15
Taha nahm ein Bad. Er liess das warme Wasser auf sich wirken, bis seine Nerven sich wieder beruhigt hatten. Irgendwie musste er sich ja auf sein Unternehmen vorbereiten. Ein Gefühl jedoch liess ihm keine Ruhe, es war wie ein Erdölbohrer, der immer tiefer in den Boden dringt: Er musste zu Ende führen, was sein Vater angefangen hatte. Als er sich dann in dessen Stuhl setzte, das Licht ausschaltete und sich das Fernglas vor die Augen hielt, wusste er nur eins ganz genau: Das Urteil über Service war gesprochen. Ohne Revisionsmöglichkeit. Hinzu kam: Um abschreckend zu wirken, durfte das Ganze nicht unbemerkt vonstattengehen. Es musste bekannt werden, sonst nutzte es nichts. Die Menschen mussten sehen, was passierte.
Als ihm das gerade durch den Kopf ging, sah er Sara aus dem Taxi steigen. Wie üblich legte sie es darauf an, schön zu sein. Er beobachtete sie genau und ebenso diesen Hohlkopf, der mit quietschenden Reifen und einer grossen Abgaswolke in seinem BMW angejagt kam, damit sie sich zu ihm umdrehte und er sie grüssen konnte. Dabei machte er ihr mit einem Handzeichen klar, dass er ihre Telefonnummer wollte. Nachdem sie ihn empört abgewiesen hatte, parkte er das Auto an seinem Lieblingsplatz: unter Tahas Balkon. Anschliessend drehte er die Musikanlage auf – um die beiden waschtrommelgrossen Lautsprecher unterzubringen, hatte er auf die Vorteile eines Kofferraums verzichtet – und versuchte, Sara mit dem Dubdubdub eines Lieds von Tâmir Husni34 zu beeindrucken. Als der Hauseingang sie geschluckt hatte, brachen er und seine Freunde in lautes Lachen aus und signalisierten einander mit unanständigen Gesten, das Mädchen sei eine heisse Braut.
Das war zu viel für Taha. Schnell stand er auf und suchte nach einem Werkzeug, mit dem man Autoscheiben zertrümmern oder Lack zerkratzen konnte, vielleicht auch jemandem den Schädel einschlagen. Er zog eine alte Schublade seines Vaters auf, in der dieser sein Werkzeug aufbewahrt hatte: Zangen, Nägel, die Fassung einer durchgebrannten Birne, Lötdraht – und einen Engländer. Der schien optimal. Ohne zu zögern, nahm Taha ihn an sich und ging wieder ans Fenster. Er hob die Hand und zielte mit seiner Waffe auf die Heckscheibe des Autos. Aber irgendetwas hielt ihn zurück. Es würde Lärm machen, oder vielleicht sah ihn sogar jemand! Besser versteckte er sich wieder hinter der Jalousie.
Er suchte nach einem anderen Werkzeug, einem, an dem man keine Fingerabdrücke hinterlassen konnte und das keinen Lärm machte. Der Staub schied aus, denn er sagte sich: »Das Gesetzbuch unterscheidet zwischen Verbrechen, Vergehen und Ordnungswidrigkeiten. Das hier ist nur eine Ordnungswidrigkeit, da reicht eine Strafe wegen Ruhestörung. Und ein Schmerzensgeld dafür, dass er Sara belästigt hat. Und eine Wiedergutmachung moralischer Schäden für mich. So wie es das öffentliche Recht vorsieht. Ich will Jassir mal nach diesem öffentlichen Recht fragen.«
Dann fand er, was er brauchte. Seit sein Vater das alte Auto verkauft hatte, lag sie bei den Werkzeugen: eine gelbe Plastikflasche mit der Aufschrift »Bakim Bremsflüssigkeit«. Er erinnerte sich, was sein Vater ihm auf der Galâabrücke erzählt hatte. Ohne lange nachzudenken, riss er die Flasche aus dem Schlaf und nahm sie in die Hand: Sie war noch halbvoll. Mit einem Nagel stach er ein Loch in den Deckel. Dann öffnete er das Fenster einen Spaltbreit und drückte die Flasche zusammen, so dass ein dünner Strahl herausspritzte. Mühelos und mit einer Geschicklichkeit, wie man sie sich durch das Pinkeln im Stehen erwirbt, richtete er den Strahl auf das Autodach. Am liebsten hätte er auch noch ein Schimpfwort dazugeschrieben. Zufrieden mit seiner Tat, machte er schnell das Fenster zu und legte sich auf den Boden. Von einer Glückswelle überrollt, schloss er die Augen, während er den aufgestörten Freier schreien und schimpfen hörte.
»Liebe ich Sara?«, fragte er sich, den Blick zur Zimmerdecke gerichtet. Nach einigen Minuten spähte er neugierig durch die Jalousie. Er sah, wie der Besitzer des Wagens inmitten seiner Freunde rasend vor Wut auf das Autodach blickte, von dem sich der Lack löste wie die Haut eines Leprakranken. Er drohte dem Verursacher mit dem Schlimmsten und stiess ein paar hässliche Flüche aus.
Im selben Moment hörte man ein Heulen aus der weissen Villa – Bergas’ Villa. Taha nahm sich das Fernglas und richtete es auf die geschlossenen Fenster gegenüber. Hinter den Scheiben sah er Schatten, die sich aufgeregt und konfus hin- und herbewegten. Kurz darauf fuhren zahlreiche Autos heran und verursachten am Zugang zur Villa ein gehöriges Chaos. Taha brauchte nicht lange nachzudenken, um zu begreifen, dass Machrûs Bergas sein Leben ausgehaucht hatte. Er stand nun auch auf der Liste der Toten und war zu Lieto gestossen. Mit Ablauf seiner Gnadenfrist hatte er aus demselben Kelch getrunken.
Am nächsten Tag machte sich der Leichenzug von der Omar-Makram-Moschee aus auf den Weg. Sie beteten für ihn und übergaben ihn der Erde, dann kehrten sie zur Moschee zurück, wo sie in einem gewaltigen Pavillon, in dem ein riesiges Mikrofon installiert war, die Totenfeier begingen, erfüllt von Klatsch, unterdrücktem Lachen und Zigarettenrauch. Hâni Bergas stand da, die Augen hinter einer schwarzen Brille verborgen, und drückte die Hände der bedeutendsten Männer des Landes, die die Strasse mit ihren Autos zugeparkt hatten. Er nahm Beileidsbekundungen entgegen und drängte den Scheich mit einem Handzeichen, sich zu beeilen und dieser langen Nacht ein Ende zu setzen.
Es dauerte Tage, bis das Leben in der Strasse wieder zur Normalität zurückgekehrt war. Nach der ersten Parlamentssitzung kündigte sich im Wahlbezirk allmählich der bevorstehende Urnengang an. Die Stofftransparente von al-Sammân und Bergas überlappten einander derart, dass sie sämtliche Luftzirkulation unterbanden. Megaphone waren zu hören, und Stimmen wurden gesammelt – es war ein erbitterter Kampf.
Aber er sollte nicht lange währen.
*
Eine Woche später
Walîd Sultâns Büro, 11 Uhr 10 vormittags
Seine Finger spielten mit der Kaffeetasse, während er in sein Handy sprach: »Ich hab deinetwegen jemanden angerufen, Schatz. Der bringt das in Ordnung. Ich habe ihn angewiesen, dass sie deinem Mann am Wochenende nicht freigeben. Gut so, meine Dame? Am Donnerstag sind wir beide dann zusammen. … Wovor hast du Angst? Wenn dein Mann aus dem Haus geht, werde ich gleich angerufen. Sag deiner Mutter, du machst eine Dienstreise. Ain Suchna ist nur eine Stunde von hier. Du fährst am gleichen Tag hin und zurück, am Abend bist du schon wieder zu Hause. Das wird lustig. Ich werde dir was zeigen, was du dein Lebtag noch nicht gesehen hast. Bye.«
Walîd löschte die Nummer aus der Anrufliste. Im selben Moment klingelte das Festnetztelefon. Er blickte auf das Display und nahm den Hörer ab. »Ja, bitte?«
Er drückte seine Zigarette aus, trank den letzten Schluck Kaffee und begab sich zum Büro des Revierchefs. Dort klopfte er an die Tür und trat ein.
Der Chef beendete gerade mit grimmigem Blick ein Telefonat. »Er kommt sofort zu Ihnen, Exzellenz. Ich bin sicher, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Überzeugen Sie sich selbst, Exzellenz!« Er legte den Hörer auf und wandte sich an Walîd: »Sie sollen in einer Stunde bei der Staatssicherheit sein.«
»Jawohl.«
Der Revierchef zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch in die Luft, dann sagte er: »Ich weiss nicht, das scheint mir eine grosse Sache.«
Nachdem Walîd diese dürren Worte entgegengenommen hatte, ging er wieder. In Anzug und Krawatte und sehr besorgt, setzte er sich ins Auto. Sein Kopf brummte wie ein Dieselmotor, während er die Situation einzuschätzen versuchte. Die Art und Weise, wie man ihn einbestellt hatte, die Geschwindigkeit, mit der dies geschehen war, und die Stelle, die es verlangt hatte, konnten nur von einem künden: dass sein Fehler so gross war wie der, den Adam einst begangen hatte, und dass er nun aus dem Paradies vertrieben werden sollte.
Die Zeit zog sich träge dahin, bis er vor dem ehrfurchtgebietenden Gebäude in Nasr City ankam. Am Tor liess er sein Handy zurück, anschliessend wartete er eine halbe Stunde in einem durch die Klimaanlage weit heruntergekühlten Raum. Dann rief ihn jemand zu einem Gespräch in ein Büro. Über einen roten Teppich ging er einen langen Flur entlang und blieb schliesslich vor einer Tür stehen. Die zwei Männer, die ihn bei seinem Eintreten empfingen, mussten im Rang oberhalb eines Brigadegenerals stehen. Das schloss er aus ihrem Alter, ihren strengen Blicken und ihrem abschätzigen Ton. Nach ein paar Minuten erfuhr Walîd, warum er hier war: »Sie werden beschuldigt, von der Ehefrau eines Polizisten eine sexuelle Dienstleistung gefordert zu haben, um ihrem Gatten im Gegenzug seine Versetzung aus Oberägypten zu ermöglichen.«
Äusserlich beneidenswert selbstsicher, erwiderte er: »Leeres Geschwätz! Sie ist nur eine Freundin.«
Das war der letzte Satz, den Walîd äussern konnte, bevor einer der Männer einen Kassettenrekorder aus einer Schublade zog und auf den Wiedergabeknopf drückte: »Gut so, meine Dame? Am Donnerstag sind wir beide dann zusammen. … Wovor hast du Angst? Wenn dein Mann aus dem Haus geht, werde ich gleich angerufen. Sag deiner Mutter, du machst eine Dienstreise. Ain Suchna ist nur eine Stunde von hier. Du fährst am gleichen Tag hin und zurück, am Abend bist du schon wieder zu Hause. Das wird lustig. Ich werde dir was zeigen, was du dein Lebtag noch nicht gesehen hast. Bye.«
Hier endete die Aufnahme.
»Dieses Gespräch hat erst vor einer Stunde stattgefunden, richtig?«
Walîd lief der Schweiss über die Stirn. »Ich …«
»Madame Ingi hat Sie angezeigt und dann zum Reden gebracht, damit wir das Gespräch aufzeichnen konnten. Bitte lesen Sie!« Er drückte Walîd das Protokoll in die Hand.
Mit jeder Zeile, die er las, wurde sein Hemd feuchter. Diese Schlampe, von der er einmal gedacht hatte, sie brauche jemanden fürs Bett! Sie hatte ihn um einen Gefallen gebeten und er sie um ihre Freundschaft. Nie hätte er sich vorstellen können, dass sie ihn in eine perfekt ausgeheckte Falle würde tappen lassen.
Als er seine Überraschung überwunden hatte, bestritt er die Anschuldigung vehement. Aber die Entscheidung war schon gefallen: »Bis zum Prozess werden Sie von der Arbeit freigestellt. Sollten sich die gegen Sie gerichteten Vorwürfe erhärten, werden Sie endgültig aus dem Amt entfernt.«
Der letzte Rat der Herren war: »Fahren Sie von hier aus gleich nach Hause, und bleiben Sie dort, bis wir Sie vorladen!«
Niedergedrückt von der Last dieser Worte, stieg Walîd in sein Auto. Er setzte sich die Sonnenbrille auf, klappte den Sitz in eine bequemere Position, zündete sich eine Zigarette an, schaltete das Handy aus – und schlief ein.