Kapitel 24
Zwischen Tsondap und
Empfängnisbucht,
Wüste Namib,
Deutsch-Südwestafrika,
Juni 1908
Ein fast perfekt runder Mond stand hoch am nächtlichen Himmel und beleuchtete die hügelige Wüstenlandschaft. Philippe und zwei seiner Soldaten waren am frühen Morgen beim Sickerbecken des Trockenflusses Tsondap27 mit seinem üppigen Baumbestand losgeritten und immer tiefer in die Namib eingedrungen. Über die Sandhügel drang das heisere Lachen einiger Hyänen, während unter den Hufen der drei Reittiere Sand und Steine knirschten, die Sättel im Takt ihrer Schritte knarrten und gelegentlich eines der Pferde schnaubte oder den Kopf schüttelte.
Philippe wandte sich im Sattel um und grinste, als er Wilhelm mit auf die Brust gesunkenem Kopf auf seinem Pferd schlafen sah. Jemand hatte ihn ironischerweise nach ihrem Kaiser benannt, weil sein afrikanischer Name schwer zu merken und für deutsche Zungen nahezu unmöglich auszusprechen war. Der Mann konnte in jeder Position ruhen. Ein nicht zu verachtendes Plus für einen Soldaten.
Hinter dem bereits ergrauten Einheimischen ritt Heinz Sacker, ein Deutscher, der sich wie Philippe seit ein paar Jahren in Deutsch-Südwestafrika aufhielt. Der Mond beschien sein von der Sonne gegerbtes Gesicht und zeigte, dass der Soldat sich immerzu umsah. Auch ihn beunruhigten die frischen Spuren im sandigen Untergrund.
Der kleine Trupp folgte den Männern seit nunmehr zwei Stunden, ohne ihnen wesentlich näherzukommen. Misstrauisch geworden war Philippe spätestens, als ihm klar wurde, dass die Reiter – wie er und sein Spähtrupp – in der Nacht unterwegs waren und dabei bewusst alle Gebiete mieden, in denen sie auf Menschen stoßen konnten.
Sacker trieb seine Stute in einen kurzen Trab, um zu ihm aufzuschließen, wobei er einer der bodennah wachsenden Welwitschies28 auswich. Das Klappern seines Gepäcks schreckte den schwarzen Schläfer auf.
»Was denken Sie, Herr Leutnant?«
»Wenn sie in Richtung einer der Hafenstädte ritten, würde ich meinen, sie transportieren eine wertvolle Diamantfracht, die sie sicher und deshalb heimlich abliefern wollen. Der von ihnen eingeschlagene Weg deutet aber vielmehr darauf hin, dass sie ein Diamantfeld ansteuern wollen, ohne gesehen zu werden.«
Sacker nickte und zeigte in die Dunkelheit hinein. »Sie haben unverkennbar ein festes Ziel und einen ortskundigen Führer bei sich.«
Mit einer Handbewegung winkte der Leutnant Wilhelm heran und dieser gesellte sich auf seine linke Seite. Da der Schwarze in dieser Gegend aufgewachsen war, fiel ihm die Orientierung leicht, was für Philippe eine große Erleichterung bedeutete.
»Was liegt vor uns?«, erkundigte er sich.
»Eine Menge Sand, Herr Leutnant«, lachte Wilhelm, worauf Philippe seinen Begleiter belustigt angrinste. Er mochte seine unkomplizierte, fröhliche Art einem Vorgesetzten gegenüber.
»Links von uns, hinter diesen Hügeln, liegt ein Schürffeld. Es wurde vor ein paar Tagen überfallen, kurz bevor Sie hier ankamen, Herr Leutnant.«
Philippe gab einen Grunzlaut von sich, nachdem er Wilhelms wildes Sprachgemisch aus Khoisan und Deutsch zu einem sinnvollen Satz zusammengefügt hatte.
»Ein Stück weiter liegt noch eine Diamantfundstelle. Den Gerüchten nach soll sie eine der ertragreichsten so weit abseits von Lüderitz sein«, fuhr Wilhelm fort.
»Wie kommen denn solche Gerüchte zustande?«, staunte Philippe und schob sich den Hut weiter in den Nacken. »Die Schürfer selbst dürften nicht gerade erpicht auf diese Art Werbung sein.«
Der Schwarze zuckte mit seinen massigen Schultern, über denen sich seine Schutztruppenuniform spannte. »Ein betrunkener Teilhaber in Swapokmund, einheimische Arbeiter, die miserabel behandelt werden …?«, mutmaßte er.
»Und woher weißt du davon?«
Belustigt gluckste Wilhelm vor sich hin und offenbarte dabei seine ihm noch verbliebenen vier Zähne. »Ihr Deutschen solltet unsere Kontakte nicht unterschätzen, Herr Leutnant.«
Kameradschaftlich klopfte Philippe dem sympathischen Mann auf die Schulter, wurde aber sofort ernst, als Sacker rechts neben ihm warnend die Hand hob. Augenblicklich zügelten die drei Reiter ihre Pferde und lauschten in die Nacht hinein.
In der Wüste trug der Wind die Geräusche meilenweit und verzerrte sie oft zur Unkenntlichkeit; manchmal gaukelte er auch nur eines vor. Dieses Mal aber gehörten die kurzen Detonationen unverkennbar zum Abfeuern von Schusswaffen.
»Vorwärts!«, stieß Philippe aus. Seine Stute sprang mit einem gewaltigen Satz voran, ihre Hufe wirbelten Sand und Steinchen auf. Im Galopp zog Philippe den Karabiner 98 aus der Sattelhalterung. Ein heißer Schauer durchlief seinen Körper. Erneut musste er sich in eine Kampfhandlung stürzen. Erinnerungen an die blutigen Schlachten während des Herero-Aufstandes schossen ihm in den Kopf: der Kampflärm, die Schreie, die Schüsse und der beißende Geruch des Pulvers, verbunden mit dem ekelhaften Gestank der in der Wüstensonne schnell verwesenden Körper. All diese grausigen Eindrücke, von seinem Gedächtnis unwillkürlich ans Licht gezerrt, schnürten ihm den Magen zusammen.
Mit kräftigen Sprüngen, dem unter den Hufen davonrieselnden Sand zum Trotz, erklommen die drei Pferde der Soldaten einen Hügel und hielten auf dessen Kuppe an. Roter Staub, von den Pferdebeinen aufgewirbelt und vom Mond gespenstisch beleuchtet, hüllte die Reiter ein. Williams Stute tropfte Schaum aus dem Maul.
In der Senke stand ein Lager in Flammen. Ihr flackernder Schein erhellte schemenhaft das Tal und einige Gestalten, die sich verzweifelt gegen eine Anzahl Bewaffneter zur Wehr setzten.
Philippe zwang sich zur Ruhe und versuchte, die Situation zu überblicken und eine Entscheidung zu treffen. »Die Gauner sind mitten ins Lager geritten. Wir werden sie schwerlich von den Diamantsuchern unterscheiden können«, brummte Sacker. Er hielt sein Gewehr in der rechten Hand, die Zügel in der linken, und in seinem Gürtel schimmerte bläulich der Lauf seiner Pistole.
»Wir verteilen uns um den Talabschnitt«, beschloss Philippe. »Ich gebe uns als Schutztruppensoldaten zu erkennen, dann geben wir eine Salve Kugeln auf sie ab. Lasst euch nicht sehen. Die Kerle brauchen nicht zu wissen, dass wir nur zu dritt sind.«
Auf die Anweisung seines Vorgesetzten hin wendete Wilhelm wortlos sein Pferd und ließ es den sandigen Abhang wieder hinuntergehen, um sich von dort nach links zu wenden. Sacker verharrte bei Philippe und zischte: »Ich habe eine weiße Frau gesehen. Welcher Idiot bringt eine Frau hierher?«
»Machen wir unsere Arbeit, Sacker.«
»Jawohl, Herr Leutnant.«
Der Soldat trieb sein Reittier an und verschwand in einer Sandwolke nach rechts in den Schatten der Düne.
Unterhalb von Philippes Standpunkt wurde weiterhin erbarmungslos geschossen. Anfeuernde Rufe mischten sich mit entsetzten Schreien und dem Knallen der Gewehre. Philippe stieg ab und gab der Stute einen Klaps auf die Kuppe, worauf sich das Tier eilig den Hügel hinunterbewegte, fort von dem Lärm.
Der Leutnant zählte bis 20, ehe er zweimal in die Luft feuerte und dann so laut, wie seine Lunge und die Stimmbänder es ihm erlaubten, die Angreifer aufforderte, sich der Einheit der Schutztruppe zu ergeben.
Das Chaos im Talkessel nahm zu. Im Licht des Mondes und der allmählich in sich zusammenfallenden Flammen sah er hektische Bewegungen. Befehle wurden gebrüllt, auch endete für kurze Zeit der erbitterte Schusswechsel.
Diese Pause nutzten Philippe, Wilhelm und Sacker dazu, das Camp mit einem Kugelhagel zu belegen, wobei sie hofften, dass sie nicht versehentlich einen der Diamantsucher trafen.
Nachdem Philippe ein zweites Mal seine Aufforderung auf das Schlachtfeld hinuntergebrüllt hatte, drehte er sich im Sand der Düne auf die Seite, um fieberhaft seine beiden Waffen nachzuladen. Sämtliche Muskeln seines Körpers waren angespannt, die Kälte war vergessen. Sein Gehör registrierte jedes noch so scheinbar nebensächliche Geräusch.
Sobald er wieder schussbereit war, schob er sich so weit auf die Anhöhe hinauf, dass er freie Sicht auf die Schürfstelle hatte.
Im Talkessel sammelten sich die schießwütigen Eindringlinge. Einer der Männer hielt ein reiterloses Pferd. Philippe vermutete, dass der Mineninhaber einen der Angreifer aus dem Sattel geschossen hatte … doch da tauchte, wie aus dem Nichts, eine Gestalt auf und schwang sich auf den Rücken des bereitgehaltenen Tieres.
Die Kopfbedeckung des Mannes ließ Philippe die Augen zu schmalen Schlitzen zusammenkneifen. War das nicht ein Armeehut, den der Halunke da trug?
Noch ehe er darüber nachdenken konnte, erhob sich ein rundlicher Mann aus der Deckung und lief todesmutig auf die zur Flucht bereiten Eindringlinge zu. Er kam nicht weit.
Eine Pistole aus den Reihen der Reiter spuckte Feuer, woraufhin der Mann sich halb um seine eigene Achse drehte, ehe er wie ein gefällter Baum zu Boden stürzte.
Wütend legte Philippe sein Gewehr an und zielte. Es war nahezu selbstmörderisch, sich bei der Überzahl an Angreifern auf ein Feuergefecht einzulassen, doch diesem Spuk musste er unverzüglich ein Ende setzen, bevor es noch mehr Tote gab. Außerdem war es von Vorteil, wenn er zumindest einen der Gauner außer Gefecht setzen und gefangen nehmen könnte.
In dem Moment, als er schoss, setzte sich der Tross in Bewegung. Dem Knall seiner Waffe folgte als Echo ein Schmerzensschrei, aber zu seinem Bedauern hielt sich der Reiter, den er aufs Korn genommen hatte, mühsam im Sattel. Auch sein zweiter Schuss verfehlte das Ziel.
Mit wilden Galoppsprüngen, Flüchen und teils deutschen, teils englischen Rufen jagten die Männer zwischen den Dünen davon und verschwanden aus Philippes Sichtfeld. Beunruhigt richtete er sich auf. In diese Richtung war Wilhelm geritten. Hoffentlich hielt der Alte sich bedeckt.
Mehr rutschend als laufend stürmte er den Hügel hinunter und warf sich auf seine Stute. Erst übereilt, dann vorsichtiger und nach allen Seiten sichernd näherte er sich dem aus Sandverwehungen entstandenen Taleingang.
Erneut zerrissen Schüsse die Nacht und veranlassten Philippe, laut zu fluchen. Die Flüchtenden waren auf Wilhelm und Sacker gestoßen!
Er trieb seine Stute in den Galopp. Ihre Hufen kämpften sich durch den nachgebenden Sand, bis Reiter und Pferd den Taleingang hinter sich gelassen hatten.
Der Mond beleuchtete den Trupp Männer, deren schwarze Silhouetten schnell hinter einer roten Staubwolke und sofort darauf in der Dunkelheit verschwanden.
»Leutnant!«
Ruckartig zügelte Philippe sein Reittier und sah sich um. Wenige Meter entfernt erhob sich eine Gestalt, schwankte und fiel in den Schatten der Sanddüne zurück.
Philippe schob das Gewehr in den Sattelholster, nahm die Füße aus den Steigbügeln und sprang gewandt ab, indem er das rechte Bein über den Hals des Pferdes schwang. Tief sanken seine Stiefel in den Sand ein, der es mühsam machte voranzukommen. Die Pistole noch immer in der Hand huschte er auf eine den nächsten Dünen zu.
»Sacker?«
»Hier, Herr Leutnant. Ich habe einen Beinschuss. Wilhelm sieht übel aus.«
Schnell hatte er seine beiden Soldaten erreicht. Bei ihrem Anblick biss er die Zähne zusammen. Selbst die Dunkelheit vermochte nicht die starr in den Himmel gerichteten Augen des Schwarzen zu verbergen. Sein Uniformhemd war von mehreren Kugeln zerfetzt worden. Wilhelm lebte nicht mehr.
Ohne ein Wort zu sagen packte Philippe Sacker und zog ihn in den Mondschein hinaus. Dort kniete er sich neben ihm hin, schnitt mit dem Messer das blutdurchtränkte Hosenbein auf und begutachtete die mit Sand verunreinigte Schussverletzung in Sackers Oberschenkel.
»Sieht mir nach einem glatten Durchschuss ohne Knochensplitterung aus, Sacker. Das wird wieder.«
»Was ist mit Wilhelm?«
»Wir waren auf Erkundungsritt und hätten uns nicht einmischen sollen.« Offenbar genügte die ausweichende Bemerkung dem Soldaten, um zu verstehen.
»Die regulär hierher abgestellte Schutztruppeneinheit war aber weit und breit nicht zu sehen oder zu hören. Herr Leutnant, Sie sind nicht der Typ, der sich abwendet, um Leute wie diese Diamantschürfer einfach ihrem Schicksal zu überlassen.«
Philippe nickte ihm zu. Solche Selbstzerfleischungen führten zu nichts und waren einem Untergebenen gegenüber nicht angebracht. Er war Offizier und seine Aufgabe war es, die Menschen in diesem Gebiet vor den Übergriffen irgendwelcher Halunken zu beschützen. Dennoch hasste er es, mit Waffen auf andere loszugehen. Darin lag so wenig Sinn und das Ergebnis war stets hässlich und zog nicht selten weitere Gewalt nach sich.
Philippe schüttelte entschlossen die lähmenden Gedanken ab und zwang sich aufzustehen. »Sagten Sie nicht, Sie hätten eine Frau beim Diamantfeld gesehen? Sie kann Sie pflegen, bis man Sie abholt.«
»Sie müssen diesen Lumpen nachreiten«, bekräftigte Sacker zwischen zusammengebissenen Zähnen.
»Kann ich Sie hierlassen, bis ich mit den Leuten gesprochen habe und diese Sie holen?«
»Gehen Sie, Herr Leutnant. Je kälter die Spur wird, umso schwieriger wird es für Sie. Und der arme Wilhelm soll doch nicht umsonst gestorben sein.«
Philippe drückte Sacker die Schulter, nahm sein Pferd am Zügel und ging zu Fuß zum Lager. Von einem schwarzen Arbeiter wurde er sofort zum Mineninhaber, Franz Bleitgen, gebracht, der mit einem harmlosen Streifschuss an der Schulter davongekommen war. Seine resolut wirkende Ehefrau versprach, sich um den verletzten Soldaten zu kümmern, und rief einige Arbeiter herbei, damit sie ihn holten.
»Dieser Kerl hat meine beiden größten Diamanten mitgenommen. Zwei Zehnkaräter«, jammerte Bleitgen und beschrieb ihm in aller Ausführlichkeit die Steine, bis Philippe ihn unterbrach.
»Seien Sie froh, dass Sie noch am Leben sind, Bleitgen. Neben einem Verletzten habe ich auch einen toten Soldaten zu beklagen.«
»Ja.« Bleitgen stieß zischend die Luft aus.
Angesichts von so viel Gleichgültigkeit verschwieg Philippe, dass es sich bei dem Getöteten um einen Schwarzen handelte. »Beschreiben Sie mir den Kerl mit dem Soldatenhut«, forderte er den Mann auf.
»Gehört er zu euch?«
»Vielleicht ist seine Kopfbedeckung auch nur ein Beutestück.« »Viel sehen konnte ich nicht. Er war hellhäutig und sah nicht sehr durchtrainiert aus, hatte eher den Ansatz zur Fettleibigkeit, etwa wie ich selbst.«
Philippes Ungeduld wuchs. »Größe, Haarfarbe, Gesichtsform?«
»Er war kleiner als ich. Die Haarfarbe … keine Ahnung. Es war ja dunkel. Und wenn einem eine Waffe vor die Nase gehalten wird, hat man andere Sorgen.«
»Kümmern Sie sich um den Verletzten. Ich werde veranlassen, dass er so bald wie möglich abgeholt wird. Den Toten müssen Sie unverzüglich begraben, sonst machen sich die Tiere über ihn her.«
»Sorgen Sie nur dafür, dass ich meine Diamanten wiederbekomme, Herr Leutnant.«
»Wir werden sehen«, erwiderte Philippe ausweichend und wandte sich ab. Zwei so auffällige Zehnkaräter würden eine deutliche Spur hinterlassen, wenn der Dieb unvorsichtig genug war. Vermutlich konnte sie ihn bis zum Urheber der Überfälle führen. Dass einer der Gauner den Hut der hiesigen Armeekleidung trug, wies darauf hin, dass einzelne Männer, vielleicht sogar eine kleine Einheit der Schutztruppe in diese Angelegenheit involviert waren. Damit würde sich der Verdacht des Gouverneurs bestätigen.
Kurze Zeit später saß Philippe wieder auf seiner Stute, die beiden nun reiterlosen Pferde mitführend, die Pistole schussbereit in der rechten Hand, und machte sich auf die Suche nach den Entflohenen. Ihm war durchaus bewusst, wie gefährlich dieser Alleingang war, dennoch drängte es ihn, die Spur zu verfolgen, so lange sie noch frisch war.
Die Dünen verfärbten sich mit dem Vordringen der Nacht zuerst in ein tiefes Blau und schließlich zu einem unwirtlichen, kalten Schwarz.
Bei seinem Ritt durch die karge Wüstenlandschaft fiel es Philippe schwer, Wilhelm aus seinen Gedanken zu verdrängen. Der sinnlose Tod dieses großartigen Mannes versetzte ihn in Wut.
Als die ersten hellen Boten eines neuen Tages den vormals dunklen Horizont durchbrachen und ein dichter Nebel das Land überzog, zwang er sich, die Erinnerungen abzuschütteln und sich ganz auf sein Ziel zu konzentrieren. Dabei wurde sein Blick so kalt wie die Nacht und seine Gesichtszüge verhärteten sich.
***
Ein kräftiger Windstoß fegte über die Düne in Philippes Rücken und wirbelte Wolken von goldfarbenem Sand auf. Die Planen der Zelte begannen zu flattern, zerrten an ihrem Gestänge und ließen aufgehängte Kochutensilien aneinanderklappern.
Die schwarzen Arbeiter wandten die Köpfe ab, damit der Sand ihnen nicht in die Augen geblasen wurde, ehe sie wieder mit ihren runden Sieben den Sand nach Diamanten durchforsteten.
Ein ebenfalls dunkelhäutiger Aufseher ritt auf einem mageren braunen Pferd um die über das Feld verteilten Männer herum. In seiner Rechten trug er eine Pistole, am Sattel klemmte eine Peitsche. Nicht der kleinste Diamantsplitter sollte in den Taschen eines der Männer verschwinden, die unter der brütenden Sonne nach den wertvollen Steinen suchten.
Philippe wischte sich mit dem Ärmel seines weißen Jacketts über die Stirn. Nach dem Überfall auf das Diamantenfeld vor zwei Wochen war er dem Reitertrupp bis in die von den Briten besetzte Walvis Bay gefolgt. Das war für ihn nicht sonderlich überraschend gewesen, hatten sie sich doch beim Auftauchen der Schutztruppensoldaten neben deutschen auch englische Worte zugerufen.
Die Möglichkeit, dass die Briten hinter diesen Vorstößen nach Deutsch-Südwestafrika steckten, weil auch sie sich einen Teil des Diamantenkuchens sichern wollten, hatte Philippe niemals ernsthaft erwogen. Zum einen hüteten sich die Engländer in ihrer kleinen Enklave am Meer vor jeglicher Provokation den Deutschen gegenüber, zum anderen gab es da die Verdachtsmomente des Gouverneurs in Windhuk und den von einem der Gauner getragenen Militärhut, was eher auf eine Beteiligung der deutschen Schutztruppe schließen ließ.
Tagelang hatte Philippe sich in Walvis Bay herumgetrieben und auch seinen alten Freund John in seine Nachforschungen mit einbezogen. Der war es schließlich, der Philippe einen ersten brauchbaren Hinweis lieferte.
Sie hatten vereinbart, dass John seinen inzwischen in Zivil gekleideten und mit falschem Namen versehenen Freund dem Prokuristen der Diacamp-Company, Heinz Stichmann, vorstellte. Dieser ältere aus Hamburg stammende Herr, angetan mit einem steifen beigen Anzug und einem Tropenhelm, führte ihn in diesem Augenblick über das Diacamp-Schürffeld. »Ihnen ist sicher bekannt, dass ein Diamant aus kristallisiertem Kohlenstoff besteht. Der kommt häufig im sogenannten Blaugrund oder Kimberlit vor. So nennt sich ein bläuliches, gelegentlich auch gelbliches vulkanisches Gestein.«
Philippe nickte knapp. Er hatte sich bei seinen Nachforschungen in Walvis Bay auch intensiv mit Diamanten und deren Verarbeitung beschäftigt und wusste inzwischen vermutlich mehr über die Edelsteine als der Mann vor ihm. Dennoch ließ er ihn reden, da er den Anschein erwecken wollte, er sei ein vermögender Investor ohne Kenntnisse über das Diamantengeschäft. Während Stichmann redete, suchte Philippe mit den Augen die Umgebung nach hier arbeitenden Weißen ab.
Nach den ersten Ermittlungserfolgen hatte er es sich entschieden einfacher vorgestellt, an den Mann heranzutreten, der diesen Claim eröffnet hatte und jetzt unter dem Verdacht stand, für den Erfolg seines Unternehmens ein paar Soldaten der deutschen Schutztruppe Bestechungsgelder zuzustecken.
»Das Vorkommen hier in Südwestafrika ist jedoch ein gänzlich anderes«, fuhr Stichmann fort. »Die Steine liegen lose im Gesteinsschutt oder im Sand, also in der obersten Schicht der Namibwüste. Als habe Gott sie einfach vom Himmel heruntergeworfen.« Der Prokurist lachte über seinen Scherz, und Philippe verzog den Mund zu einem angedeuteten Lächeln, wobei er den Sand zwischen seinen Zähnen unangenehm knirschen spürte.
»Zuerst glaubte man, es gebe nur in der unmittelbaren Nähe der Lüderitzbucht Diamantenvorkommen. Doch je weiter die Expeditionen der Schürfer an der Küste nach Süden oder hier in den Norden vordrangen, desto mehr Steine entdeckten sie. Wir befinden uns hier, zwischen der Empfängnisbucht und den Naukluftbergen, an der bisher nördlichsten Fundstelle.«
»Wir sind nur etwa acht Kilometer von der Küste entfernt. Auch alle anderen Diamantenfelder liegen in der unmittelbaren Nähe des Atlantischen Ozeans. Denken Sie, es sind auch Funde tiefer im Landesinneren möglich?«
»Das herauszufinden, Herr Nachbaur, ist unsere nächste Aufgabe. Und genau deshalb sucht mein Arbeitgeber dringend Investoren. Funde in immerhin fünfzehn Kilometern Entfernung zur Küste lassen auf weiter in der Wüste liegende Diamantvorkommen schließen. Sie warten nur darauf, von mutigen Männern entdeckt und zutage gefördert zu werden.«
»Wie sieht es mit der Größe der gefundenen Steine im Diacamp-Schürffeld aus?« Während Philippe seine Frage stellte, obwohl er die Antwort bereits kannte, sah er einen großen schlanken Mann aus einem etwas abseits stehenden Zelt treten. Der Hüne reckte sich, streifte sich seine Hosenträger über das weiße Hemd und stülpte sich einen ähnlichen Tropenhelm auf das dunkle Haar, wie ihn auch der Prokurist trug.
»Der größte Diamant, der an dieser Küste gefunden wurde, hatte siebzehn Karat. Aber um der Ehrlichkeit willen: Das war nicht bei uns.« Wieder lachte der Mann sein hohes, gackerndes Lachen. »Steine von einem Rohgewicht von ein bis drei Karat finden wir täglich, dazwischen finden sich gelegentlich welche bis zu acht Karat. Aber erst vor wenigen Tagen sind wir auf zwei wunderschöne Zehnkaräter gestoßen. Diese Prunkstücke dürfen sie nachher mit Sicherheit bewundern.«
»Sie behalten Diamanten von diesem Wert über mehrere Tage hier im Lager?«
»Heute werden sie abtransportiert. Wissen Sie, wir sind sehr vorsichtig, wenn es um unsere Funde geht. Niemand posaunt die Anzahl und das Gewicht unserer Steine in die Welt hinaus. Zudem stehen wir unter dem Schutz der deutschen Soldaten. Zu befürchten haben hier weder die Arbeiter noch die Diamanten etwas.«
Philippe schwieg, doch sein Blick verdüsterte sich. Laut seiner Recherchen hatte Diacamp noch keinen Stein über vier Karat verschifft, was den Prokuristen entweder zu einem geschäftstüchtigen Lügner oder zu einem Dummkopf machte.
Dem Gouverneur war zu Ohren gekommen, dass es besser und schlechter bewachte Landstriche gab. Das war bei der Länge des Küstenstreifens nicht weiter verwunderlich, weshalb es überhaupt erst zu dem Überfall kommen konnte, bei dem Wilhelm sein Leben gelassen hatte und zwei große Diamanten geraubt worden waren.
Philippe und Stichmann marschierten an den Arbeitern mit ihren Schüttelsieben vorbei zu den mit Wasser gefüllten Blechwannen, in die die herausgesiebten Steinsplitter in weitere Siebe gekippt wurden.
»Sehen Sie, Herr Nachbaur, hier werden die Siebe in Schwingungen versetzt und die schwersten Bestandteile, darunter die Diamanten, rutschen durch die rüttelnden Bewegungen in der Mitte zusammen. Glücklicherweise ist für dieses Verfahren das Salzwasser aus dem Meer nutzbar. Das Lager mit ausreichend Trinkwasser zu versorgen ist schwierig und kostenaufwendig genug.«
Sein Begleiter zog ein Taschentuch aus der Westentasche, lüftete seinen Helm und wischte sich über die kurz geschorenen Haare.
Philippe beobachtete, wie einer der Diamantwäscher das Sieb hinüber an einen schräg im Sand stehenden primitiv gezimmerten Holztisch trug und es dort ausschüttete. Er hinterließ einen runden Fladen aus Sand und winzigen Steinen, als er sich wegdrehte und zurück zu den Wasserbottichen ging.
Zwei Schwarze mit hochgekrempelten Hemdsärmeln suchten nun akribisch und mit geübtem Auge aus dieser eigenartigen »Torte« mit Pinzetten die Diamanten heraus.
Philippe, der über die nicht üppigen Funde dieses Feldes informiert war, sah zu, wie der linke Mann bald schon den zerpflückten Rest der Steinchen auf einen stetig anwachsenden Hügel neben dem Tisch warf und auf Nachschub wartete. Der andere, offenbar fündig geworden, ließ einen Splitter mithilfe seiner Pinzette in eine verbeulte Messingbüchse fallen und verschloss sie anschließend wieder sorgfältig.
In der Zwischenzeit war der hochgewachsene Weiße eine Runde durch den gesamten Talkessel gewandert und ging nun in ihre Richtung. Die Arbeiter verhielten sich ihm gegenüber auffällig demütig, ja beinahe furchtsam. Ein deutliches Zeichen dafür, dass der Inhaber der Diacamp in der kurzen Zeit, die er erst persönlich vor Ort war, sehr deutlich gemacht hatte, wie er behandelt zu werden wünschte? An seinem Angestellten schien er kein Interesse zu haben. Nicht einmal Philippe, seinem Gast, der sein Unternehmen durch eine beträchtliche Menge Geld unterstützen sollte, bekam seine Aufmerksamkeit. Kein Mann mit einem halbwegs gut ausgebildeten Geschäftssinn ließ einen geneigten Geldgeber warten oder begrüßte ihn in Hemdsärmeln, selbst wenn das Zusammentreffen in einer unwirtlichen Wüste stattfand.
Neugierig blickte Philippe dem Mann entgegen, dessen Namen er trotz seiner Bemühungen nicht in Erfahrung hatte bringen können.
John war es allerdings gelungen, ein paar Männer aufzutreiben, die bereits mit dem Kerl zu tun gehabt hatten, als er in der Walvis Bay an Land gegangen war und sich ein paar Tage in der dortigen Niederlassung aufgehalten hatte. Sie hatten gesagt, er spreche Englisch mit einem starken, für einen Deutschen eigentümlichen Akzent, trete sehr fordernd auf und habe keinerlei Interesse an gesellschaftlichen Einladungen gezeigt. Eine Woche hatte er im Arbeitszimmer des Prokuristen gehaust, bevor er ein teures Zelt und eine solide Ausrüstung auf einen Ochsenwagen gepackt hatte, um begleitet von einem schwarzen Führer in die Namib hinauszufahren. Weshalb er dieses Versteckspiel mit seinem Namen trieb, entzog sich Philippes Kenntnissen, bestärkte ihn jedoch in seinem Verdacht, er könne auf einen der Geschäftsmänner gestoßen sein, die das Recht gerne ein wenig zu ihren Gunsten zurechtbogen.
»Stichmann? Ist das der Investor, von dem Sie mir erzählt haben?«, erkundigte sich der Diacamp-Inhaber unhöflich, als er sich endlich zu ihnen gesellte.
Der Angesprochene warf Philippe einen entschuldigenden Blick zu, den er mit einem großmütigen Lächeln beantwortete und dabei überlegte, welchen Akzent er aus dem Deutsch des Mannes heraushörte. Es war kein süddeutscher Dialekt, wie er zuerst vermutet hatte, als John ihm berichtete, sein Englisch sei stark eingefärbt.
»Ja, Herr-«
Der Diamantschürfer warf seinem Angestellten einen finsteren Blick zu, und der verstummte sofort und wich unwillkürlich ein wenig zurück.
Mit einer zackigen Bewegung streckte der Unbekannte Philippe seine kräftige Rechte entgegen. »Willkommen bei der Diacamp. Männer, die sich auf den Weg machen ihre Investitionsobjekte persönlich in Augenschein zu nehmen, nötigen mir Respekt ab.«
»Noch investiere ich hier kein einziges Sandkorn«, sagte Philippe trocken und stellte sich als Philipp Nachbaur vor.
»Nennen Sie mich einfach Diacamp, Herr Nachbaur.«
»Ich mache keine Geschäfte mit Leuten, deren Namen ich nicht kenne.«
Der Diamantschürfer musterte Philippes exquisiten Tropenanzug und sein Gesicht, das inzwischen ein dichter, äußerst gepflegter und modischer Schnauzbart zierte. »Sie sind sehr jung. Aber gut, Sie haben ihre Grundsätze, ich die meinen. Einigen wir uns darauf, dass ich Ihnen das Feld zeige, meine Expansionspläne erläutere, dabei die Bedingungen für eine Zusammenarbeit offenlege, und sollten Sie dann noch interessiert sein und Ihre Unterschrift unter ein entsprechendes Dokument gesetzt haben, verrate ich Ihnen auch meinen Namen.«
»Aber den Grund, weshalb Ihr Name ein Geheimnis bleiben soll, den verraten Sie mir zuvor?«
»Ich habe nichts zu verbergen, falls Sie das annehmen. Mein Problem ist die Geheimnistuerei weiterer Mitinvestoren, welche nicht genannt werden möchten. Um jegliche Nachforschungen von Interessenten zu unterbinden, die dann womöglich doch nicht zugreifen, versprach ich strengste Zurückhaltung, was die Offenlegung von Namen anderer Gesellschafter und damit auch meinen eigenen betraf.«
»Die politisch Aktiven im Deutschen Reich und ihre Geheimnisse …« Philippe lächelte wissend.
»Zudem gewährleistet eine gewisse Anonymität auch den Schutz der wertvollen Diamanten auf ihrem langen Weg von der Wüste bis in die Hände eines Juweliers.«
Diesmal nickte Philippe. Schon manchem Geschäftsmann war seine Geschwätzigkeit zum Fallstrick geworden.
»Ich hoffe, Stichmann hat die Zeit sinnvoll genutzt und Ihnen die Anlage gezeigt?«, erkundigte sich Diacamp.
»Zufriedenstellend, ja.«
»Dann kommen Sie mit. Ich zeige Ihnen ein paar Fundstücke der vergangenen Tage, damit Sie einen Eindruck von der Qualität dieses Schürfplatzes erhalten. Sie werden als Sicherheit für nachfolgende Expeditionen ins Landesinnere dienen. Finden wir dort nichts, wovon nicht auszugehen ist, wurde lediglich Material, Zeit und vielleicht ein paar Arbeiter verschlissen. Der Gewinn aus diesem Feld wird für das Risiko reichlich genug entschädigen.«
»Weshalb dann Ihre Suche nach zusätzlichen Investoren?«
»Bis die Diamanten in der Heimat angelangt sind, vergeht eine lange Zeit. Solange fließen keine Gewinne. Jetzt könnte ich natürlich mit der Expansion warten, bis das Geld aus den Diamantverkäufen eintrifft, doch vermutlich können Sie sich den Wettbewerb um die ertragreichsten Schürfgebiete vorstellen. Der Schnellste gewinnt!«
»Verstehe«, erwiderte Philippe, der den Akzent des Mannes inzwischen in Richtung Niederlande oder Belgien einordnete.
Vorbei an den teils offenen, teils geschlossenen Zelten und einfachen Unterständen strebten sie einem neuen, etwas abseits stehenden Zelt zu, das sich hell von der Sonne beschienen vor einer gewaltigen Düne befand.
Der Mann fasste nach der im sanften Wind aufgeblähten Zeltplane und schlug sie zurück, um mit einer herrischen Handbewegung eine sehr jung aussehende Schwarze wegzuscheuchen.
Hastig drückte das Mädchen sich an den beiden Männern vorbei, wobei sie sorgfältig darauf achtete, dass sie keinem von ihnen zu nahe kam, und verschwand im angrenzenden Zelt, als wolle sie sich so schnell wie möglich unsichtbar machen.
»Diacamp« trat vor ihm ein und sah sich prüfend in dem spartanisch eingerichteten sechseckigen Zelt um. Außer einem Feldbett mit einer leichten und einer warmen Decke, einem schmalen Tisch, zu dem ein krummbeiniger Stuhl gehörte, und einem geöffneten Überseekoffer, in dem Kleidungsstücke unordentlich durcheinander lagen, befand sich nur noch eine durch ein Vorhängeschloss gesicherte stabile Holzkiste darin.
»Diese Schwarzen sind diebischer als Elstern. Ständig muss man sie im Blick behalten, sonst klauen sie einem den Ring vom Finger«, brummte Diacamp. Er griff in seine ausgebeulte Hosentasche und zog einen einzelnen Schlüssel hervor. »Was wissen Sie über Diamanten?«, wandte er sich abrupt an Philippe, als erinnere er sich erst jetzt wieder an seinen Gast.
»Dass sie an den Finger einer schönen Frau gehören.«
Schallendes Gelächter war die Antwort. Nachdem der Mann sich wieder beruhigt hatte, meinte er: »Sie gefallen mir. Kommen Sie und lernen Sie etwas über die Steine, die Sie bald an viele Frauenfinger stecken dürfen.«
Zügig öffnete Diacamp den schweren eisenbeschlagenen Holzdeckel der Kiste und griff hinein, um eine Handvoll unbearbeiteter Diamanten herauszuholen. Philippe beobachtete ihn genau und kniff dabei kritisch ein Auge zusammen. War die Kiste tatsächlich mit einer so großen Menge Diamanten gefüllt, wie es den Anschein vermittelte? Das würde bedeuten, dass seit der letzten Lieferung nach Walvis Bay vor rund einer Woche schon wieder Tausende der wertvollen Steine gefunden wurden!
»Sehen Sie, diese weißliche, eigentlich durchsichtige Art mit einem leichten Stich ins Blaue ist die verbreitetste Diamantenfärbung. Ein solcher Stein wird zumeist zum Brillanten geschliffen. Es gibt aber auch gelbe, braune, grünliche und ganz selten blau oder rosa gefärbte Diamanten. Verantwortlich für die Verfärbungen sind chemische Stoffe wie Stickstoff oder Bor. Manchmal bewirkt auch ein Kristalldefekt die Färbung, wie hier, bei dieser Roteinfärbung.« Diacamp legte ihm einen winzigen Splitter mit einem leichten Stich ins Rote in die Hand. »Es gibt auch schwarze Diamanten, wussten Sie das?«
Kopfschüttelnd gab Philippe den Stein sofort zurück, um über jeglichen Verdacht, einen davon mitgenommen zu haben, erhaben zu sein.
»Jetzt dürfen Sie unsere zwei schönsten Funde bewundern. Der eine Diamant ist zweifarbig, ein Umstand, der seinen Wert mindern wird, was bei einem Zehnkaräter jedoch nicht erheblich ins Gewicht fällt. Und die andere Schönheit wiegt ebenfalls um die zehn Karat und ist reinweiß.«
Während er sprach, zog sein Gesprächspartner die beiden Diamanten aus einem Lederbeutel, den er aus seinem unordentlichen Kleiderkoffer hervorgekramt hatte.
Philippe bestaunte die Steine gebührend und war sich dabei sicher, die zwei von Franz Bleitgens Schürfplatz entwendeten Diamanten vor sich zu haben.
Trotz des gedämpften Lichts im Zelt schimmerten die Diamanten in einer herrlichen, sanften Pracht. Philippe musterte das Spiel von Licht und Farbe in ihnen und biss dabei die Zähne zusammen, denn diese Steine hatten Wilhelm das Leben gekostet.
»Herr Nachbaur, sehe ich da Begehrlichkeit in Ihren Augen?«
Philippe zwang sich zu einem Lächeln, was jedoch eher zu einem gequälten Grinsen misslang. »Ihre Arbeiter, sind die zuverlässig?«, stellte er hastig eine Gegenfrage.
»So zuverlässig, wie diese primitiven Kreaturen nun mal sein können. Sie werden von einem Aufseher überwacht. Er bekommt dafür eine Menge Geld. Wenn ich in die Heimat reise, wird mein Stellvertreter auf alles ein wachsames Auge haben.«
»Die Arbeiter leben in den Zelten?«
»Die meisten von ihnen. Einige halten sich lieber vom Lager fern und kommen morgens zur Arbeit her.«
»Wie werden sie versorgt?«
»Sie sind doch nicht einer von diesen Typen, die den Arbeitern ständig mehr Rechte und mehr Luxus zugestehen wollen? Sehen Sie sich um. Wenn selbst ich meine Tage und Nächte auf solch spartanische Weise zubringen kann, können die Männer das auch. Allein das Herbeischaffen des Trinkwassers kostet mich ein halbes Vermögen. Das Essen ist ausreichend, schließlich sollen die Burschen arbeiten und dafür braucht man einen vollen Magen. Aber ich werde sie keinesfalls in Watte packen!«
»Diese Einstellung soll mir recht sein. Schließlich will ich aus meiner Investition möglichst viel Gewinn herausschlagen.«
»Ich sehe, wir verstehen uns.«
»Wie sieht es mit der Sicherheit hier im Lager und auf den Transportwegen aus?«
»Die Gegend wird von der deutschen Schutztruppe durchstreift. Die Eingeborenen werden in Schach gehalten, die Mitkonkurrenten liebt man nicht, aber man respektiert ihre Claims und ihre Funde. Für die Transporte nach Walvis Bay hat mein Assistent eine Gruppe von robusten Männern zusammengestellt. Sie tragen Waffen und sichern die Fracht ab. Sobald die Diamanten auf dem Schiff sind, besteht ein ausreichend hoher Versicherungsschutz für sie.«
»Warum transportieren Sie über die britische Walvis Bay?«
»Sie ist von hier schneller und leichter zu erreichen als der nächste deutsche Hafen.«
»Was passiert mit den Steinen, wenn sie in Hamburg ankommen? Sie gehen doch nach Deutschland?«
Sein Gegenüber ging auf die kleine Fangfrage nicht ein. »Sie werden zum Schliff oder zur weiteren Verarbeitung in ein Juweliergeschäft gebracht, dessen Inhaber ich persönlich kenne. Er organisiert auch den Verkauf der Steine.«
»Das sind viele, nicht immer gesicherte Transportwege und eine Menge Hände, durch die die Diamanten gehen und die alle bezahlt werden wollen …«, sinnierte Philippe halblaut.
»Alle wollen an den Diamanten verdienen. Aber warum auch nicht? Es gibt ja genug. Und schauen Sie sich diese beiden Prachtstücke an. Noch zwei, drei Diamanten dieser Größe und ich bin der bei den Frauen beliebteste Mann zwischen St. Petersburg und Berlin.«
Diacamps Prahlerei stieß Philippe ab, zumal die Steine von einem anderen Feld stammten. Dennoch zwang er sich, seine interessierte Miene beizubehalten, drehte sich aber vorsichtshalber dem Zeltausgang zu und beobachtete, wie ein paar der Arbeiter mit den letzten Sonnenstrahlen über die sichelförmigen Dünen verschwanden, ehe es sehr schnell dunkel wurde.
Zufrieden lächelte er in sich hinein. Er hatte die Abreise lange genug hinausgezögert, um nun die Nacht im Lager der Diacamp-Company verbringen zu müssen.
»Was denken Sie bezüglich einer Kooperation?«, hakte Diacamp unhöflich direkt nach.
»Das Geschäftliche regele ich mit Herrn Stichmann?«, antwortete Philippe ausweichend.
Ohne es auch nur im Geringsten verbergen zu wollen rieb sich sein Gesprächspartner genüsslich die Hände. »Ja. Er kennt die Konditionen und setzt die entsprechenden Papiere auf.«
»Gut. Da es jetzt für die Rückreise zu spät ist, schlafe ich noch eine Nacht darüber«, erklärte Philippe.
Das Murmeln des Mannes, dem er noch immer den Rücken zuwandte, konnte er nicht verstehen, wohl aber einen unwilligen Grundtenor heraushören, was ihm ein hämisches Lächeln entlockte.
Diacamp war in seine Falle getappt. Jetzt benötigte er nur noch einen Beweis dafür, dass er die beiden Zehnkaräter gestohlen hatte und dass möglicherweise Schutztruppen-Soldaten an den Überfällen beteiligt waren. Sobald er auch sie ausfindig gemacht hatte, wäre seine Arbeit getan und er durfte endlich zu Udako zurückkehren!
»Sie schlafen am besten in dem Zelt von dem Mädchen, Stichmann bei den Arbeitern«, sagte Diacamp.
Philippe hörte, wie er eine Flasche entkorkte. Da er offensichtlich nicht auf ein Glas eingeladen wurde, verließ das Zelt und orientierte sich anhand der mittlerweile brennenden Feuer. Der Aufseher stand mit der Messingdose in der Hand etwas abseits. Vermutlich hatte er das Behältnis mit den Fundstücken abends bei Diacamp abzugeben.
Philippe stapfte durch den Sand zum Unterstand der Pferde. Jemand hatte seine Leihstute abgezäumt, und der Sattel lag direkt neben der Zeltplane auf dem Boden. Er nahm die Satteltaschen und die Wasserbehälter, legte sie sich über seine rechte Schulter und marschierte in die Wüste hinein, soweit der Feuerschein ihm Licht spendete.
Außer dem kaum hörbaren Flüstern des Sandes, der vom Wind aufgewirbelt wurde, war es absolut still. Die totale Finsternis, die ihn umgab, ließ ihn keine drei Schritte weit sehen. Die Abendluft war kühl, aber noch nicht kalt, wenngleich der Wind die frische Luft des Atlantik in die Namib hineintrug und ihm den Sand in die Kleidungsstücke trieb.
Philippe wandte sich um und blickte zum Lager zurück. Die Zelte schmiegten sich an die windgeschützte Seite einer Sanddüne und wurden vom unruhigen orangefarbenen Schein der Feuer beleuchtet. Abseits war das an drei Seiten offene Schutzzelt der Sortierer als dunkler Fleck auszumachen, die durch den Aushub entstandenen Löcher und angehäuften Sandberge verloren sich im nächtlichen Nichts.
Philippe ließ seine Gedanken wandern und verlor dabei sein zuvor empfundenes Hochgefühl. Die gestohlenen Diamanten befanden sich in Diacamps Besitz, doch bewies das tatsächlich, dass er auf der richtigen Spur war?
Dieser Diacamp mochte ein unsympathischer Kerl sein, der weder etwas auf Etikette noch auf die Würde der Menschen hielt, schon gar nicht auf die der Schwarzen, aber bis jetzt war ihm nichts Illegales nachzuweisen. Er könnte die beiden großen Diamanten den Raubmördern abgekauft haben, vermutlich nicht einmal für sehr viel Geld, da sie sehr auffällig und zumindest in dieser Gegend praktisch unverkäuflich waren.
Sollte dies der Fall sein, würde er dem Mann weder den Angriff auf das andere Schürffeld noch die Verwundung des Mineninhabers und des Schutztruppensoldaten vorwerfen können. Der tote Schwarze interessierte ohnehin niemanden.
Er musste irgendwie nachweisen, dass Mitglieder der Schutztruppe, vielleicht sogar eine ganze Einheit, von Diacamp bezahlt wurden, damit sie gewisse Claims lange genug unbeaufsichtigt ließen, um von irgendwelchen Halunken gefahrenlos überfallen zu werden. Die erstaunlich volle Truhe des Mineninhabers wies zwar darauf hin, dass er nicht auf rechtmäßige Weise an alle seine Diamanten gelangt war, sie bewies jedoch nicht seine Mittäterschaft.
Philippe trat den Rückweg an, wobei sich unter seinen Stiefeln eine vom Wind ausgehölte Dünenkuppe löste und der Sand vor ihm her den Abhang hinunterrutschte. Die müde wirkenden Arbeiter saßen bei ihrer kargen Mahlzeit und beachteten ihn nicht, allerdings winkte ihn der allein an einem Feuer sitzende Stichmann herbei und reichte ihm von dem frischen Brot, das er mit dem Ochsenkarren mitgebracht hatte, und ein Stück Fleisch von einem Springbock. Hungrig legte er die Satteltasche ab, setzte sich und nahm das Essen und einen Metallbecher mit einem stark mit Wasser verdünnten Wein entgegen.
»Sind Sie zu einer Entscheidung gekommen?«, lauteten Stichmanns erste Worte an ihn.
»Nicht endgültig. Ich sehe mir morgen die Arbeiten aus der Nähe an.«
»Dann muss ich Sie bitten, in aller Frühe ohne Sie aufbrechen zu dürfen. Auf mich wartet im Büro eine Menge Arbeit. Ich lasse den Vertrag unterschriftsfertig zurück. Sie können die Papiere dann mitbringen. Der Pad29 bis nach Walvis Bay ist gut zu finden, solange kein Sturm über die Wüste geht.«
»Kehren Sie zurück, wann es Ihnen praktikabel erscheint.«
»Diacamp ist zwar ein eisenharter Geschäftsmann mit einem Riecher für das Geld, allerdings nicht gerade das, was man einen guten Gastgeber nennt. Aus diesem Grund plante ich von vornherein ein, einige Stunden mit Ihnen hier zu verbringen. Wenn ich morgen bei Sonnenaufgang aufbreche, verliere ich nichts.«
Philippe beendete seine Mahlzeit, stürzte das Getränk hinunter und erhob sich. Bei dem Zelt des Mädchens angekommen räusperte er sich laut und klopfte mit der flachen Hand gegen die geschlossene Plane. Als er keinen Laut uns dem Inneren der Behausung hörte, band er die Plane auf, huschte hinein und verknotete sie von innen wieder.
Auch dieses Zelt war spartanisch eingerichtet. Außer dem Feldbett, einer Kleiderkiste und ein paar undefinierbaren Bündeln auf dem Boden war es praktisch leer. Das Mädchen verbrachte wohl wenig Zeit an diesem Ort, wie ihm das Fehlen persönlicher Gegenstände verriet.
Er entkleidete sich im Dunkeln bis auf die Unterwäsche und setzte sich auf das hölzerne Feldbett. Die Decke darauf roch sauber. Wie er es gewohnt war, legte er seine Kleidung griffbereit zurecht, kontrollierte trotz der Dunkelheit seine Pistole und legte sich schließlich auf die Pritsche.
Noch einmal ging er in Gedanken sein Gespräch mit Diacamp durch und ärgerte sich über die geringe Ausbeute an neuen Informationen. Er würde auf den angeforderten Nachschub von Soldaten warten müssen. Erst dann konnte er die Gegend mit einer sowohl für die regulären Truppenteile als auch für die Diamantschürfer möglichst unsichtbaren Schutztruppe durchstreifen. Unvorteilhaft war dabei nur, dass er diese Aufgabe ausgerechnet mit Neulingen durchzuführen hatte, die sich im Ernstfall gegen die eigenen Männer stellen mussten.
Die meisten der Soldaten, mit denen er in Deutsch-Südwestafrika seinen Dienst begonnen hatte, hatten ihre dreijährige Pflichtzeit längst beendet und waren in die Heimat zurückkehrt. Die nachrückenden Wehrpflichtigen kannte er kaum und wusste nicht, wem von ihnen er vertrauen konnte. Ihm blieb nur zu hoffen, dass Oberstleutnant von Estorff ihm einen fähigen, loyalen Unteroffizier überstellte.
Zwar müde, aber noch immer mit seinen Überlegungen beschäftigt, schloss Philippe die Augen, lauschte auf das entfernte Prasseln und Knacken der allmählich niederbrennenden Feuer, auf die Stimmen der Arbeiter und die gelegentlichen Bewegungen der Zeltplane. Seine Gedanken verweilten bei Udako, ehe er schließlich doch einschlief.
Nur Minuten später erwachte er wieder. Ein Geräusch hatte ihn geweckt. Das leise Rascheln von Kleidung verriet die Anwesenheit einer Person in seinem Zelt. Hatte Diacamp ihn durchschaut und wollte ihn aus dem Weg räumen?
Philippe spannte alle seine Muskeln an, bereit, sich seiner Haut zu wehren.