Kapitel 20
St. Petersburg,
Russland,
Mai 1908
Sanfter Regen fiel vom wolkenverhangenen Himmel über St. Petersburg und verbarg die Häuserzeile jenseits der Mojka hinter einem Vorhang, der milchigweißer Gaze glich. Unterhalb der nassglänzenden Kanalmauer suchte ein Spatzenpärchen mit aufgeplusterten Federn notdürftig Schutz, und einer der beiden zog einen aus den Ritzen der Pflastersteine todesmutig hervorlugenden Regenwurm heraus und verspeiste ihn.
Anki presste ihre Stirn gegen die von Regentropfen besprengte kühle Glasscheibe. Während ihre linke Hand auf dem breiten marmornen Fenstersims ruhte, spielte ihre rechte ungeduldig mit dem elfenbeinfarbenen golddurchwirkten Vorhang.
Endlich näherte sich dem Chabenski-Palast eine Mietkutsche. Die beiden Schimmel davor ließen die Ohren hängen und von ihren nassen Mähnen lief ihnen das Wasser über den Hals und zwischen den Ohren hindurch auf die Scheuklappen. Das Gefährt hielt mit einem Ruck vor dem überdachten Eingangsbereich des Hauses, und Anki hielt es nicht länger am Fenster. Sie flog förmlich aus dem Raum und kurz darauf polterten ihre schnellen Schritte über die Treppe.
Gerade als Jakow mit seinen behäbigen, vornehmen Bewegungen die Tür für Ankis Besuch geöffnet hatte, war sie schon bei ihm angekommen. Die junge Frau stürmte an dem Butler vorbei in den Regen hinaus und riss ihre ältere Schwester, die gerade das schaukelnde Fahrzeug verließ, in ihre Arme.
Alles in Anki jubelte vor Freude. Sie hatte ihre Geschwister mehr als ein Jahr lang nicht gesehen, und besonders zu Tilla war ihr Verhältnis immer sehr eng gewesen.
»Meine Güte, Anki! Du bist ja ebenso stürmisch wie Demy geworden!« Tilla lachte und drückte ihre Schwester kräftig an sich.
Unterdessen war Jakow herbeigehastet und hielt einen Schirm über die Damen, während Tillas Ehemann mit großen Schritten dem Vordach zustrebte.
»Ich freue mich so sehr über euren Besuch in St. Petersburg«, raunte Anki Tilla zu und musterte nun ausführlicher deren frisch angetrauten Ehemann.
Joseph Meindorff war groß und kräftig gebaut und sein leicht kantiges Gesicht mit dem akkurat gestutzten Schnurrbart wirkte ausgesprochen männlich. Allerdings musste sie der Beschreibung aus Demys Brief recht geben: Die buschigen dunklen Augenbrauen über den tief liegenden braunen Augen verhießen eine gewisse Strenge.
Entschlossen schob Anki diese Überlegung von sich. Sie wollte Menschen nicht nach Äußerlichkeiten beurteilen. Mit zwei Schritten trat sie vor Tillas Ehemann und streckte ihm zur Begrüßung ihre Rechte entgegen. Joseph nahm ihre Hand, verbeugte sich höflich, wenn auch knapp, und deutete einen Handkuss an. »Es ist mir eine Freude, heute noch das letzte Mitglied der van Campen-Familie kennenzulernen. Sie sind, ebenso wie Ihre Schwester, eine bezaubernde Erscheinung.«
Anki lächelte verunsichert über dieses Kompliment, wusste sie doch, dass sie mitnichten Tillas Schönheit oder ihre Anmut besaß.
»Jakow wird euch eure Mäntel abnehmen. Im Gästezimmer ist ein Dinner vorbereitet. Die Fürstin weilt mit ihren Mädchen bei einer befreundeten Familie. Ich erwarte sie erst spätabends zurück. Nadezhda und ein Diener bringen das Gepäck in euer Zimmer hinauf und-« Anki hob überrascht die Augenbrauen, als Joseph sie mit einer knappen Handbewegung unterbrach.
»Wir haben nicht vor, hier zu nächtigen. Unser Gepäck befindet sich bereits im überaus exquisiten Hotel Astoria.«
»Ich verstehe«, erwiderte Anki, beobachtete aber aus dem Augenwinkel, wie ihre Schwester unglücklich das Gesicht verzog. War dieses Arrangement gegen Tillas Willen getroffen worden? Andererseits wollte sich ihr Schwager vermutlich weder einer adeligen Familie aufdrängen, zumal die Person, die sie besuchten, nur eine Angestellte war, noch seine Flitterwochen in einem Gastzimmer bei einer ihm unbekannten Familie verbringen.
Jakow nahm dem Paar die Mäntel ab und reichte sie Nadezhda. Mit einer Verbeugung bat er die Gäste, ihm zu folgen und geleitete sie zu Ankis Belustigung in den Speisesaal. Der Tisch war mit einer weißen Damastdecke und edlem Geschirr gedeckt, sogar die Kristallgläser funkelten im Licht der auf dem Tisch aufgestellten Kerzen.
Jakow ließ es sich nicht nehmen, beiden Damen die Stühle zurechtzurücken. Nachdem der Butler sich zurückgezogen hatte, beugte Tilla sich zu Anki hinüber, legte ihre Hand auf die ihre und flüsterte: »Du wirst ja wie die Fürstin persönlich behandelt. Kein Wunder, dass es dir hier so gut gefällt.«
Ehe Anki antworten konnte, trugen zwei Diener eine reichhaltige Mahlzeit aus Wildbret, Reis und Gemüse auf, dazu einen exquisiten Krimwein. Etwas verwirrt aufgrund des Aufhebens, das um sie und ihre Gäste gemacht wurde, sah Anki den im Hintergrund wartenden Jakow fragend an. Der Mann nickte ihr zu, was wohl signalisieren sollte, dass alles seine Richtigkeit besaß und mit Fürstin Chabenski abgesprochen, vielleicht sogar von ihr persönlich in Auftrag gegeben worden war.
»Schau, Joseph, hier wären wir sehr wohl angemessen untergekommen«, raunte Tilla in Richtung ihres Mannes. Er setzte daraufhin das Glas mit dem tiefroten Wein wieder ab, ohne ihn gekostet zu haben, und warf ihr einen eigentümlichen Blick zu. Anki vermochte diesen nicht zu deuten – und wollte es auch nicht. Leicht irritiert widmete sie sich ihrer Mahlzeit, wobei das anhaltende Schweigen es ihr nicht einfach machte, die vorzüglich zubereiteten Speisen zu genießen. Tilla und sie hatten sich viele Monate nicht gesehen, Grund genug, dass die Schwestern sich angeregt über ihre sicher sehr unterschiedlichen Erlebnisse unterhielten. Doch in Gegenwart des steifen, streng wirkenden Joseph fühlte Anki sich nicht frei, über Persönliches zu plaudern, und auch Tilla schien in derselben Weise gehemmt zu sein.
Fieberhaft suchte Anki nach einem unverfänglichen Gesprächsthema und fragte schließlich, als das Schweigen nahezu unerträglich geworden war: »Hast du dich in deiner neuen Heimat Berlin bereits gut eingelebt? Und wie geht es Demy? Ich war erstaunt, als ich hörte, dass sie dich begleitet. Mir war nicht bewusst, wie schnell sie erwachsen geworden ist.«
»Für mich ist es wunderbar, eine meiner Schwestern als Vertraute um mich zu haben, und Demy bieten sich durch dieses Arrangement hervorragende Zukunftschancen. Sie kann am gesellschaftlichen Leben Berlins teilnehmen und in naher Zukunft einen geeigneten Ehemann finden. Zudem erhält sie eine fundierte Ausbildung. Diese versetzt sie in die Lage, später als Gouvernante einen ehrbaren, angesehenen Beruf auszuüben, falls sie, was wir ja nicht annehmen wollen, ledig bleiben sollte. Übrigens habe ich einen Brief von ihr an dich dabei.«
Anki wagte nur ein Nicken. Ihre Fragen blieben im Grunde unbeantwortet, zumal sie sich mit dem Wissen, weshalb Tilla sie damals mit den Chabenskis mitgeschickt hatte, noch immer schwer tat. War Demy aus demselben Grund so früh aus ihrer Heimat fortgerissen worden? Nach Ankis Dafürhalten passte Demy überhaupt nicht in die ihr zugewiesene Rolle, was ihren Verdacht erhärtete.
Bis auf eine reichlich stockende, oberflächliche Unterhaltung verlief die Mahlzeit ausgesprochen still, allerdings in unangenehm kühler Atmosphäre. Zuerst war Anki erfreut über die Aussicht gewesen, ihre Schwester und ihren Schwager an diesem Abend für sich allein zu haben, doch nun wünschte sie sich immer dringender ihre Arbeitgeberin, besser noch die Mädchen herbei. Sie war erleichtert, als Joseph unmittelbar nach dem Nachtisch und einem abschließenden Wodka erklärte, dass er und Tilla müde seien und sich in ihr Hotel zurückzuziehen wünschten. Er schlug vor, seine Frau am darauffolgenden Morgen zum Haus der Chabenskis zu bringen, damit die Schwestern den Tag gemeinsam verbringen konnten, während er seinen Interessen nachging.
Tilla stimmte diesem Vorschlag begeistert zu, und so nickte auch Anki, obwohl sie am nächsten Tag einen Großteil ihrer Zeit mit den Töchtern der Chabenskis verbringen würde. Aber wenn das wechselhafte Maiwetter mitspielte, wollten sie den ersten Ausflug dieses Jahres zum Sommergarten unternehmen. Im ältesten und schönsten Park der Stadt konnten die Mädchen sich nach Herzenslust austoben und sie hoffentlich etwas inniger mit Tilla plaudern.
Wenige Augenblicke später beobachtete Anki, wie Jakow das Paar unter seinem aufgespannten Schirm zu einer herbeigewinkten Droschke geleitete. Joseph wollte seiner Frau galant die Hand als Hilfe bieten, doch sie wich seiner Bewegung aus und ließ sich von dem Kutscher in das Gefährt helfen.
Die junge Frau unter dem schützenden Vordach runzelte die Stirn. Ihrem Empfinden nach war das Verhältnis der beiden ausgesprochen angespannt, sie hoffte aber, dass dies nur eine vorübergehende Zwistigkeit des jungvermählten Paares war.