9
Polizeirevier Dukki
Zwanzig Minuten musste er warten, bis er zu Walîd Sultân vorgelassen wurde.
»Guten Tag, Walîd Bey.«
»Willkommen, Taha. Treten Sie ein!«
Walîd drückte auf einen Knopf neben seinem Schreibtisch, und schon klopfte ein Rekrut an die Tür. In sich zusammengesunken, als hätte er etwas angestellt, kam er herein. »Sie wünschen, Euer Exzellenz?«
Walîd wandte sich an Taha: »Tee oder Kaffee? Es gibt auch Anistee, Zimttee, grünen Tee und Hibiskusblütensirup. Na?«
»Nichts, danke sehr.«
»Das geht nicht. Bring einen grünen Tee und einen Hibiskusblütensirup, mein Lieber!« Er entliess den Rekruten, der sich auf Zehenspitzen entfernte.
Das Büro war mittelgross und rechteckig. Auf einem breiten Schreibtisch befanden sich mehr als zwanzig Sorten Stifte, ein paar Akten und ein Messingschild mit eingraviertem Namen und Dienstgrad. Ausserdem gab es eine grosse Koranausgabe, einen kleinen Kühlschrank und einen Fernseher, auf dem gerade Wrestling lief.
»Sie sehen heute besser aus. Eine Zigarette?«
Taha nahm sich eine, zündete sie aber nicht an. »Ich wollte wissen, was man bis jetzt unternommen hat. Haben Sie einen Verdächtigen?«
In dem Moment klopfte ein Polizist an die Tür, ein Schrank von einem Mann. »Der Vater von Rabîa ist draussen, Euer Exzellenz. Der Vater von dem Jungen, der uns angegriffen hat.«
»Bring ihn rein! Aber warte du selbst draussen, und komm nicht dauernd zu mir reingesprungen!«
»Er wird alles Mögliche behaupten und schwören und irgendwas erzählen, Pascha.«
»Verflucht noch mal!«, schrie Walîd. »Willst du mir etwa sagen, was ich zu tun habe?«
Der Polizist hob entschuldigend die Hand und eilte hinaus.
Ein magerer, verhärmter Mann Ende siebzig trat ein. Er trug eine dünne braune Hose und ein weisses Hemd.
»Was ist, Abu Rabîa? Was noch? Will Rabîa uns nicht besuchen, oder was?«
Mit zittrigem Blick antwortete ihm der Mann: »Beim grossen Gott, Pascha, drei …«
»Sag nichts von drei, und schwöre nicht bei Gott oder beim Propheten! Solche Sachen gehören nicht aufs Revier.«
»Die sind es, bei Gott, die ihm ein Unrecht getan haben. Möge Gott Wohlgefallen an Ihnen haben, Pascha, der Polizist hat ihm den Stand umgeschmissen.«
Walîd unterbrach ihn: »Dein Sohn stand am falschen Platz. Und was hat er sich bloss dabei gedacht, auf die Polizisten loszugehen? Er hat sich ja aufgeführt, als sei er ihr Vater, und dabei war das ein Angriff auf den Staat! Hat er sich gedacht, seine Mutter, diese H…, erlaubt ihm das?«
Der Mann schluckte die Beleidigung. »Es heisst, Pascha, Rabîas Stand hätte die Strasse versperrt. Aber der Polizist fing an! Er wollte von ihm eine Brille und zwei Kassetten haben. Rabîa sagte auch nicht nein. Da verlangte er noch drei Brillen und Kassetten für die Beys, die bei ihm waren. Als Rabîa zu ihm sagte, das ist zu viel, trat er mit dem Fuss gegen den Stand und machte mehr Waren kaputt, als er vorher haben wollte. Und dann sagte er zu ihm: ›Stell dich hier nicht noch mal hin!‹ Rabîa sammelte alles vom Boden auf. Der Junge war sehr wütend, er brummte leise vor sich hin. Da fing der Polizist an, ihn zu beschimpfen. Er sagte zu ihm: ›Was brummst du da, geh doch, und f… deine Mutter!‹ Der Junge hörte die Beleidigung, und sein Blut kochte. Seine Mutter ist nämlich tot. Er schubste den Polizisten, da fielen die drei über ihn her und schlugen ihn. Er liess alles stehen und liegen und lief weg. Sie nahmen den ganzen Stand mit ins Revier, zu Euer Exzellenz. Die eine Hälfte ist ausgekippt worden, die andere haben sie kaputtgehauen. Beim grossen Gott, das ist es, was passiert ist, ich stand ja dabei.«
Walîd schlug mit der Handfläche auf den Schreibtisch, worauf der Mann zusammenfuhr. »Es interessiert mich nicht, ob du dabeistandest oder nicht. Der Junge soll hierherkommen, bevor der Tag vorbei ist! Und wenn er nicht von sich aus kommt, soll er mich kennenlernen, ich werd ihm schon zeigen, wo’s langgeht. Gott befohlen – und jetzt ab mit dir!«
Der Mann war still und sagte nichts mehr. Ein Polizist führte ihn hinaus, gleichzeitig kam ein Rekrut herein, setzte die Gläser ab und wurde von Walîd sofort wieder hinausgewinkt. Nun wandte er sich an Taha: »Stellen Sie sich das mal vor … ein Junge, der von einem Stand auf der Strasse lebt, schlägt auf drei Polizisten ein!«
»Wenn man meine Mutter beleidigen würde, täte ich noch ganz andere Sachen!«
»Die Polizisten haben sich angewöhnt, die registrierten Strassenverkäufer schlecht zu behandeln. Natürlich hab ich sie zusammengestaucht. Das sind schmutzige, hungrige Jungs, die nie satt werden. Und ihr Gehalt ist auch kaum der Rede wert. Was sollen sie machen? Jeder von ihnen hat einen Haufen Kinder am Hals.«
»Aber es ging doch um Brillen und Kassetten, also um Luxusartikel. Nicht um Öl und Butterschmalz!«
»Und wennschon, darauf kommt es nicht an. Das Revier verliert sein Ansehen, wenn ein Kerl die Polizisten zum Gespött der ganzen Strasse macht. Dann nehmen die Leute die Polizei nicht mehr ernst, und jeder Einzelne trägt die Nase hoch. Wenn man sie nicht von Zeit zu Zeit ein bisschen zurechtstutzt, machen sie uns Probleme. Wenn man aber einem Kerl wie dem Manieren beibringt, erzählt er allen seinen Kollegen davon. Und darauf kommt es an! – Doch zurück zu unserem Thema.«
Er durchsuchte die Akten, die auf seinem Schreibtisch lagen. Schliesslich zog er eine heraus, die mit »3065, Strafsachen« beschriftet war, und schlug sie auf.
»Bei Gott! Ihr Fall, Taha, hat unsere ganze Direktion auf den Kopf gestellt. Der Direktor der Staatssicherheit selbst hat schon danach gefragt. Die Rechtsmediziner haben die Wohnung untersucht, aber ausser von Ihnen und Ihrem Vater gibt es keine Fingerabdrücke. Der Täter hat vorher angeklopft, es gibt keine Zeichen von Gewalteinwirkung an der Tür, sie ist vollkommen unversehrt. Ihr Vater muss den Täter gekannt haben.«
»Vater hat jedem aufgemacht. Er konnte ja nicht durch den Türspion gucken.«
»Die Sache ist die: Gleich als Ihr Vater die Tür öffnete, bekam er einen Schlag ab. Wir haben Blut am Türrahmen entdeckt. Der Täter schlug ihn mit einer Brechstange oder Ähnlichem nieder. Und er trug Einmalhandschuhe, auf dem Rollstuhlgriff haben wir Spuren von Puder gefunden. Das heisst, der Täter hatte die Aktion geplant. Er schob Ihren Vater bis in sein Zimmer und durchsuchte dann die ganze Wohnung. Weil er aber nichts fand, nahm er nur ein paar kleine, wertlose Gegenstände mit. Das habe ich erfahren, als ich Ihre Tante vernommen habe. Dann zog er sich zurück und wartete, vielleicht zwei Stunden. Wir wissen nicht, ob Ihr Vater zu dieser Zeit bewusstlos war oder nicht. Der Täter rauchte Zigaretten, und bevor er ging, sammelte er die Stummel wieder ein. Es lag Asche auf dem Boden.«
In Tahas Augen glitzerten die Tränen. »Das heisst, mein Vater hat die ganze Zeit noch gelebt?«
»Ich glaube, ja. Vielleicht haben sie sich sogar unterhalten. Nach einer Weile, aber bevor zwei Stunden vorbei waren, versetzte er ihm einen zweiten Schlag, der Ihren Vater von rechts traf.«
»Der Täter ist also Linkshänder.«
Walîd lächelte. »Bravo! Woher wissen Sie das?«
»Ich sehe mir ausländische Filme an.«
»Dieser Schlag führte zum Tode, wie Sie verstehen werden. Und dummerweise kamen Sie gerade im selben Moment nach Hause.«
Taha konnte sich nicht mehr beherrschen. Jedes Wort aus Walîd Sultâns Mund war wie eine Messerklinge, die ihm ins Herz fuhr.
Aber der Kommissar sprach weiter: »Der Täter versteckte sich im Bad. Und als Sie reinkamen, schlug er Sie nieder. Die starke Blutung täuschte ihn, er dachte, es wäre vorbei mit Ihnen. Und deshalb machte er, dass er wegkam. Danach erhielten wir die Meldung.«
Taha versuchte, sich zusammenzureissen. »Und dann?«
»Wie ich erfahren habe, hatten Sie zwei Tage vor dem Vorfall Anzeige erstattet, dass Service in der Apotheke randaliert hätte. Stimmt das?«
»Das stimmt.«
»Der Junge, der bei Ihnen arbeitet, ist zu uns gekommen und hat die Sache mit der Scheibe bestätigt. Er sagte allerdings, er habe nicht gesehen, dass Service sonst noch etwas kaputtgemacht habe.«
»Aber ich hab ihn gesehen«, fiel Taha ihm ins Wort.
»Wie dem auch sei, das ist kein Motiv. Selbst vor Gericht würde der Verteidiger darauf plädieren, dass der Tatbestand nicht schlüssig ist.«
»Aber er stand da und lachte! Und sonst war ja niemand auf der Strasse. Er hat das gemacht, weil ich ihm die Präparate nicht geben wollte, die auf der Betäubungsmittelliste stehen.«
Walîd lächelte kalt. »Ich habe Service hierhergeholt. Er hat ausgesagt, ungefähr zur Zeit des Verbrechens sei er mit jemandem zusammen gewesen. Wir fragten nach und konnten bestätigen, dass er die Wahrheit sagt. Trotzdem behielt ich ihn im Revier, bis ich wusste, dass nichts in der Wohnung auf ihn hinweist. Mich lügt Service nie an. Er weiss, dass sein Leben in meiner Hand liegt.«
»Aber würde er auch bei einem Mord die Wahrheit sagen? Mein Vater und ich waren immer für uns, wissen Sie. Wir hatten weder Feinde noch Freunde, nicht mal Verwandte. Das ist das erste Mal, dass ich mit jemandem ein Problem habe. Mein Leben lang hab ich mich nicht geprügelt und niemandem was getan. Aber Service hab ich angezeigt! Und als ich ihn danach auf der Strasse getroffen habe, hat er so gemacht« – Taha imitierte Service’ anzügliche Geste.
»Ein Typ wie der geht vielleicht mit dem Klappmesser auf Sie los und verletzt Sie. Das wollte er ihnen offenbar andeuten. Aber ein Mord ist eine Nummer zu gross für Service, so was macht er nicht. Ihr Fall ist schwierig, Taha, es gibt kein Tatwerkzeug und kein Motiv, der Türhüter hat nichts gesehen, und registrierte Fingerabdrücke gibt es auch nicht. Die Sache wird dauern. Aber seien Sie unbesorgt, ich spanne das ganze Revier ein. Auch der Direktor der Staatssicherheit geht der Sache nach. Ihr Glück, dass Sie genau gegenüber von Machrûs Bergas wohnen!«
»Und wenn ich das nicht täte?«
»Worauf wollen Sie hinaus, Taha?«
»Nur weil Service mit einem Freund zusammen war, soll er unschuldig sein. Dabei ist der doch sicher genau so ein Junkie wie er selbst und deckt ihn bloss.«
Walîd seufzte ärgerlich. »Dieser Freund wird mich wohl nicht reinlegen. Reden Sie keinen Quatsch, Sie wissen ja gar nicht, von wem Sie sprechen!«
»Wer ist es denn?«
»Machrûs Bergas.«
»Und was hat der mit Service zu schaffen?«
»Service hatte in der Nacht in Muhandissîn einen Termin mit ihm, um sich für einen Platz im Wohnheim für Jugendliche zu bewerben. Das war ungefähr zur Zeit des Überfalls.«
»Und das beweist, dass Service nichts getan hat?«
»Trinken Sie Ihren Tee!«
Taha schwieg und schnappte nach Luft. Er nahm sich ein Glas Wasser vom Tablett und führte es zum Mund – aber seine Finger begannen zu zittern, so dass ihm das Glas zwischen die Füsse fiel und zersprang.
»Macht nichts«, sagte Walîd. Er drückte auf den kleinen Knopf, und ein Rekrut klopfte, kam herein, bückte sich und sammelte die Scherben ein. Walîd zündete sich währenddessen eine neue Zigarette an. »Sehen Sie, Sie sind ein anständiger junger Mann, aber sehr naiv. Sie kennen nur Ihre Firma und Ihre Apotheke, das ist schon Ihr ganzes Leben. Aber die Welt um Sie herum ist viel grösser, Taha. Um Parlamentsabgeordneter zu werden, brauchen Sie, einfach gesagt, zwei Dinge: Geld, auf das Sie verzichten können, und jemanden, der Ihre Interessen vertritt, der Stimmen sammelt, die Leute aufrüttelt, Geschenke verteilt – und der, wenn nötig, auch zuschlägt. Genau so einer ist Service für Machrûs Bergas. Deshalb hat er auch den Direktor der Staatssicherheit angerufen und ihm Anweisungen erteilt. Wenn er aber das Gefühl haben sollte, dieser Bursche könnte ihm gefährlich werden, wäre er der Erste, der ihn fallen lässt. Er wird sich wegen solch eines Kerls nicht in Verdacht bringen, es sei denn, er ist sicher, dass an der Sache nichts dran ist. Nehmen Sie es nicht persönlich!«
Taha schwieg, ihm fehlten die Worte.
Walîd Sultâns Antworten kamen wie aus der Pistole geschossen: »Der Fall ist schwierig, Taha. Ihr Vater hat ja auch wegen seines Gesundheitszustands keinen Widerstand geleistet. Man brauchte ihn kaum anzufassen, sonst hätten wir irgendwas gefunden. Wenn das Opfer Widerstand leistet, findet man meist noch DNA-Spuren des Täters an seiner Haut.«
»Aber ich sage Ihnen doch, Service hat mich auf der Strasse bedroht. Und sonst niemand.«
»Das reicht nicht.«
Taha war sehr aufgebracht. »Ich sage Ihnen auch, ich bin mit niemandem verfeindet.«
Walîd klopfte in regelmässigem Takt mit dem Feuerzeug auf den Schreibtisch. »Das ist unsere Sache. Der Einbrecher ist gekommen, um zu stehlen. Die Begleitumstände zeigen das.«
»Mir scheint, Sie wollen andeuten, dass der Fall abgeschlossen ist?«
»Gerade bei Mordfällen gibt es oft die verschiedensten Mutmassungen. Aber schliesslich geht es dabei um ein Menschenleben, das ist kein Spiel. Sie können die Sache ruhig uns überlassen, wir lösen sie nach bestem Wissen und Gewissen.«
»Was ist das für ein Gesetz, das einen Mörder frei herumlaufen lässt, nur weil jemand, der Immunität geniesst, behauptet, er habe ihn getroffen? Was ist der denn? Ein Prophet? Kann es nicht sein, dass er einfach lügt?«
Walîd war mit seiner Geduld am Ende. »Ich achte Ihre Gefühle, Taha. Aber bei solchen Fällen kommt man mit guten Vorsätzen nicht weiter. Die können Sie in der Moschee fassen, wenn Sie dort beten. Bei Verbrechen aber muss man sich an bestimmte Bedingungen halten, um jemanden festzunehmen, nämlich an das Gesetz! Das heisst, um sagen zu können: Der war’s!, brauche ich ein Motiv, eine Tatwaffe, Fingerabdrücke und Zeugen. Und Service hat ein Alibi beigebracht. Wenn Ihnen das Gesetz nicht zusagt, lösen Sie den Fall doch selbst!«
»Ich wünschte, ich könnte.«
Walîd lehnte sich in seinem Ledersessel zurück. »Ich hab kein Interesse daran, dass dieser Fall nicht vorankommt oder zu den Akten gelegt wird. Ein ungelöster Fall ist so, als wäre mir ein Bissen im Hals steckengeblieben. Aber wenn Sie jetzt bitte gehen möchten! Wenn es was Neues gibt, rufe ich Sie an.«
Das war ein klarer Rausschmiss. Walîd griff nach dem Telefonhörer und widmete sich ganz irgendeinem sinnlosen Anruf.
Taha stand auf und sah ihn missbilligend an. »Sie erlauben.«
Walîd, ganz mit dem Telefonat beschäftigt, winkte nur matt mit der Hand, und Taha zog sich leise zurück.
Bis die Beileidsbesuche abnahmen, dauerte es drei Wochen. Zuletzt kam, schon zum zweiten Mal seit der Trauerfeier, eine Abordnung aus al-Scharkîja im Nordosten des Nildeltas, um Taha ein Mädchen der Familie zur Heirat anzubieten. »Dann hast du eine, die für dich kocht und wäscht. Ein einfaches, sauberes Mädchen, das sich noch nirgendwo rumgetrieben hat. Und beschnitten ist sie auch! Ein frischer Teig, den du formen kannst, wie du willst.« Höflich entzog er sich ihrem Angebot, indem er ihnen versprach, seine Papiere in Ordnung zu bringen und die Tatsache, dass sie beschnitten war, ebenfalls zu berücksichtigen.
Seine Tante hatte nach zwei Wochen nach Hause zurückkehren müssen. Sie konnte nicht länger fortbleiben, denn sie hatte die Kinder ihrer Töchter zu betreuen, bis die von der Arbeit heimkamen. Es tat ihr leid, gehen zu müssen, sie hatte Taha aber versprochen, öfter mal vorbeizuschauen, um den Kühlschrank eigenhändig wieder aufzufüllen.
Mit der Zeit blieb auch der Polizeischutz im Hauseingang aus. Nur abends kam noch für zwei Stunden ein Kriminalpolizist, setzte sich auf einen Stuhl, trank Tee und haute eine Packung Cleopatra-Zigaretten weg. Dann verschwand er wieder bis zum nächsten Tag.
Im Spiegel konnte Taha beobachten, wie seine Verletzungen langsam heilten, wie die Schwellung über dem Auge allmählich zurückging und nur eine kleine Narbe als Erinnerung übrig blieb. Sein Kopf war noch immer kahl geschoren, denn um sein Haar konnte er sich jetzt nicht kümmern. Nur die Symptome, die ganz unvermittelt zuweilen auftraten, störten ihn. Manchmal, wenn er nach etwas griff, gehorchte ihm seine linke Hand nicht. Plötzlich zitterte er und liess den Gegenstand fallen. Und sein Gedächtnis war so löchrig wie ein Sieb. Einzelheiten wie Orte und Personen vergass er oft einfach. Um ganz alltägliche Dinge zu erledigen, musste er sie wie Hausaufgaben im Terminplaner seines Handys abspeichern. Ein Klingeln erinnerte ihn dann daran, den Klempner anzurufen, weil irgendwo ein Wasserrohr leckte, eine neue 25er-Prepaidkarte zu kaufen oder seine tägliche Medikamentendosis zu nehmen. Darauf legte er grossen Wert. Der Neurologe hatte ihm noch weitere mögliche Komplikationen aufgezählt: »Sie leiden an einer Nervenkontrollstörung, Taha, und an Krämpfen. Es kann auch zu Halluzinationen kommen, aber das ist selten. Gegen Ihre Migräne verschreibe ich Ihnen Migranil. Nehmen Sie zusätzlich zwei Stegron am Tag, und halten Sie sich von Stress und Problemen fern. Ich sehe Sie wieder.«
An Medikamente zu kommen war für Taha nicht schwierig. Sein Vorrat im Schrank reichte für Monate, vor allem, was das Mittel gegen die Migräne betraf, die ihn auf Schritt und Tritt begleitete. Er war schweigsam geworden. Selbst die Freunde aus der Clique waren ihm fremd. Wie bei einem kaputten Stuhl, auf den sich vorsichtshalber niemand mehr setzte, gingen sie auf Abstand zu ihm. Wenn sie stundenlang voller Begeisterung auf der Playstation FIFA spielten, dröhnte ihr Gebrüll in seinem Kopf wie die Triebwerke eines Frachtflugzeugs. Keiner von ihnen fragte, wie es ihm ging. Sie hielten sich von ihm fern, als wäre er zehn Jahre älter als sie. Er langweilte sie, und sie langweilten ihn. Er ging ihnen aus dem Weg, zog sich von ihnen zurück, und sie bemerkten es nicht einmal. Nur Jassir war noch übrig, der Gefangene des Cafés al-Nil. Immer, wenn es Taha schlechtging, flüchtete er sich zu ihm. Jassir hatte immer ein offenes Ohr für ihn.
Trotzdem suchte er auch zweimal Walîd Sultân auf. Allerdings kam dabei nichts Nennenswertes heraus. Beim dritten Mal konnte er ihn gar nicht sprechen. Nachdem er zwei Stunden auf ihn gewartet hatte, ging er wieder. Kurz darauf stand er vor der Apotheke plötzlich Service gegenüber. Die Faust in der Tasche geballt, sah er zu, wie dieser sich mit einem Taschenmesser, das er geschickt wie ein Cowboy direkt vor Tahas Nase aufgeklappt hatte, zwischen den Zähnen stocherte. Grinsend liess Service es durch die Finger gleiten, dann klappte er es mit einem Laut, der Taha bedenklich stimmte, wieder zu.
Als er wieder zu Hause war, rief seine Tante an, um ihn an etwas zu erinnern. Sie wollte das Unglück bekämpfen, das sein Gedächtnis zerfrass wie eine Raupe zur Erntezeit. »Wie geht’s dir, mein Schatz? Gut? Isst du auch genug? Ich hab ein Blech Nusspastetchen für dich gemacht, da wird dir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Ausserdem möchte ich dich daran erinnern, Schatz, dass du bei den Nachbarn im Vierten vorbeigehst, um dich bei ihnen zu bedanken. Das muss sein. Wie sehen wir denn vor den Leuten aus, wenn du immer nur jaja sagst und es dann vergisst? Und gib acht, dass du auch wirklich gut isst! Und lass das Rauchen! In Ordnung, Schatz, mach’s gut.«