die zu werden sie im Begriff war, ermahnte sie zur Zurückhaltung.

»Ich freue mich wirklich sehr über Ihre freundlichen Worte, Fräulein Pfister. Herzlichen Dank für die Einladung, der ich sehr gern gefolgt bin.«

Aus dem Augenwinkel bemerkte Demy das knappe Lächeln von Henriette und schloss daraus, dass sie angemessen reagiert hatte. Etwas von der angestauten Anspannung fiel von ihr ab.

»Setzen Sie sich doch bitte. Wir haben letzte Woche mit der Lektüre von Jane Austens Pride and Prejudice begonnen.« Margarete nahm das bereitgelegte Buch in die Hände, blätterte es auf und begann mit glockenheller Stimme den englischsprachigen Text vorzulesen.

Unterdessen bemühte Demy sich um eine korrekte Haltung in dem mit rotglänzendem Chintz überzogenen Sessel und anmutig nebeneinandergestellte Beine. Auf Tee und Gebäck, von einem Dienstmädchen serviert, verzichtete sie allerdings. Es war Herausforderung genug, auf ihre Haltung zu achten und der Lektüre zu lauschen.

Zehn Minuten nachdem Margarete das Buch an Adele weitergereicht hatte, erschien eine vierte Dame in einem frühlingshaften legeren Reformkleid. Sie wurde ihr als Lina Barna vorgestellt, die 16-jährige Tochter eines Physikprofessors, deren Mutter vor einigen Jahren verstorben war. Allein schon aufgrund dieser Gemeinsamkeit fühlte Demy sich zu der unbekümmert wirkenden Lina hingezogen.

Adele las weit weniger flüssig als Margarete, und ihre schrille Stimme machte es Demy noch schwerer, sich auf den Dialog zwischen Mr Darcy und Elizabeth zu konzentrieren. Bald gingen ihre Augen und ihre Gedanken auf Wanderschaft.

Hinter dem mit Gemälden, Skulpturen und Gobelins überladenen Raum steckte offensichtlich viel Geld, und ein Blick auf das prächtige, mit Rüschen besetzte Ensemble der Gastgeberin verstärkte diesen Eindruck noch. Auch Lina war für ein geselliges Treffen am Nachmittag trotz des hängenden Reformkleides überaus elegant gekleidet, was bewies, dass Henriette, selbst dezent in Dunkelbraun, ihren jungen Schützling nicht grundlos in das teure Kleid gezwungen hatte. Selbst die unattraktive Adele trug neben ihrem ausfallend voluminösen Hut ein aufwendig mit Spitze und Tüll verziertes eng anliegendes Kleid, dessen dunkles Violett sie allerdings älter wirken ließ, als sie war.

Demy musste ihre bisherige Vermutung revidieren, dass nur in den Adelshäusern Preußens Geld vorhanden war. Offensichtlich gab es in dieser Stadt Fabrikanten und andere gut gestellte Bürger, die zwar mit weniger Pomp und Pracht, dafür aber mit mehr Vermögen ausgestattet waren als so manches Adelshaus.

Die Reihe war an Henriette, die Lektüre zu übernehmen. Die Gouvernante las flüssig, wenn auch mit etwas harter Aussprache, und reichte das Buch schließlich an Lina weiter, die fröhlich über die ihr unbekannten Worte hinweghüpfte und die Runde damit mehrmals zum Lachen brachte.

Demy, deren Englisch im Gegensatz zu ihrem Französisch nahezu perfekt war, bekam das Buch ebenfalls zum Vorlesen gereicht. Nach einem anschließenden Austausch über das Gelesene und Margaretes Bitte an Henriette Cronberg als die älteste Anwesende, die kleine Gesellschaft mit einem Gebet um Schutz für den Heimweg abzuschließen, verabschiedete sich Adele, die von ihrer Mutter abgeholt wurde.

Während Henriette noch der kleinen Charlotte Pfister, Margaretes 10-jähriger Schwester, einen Besuch abstattete, blieben Demy, Lina und Margarete im Salon zurück. Behutsam legte Demy das Buch zwischen die Teetassen auf den Beistelltisch, bevor sie unsicher zu den älteren Mädchen hinüberschaute.

Margarete bedachte sie mit einem Lächeln. »Ich hoffe, es hat Ihnen in unserem kleinen Literaturkreis gefallen.«

Einen Augenblick zögerte Demy. Was sollte sie entgegnen?

Ihr nachdenkliches Schweigen vertrieb das Lächeln auf Margaretes Gesicht und besorgte, dunkle Augen blickten sie unter leicht erhobenen Augenbrauen an. »Oh, ich bin eine schreckliche Gastgeberin. Sie haben weder von dem Gebäck gekostet noch Tee genommen. Vielleicht bevorzugen Sie Obst und Kaffee anstelle der Kekse und des Tees? Entschuldigen Sie bitte vielmals. Ich …«

Demy schüttelte den Kopf. »Um ehrlich zu sein, Fräulein Pfister, habe ich nichts gegessen und getrunken, weil ich so damit beschäftigt war, zuzuhören und mich nicht danebenzubenehmen.«

Margarete schaute sie abwartend an. Ihr Blick drückte Neugier aus, dennoch ließ sie ihr die Freiheit, ob sie mehr sagen wollte oder lieber schwieg. Demy zog die Schultern hoch und ließ sie wieder sinken. Mit einem hilflosen Lächeln sah sie sich um, in der Hoffnung, dass Fräulein Cronberg inzwischen zurückgekehrt war. Dabei fiel ihr Blick auf ein vor allem in Blau und Grün gehaltenes Gemälde, bei dem sie nicht recht erkennen konnte, was es darstellen sollte.

Margarete folgte ihrem Blick und erklärte: »Ein Mann namens Picasso hat es gemalt. Mir gefällt es nicht, aber mein Vater meint, der Künstler sähe einer große Zukunft entgegen.«

Demy, froh über den Themenwechsel, und darüber, dass ihr Gesicht, das nach dem Überfall ganz ähnliche Farben angenommen hatte, wiederhergestellt war, sagte: »Ich fand es schön, dass Sie Fräulein Cronberg um ein Gebet anhielten. Seit meine Schwester Anki in St. Petersburg lebt und unsere Erzieherin nach Württemberg zurückgekehrt ist, sind Gebete selten geworden.«

Die beiden Frauen nickten verständnisvoll, und Margarete beugte sich vor, um ihre Hand zu ergreifen. »Ich wurde vor Kurzem in den Straßen Berlins überfallen. Seitdem ist es mir ein Bedürfnis, mich und meine Freundinnen unter Gottes Schutz und Geleit zu stellen. So schnell ist etwas Furchtbares geschehen!«

Bei der Vorstellung, dass jemand dieses zarte Mädchen bedrängt hatte, schauderte es Demy, nicht zuletzt, weil ihr auch ihr eigenes Erlebnis mit der Frau im Torbogen wieder lebhaft vor Augen stand.

»Ich wollte Sie nicht ängstigen«, beeilte sich Margarete zu sagen. »Berlin ist eine schnell wachsende, einem ständigen Wandel unterliegende Stadt, aber vermutlich nicht gefährlicher als andere große Städte. Und mir ist bis auf einen kleinen Schreck nichts geschehen.«

Demy lächelte und sah auf die gepflegten Hände ihrer Gesprächspartnerin hinunter. Sie wirkten ebenso zart und zerbrechlich wie die ganze Person, während ihre eigenen bereits jetzt im April leicht gebräunten Hände dagegen richtig derb aussahen. »Vor einigen Wochen hatte ich auch ein ähnlich unangenehmes Erlebnis.«

»Wie schrecklich! Ihnen ist doch nichts Schlimmeres zugestoßen?«, stieß Margarete hervor.

»Der Angriff auf mich stellte sich, Gott sei Dank, als Verzweiflungstat einer Frau heraus, die genau in diesem Moment ein Kind zur Welt brachte. Doch ein Schreck war es schon, zumal die Frau das Kind in meinen Armen zurückließ und davonlief.«

Margarete zeigte aufrichtiges Mitgefühl, dabei nahm Demy an, dass die zart wirkende Frau wesentlich größere Angst auszustehen gehabt hatte als sie, die sie vor ein paar Wochen noch ungestüm über Dünen gerannt war.

Lina und Margarete baten sie, mehr von ihrem Erlebnis zu erzählen, was sie, wenn auch zurückhaltend, tat. Sie endete mit der Bemerkung, wie sehr sie es bedauerte, dass sie nicht wusste, was aus dem Jungen geworden sei.

Die offenbar nicht nur mit einem goldenen Herzen, sondern auch mit wachem Verstand gesegnete Margarete folgte aufgeregt ihrem Gedankengang: »Aber das lässt sich doch ändern. Ihre Haushälterin müsste Kenntnis darüber besitzen, in welches Säuglingsheim Ihr kleiner Findling gebracht wurde. Ich finde, Sie sollten hingehen und sich nach seinem Ergehen erkundigen!«

Demys Zögern veranlasste Lina, ihr mit dem behandschuhten Finger leicht auf die Schulter zu tippen. »Fehlt Ihnen der Mut, solch eine Einrichtung aufzusuchen? Oder denken Sie, der Herr Rittmeister würde es nicht gutheißen? Vielleicht aber quält Sie nur die Angst, Sie könnten sich in den Kleinen verlieben …«

Demy senkte den Blick auf ihre Hände, die nervös über ihre Taillenschärpe strichen. »Mir kam bis jetzt gar nicht der Gedanke, dass es möglich sein könnte, das Kind zu besuchen. Und tatsächlich entzieht es sich meinem Wissen, ob es schicklich ist, diesen Einfall in die Tat umzusetzen.« Die Falten auf Demys Nase zeigten deutlich ihre Unsicherheit.

»Befragen Sie Frau Cronberg dazu«, schlug Margarete eifrig vor. »Und außerdem: Was wären Sie für ein Mensch, wenn Ihnen das Schicksal Ihres Findlings gleichgültig wäre!«

»Ach, die uns aufdiktierte Schicklichkeit.« Lina winkte mit einer Handbewegung ab. »Sie wird überbewertet! Sollten wir nicht das tun, wozu unser Herz uns drängt, das, was uns Freude und Glück bereitet?«

»Da mögen Sie recht haben«, murmelte Demy und hob den Kopf. Ihre Augen funkelten, als sie sagte: »Ich erkundige mich nach der Adresse des Heimes und besuche den kleinen Nathanael. Möglicherweise kann ich ihn ja auf seinem Lebensweg begleiten, ihn fördern, mit ihm die Stadt entdecken und Ausritte unternehmen und-« Sie wurde in ihrer Aufzählung spontaner Unternehmungen von einer fröhlich lachenden Lina unterbrochen.

»Entschuldigen Sie bitte, ich lache Sie nicht aus, ich finde nur diesen Gedanken so herrlich. Der Junge ist gerade ein paar Wochen alt und Sie wollen mit ihm bereits zu Pferde über die Wiesen preschen? Sie sind eine richtige kleine Abenteurerin, nicht wahr? Kommen Sie, lassen Sie uns einen Termin finden, an dem ich Sie in das Heim begleiten kann. Das wird bestimmt aufregend!«

Demy starrte Lina entgeistert an. Sie hatte die junge Frau bis vor wenigen Augenblicken für eine wohlerzogene Modepuppe gehalten, und nun entpuppte sie sich als ein tatendurstiges Mädchen.

Von Linas Begeisterung angesteckt klatschte Margarete aufgeregt in die Hände. »Lina, was denkst du? Wir beiden könnten uns ebenfalls einiger dieser armen Geschöpfe annehmen. Die Waisenheime sind doch sicher dankbar für jede Unterstützung!« Sie schaute fragend von Lina zu Demy. Diese war ganz aufgewühlt von der Aussicht, ihren kleinen Findling wiederzusehen und dabei zwei respektable Damen aus dem Großbürgertum an ihrer Seite zu wissen, was ihrem Vorhaben einen gediegenen Anstrich verleihen würde.

»Meine Zeit, ich fühle mich wie eine der Figuren von Mark Twain. Oder auf Abenteuerreise mit Karl May. Haben Sie schon Bücher von ihnen gelesen, Fräulein van Campen?«

Demy bejahte. Sie mochte die Geschichten um Tom Sawyer und Huckleberry Finn sehr. Auch die Reiserzählungen Karl Mays begeisterten sie, wenngleich der Schriftsteller in letzter Zeit recht eigentümliche Texte verfasste.

»Wir könnten versuchen, die Mutter des Kleinen zu finden«, spann Lina unternehmungslustig den Faden weiter.

»Wie Sherlock Holmes!«, jauchzte Margarete und brachte mit ihrer Begeisterung Lina zum Lachen.

Demy war sich allerdings nicht sicher, ob sie die Idee gutheißen sollte. Für sie war es immer noch ein Rätsel, dass eine Mutter ihr Kind einfach bei einer Fremden zurückließ. Sicher hatte sie gute Gründe für ihr Handeln gehabt, die aber vermutlich noch nicht ausgeräumt waren. Ihr nachdenkliches Schweigen hielt die beiden anderen Mädchen jedoch nicht davon ab, weitere Pläne für ihr abenteuerliches Vorhaben zu spinnen.

»Das hört sich lustig an. Fräulein van Campen, ich bin so froh, dass Sie zu uns gestoßen sind! Kommen Sie bitte nächste Woche wieder! Dann überlegen wir weiter, wie wir die armen Kinder in dem Heim unterstützen können.« Die Gastgeberin griff gleichzeitig nach Linas und nach Demys Hand, als wolle sie mit ihnen einen Bund schließen.

Demy überlegte, was aus dieser eigentümlichen Begegnung dreier so unterschiedlicher Mädchen wohl entstehen mochte, doch in diesem Moment erschien Henriette wieder im Salon, und sie verabschiedeten sich von ihrer Gastgeberin.

***

Wenig später schlenderten Demy und Henriette in Richtung Schlossstraße. Sie sprachen über den Lesenachmittag, wobei Henriette nicht an Lob für Demys Betragen sparte, was diese veranlasste, unter einem Anflug eines schlechten Gewissens das Gesicht zu verziehen. Wie eine wohlerzogene junge Dame hatte sie sich die letzte halbe Stunde über nicht verhalten. Vielmehr wie das abenteuerlustige Mädchen, das sie eigentlich war. Und Margarete? Ob sie sich jetzt, wieder allein zu Hause, ihrer Begeisterung schämte? Ohne Zweifel wusste die 17-Jährige sich doch im Grunde zu benehmen.

Lag es dann an ihr und ihrem kindlichen Überschwang, dass sich Margarete und Lina zu einem solch unangemessenen Verhalten hatten hinreißen lassen? Nach einigem Nachdenken zog Demy die Nase kraus und entschloss sich, dass sie sich deswegen nicht schuldig fühlen wollte.

Sie hatte Margarete und Lina ja nicht gezwungen, sich auf diese Sache einzulassen. Nein, wenn sie es sich genau überlegte, kam es ihr so vor, als sei vielmehr die fröhliche Lina die treibende Kraft hinter den abenteuerlichen Plänen gewesen. Was wohl die Meindorffs dazu sagen würden?

Himmel ueber fremdem Land
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