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Eine Wohnung im vierten Stock eines stattlichen Mehrfamilienhauses in der Nähe des Finneyplatzes. Auf einer kleinen Messingtafel neben der Wohnungstür die Aufschrift »Oberstleutnant Walîd Sultân«
Aus der Aufzugtür trat ein schmächtiger junger Mann mit rasiertem Schädel, der für diese Jahreszeit zu dünn angezogen war. Er roch stark nach Schweiss. In den Händen trug er einen schwarzen Samsonite-Koffer und acht weisse Tüten mit dem Logo des Metro-Supermarkts, gefüllt mit Obst der Saison. Der Bursche ging zur Tür und drückte mit der Nase auf den Klingelknopf. Ein paar Sekunden stand er so da, und die schwere Last schnitt ihm in die verschwitzten Handflächen. Schliesslich öffnete eine halbwüchsige Dienerin mit einem hübschen, etwa zweijährigen Kind auf dem Arm. Als sie den Burschen sah, trat sie zur Seite, damit er seine Last in die Küche bringen konnte. Er zog sich draussen die Schuhe aus und ging auf zerlumpten Socken hinein.
»Tritt nicht auf die Teppiche!«
Er reagierte nicht. Er war schon einmal in weniger als zwei Minuten erfolgreich um seine Ehre gebracht worden, als er seine Grenzen überschritten und sich angemasst hatte, die Wohnung mit Schuhen zu betreten. Diese Vernichtungsaktion hatte Nûra durchgeführt, die Frau des Oberstleutnants. Sie hatte ihn mit einer Tirade von Drohungen und Beleidigungen überzogen, dass er fast den Namen seiner Mutter in Oberägypten vergessen hätte! Nun lief er auf Zehenspitzen, bis er endlich die Hände frei hatte. Als die Dienerin ihn fragte: »Kommt der Bey mit dir?«, antwortete er: »Er kommt gleich«, und ging sofort wieder hinaus.
Mit dem Aufzug fuhr er ins Erdgeschoss. Unten stand sein Herr, zog an seiner Zigarette und blies den Rauch zu einem zittrigen Kringel. Dabei unterhielt er sich mit dem Nachbarn: »In dieser schmutzigen Welt kommt man nur mit Frechheit weiter. Die deutsche Gegensprechanlage kostet achthundert Pfund mehr, ist aber auch hundertmal besser als die chinesische. Trotzdem guckt jeder nur auf die paar Pfund. Den gleichen Blödsinn haben sie gemacht, als wir damals den neuen Marmor bestellt haben. Kam da doch Hanâa mit den Hasenzähnen vom Fünften und sagte zu mir: ›Das ist Verschwendung!‹ – ›Was, du Unglückstochter? Dabei hab ich euch den Marmor auch noch für den halben Preis besorgt, und der hält wirklich was aus!‹, schrie ich sie und ihren Mann an. Wie begossene Pudel zogen die beiden dann ab in ihre Wohnung. Wissen Sie, ich sag den Mietern einfach: ›Walîd Sultân nimmt die deutsche Anlage, und wenn das einem nicht passt, kriegt er keinen Hausschlüssel, bis er bezahlt hat.‹ Soll nur einer von den Hunden kommen und das Maul aufreissen!«
Der Nachbar erwiderte: »So ist es richtig. Ach ja, Sie haben mich gerade an was erinnert: Ich muss meinen Führerschein erneuern lassen. Wann kann ich denn mal bei Ihnen vorbeikommen? Ich hab nämlich gestern im Netz gelesen, dass das viertausend Pfund kostet.«
»Kommen Sie morgen Abend nach zehn. Dann gebe ich Ihnen die Karte von einem guten Freund von mir bei der Verkehrspolizei. Der macht alles fertig, während Sie sich hinsetzen und einen Tee trinken. Bringen Sie ein Büroset und ein paar Kalender mit, dann regeln die das.«
»Sie sind ein echter Schatz.«
Der Nachbar ging, und Walîd drückte auf den Knopf, um den Aufzug zu rufen. Dabei schaute er auf das Display seines Handys und suchte nach einer Nummer, ohne sich jedoch der Gestalt zuzuwenden, die wie ein Sticker an der Wand klebte und versuchte, so wenig Platz wie möglich zu beanspruchen, um den Pascha nicht zu reizen. »Hast du das Obst hochgebracht?«, fragte der, ohne den Burschen anzusehen.
»Ja, Euer Exzellenz.«
»Wer hat heute Nacht Dienst?«
»Fathi und ich, Euer Exzellenz.«
»Vergiss nicht, morgen früh die Handyrechnung zu bezahlen, sobald du Salma zur Schule gebracht hast. Und komm danach bei mir vorbei!«
Der Rekrut salutierte. »Zu Befehl, Euer Exzellenz.«
Walîd trat in den Aufzug. Er trug einen dunkelblauen Anzug, ein weisses Hemd, eine halb gelockerte Krawatte, war mittelgross und hatte vom Boxen eine breite Brust. Diesen Sport hatte er während seines Studiums ausgeübt. Später hatte das Arbeitsleben ihn jedoch so in Anspruch genommen, dass das Boxen ganz in Vergessenheit geraten war. Geblieben waren ihm ein flacher Bauch und ein paar Muskeln, als Erinnerung daran, wie trainiert er einmal gewesen war. Walîds scharfen, klugen Augen entging keine Lüge – sie arbeiteten wie eine Scannerkasse im Supermarkt, die eine Schachtel Cornflakes einliest: »Piep, siebzehn Pfund neunundneunzig.« Der gepflegte Schnäuzer verlieh ihm zusammen mit dem zur Seite gescheitelten Haar ein attraktives Erscheinungsbild, obwohl seinen Augen der Schlafmangel deutlich anzusehen war, denn sie lagen tief in ihren Höhlen. Das kam von den regelmässigen Nachtwachen in seinem Büro im Polizeirevier von Dukki, wo er als Kriminalhauptkommissar arbeitete.
1989 hatte Walîd die Polizeiakademie abgeschlossen und war danach immer weiter aufgestiegen, bis er vor vier Jahren seinen gegenwärtigen Rang erreicht hatte. Er war mit Nûra verheiratet, einer ehemaligen Kommilitonin seiner Schwester, die ihm seine Tochter Salma geboren hatte. Drei Jahre später hatte sich dann Sijâd Bey, wie die ihm unterstellten Rekruten ihn nannten, die Ehre gegeben – der Kleine, der jetzt, als er hörte, wie sein Vater den Schlüssel in die Tür steckte, barfuss angelaufen kam. Er warf sich auf ihn und umarmte sein Knie: »Papiiii … Mamii … Zimmer.«
Walîd hob seinen Kleinen hoch und küsste ihn, dann übergab er ihn der Dienerin, um sich die Jacke auszuziehen. »Wo ist Nûra?«
Die Dienerin bestätigte, was das Kind schon vorweggenommen hatte. »Im Schlafzimmer. Am Telefon. Möchten Sie zu Abend essen?«
»Nein«, sagte er und ging ins Schlafzimmer, vorbei an den Möbeln im klassischen Stil, die seine Frau bei einem Innenarchitekten in Auftrag gegeben hatte. Drinnen sass Nûra in einem cremefarbenen Nachthemd in einem Sessel. Den Telefonhörer hatte sie zwischen Schulter und Ohr geklemmt, damit sie die Hände frei hatte, um sich die Fussnägel blutrot zu lackieren. Sie hatte weisse Haut, kastanienfarbenes Haar und war füllig, mit mehreren Michelin-Reifen23 um die Hüfte. Das über das Fernsehen vertriebene Mieder der Firma Tamima Tele-Seen wurde einfach nicht mit ihnen fertig. Seit auf der Schulter ihres Mannes neben den Sternen auch noch der Adler nistete und er in Samâlik ein Café eröffnet hatte, war sie chronisch phlegmatisch. Ihr penetrantes Parfum war noch aus einer Monatsreise Entfernung wahrnehmbar, an den weichen, schwammigen Fingern trug sie dicke Ringe, und ihr weitausgeschnittenes Dekolleté bot genug Raum für eine üppige Hügellandschaft. Wenn sie ins Auto stieg, konnte der Ordonnanzoffizier nie den Blick davon lassen. Ihre tägliche Beschäftigung bestand darin, nach ein Uhr mittags aufzustehen und ihre Freundinnen anzurufen, um ein Treffen im Shooting Club zu vereinbaren. Dort hechelte man dann drei Stunden lang alle möglichen Leute durch, indem man hauptsächlich Bettgeschichten zum Besten gab. Ein Nebenausschuss befasste sich währenddessen mit Carrefour und anderen Shopping-Malls, und von diesem wiederum zweigten weitere Gruppen ab, die über die aus dem Bodybuildingraum kommenden ledigen jungen Männer des Clubs debattierten.
Von Walîds Ankunft nahm Nûra nicht viel Notiz. Sie winkte ihm nur mit einem matten »Hi« zu. Er zog sich aus und verschwand im Bad. Zehn Minuten später kam er nackt und tropfnass wieder heraus. Er stellte sich vor den Spiegel, um sein Haar und seinen Schnäuzer zurechtzustutzen. Dann zog er sich seine Boxershorts an, während sie zum Ende ihres Telefonats kam: »Okay, Nâni, see you tomorrow – bye.« Sie legte den Hörer auf. »Hast du zu Abend gegessen?«
Walîd setzte sich auf die Bettkante, zündete sich eine Zigarette an und spielte dabei mit seinem Handy. »Ich hab schon im Büro gegessen.«
Sie legte sich auf den Bauch und bewegte die Beine, damit der Nagellack trocknete. »Morgen brauch ich das restliche Geld. Aram hat den Ring fertig. Er hat ungefähr drei viertel Karat.«
»Wie viel fehlt denn noch?«
»Achttausendsiebenhundert.«
Missbilligend schüttelte er den Kopf. »Komm morgen im Café vorbei, und hol dir das Geld.«
»Heute haben sie aus Salmas Schule angerufen. Sie wollen eine Spende für das neue Gebäude.«
»Uff! Haben die nicht gerade vor sechs Monaten schon einen ganzen Batzen gekriegt? Ich werd nicht noch mal was bezahlen. Das ist ja wohl ein Witz!«
»Wir wollen doch nicht, dass unsere Tochter schlechter dasteht als ihre Mitschülerinnen!«
»Diebe sind das, die Hundesöhne.«
»Du musst wissen, was du tust, aber nimm dich in Acht. Meine Freundinnen haben ihre Kinder alle in derselben Schule, und ich muss ihnen jeden Tag im Club unter die Augen treten.«
Walîd antwortete nicht, sondern spielte weiter an seinem Telefon, um sich ihr zu entziehen. Dann sagte er: »Morgen ist die Hochzeitsfeier meiner Cousine Karîma.«
Er sah nicht, wie sie unwillig den Mund verzog. »Hm … morgen hab ich einen Termin beim Ernährungsberater. Um wie viel Uhr ist die Feier denn?«
»Am Abend. Nur zwei Stunden, damit es niemandem zu viel wird. Wir werden uns sehen lassen, ein Foto mit ihnen schiessen, dann gehen wir wieder.«
Sie streckte ihre Hände aus und kratzte ihm zärtlich mit den Nägeln über den Rücken. Dann kam sie noch näher heran und küsste ihn auf den Hals. Schnell rekapitulierte er die letzten Termine, an denen sie Verkehr gehabt hatten. Es war schon zwei Wochen her. Um keine Zweifel an seiner Potenz aufkommen zu lassen, durfte er die Abstände zwischen zwei Begegnungen nicht zu lang werden lassen – mit Lust hatte das Ganze nichts mehr zu tun. Er drückte seine Zigarette aus, wandte sich zu ihr und zog sie mit Gewalt an sich. Dann streifte er ihr diesen Unfug aus Seide ab, den sie anhatte, zog sie aus, legte sie aufs Gesicht und warf sich über sie. In ihr Winseln mischte sich das laute Knarren und Quietschen des Bettrosts, der unter ihnen nachgab. Sie wollte von ihm geschlagen werden, und so liess er seine Hand auf ihren Rücken und ihren Hintern niedersausen und biss sie ins Ohrläppchen, bis sie kam. Danach wurde sie ruhig, erlosch und erstarb. Seine Finger hatten auf ihrer Haut brandrote Striemen hinterlassen. Währenddessen kämpften hinter der Tür zwei Dienerinnen darum, am Schlüsselloch zu lauschen, nachdem sie das Kinderzimmer abgeschlossen hatten. Vier Minuten brüllte er, dann brach er zusammen. Auch das hatte nichts mit Lust zu tun. Keuchend liess Walîd sich neben sie fallen, während Nûra mit in den Kissen vergrabenem Kopf dalag. Mehrere Sekunden vergingen, in denen sein Herzschlag wieder langsamer wurde, dann hob sie den Kopf, streckte ihre Hand zum Nachttisch und nahm sich eine Zigarette.
»Was hast du heute gemacht?«, fragte sie.
Er deckte sich zu. »Ich war den ganzen Tag in deiner Nähe, hier auf dem Platz.«
Sie drehte sich zu ihm und zeigte den Schmuck an ihren wie gelatinegefüllte Beutel wabbelnden Armen. »Warum denn das?«
»Ein Mord …«
»Allmächtiger! Wo denn? Jemand, den wir kennen?«
»Nein. Ein alter, gelähmter Mann. Jemand ist bei ihm eingedrungen und hat ihn niedergeschlagen. Zufälligerweise kam gerade sein Sohn nach Hause, und über den ist er dann auch hergefallen.«
»Hat er ihn umgebracht?«
»Nein, aber er hat ihm den Schädel eingeschlagen. Er ist schwer verletzt, liegt im Koma und wird sterben.«
»Du liebe Zeit. Und der Vater?«
»Der ist nicht durchgekommen. Er war sofort tot.« Um einschlafen zu können, drehte Walîd ihr den Rücken zu.
Aber sie fragte weiter: »Und weisst du schon, wer das getan hat?«
»Die Rechtsmediziner und die Spurensicherung arbeiten dran. Bis jetzt haben wir noch nichts.«
Sie nahm ihre blauen Kontaktlinsen heraus und legte sie in die Dose. »Ist was geklaut worden?«
Er versuchte, weiteren Fragen vorzubeugen. »Das Haus ist schön gelegen, das kann einen täuschen. Die Kriminellen denken dann, da wohnen reiche Leute. Aber diese Menschen waren arm. Der Chef der Staatssicherheit hat alles auf den Kopf gestellt. Das ist nämlich ein sensibler Ort, genau gegenüber der Villa von Bergas. Aber ich schlafe jetzt, ich muss morgen früh raus.«
Eine Minute und zwanzig Sekunden später ertönte ein gleichmässiges Schnarchen.
Der Stumpfsinn war ihr ständiger Begleiter. Wie eine Klapperschlange hatte er sich bei ihnen eingeschlichen, allerdings ohne zu klappern. Sieben Jahre hatten gereicht, eine Betonmauer zwischen ihnen hochzuziehen. Einmal hatte ein weiser Mann, der verdächtigt wurde, seine Frau umgebracht zu haben, zu Walîd gesagt: »Nach sieben Jahre Ehe geht es erst mal nicht mehr weiter, Pascha. Das ist wie bei den Jahreszeiten. Entweder Sie machen trotzdem weiter oder lassen sich scheiden – oder Sie machen es wie ich. Wenn Sie aber stillhalten, kommen Sie vielleicht noch bis ins vierzehnte Jahr und danach ins einundzwanzigste und danach ins achtundzwanzigste – der Herr schenke Ihnen ein langes Leben!«
Irgendwann hatte der Oberstleutnant erkennen müssen, dass seine Auswahlkriterien nicht die richtigen gewesen waren. Er erinnerte sich noch, wie er verstohlen nach ihr geblickt hatte, wenn sie zusammen mit seiner Schwester zu Hause unterrichtet wurde. Ihre Hüften, ihre Beine, wenn sie die Schuhe auszog, um ihren Füssen ein bisschen Erholung zu gönnen. Der Luxus, in dem sie lebte, und die Trivialitäten, mit denen sie sich ständig abgab, machten ihm nichts. Auch nicht die Tatsache, dass ihr Verstand nur mit ihrer Figur und ihrem Teint beschäftigt war. Er stellte sie sich im Bett vor, als Heldin seiner Wachträume. Er zog absichtlich seine Uniform an, wenn sie sich trafen, holte seine Pistole heraus und zerlegte sie vor ihren Augen in ihre Einzelteile, um damit vor ihr anzugeben. In Naslat al-Summân, am Fusse der Pyramiden, hatte er dann von hinten den Arm um sie gelegt, um sie auf leere Pepsi-Flaschen zielen zu lassen. Und so froh war er gewesen, als er in ihren Augen sah, wie sehr sie ihn bewunderte! Die Treffen wurden häufiger und, besonders an dunklen Örtlichkeiten, heisser. Er war so versessen auf sie, dass er schliesslich um ihre Hand anhielt. Sie zögerte nicht, diesem Träger der weissen Uniform im Sommer und der schwarzen im Winter ihr Jawort zu geben. Nur mit seiner Familie kam sie nicht überein. Sie erwartete ein zu teures Braut- und Verlobungsgeschenk. Aber er war ihr verfallen. Während der Flitterwochen und in den folgenden zwei Jahren konnte er nicht genug von ihr bekommen. Doch dann zeigte die Beziehung erste Auflösungs- und Verschleisserscheinungen. Ihre Gespräche wurden trocken, der Verkehr flüchtig und schnell, wie ein Drogendeal auf der Wüstenstrasse. Sie hatten ihre Energie aufgebraucht und taten nun so, als wäre nichts. Ihre Ehe hielten sie zwar noch aufrecht, wegen der Kinder und um bei den Bekannten den Schein zu wahren. Aber mit der Zeit hatte er immer mehr Nacktfotos auf dem Handy. Er entdeckte seine Vorliebe für braune Haut und wollte von weisser, hinter der er früher immer her gewesen war, nichts mehr wissen. Wenn er bemerkte, dass sie sich für eine heisse Nacht parfümiert hatte, wenn er sah, wie sie sich herrichtete und verführerisch mit den Hüften wackelte, hätte er sich am liebsten aus dem Staub gemacht. Er tat dann, als schliefe er oder hätte Bauch- oder Kopfschmerzen. Wenn er doch mit ihr verkehrte, liess er die Augen geschlossen, um hinter seinen Lidern die Höhepunkte von Sexfilmen ablaufen zu lassen, in denen er selbst die Hauptrolle spielte. Oder aber einen Moment mit einer Gefährtin, die ihn bezauberte, weil sie so anders war. Bis der Kampf vorbei und ihr kaltes Feuer erloschen war. Um keine Zweifel an seiner Männlichkeit aufkommen zu lassen, wollte er den »offiziellen« Verkehr aber auch nicht einstellen. Denn das würde sie nicht für sich behalten, wenn sie bei ihren Treffen im Club über andere herzogen. Trotz der ganzen Sorgfalt, die sie auf ihren Körper verwandte, widerte sie ihn an. Wenn er mit ihr fertig war und sie betrachtete, überkam ihn Ekel. Ob wegen der bei einer nicht so gründlichen Halâwa-Sitzung vergessenen Härchen, wegen der wabbelnden Michelin-Reifen, weil sie nicht gut genug oder nicht mehr so beweglich war, ob wegen der Narben, die ihr vom Fettabsaugen geblieben waren, für das er zweiundzwanzigtausend Pfund geblecht hatte und das ihre Kurven auch nicht hatte begradigen können, ob wegen ihres Geruchs, ihrer Gefühlskälte, die ihn von Viagra und ähnlichen Mittelchen abhängig machte, damit er ihr Genuss verschaffen konnte, der nur sehr langsam und vielleicht auch gar nicht kam – das wusste er nicht mehr. Er wusste nur, dass er sie satthatte, dass er ihre Konsumhaltung und die ganze Wohnung einschliesslich ihrer Bewohner leid war. Aber er hatte nicht mehr die Kraft zur Umkehr, denn er selbst hatte sich ja inzwischen an diesen Luxus gewöhnt. »Unser Ansehen bei den Leuten, Walîd.« – »Unser Prestige, Walîd.« – »Du bist Kriminalhauptkommissar, Walîd!« – »Steht deine Mutter noch zu dir, oder hat sie dich auch schon aufgegeben, Walîd?« Nie zuvor hatte er sich Gedanken über die Gespräche in den Clubs und die geheuchelten Höflichkeiten gemacht. Aber dank Nûra brachen jetzt Freunde und Cliquen mit seltsamen Gepflogenheiten in sein Leben ein, verwöhnte Frauen und »Unterhosenmänner«, wie er sie insgeheim nannte. Er verachtete ihre Elfenbeintürme und stellte sich ihre Frauen in seinen Armen vor.
Wie sehr wünschte er sich, einen roten Knopf zu haben wie den, mit dem man eine Explosion auslöst. Er würde ihn sofort drücken, um die Zeit zu dem Moment zurückzudrehen, als sie nur eine Kommilitonin seiner Schwester gewesen war und er verstohlen auf ihre Beine geblickt hatte. Jeden Tag spürte er diesen Empfindungen nach und tastete nach ihnen, wie man in einem öffentlichen Bus jede Minute nach seiner Brieftasche tastet.
Drei Wahrheiten hatte er begriffen:
dass er einen Fehler gemacht hatte,
dass er übereilt gehandelt und sich verstrickt hatte
und dass es solch einen roten Knopf für ihn nicht gab.