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Am selben Abend

Nachdem Sara den Brief zum zehnten Mal gelesen hatte, wurde ihr klar, dass sie weniger gewusst hatte als gedacht. Ihre Augen wurden feucht, und um die brennenden Tränen zurückzuhalten, schloss sie die Lider. Sie faltete den Brief zusammen und wählte noch einmal die Nummer. »Der gewünschte Gesprächspartner ist zurzeit nicht erreichbar. Sie werden seine Stimme nie wieder hören.«

Hatte die das wirklich gesagt, diese Hure? Sara stand auf, nahm ihre Handtasche vom Schreibtisch und stürmte mit grossen Schritten ins Büro des Chefredakteurs.

»Was haben Sie, Sara? Warum weinen Sie denn?«

Sie versuchte sich zusammenzureissen und fragte: »Herr Hischâm, wann erscheint mein Artikel?«

»Morgen«, antwortete er, verärgert über ihr aufgeregtes Gehabe.

»Bei dem Artikel ist mir ein Fehler unterlaufen. Wir müssen ihn verschieben!«

»Was stimmt denn nicht?«

»Das Ganze ist nicht so, wie ich gedacht habe. Es gibt keine Organisation, kein Geheimnis und keinen Unbekannten, der sich persönlich an diesen Leuten gerächt hat. Es war alles bloss Zufall.«

»Dann beruhigen Sie sich, und erklären Sie es mir!«

»Wie gesagt, an dem Ganzen ist nichts Wahres dran. Ich hab meine Recherchen auf Phantasien aufgebaut. Offen gesagt, ich hab versucht, mir eine Geschichte auszudenken, um mir einen Namen zu machen. Wenn das Ganze publiziert wird, schade ich einem Menschen, der mir teuer ist. Und dann muss ich die Zeitung verlassen.«

Der Chefredakteur griff zum Telefonhörer. »Beruhigen Sie sich, Sara, ich bring das in Ordnung. … Hallo? … Ja, Karâm. Stoppen Sie den Artikel, der für unsere neue Serie vorgesehen war! Ich werde Ihnen stattdessen was anderes schicken. Danke.« Er legte den Hörer wieder auf und wandte sich an Sara: »Erledigt, meine Dame. Können Sie mir jetzt vielleicht erklären, was los ist?«

»Es tut mir leid, ich muss gehen«, rief sie und verliess den Raum.

Der Chefredakteur hielt sich den Hörer erneut ans Ohr. »Ja, Karâm. Bringen Sie den Artikel so raus, wie er ist. … Nein, keine Änderung.«

Auf dem Heimweg versuchte Sara immer wieder, bei Taha anzurufen. Vor dem Haus angekommen, sah sie zu den geschlossenen Fenstern seiner Wohnung hinauf wie eine Halbwüchsige aus der Sekundarschule zum Haus des Sohns der Nachbarn, der geheiratet hat und fortgezogen ist. Niedergeschlagen ging sie hoch. Sie schloss die Tür hinter sich, faltete Tahas Brief auseinander und liess die Augen über ganz bestimmte Worte wandern: »… dass ich mich mit dir so wohl fühle, ohne zu wissen, warum. … Wie soll ich dich nie wiedersehen? … mein Vater und seine Geheimnisse, die mich in die Hölle gebracht haben … meine Rache … meine Liebe zu dir … Ich bin kein Lügner. … Verzeih mir! … Leb wohl!« Sie hielt den Brief so fest, dass sich ihre Nägel in die Handflächen gruben, dann drückte sie ihr Gesicht in das Papier, um zwischen den Zeilen vielleicht auf Tahas Gesicht zu stossen.

*

Am selben Abend

Im Hotel Porto Sokhna in Ain Suchna

Buschra war pünktlich. Eine russisch aussehende Schönheit mit wachsreiner Haut im Schlepptau, betrat sie die Hotelhalle. Wie Dressurpferde klapperten beide mit ihren Absätzen über den Boden. Sie fuhren zu einer Luxussuite hinauf, deren Nummer Buschra im Kopf hatte, und stoppten vor einer Tür. Davor standen zwei Männer, unter deren ausgebeulten Anzügen die Mündungen von Maschinenpistolen hervorsahen. Buschra redete sie nicht an, sondern hielt sich nur ihr Handy ans Ohr und säuselte in sorgfältig einstudiertem, verführerischem Tonfall ihren Namen hinein. Nach ein paar Sekunden öffnete eine schmale Filipina die Tür und bat sie in gebrochenem Englisch herein. Buschra liess ihre Begleiterin im Empfangszimmer zurück und begab sich auf die Terrasse. Dort sass ein Mann mit spiegelnder Glatze in einem Ledersessel. Zur fernen Küste gewandt, las er in einem Buch über deutsche Literatur.

»Exzellenz Pascha«, rief sie leise. Lächelnd drehte er sich um. Sie ging auf ihn zu und drückte ihm herzlich die Hand.

»Willkommen, Buschra. Wie geht es Ihnen?«

Er bot ihr einen Platz an und füllte zwei Gläser. Dann sog er einmal tief die feuchte Luft ein und starrte ins Leere. Sie wagte nicht, ihn zu stören, bis er schliesslich das Wort ergriff.

»Das Wetter ist wunderbar heute.«

»Ein schöner Abend«, pflichtete sie ihm bei und spielte mit einer Haarsträhne hinter ihrem Ohr.

»Hatten Sie mit Hâni Bergas zu tun, Buschra?«

Diese unerwartete Frage brachte sie ins Stammeln: »Gott hab ihn selig! Ich schwöre bei Gott …«

Er nahm die schmale Lesebrille von der scharfgeschnittenen Nase. »Schwören Sie nicht! Das ist ja kein Verhör.«

»Haben Euer Exzellenz jemanden in Verdacht?«

»Ich bin derjenige, der die Fragen stellt, Buschra. Mit wem hat er sich getroffen?«

»Mit dem Sohn einer Bekannten von mir. Aber an jenem Abend nicht. Da war der Junge auf einer Party, dafür gibt es Zeugen und Beweise.« Sie beugte sich zu ihm und flüsterte: »Hâni Bergas hatte sehr viele Feinde.«

Er nickte und sah ihr dabei scharf ins Gesicht, während sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Doch bevor sie in Unruhe geriet, lächelte er besänftigend, beendete seine Ermittlungen und fragte sie: »Wie steht’s denn bei uns?«

Sie jauchzte innerlich auf. »Olga ist ein Prachtexemplar. Sie ist halb Ukrainerin und halb Deutsche«, sagte sie und übergab ihm einen Pass und ein Gesundheitszeugnis. Er sah sich beides an, betrachtete eingehend das Foto und lächelte zufrieden. Buschra fügte hinzu: »Seit sie nach Ägypten gekommen ist, hat diesen Leckerbissen noch keiner berührt. She is your slave.«

Er steckte sich den Pass in die Tasche, warf ihr einen Blick zu, mit dem er eine Wand hätte durchbohren können, und fragte: »Und was verlangen Sie dafür?«

»Schon in Ordnung. Das ist ein kleines cadeau für Euer Exzellenz.«

Er nickte lächelnd, dann richtete er den Blick auf das Meer vor seinen Augen, was ihr sagen sollte: »Bringen Sie sie herein!« Sie entschuldigte sich, stand auf und ging. Auf dem Weg zur Tür wurde sie plötzlich langsamer. Ohne sich umzudrehen, fragte er: »Haben Sie etwas vergessen?«

Sie kam noch einmal auf ihn zu und sagte freundlich: »Einen winzigen favor. Eine Angelegenheit, die einen kleinen push braucht. Ein Offizier … ein Freund von mir … er ist fälschlicherweise wegen Bestechung angeklagt …«

Mit einem Handzeichen, das bedeutete »Geben Sie mir, was Sie da haben!«, schnitt er ihr das Wort ab. Sie zog ein zusammengefaltetes Blatt Papier aus der Handtasche, auf dem Name und Einzelheiten vermerkt waren, und reichte es ihm. Dann bedankte sie sich und ging in aller Ruhe hinaus.

*

Am selben Abend

Nâhid öffnete die Tür, und Jassir stand vor ihr. »Wie geht es Ihnen, Tante? Ich bin Jassir, erinnern Sie sich noch an mich? Tahas Freund, ich war mit ihm zusammen in der Schule.«

Mit einem beunruhigten Lächeln sagte sie: »Willkommen, mein Lieber. Ja … geht es Taha gut?«

»Machen Sie sich keine Sorgen, ihm geht es gut. Er ist auf einer Dienstreise und hat mir einen Brief für Sie gegeben.«

»Schön, komm bitte rein, mein Lieber!«

Doch Jassir entschuldigte sich und ging wieder. Nâhid schloss die Tür und öffnete den Umschlag. Der Brief bestand nur aus zwei knappen Sätzen: »Ich verzeihe dir, Mama. Bete für mich! Taha.«

Das war zu viel. Die Brust zog sich ihr zusammen, und ein Weinkrampf schüttelte sie. Sie setzte sich auf den Boden, lehnte den Kopf an einen Stuhl und betrachtete seine Handschrift auf dem Papier. Dann blickte sie auf zu einem kleinen Bild an der Wand, auf dem sie beide zu sehen waren.

*

Später am Abend

In aller Ruhe betrat Jassir seine Wohnung. Als er die tappenden Schrittchen hörte, die er so liebte, blieb er eine Weile an der Tür stehen. Lachend rannte Sina auf ihn zu. Sie sagte ihre zauberhaften, unverständlichen Worte – in der Sprache eines knapp zwei Jahre alten Engels. Jassir beugte sich zu ihr hinunter und küsste sie. Dann drückte er sie zärtlich an sich und kitzelte sie an den kleinen Füssen. Sie lachte noch lauter. Er zog die Schuhe aus, setzte sich neben sie auf den Boden und betrachtete ihre Gesichtszüge, als hätte er sie verloren und habe sie endlich wiedergefunden. Es war dasselbe Gefühl, wie er es am Tag ihrer Geburt gehabt hatte. Von den Krankenschwestern umringt, hatte er sie damals auf den Arm genommen und geweint. Ein Stück, ihm aus dem Herzen gerissen, damit es wachsen und um ihn herumtollen konnte. Bei ihr wurde er für ein paar Minuten wieder zum Kind – bis Dâlia in der Tür ihres Zimmers stand. Hatte sie ein paar Kilo abgenommen, oder sah sie bloss aus dieser Perspektive schmaler und schlanker aus? »Mein Gott, hab ich dieses Assuan-Staubecken vermisst«, sagte er sich insgeheim. Aber jetzt war nicht die Zeit zum Nachdenken. Mit seiner Kleinen auf dem Arm erhob er sich und ging mit reuevollem Blick auf Dâlia zu. Lange sah er sie an, und sie begann zu lächeln. Er presste seine beiden Mädchen an die Brust. Mit der freien Hand umarmte er Dâlia, und dabei stiessen seine Finger an das Mieder, das ihre Taille fest umschloss. Lächelnd schüttelte er den Kopf.

*

In derselben Nacht

Es war nach drei Uhr nachts, als der Schlüssel sich im Türschloss drehte. Er versuchte keinen Lärm zu machen. In aller Ruhe trat er in die Dunkelheit und legte seinen Koffer ab. Dann ging er in die Küche, öffnete ganz am Ende eine Schublade, nahm eine Taschenlampe heraus, deren Batterie fast leer war, und ging in das dritte Zimmer. Dort zog er die Vorhänge ganz zu und schaltete die Lampe an. Im Kreis des ersterbenden Lichts blieb er stehen und betrachtete dieses mit einem weissen Überwurf bedeckte Etwas an der Wand: den Bücherschrank seines Vaters. Nach einer Weile zog er den Stoff weg und wirbelte dabei so viel feinen Staub auf, dass er husten musste. Die Regalbretter waren wie gewohnt mit Büchern vollgestopft. Wie Menschen, die nach Brot anstehen, drängte sich ein Buchrücken neben den anderen. Suchend wanderten seine Blicke darüber. Schwierig, inmitten dieser Menge etwas zu finden. Etwa zehn Minuten vergingen, dann sah er es zwischen zwei anderen Büchern stehen, unschuldig wie ein Kinderbuch. Langsam zog er es heraus und wischte den Staub vom Titel ab: Unterweltstexte, und darunter in kleinerer Schrift: Über die Jenseitsreise des Sonnengotts.

Taha setzte sich auf den Boden und nahm die Taschenlampe zwischen die Zähne. Er schlug die erste Seite auf. Dort stand noch einmal der Titel und darunter ein Absatz, in dem es hiess:

Diese Legende erzählt von der Unterweltsreise des Sonnengotts Re mit seiner goldenen Barke und von dem, was die ägyptischen Texte Duat nennen. Gemeint ist die zwölf Stunden währende Nachtreise der Sonne nach ihrem Untergang auf Erden und ihrem Eintritt in die Welt der Finsternis.

Taha überflog die Zeilen, dann hielt er an einem Absatz inne, den sein Vater unterstrichen hatte:

Wie traurig ist dieses Reich! Denn den Fluss in dieser Region umschlingen sechs Schlangen, und aus ihren Mäulern züngeln giftige Flammenzungen. Das ist die Stunde, die die Bösen fürchten. Denn nun erhalten sie den Lohn für ihr Werk. Keinen Retter gibt es für sie und keinen Helfer. Anubis führt sie zum Gerichtshof, wo Osiris schon auf sie wartet. Ihre Herzen, schwer von der Last, die sie tragen, versinken im Wasser. Und weiter sinken sie auf den Grund, bis sie in den Rachen der Amemet gelangen, der Fresserin der Herzen, so dass der Sünder für immer in einer Grube aus Feuer lebt …

An dieser Stelle befühlte Taha die Buchseite – und sie gab nach! Er blätterte um und fand, was er erwartet hatte: Das Buch war ausgehöhlt, und im Inneren befand sich ein rotes Heft. Ein weiteres Heft … Er nahm es heraus, legte das Buch weg und begann zu lesen.