27

Zwei Wochen später trat Walîd Sultân in Begleitung seines Rechtsanwalts aus dem Gebäude des Gerichtshofs erster Instanz in Gisa. Er war glattrasiert, trug einen eleganten Anzug und eine Sonnenbrille, die seinen entzückten Gesichtsausdruck jedoch nicht verbarg. Nachdem er mit seinem Begleiter ein paar Worte gewechselt hatte, verabschiedete er sich und stieg in sein Auto. Noch einmal rekapitulierte er, was er zwanzig Minuten zuvor im Prozess gehört hatte, als man ihn der sexuellen Bestechung für unschuldig befand.

In wenigen Tagen würde er sein Leben wiederhaben. Sein Büro und seine Macht. Seine Uniform und seine Pistole. Seine Stellung bei Bekannten, Nachbarn und bei seiner Frau. Jeden Morgen würde ihn der Wagen abholen, und unter neidischen Blicken würde er grossspurig einsteigen. Unter seiner Herrschaft würden sich die Sklaven wieder abmühen: seine Rekruten, über die er seine Spässe gemacht hatte, seine Diener. Die demütigen Schmeichler würden ihm wieder nachlaufen und um seine werte Freundschaft bitten. Er würde ihre Geschenke und Opfergaben entgegennehmen und könnte wählen. Und die Zeitung würde seinen Namen wieder mit dem Titel davor nennen, der den zwei Adlern und zwei Sternen an seiner Uniform entsprach. Die Welt würde sich ihm wieder öffnen – so, wie sie es noch nie getan hatte.

Er zündete sich eine Zigarette an und startete den Motor. Kaum war er auf der Fahrbahn, erhielt er einen Anruf von einer Nummer, die er nicht gespeichert hatte. Als er dann Tahas Stimme hörte, verlor er fast den Verstand. »Wo sind Sie?«, schrie er. »Rufen Sie etwa aus Ägypten an?«

Taha fasste sich kurz: »Es gab ein Problem. Ich bin nicht gefahren. Ich muss Sie treffen.«

»Was ist passiert?«

»Nicht am Telefon. Treffen Sie mich heute Nacht! In der Innenstadt gibt es das Café Sarkîs. Gegenüber dem Modegeschäft al-Ahrâm. Um eins werde ich da auf Sie warten. Die Sache betrifft Sie.« Taha liess ihm keine Zeit zu antworten und sagte auch nicht mehr.

Als Walîd den Aufprall spürte, fiel ihm das Handy auf den Boden. Er bremste scharf und blickte in den Rückspiegel, dann öffnete er schnell die Tür und ging nach hinten. Dort stand ein junger Mann in den Dreissigern. Seelenruhig blickte er auf die Motorhaube seines Wagens, der das Heck von Walîds Auto gerammt hatte.

»Gott sei Dank nicht weiter schlimm. Tut mir leid. Nur weil Sie so plötzlich gebremst haben und …«

Das war das Letzte, was er sagen konnte, bevor Walîd sich auf ihn stürzte. Er verpasste ihm einen solchen Kinnhaken, dass er das Gleichgewicht verlor und auf die Motorhaube fiel. Dort packte er ihn am Kragen und versetzte ihm noch einen zweiten, dritten und vierten Hieb. Um sie scharten sich die erstaunten Passanten, von denen jedoch vor Schreck und Überraschung keiner einzugreifen wagte. Auch Walîds Körperbau hielt sie davon zurück – und der Adler, der auf seiner Autoscheibe prangte. Walîd liess von dem jungen Mann erst ab, als der das Bewusstsein und zwei Zähne verloren hatte und seine Brille zertrümmert war. Wie ein gebrauchtes, blutiges Taschentuch glitt er zwischen Walîds Beinen zu Boden. Der schob seinen Kragen und seine Ärmel wieder zurecht und ging unter den hasserfüllten Blicken der Menge zu seinem Wagen. Er sah sie wütend an, stieg ein und fuhr los.

*

Taha sass an einem Tisch auf dem Gehsteig vor dem Café Sarkîs und trank einen Nescafé. Seine Augen wanderten zwischen seiner Uhr, die kurz nach eins zeigte, und der leeren Strasse hin und her. Nach ein paar Minuten kam Walîds Auto. Er hielt an der gegenüberliegenden Strassenseite und stieg in aller Ruhe aus. Den Blick prüfend auf Taha und seine Umgebung gerichtet, kam er über die Strasse, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn. Er sah auf seine Uhr und sagte: »Sie haben fünf Minuten. Dann muss ich weg.«

Taha drehte sich zur Tür des Cafés und schnippte mit den Fingern nach dem Kellner, der sogleich herankam. »Fragen Sie den Pascha, was er trinken möchte!«

»Bringen Sie mir einen Tee, aber schnell!«

»Sie sind wohl sehr in Eile?«

Walîd zündete sich eine Zigarette an und fragte: »Warum sind Sie zurückgekommen?«

»Ich weiss nicht, was ich Ihnen sagen soll … Plötzlich hatte ich das Gefühl, nicht fahren zu können.«

»Der Grund war Ihre Herzallerliebste.«

»Sara? Nein.«

»Sie werden sich ins Unglück stürzen. Sie hat über die Sachen, die auf dem Platz passiert sind, einen Artikel veröffentlicht. Ihren Lebenslauf hat sie zwar nicht dazugeschrieben, aber sie hat das Ganze ziemlich angeheizt. Das Innenministerium steht kopf, und die Fernsehsender halten auch nicht den Mund. Ich versuche, Sie zu decken – und in dieser Scheisslage tauchen Sie hier einfach so vor mir auf?« Taha grinste, und Walîd beugte sich zu ihm. »Sie verstehen offenbar nicht, wie gefährlich Ihre Anwesenheit hier ist.«

Ihr Gespräch wurde unterbrochen, als der Kellner mit dem Glas Tee kam. Er setzte das Tablett ab und entfernte sich wieder, und Walîd presste zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: »Sie wissen, es ist nur eine Frage der Zeit, bis man bei den Ermittlungen auf Sie stösst. Hâni Bergas ist eine Person des öffentlichen Interesses, und die Leute müssen ruhiggehalten werden. Sie bringen mich in eine schwierige Lage.«

»Ach, richtig, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Prozess!«

Walîd warf den Kopf in den Nacken, sah zum Himmel und seufzte, bevor er sich wieder an Taha wandte: »Wollen Sie Geld?«

»Absolut nicht. Ich bin, Gott sei Dank, gut versorgt.«

Walîd gab Zucker in sein Glas und nahm ein paar schnelle, hastige Schlucke. »Aber was gibt es dann?«

»Als ich in der Baracke am Meer sass«, sagte Taha, »hat mich einer aus dem Fajjûm zu Sandwiches mit Fûl und Taamîja eingeladen. Mein Blick fiel dabei auf das Zeitungspapier, in das die Sandwiches eingewickelt waren und das von dem Öl schon halb aufgelöst war – und was sehe ich da?«

Ärgerlich verzog Walîd den Mund, und Taha nahm eine zusammengefaltete Zeitungsseite aus der Tasche. Er reichte sie Walîd, der sie ihm nervös aus der Hand riss und auseinanderfaltete. Er überflog die Überschriften, und Taha half ihm weiter: »Auf der Rückseite, links.« Dort befand sich ein vierspaltiger Artikel, dazu ein Foto von vier Männern, die sich um einen Minister gruppierten. Neben dem Minister stand Hâni Bergas – lächelnd und in einem eleganten Anzug. In der Bildunterschrift hiess es: »Der Minister inmitten einer Gruppe von Geschäftsleuten gestern bei der Baukonferenz in Bahrain. Übermorgen wird er der Unterzeichnung verschiedener Kooperationsverträge zwischen der Bergas-Gruppe und Firmen von der Arabischen Halbinsel beiwohnen. Ziel ist die Errichtung eines Wohnkomplexes in der Grösse …«

Walîd warf Taha einen verwunderten Blick zu. Der lächelte und zeigte ganz oben auf die Seite, wo das Datum stand. Walîds Augen folgten Tahas Finger, und er las: »15. November 2008. Ich verstehe nicht.«

»Nach Ihren Worten war das der Tag, an dem mein Vater Hâni Bergas gesehen hatte. Aber Hâni Bergas war an diesem Tag gar nicht in Ägypten!«

Walîd grinste, dann lachte er. »Und deswegen sind Sie zurückgekommen? Er hat ihn bestimmt an einem andern Tag gesehen.«

»Oder vielleicht hat er ihn auch überhaupt nicht gesehen.«

Walîds Miene veränderte sich. »Was wollen Sie damit sagen?«

»Nachdem ich den Artikel gelesen hatte«, fuhr Taha fort, »habe ich das Tagebuch meines Vaters herausgeholt. Und dort stand, was er gesehen habe, verdiene es, in den Unterweltstexten begraben zu werden. Am Anfang hab ich das für einen ganz normalen Satz gehalten. Aber als ich dann das Datum auf der Zeitung las, fiel mir ein – ich weiss auch nicht, warum –, dass mein Vater ein Buch mit dem Titel Unterweltstexte hatte. Ich fuhr zurück, suchte das Buch und fand es auch.«

Walîd sah ihn ausdruckslos an. »Und was stand drin?«

Schweigend nahm Taha sein kleines Heft heraus und legte es auf den Tisch. Walîd sah es lange an, dann griff er danach. Als er die erste Seite aufschlug, sagte Taha: »Bevor Sie es lesen: Etwas hab ich noch vergessen, Ihnen zu sagen. Auf der Rückfahrt von Alexandria hab ich im Zug von Ihnen geträumt – möge Gutes dabei herauskommen! Sie waren ganz in Schwarz gekleidet und trugen eine Krähe auf der Schulter. Und Service, Gott hab ihn selig, nahm Sie bei der Hand und ging mit Ihnen fort.«

Walîd sah ihn scharf an, sagte aber nichts. Er vergrub sich in das Heft und begann zu lesen.

Zum ersten Mal sehe ich ihn nun mit eigenen Augen. Sein Ruf – die Art, wie er herrscht, und seine schmutzigen Ausdrücke, die einem den Atem verschlagen – ist ihm vorausgeeilt. Ich traute meinen Augen nicht, als das Auto vor dem Laden des Lords hielt, dieses stinkenden Dreckskerls! Er stieg aus und stolzierte umher. Ich hielt mir das Fernglas vor die Augen, denn ich dachte, jetzt würde ich sehen, wie ein Schwein das andere umbringt. Ich stellte mir vor, er würde ihn an der Nase packen und in eine finstere Zelle werfen. Sulaimân würde aus dem Viertel vertrieben und übrig blieben von ihm nur ein verrosteter Mercedes und ein Ladenschild ohne Namen. Damit ich darauf spucken könnte, wenn ich daran vorbeikäme. Aber was dann geschah, brachte mich zur Einsicht, dass der Weg noch weit ist. Und dass die Krankheit schon bis in die Wurzeln vorgedrungen ist. Da verneigte sich dieser Freund und Helfer doch! Beugte seinen Kopf vor Sulaimâns Stock! Und streckte die Rechte aus, um seinen Tribut zu empfangen und eine Kühlbox ins Auto zu packen. Dann rannte einer von den Jungs des Lords zu dem alten Mercedes, öffnete den Kofferraum und nahm vorsichtig ein Päckchen heraus. Damit lief er zu seinem Herrn, der es verstohlen an Walîd Sultân weiterreichte. In dem Moment schaltete Taha das Licht an. Und er sah mich! Ich könnte fast schwören, dass er auch das Fernglas in meinen Händen erspähte. Eine Weile blickte er mich an, dann rief er Sulaimân, von dem ich immer gedacht hatte, er hätte noch Menschliches an sich. Fragend zeigte er zu meinem Fenster, und Sulaimân beugte sich zu ihm und träufelte ihm ein Gift ins Ohr, durch das seine Züge sich völlig veränderten. Man sah ihm an, dass er sich mein Fenster und meine Geschichte genau einprägte. Er nickte und trat seine Zigarette mit dem Fuss aus, dann ging er. Jetzt weiss ich es. Ich sehe beinahe vor mir, was geschehen wird. Er wird mir jemanden schicken, der mir droht, damit ich den Mund halte. Jemanden, der meine Seele in meinen Körper sperrt. Ich werde auf ihn warten und ihm meine Tür öffnen. Wenn er mir droht, werde ich mich über ihn lustig machen. Ich werde ihm den Wahnsinn in die Ohren blasen, ihm die Galle auspressen, ihn provozieren, bis er wagt, es zu tun. Wenn er mir seine Wut nicht ins Herz bohrt, wenn er mich nicht aus meinem ewigen Gefängnis befreit, dann stürze ich mich selbst in seine Klinge – um mein Ende zu erhaschen und Erlösung zu finden. Denn auch ich bin mit Schuld beladen, die noch nicht beglichen ist.

Hier hörte Walîd auf zu lesen. Er musste würgen und blickte in Tahas Richtung, aber der Stuhl war leer. Zitternd stand er auf und schaute die Strasse hoch und runter, fand aber keine Spur von ihm.

»Möchten Sie hier sitzen oder drinnen?«

Er drehte sich um und sah vor sich einen lächelnden Kellner in weissem Hemd und mit schwarzer Fliege. Walîd starrte ihn mehrere Sekunden an und fragte ihn dann: »Da sass doch eben noch einer neben mir. Wo ist der hingegangen?«

»Ich weiss nicht, mein Herr, ich hab niemanden gesehen«, antwortete der Kellner mit verwunderter Miene.

Walîd steckte das Heft ein, zog Autoschlüssel und Portemonnaie heraus und suchte nach etwas Kleingeld. »Wie viel kostet der Mist hier?«

Der Kellner blickte auf das leere Glas, die Zuckerdose und den Löffel. »Wer hat Ihnen denn diesen Tee gebracht?«

Walîd hielt inne und sah den Kellner an. »Was soll das heissen?«

»Dieses Glas, der Löffel und die Zuckerdose sind nicht von uns. Wir servieren den Zucker in Papiertütchen.«

Walîd sah nervös aus. »So ein dünner Kerl mit Karohemd, seine Haare standen vorne hoch, und …«

Der Kellner fiel ihm ins Wort: »Nein, der ist nicht von uns. Wir sind nur zwei und tragen Hemd und Fliege.«

Walîds Blick wanderte zum Ende der Strasse. Seine Gedanken zerfielen in tausend Puzzleteilchen, von denen die Hälfte verloren war.