21
Am selben Abend
»Meine Damen, Fräulein und Herren, zum Ende meiner Ansprache habe ich nun das Vergnügen, eine liebe Kollegin ans Rednerpult zu rufen. Eine Dame, die in vorbildlicher Weise dazu beigetragen hat, die Arbeit des Clubs voranzutreiben und die Ziele im Auge zu behalten, die uns allen so sehr am Herzen liegen. Dabei hat sie der Gesellschaft wertvolle Dienste geleistet und auch im Hinblick auf die Förderung der Frau auf allen Ebenen eine führende Rolle gespielt. Wir hören die Rede von Frau Buschra Sîra!«
Rauschender Beifall hallte durch den Kleopatra-Saal des Semiramis-Hotels. Zwischen den Tischen hindurch schritt Buschra Sîra hinauf aufs Podium. In ihrem rückenfreien purpurroten Kleid und mit ihrem Hinterteil, für das sie einen Waffenschein gebraucht hätte, wurde sie von den Augen des Publikums regelrecht verschlungen. Als sie mit dem wiegenden Gang eines Mannequins zum Mikrofon stöckelte, klapperten ihre hochhackigen Schuhe über den Marmorfussboden. Sie schob sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die ihr vor die langen Wimpern gefallen war, griff nach ihrem Manuskript, und mit einem Lächeln, das ihre ebenmässigen Zähne entblösste, begann sie vorzutragen: »Verehrtes Publikum, ich kann gar nicht beschreiben, wie glücklich ich bin, Sie heute hier zu sehen. Der heutige Tag ist die Krönung unserer jahrelangen Bemühungen, die Beteiligung der Frau an der gesellschaftlichen Entwicklung voranzutreiben. Ich erinnere mich noch, wie ich im Jahre 1984 der Gesellschaft als Gründungsmitglied beigetreten bin. Ich erinnere mich auch an unser allererstes Projekt. Es hatte zum Ziel, der Prostitution junger Mädchen ein Ende zu setzen. Damals fragte ich mich: Was sind die Gründe für dieses Phänomen? Unwissenheit? Oder Armut? Im Laufe der Jahre sah ich klarer und fand heraus: Die gravierendsten Gründe waren Verbote und Repressionen. Keine Gesellschaft kann den von ihr beschworenen Aufschwung und Fortschritt erzielen, solange mehr als achtzig Prozent der jungen Leute unter Isolation und fehlender sexueller Befriedigung leiden und durch extremistische religiöse Tabus und Denktraditionen an der Teilhabe gehindert werden. Heute stehen wir an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter, einem Zeitalter der Öffnung und der Befreiung, einem Zeitalter, in dem die Verbote auf dem Rückzug sind, denn sie prallen nun auf Freiheit, Offenheit, Toleranz und ein breiteres Verständnis für unsere Probleme …«
Als sie zwischen zwei Sätzen einmal aufblickte, sah sie ihn am Ende des Saals stehen. Mit verschmitztem Lächeln lehnte er an der Tür. Sieben Minuten noch, dann war ihre Rede beendet.
»… in dem freiheitlichen Klima, das wir erleben, werden wir uns zu einem verständnisvolleren und helleren Morgen aufmachen. Vielen Dank!«
Mit einem breiten Lächeln für die Menge stieg sie vom Podium und verliess den Saal. Als sie zu ihm trat, blies er gerade den Rauch seiner Zigarette in die Luft und blickte aus dem Fenster auf den Nil. Ohne etwas zu sagen, nahm sie ihm die Zigarette aus der Hand, zog daran und hinterliess dabei rote Spuren auf dem Filter. Dann blies sie den Rauch zur Decke.
»Was für eine Überraschung! Sie hier zu sehen, hätte ich nicht erwartet.«
Lächelnd drehte er sich zu ihr. »Immer noch im Dienst der Gesellschaft?«
»Und Sie? Noch immer die Kraft, Witze zu machen?«
»Ich brauche Sie für etwas. Für einen Gefallen unter alten Freunden.«
»Nicht hier!«
Sie sah ihm tief in die Augen, dann steckte sie die Zigarette in einen mit Sand gefüllten Aschenbecher. »Ich habe zu tun.«
»Ich werde warten, bis Sie fertig sind«, sagte er.
Sie liess ihn stehen und kehrte in den Saal zurück, um sich wieder unter die eleganten Anzüge und prächtigen Kleider zu mischen. Die Feier begann mit einem Essen für die Konferenzteilnehmer, und allein, was dabei übrig blieb, hätte ein ganzes Dorf satt machen können. Es folgte die Ehrung der Protagonisten einer Ramadan-Fernsehserie und einiger Sänger, denen man kunststoffbeschichtete Plaketten und formelle Schmeicheleien angedeihen liess. Der nächste Programmpunkt war die berühmte Bauchtänzerin Muhga, deren Musikbegleitung jedoch im Lachen und Gläserklirren unterging. Schliesslich ebbte der Lärm allmählich ab, und die Feier klang aus.
Buschra stöckelte hinaus und blickte sich suchend nach ihm um, fand ihn aber nicht. Seufzend trat sie in den Aufzug, fuhr in die Eingangshalle hinab und ging zu ihrem Oberklasse-Chrysler. Als sie die Autotür öffnete, sah sie Walîd im Wagen sitzen und auf sie warten. Durch den Rückspiegel blickte sie in das Gesicht des Chauffeurs. Um ihr ein Zeichen zu geben, schüttelte er den Kopf. Sie verstand sofort, was er meinte.
»Abb Asîm ist ein höflicher Mann«, sagte Walîd. »Er hat darauf bestanden, dass ich hier auf Sie warte statt draussen neben dem Auto.«
Zähneknirschend stieg sie ein.
Walîd richtete das Wort an den Fahrer: »Bring uns zum Cairo Gate an der Wüstenstrasse!«
Der Mann sah Buschra an, und sie nickte ihm zu. Bei der genannten Mall hielt das Auto gegenüber den berühmten Geschäften. Walîd nahm fünfzig Pfund aus dem Portemonnaie und steckte sie dem Fahrer in die Tasche. »Rauch eine Schischa, Abb Asîm, und mach es dir gemütlich, bis wir dich wieder rufen!«
Der Chauffeur sah zu Buschra, die ihm aufmunternd zunickte. Er stieg aus, und nun waren sie und Walîd hinter den dunklen Autoscheiben unter sich.
»Wie steht’s?«, fragte er.
»Ich bin aus freien Stücken hier …«, sagte sie.
»Ja, nur aus einer Laune heraus.«
»Kommen Sie zum Thema!«
»Von meinem Prozess haben Sie wohl gehört?«
»Von der sexuellen Korruption?«
»Sie wissen, wovon ich rede.«
Buschra schlug die Beine übereinander und sah ihn verwundert an. »Was soll das heissen?«
Walîds Augen betrachteten ihre hellen Oberschenkel, dann sagte er: »Normalerweise würde ich das, was geschehen ist, als Geschäftsbereinigung betrachten.«
»Wovon sprechen Sie? Ich verstehe nicht.«
Er beugte sich vor und legte ihr die Hand um die Taille. »Buschra, glauben Sie mir, ich nehme die Sache nicht persönlich, im Ernst. Als ich es mit Papier und Bleistift nachgerechnet habe, bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass Sie bei allem, was Sie taten, im Recht waren.«
Sie konnte ihm nicht direkt in die Augen blicken und beobachtete deshalb sein Gesicht im Rückspiegel, während er weitersprach.
»Jeder an Ihrer Stelle hätte dasselbe getan. Ich bin schuld am Tod eines der besten Pferde in Ihrem Stall, eines Pferdes, das ein unverzichtbares Bindeglied zwischen Ihnen und einem VIP war. Einem VIP, dessen Geheimnis ich gelüftet, den ich rüde behandelt und gezwungen habe, seinen Geliebten, der ihn so glücklich gemacht hatte, umzubringen. Kein Wunder, dass Sie mir eine Anklage angehängt haben. Und da sie von Ihnen kam, musste sie natürlich sexueller Natur sein. Ich seh das schon alles ein, ungelogen. Das Mädchen sieht nicht schlecht aus und ist ein Flittchen. Und ihren Ehemann kann sie nicht ausstehen. So ist sie meine Beute geworden.« Buschra schluckte nervös, und Walîd fuhr fort: »Ich bin nicht gekommen, um Ihnen Vorwürfe zu machen oder zu drohen. Es war ein gelungenes Manöver. Ich hatte ja eine Reaktion von Ihnen oder vom Bey, der um seinen Ruf fürchtet, erwartet. Aber damit, dass Sie mich auf die Strasse gesetzt haben, sind Sie viiiel zu weit gegangen!«
Sie versuchte sich zusammenzureissen. »Nun wollen Sie mir also doch drohen!«
»Überhaupt nicht. Ich bin nur gekommen, um Ihnen ein paar Punkte zu erklären, die Ihnen entgangen sind, Buschra. Ohne Sie ärgern zu wollen: Letzten Endes sind Sie eine Hure. Eine schicke zwar, aber Ihr Wissen wird mit der Zeit zu gefährlich. Vor allem für eine Person in der Öffentlichkeit, die nicht möchte, dass ihre schmutzige Wäsche vor andern Leuten gewaschen wird. Wenn Hâni Bergas sich in irgendeiner Weise bedroht fühlt, wird er nicht zögern, sich Ihrer zu entledigen. Das scheint er mir mit Karîm sehr deutlich demonstriert zu haben. Und beim nächsten Mal sind Sie an der Reihe! Das ist ein Mann, dessen Erfolg auf seinem Ruf gründet. Jemand wie Sie rückt ihn in ein schlechtes Licht.« Walîd beobachtete, wie ihre Gesichtszüge entgleisten, ihre Blicke ihm auswichen und ihre Augen sich weiteten, und fuhr mit seiner Analyse fort: »Einen Fehler haben Sie schon begangen. Gehen müssen Sie so oder so, das ist nur noch eine Frage der Zeit. Die Fehler müssen ja gar nicht schwerwiegend sein. Gerade bei so schmutzigen Angelegenheiten … Ihre Todesmeldung in einer Tageszeitung braucht nicht mehr als fünf Zeilen. All Ihre Beziehungen werden Ihnen dann nichts mehr nutzen. Nun, bestehen Sie immer noch darauf, dass ich derjenige bin, der Ihnen droht?«
»Worauf wollen Sie hinaus?«
»Ich will nicht am Tod einer weiteren Person schuld sein. Führen wir unsere Interessen doch zusammen!« Verdutzt sah Buschra ihn an, und er fragte: »Haben Sie noch immer mit Hâni Bergas zu tun?«
»Und wenn?«
Er kam ihr so nahe, dass er ihren Atem spürte. »Die Abmachung sieht folgendermassen aus: Sie werden mir ein paar Fragen beantworten. Und dafür verspreche ich Ihnen, Sie aus allem rauszuhalten.«
Mit weit aufgerissenen Augen überlegte sie. Er schwieg, um seine Worte wirken zu lassen. Sie trommelte mit den Fingernägeln gegen die Scheibe, zündete sich eine Zigarette an, löschte sie wieder und drehte sich zu Walîd. »Was wollen Sie wissen?«
»Sie haben mich noch nie enttäuscht«, sagte er lächelnd.
*
Vier Tage später
Der Platz war wieder zur Ruhe gekommen, und die Leute begannen, die vier Finger und den Zettel zu kommentieren: »Jetzt schlagen die Kerle sich schon gegenseitig die Köpfe ein.« – »Hoffentlich ist der Platz jetzt wieder sauber, zum Kuckuck.« – »Gedankt sei der Hand, die dem die Hand abgeschnitten hat, das war so ein Dreckskerl.« Auf den Gesichtern lag allgemein ein Gefühl der Genugtuung, der Sicherheit und der Erwartung.
In der Pharmafirma war Taha inzwischen zu einem Zombie geworden. Sein Leistungstief glich er aus, indem er eine grosse Menge Waren »verbrannte«, das heisst sie an bestimmte Drogerien verkaufte. Sein direkter Vorgesetzter wagte nicht, Tahas Zustand zur Sprache zu bringen. Er sah zu schlimm aus, als dass man ihm hätte ins Gewissen reden können. Seine düstere Miene, sein aufbrausendes Wesen und dann noch die Wunden unbekannten Ursprungs – dies alles bewirkte, dass man ihm mit einer Art Scheu begegnete. Selbst die Ärzte, die mit ihm arbeiteten, begannen ihm zu schmeicheln, kaum dass er hereinkam. Er war wie ein zum Tode Verurteilter, er hatte nichts mehr zu verlieren. Selbst Sara ging er aus dem Weg, seit Walîd Sultân diese Glut in ihm angefacht hatte, die Glut des Zweifels. Sie versengte ihn mit Rauch und Hitze, trotz der ganzen Beruhigungspillen, die er schluckte und die schon ein Teil seiner selbst geworden waren. Seine Phantasien von ihr allerdings verfolgten ihn. Als wäre sie an seine Lider gekettet, hatte er sie vor Augen, sobald er aufwachte und wenn er einschlief, falls er denn einschlief. Eines Tages wartete er sogar im Stadtzentrum, vor dem Redaktionssitz, auf sie. Während er die Tür des Gebäudes nicht aus den Augen liess, trugen seine Gedanken ihn fort wie ein reissender Strom einen Baumstamm. Seine Mutter fiel ihm wieder ein. Irgendetwas in ihm begann zu brodeln, ihn zu bedrücken. Warum hat sie nicht abgewartet? Warum hat sie nicht durchgehalten?, schrie es in ihm. Ihr Unterleib war ihr wichtiger als du!
Plötzlich wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als Sara aus der Tür trat. Er hatte in einiger Entfernung auf sie gewartet, um sie sehen und vielleicht beobachten zu können. Schnellen Schritts kam sie heraus und sprach dabei in ihr Handy. Er wollte schon auf sie zugehen, aber irgendetwas hielt ihn zurück. Vorsichtig folgte er ihr bis in die Huda-Schaarâwi-Strasse. Sara trat in ein altes Gebäude mit Kuppeldach neben der Commercial International Bank und fuhr mit dem Aufzug nach oben. Taha wusste nicht, was er tun sollte. Aber der Dämon verlangte sein Recht. Nach einigen quälend langen Minuten folgte er ihr in das Haus.
Plötzlich tauchte wie aus dem Nichts der Türhüter auf. »Wohin bitte, mein Herr?«
»Zu Doktor … Achmad.«
»Achmad und wie weiter?«
Taha suchte mit den Augen die Messingschilder ab, bis er ein passendes fand. »Doktor Achmad Muhanna, Spezialist für …«
»Erster Stock, auf der rechten Seite.«
Taha lächelte und trat in den Aufzug. Aber der Türhüter sagte: »Nein, Herr Baschmuhandis, gehen Sie zu Fuss! Im ersten hält der Lift nicht.«
Das Gebäude hatte sechs Stockwerke. Es war nicht leicht, herauszufinden, in welche Wohnung Sara gegangen sein mochte. Taha irrte umher, bis sich neben ihm eine Tür öffnete, aus der eine ältere Dame trat. Sie warf ihm einen Blick zu, der ihn in Verlegenheit brachte, und zwar umso mehr, als er sich tatsächlich ziemlich verdächtig benahm. Also ging er die Treppe wieder hinunter, trat auf die Strasse und begnügte sich damit zu warten.
Die Zeit verging nur langsam. Taha bekam Hunger und kaufte sich ein Lebersandwich von einem Wagen, um den sogar die Tetanuserreger einen Bogen machten. Als er wieder auf seine Uhr schaute, stellte er fest, dass der grosse Zeiger schon drei Umdrehungen absolviert hatte – da sah er sie vor der Tür stehen. Sie war nicht allein, bei ihr war ein sonderbarer junger Mann in schwarzem T-Shirt, mit drei Glücksarmbändern um die Hand, einem kleinen Ring in der Augenbraue und einem abgenutzten Rucksack über der Schulter. Rasch versteckte sich Taha, bis sie in die Kasr-al-Nil-Strasse einbogen. Dann lief er ihnen hinterher bis zum Hotel Odeon neben dem gleichnamigen Kino. In diesem Haus mit den drei Sternen neben der Tür verschwanden sie. Taha wartete kurz, dann folgte er ihnen. Bis auf einen dicken Mann in einem Sessel war die Eingangshalle leer. Taha grüsste ihn und sah sich suchend um, bis er die Stockwerksanzeige des Aufzugs sah, auf der die Zehn aufleuchtete. Er drückte auf den Knopf, und der enge Holzkasten kam zu ihm herunter. Im Inneren roch es stark und unangenehm, offenbar hatte jemand den Weg zur Toilette nicht gefunden. Er wählte die zehnte Etage und hielt den Atem an, bis er wieder ausstieg.
Die Beleuchtung war gedämpft, die Einrichtung im Stil der Siebziger. In tiefen Sesseln versunken sassen junge Leute und flüsterten miteinander, und Muhammad Munîr sang: »Ich ging mit dir bis zum Ende. War für dich der Anfang schon Ende? Deine Augen zogen mich in einen Traum, der nicht hielt.« Taha liess seinen Blick über die Gesichter der Gäste wandern. Schliesslich entdeckte er die beiden auf der Terrasse, die zur Strasse hinaus lag. Sie sassen unter einem Sonnenschirm, der an der Mauer befestigt war und das Logo von Stella-Bier trug. Sara zündete sich gerade eine Zigarette an, drückte dabei ihre Brüste gegen den Tisch und lauschte einer offensichtlich amüsanten Unterhaltung. Seine Füsse trugen ihn in ihre Richtung.
»Guten Abend, Sie sind allein?« Das war der korpulente Kellner, der den Gast platzieren wollte.
Taha zeigte mit der Hand auf einen Tisch hinter Saras Rücken. »Geht es hier?«
»Bitte sehr. Was möchten Sie trinken?«
Mit seinem Anzug und dem Köfferchen, das er nun zwischen seinen Füssen abstellte, wirkte er unter den Anwesenden wie von einem anderen Stern.
Sara schien in das Gespräch vertieft zu sein. Sie drehte sich ihre Haarsträhnen um die Finger und wippte mit dem Fuss. Dann lachte sie und schlug ihre Handfläche gegen die ihres Begleiters. Eine halbe Stunde lang beobachtete Taha die beiden, vor sich sein Glas Limonensaft, das langsam schal wurde. Plötzlich stand sie auf und sagte: »Ich geh mal zur Toilette.« Schnell rutschte Taha mit seinem Sessel zurück. Aber der blieb irgendwo hängen, neigte sich zur Seite und fiel um. Dabei machte er einen solchen Lärm, dass alle Köpfe sich in seine Richtung drehten. Der erste war Saras. Taha stand auf, klopfte den Staub von seinem Anzug und versuchte, unter dem leisen Lachen der Anwesenden die Reste seiner Würde aufzusammeln. Der Schweiss lief ihm über die Stirn.
Sofort kam Sara heran. »Taha! Seit wann sitzt du denn schon hier?«
Er strich sich über den Kopf und sah ihr in die Augen. »Seit kurzem.«
Sie wirkte ziemlich durcheinander. »Und was machst du hier?«
Er nahm seinen Koffer, zog sein Portemonnaie heraus und legte zehn Pfund auf den Tisch. »Nichts«, sagte er und ging.
Sie folgte ihm bis zum Aufzug. »Können wir eine Minute reden?«
Er wandte sich zu ihr um und verzog dabei die Lippen zu einem gezwungenen Lächeln. »Weisst du es?«
»Was denn, Taha?«
Muhammad Munîr unterbrach sie: »Ja, so leid bin ich es. So lange hab ich gewartet. Bin müde geworden, als ich meine Gefühle für deine Augen versteckte.«
Grinsend sah Taha hinauf zu den Lautsprechern unter der Decke und trat dann wieder in den übelriechenden Fahrstuhl. Am Abend hatte Taha seine letzte Runde durch die Arztpraxen hinter sich gebracht, während deren Sara ihn zwanzigmal vergeblich angerufen hatte. Dann war er nach Hause gegangen und stand gerade unter einer kalten Dusche, durch die er sich ein bisschen zu entspannen versuchte, als es an der Tür schellte. Mit einem Handtuch um die Lenden ging er zur Tür, in der Rechten einen Knüttel, den er einem Hausierer bei dessen letztem Besuch abgekauft hatte. Er blickte durch den Spion und sah Sara vor Nervosität zitternd warten. Nach kurzem Zögern öffnete er ihr.
»Ja?«
»Warum gehst du nicht ans Handy?«, fragte sie und stiess die Tür mit der Hand auf. »Ist Jassir hier?«
»Nein.«
Sie kam herein und warf ihre Handtasche auf den Tisch. Dann liess sie sich auf das zerfetzte Sofa fallen, zog die Schuhe aus und winkelte das rechte Bein unter sich an, um bequem zu sitzen. »Hast du gerade geduscht?«
»Was willst du?«
Sie zündete sich eine Zigarette an. »Können wir reden?«
»Bitte sehr, rede!«
»Kannst du dich neben mich setzen?«
Taha stöhnte auf: »Ich fühle mich ganz wohl hier.«
»Sei nicht so misstrauisch!«
»Ich zieh mir nur schnell was an und komm dann wieder«, gab er sich geschlagen.
Er ging in sein Zimmer und wühlte in dem ganzen Plunder dort, bis er auf gebügelte Wäsche stiess. Als er das Handtuch abgelegt hatte und dabei war, die Hose anzuziehen, spürte er einen leichten Luftzug neben seinem Ohr und erschauerte. Er zog die Hose hoch, drehte sich um – und da stand sie! Ohne etwas zu sagen, stürzte sie auf ihn zu, drang in seine Hoheitsgewässer ein und warf dort ihren Anker aus. Sie sah ihm in die Augen, aber er wich ihrem Blick aus.
»Das ist ein Missverständnis, Taha. Er ist nur ein Freund, nicht mehr. Und warum tust du so, als wäre ich mit ihm allein in einer Wohnung gewesen?«
»In der Wohnung in der Huda-Schaarâwi-Strasse?«
Sara lächelte. »Spionierst du mir nach?«
»Weich der Frage nicht aus!«
»Was hast du mir gesagt, wann du geboren bist?«
Er schob ihre Hand weg.
»Wer dich nämlich so reden hört, denkt, du bist sechzig.«
Taha wandte sich ab, um sich etwas zum Anziehen zu suchen, und sie bemerkte die gebogene Naht auf seinem Rücken. Zärtlich lehnte sie sich an ihn und strich tastend mit den Fingerspitzen darüber. Er hörte auf zu suchen und drehte sich zu ihr um, und sie sagte: »Im zweiten Stock ist eine Wohnung, aus der wir vorübergehend einen Stützpunkt für die Bewegung gemacht haben, an dem wir uns treffen können: die Clique von der Zeitung, ein paar Freunde vom Café Takîba und vom After Eight Café, Autoren und Journalisten. Wir reden dort über Politik, das Land und andere Sachen. Und in ein paar Tagen demonstrieren wir auf dem Tachrîrplatz für Palästina. Wenn du möchtest, kannst du auch kommen.« Wortlos beobachtete Taha sie, und sie fügte hinzu: »Ich habe dir schon vor einiger Zeit gesagt, dass nicht alle verstehen, was ich denke.«
»Das kommt daher, dass deine Gedanken ihnen zu abgehoben sind.«
»Jetzt mal im Ernst, ich weiss, dass viele Leute das an mir stört. Aber was soll ich machen? Ich lehne sehr viele Dinge in unserer Gesellschaft ab, halte aber den Mund, um im Haus und draussen keinen Streit zu provozieren. Und mit dir scheint es ähnlich zu sein. Da musst du was ändern, jede Zeit hat ihre besonderen Umstände. Dass unsere Meinungen sich unterscheiden …«
Taha unterbrach sie: »Sich unterscheiden? Du gehst auf Demonstrationen, rauchst Haschisch und trinkst Bier, gehst bis zum Morgen aus – und dann noch diese Komödie mit dem Kopftuch!«
»Und an Demonstrationen teilzunehmen macht mich natürlich gleich zur Prostituierten!«
»Das hab ich nicht gesagt. Ich will dir nur klarmachen, dass du dir selbst widersprichst.«
»Aber ich sehe in deinen Augen, was du denkst. Nur damit du es weisst: Die Hälfte aller Handypornos beginnt mit Frauen, die einen Gesichtsschleier tragen. Nennst du das etwa Religion?«
»Und deshalb bist du jetzt eine Heilige?«
»Jedenfalls bin ich ehrlich. Rauchst du denn etwa nicht? Hast du noch nie Haschisch geraucht? Und sag mal, wenn ich jetzt mit dir schlafen würde, wer von uns beiden hätte dann was falsch gemacht? Du wärst natürlich bei deinen Freunden der tolle Hecht und ich die …«
»Ein Mädchen wird nie wie ein Junge sein, meine liebe Suâd Husni45.«
»Das gilt aber nur in orientalischen Gesellschaften. Und weisst du auch, wo genau? Hier in deinem Kopf«, erwiderte Sara und tippte ihm an die Stirn.
Taha packte sie heftig am Handgelenk. »Jetzt bin ich also auch noch rückständig! Und was ist mit dir? Wach doch mal auf! Du lebst eine riesengrosse Lüge. Dieses Leben, das du führst, wird das Land jedenfalls nicht wieder in Ordnung bringen. Und es wird auch Palästina nicht befreien.«
»Ja, richtig, aber dein Leben wird das tun, der Käfig, in den du dich sperrst. Seit wann ist denn Freiheit eine Sünde?«
»Das nennst du Freiheit?«
»Besser als so ein beschränktes Leben ohne ein Ziel. Ich tu wenigstens was.«
»Und du glaubst, dieser Kerl mit dem Piercing tut auch was?«
Sara sah ihn scharf an. »Das ist seine persönliche Freiheit. Und ausserdem ist Ibrahîm, abgesehen von seinem Aussehen, sehr engagiert, es läuft sogar ein Prozess gegen ihn. Wir leisten Widerstand, um etwas zu verbessern. Wir erheben unsere Stimme, um etwas zu ändern. Es kommt ja nicht auf das Aussehen an. Wir haben mal siebzehntausend Unterschriften gesammelt, damit …«
»Unsinn«, unterbrach er sie. »Herrschaften wie du und er treten um sich, rütteln an allem – und am Ende beissen sie auf Granit. Ihr habt ja gar kein Gespür für das Volk. Das ist sich nämlich selbst genug, wie eine trächtige Wasserbüffelkuh stehen die Leute nicht auf, um sich zu kratzen, wenn es sie juckt. Du sagst dann natürlich, sie führen ein beschränktes Leben und haben kein Ziel. Aber du gehörst ja auch zur Schicht der Intellektuellen! Zu diesen räudigen, ungewaschenen Typen mit den wilden Frisuren, die Glücksarmbänder tragen und über alles genau Bescheid wissen. Partys, Rauchen, Trinken, Menschenrechte, Bekämpfung der Korruption und dazu eine Prise Palästinaproblem … Wenn einer von denen irgendwas tut, fress ich einen Besen! Aber momentan ist nicht die Zeit für grosse Worte. Das einzige Ziel, das diese Kerle haben, wenn du vor ihnen herläufst, ist, dir auf den Hintern zu starren.«
Sara lächelte, senkte den Blick und sah ihm dann wieder in die Augen. »Weisst du, was ich so an dir mag? Dass du dich noch immer auf den Beinen hältst. Du bist ein richtiger survivor! Nie hätte ich gedacht, dass jemand all das, was du mitgemacht hast, überleben kann. Und nur aus diesem Grund ertrage ich auch deine Worte. Aber an eines solltest du denken: Richte deine Wut gegen den Richtigen!«
Grübelnd liess er sie stehen und ging ans Fenster.
»Liebst du mich, Taha?«
Die Frage kam so überraschend wie ein Peitschenhieb mitten ins Gesicht.
Er zog die Schultern hoch. »Und wenn?«
Sie tauchte die Peitsche in Öl und machte jede Menge Knoten hinein, dann schlug sie noch einmal zu: »Weisst du, was dein Problem ist? Du weisst nicht, was du willst. Nicht einmal ein ›Ich liebe dich‹ bringst du über die Lippen. Das traust du dich nicht, du Wassermann! Du fürchtest dich davor, dass jemand deine Gefühle sehen könnte. Sieh doch mal, wie lange wir uns schon kennen, und nie hast du mir gesagt, was du empfindest. Dabei kann man es dir doch an den Augen ablesen. Sogar vor dir selbst hast du Angst. Du möchtest, dass ich dir nah bin – aber auch wieder nicht zu nah.«
Während sie so in seiner Seele las, sah er sie unverwandt an, schliesslich wich er zurück und lehnte sich mit dem Rücken an die Wand.
Sara kam langsam näher und blickte ihm in die Augen. »Wenn man jemanden liebt, liebt man ihn so, wie er ist, Taha.«
»Du verstehst nichts.«
»Dann erklär es mir! Sag mir, wer du bist!«
Er antwortete nicht.
»Hab ich’s nicht gesagt?«, meinte sie.
Seine Blicke schweiften zur gegenüberliegenden Wand. Dort hing in einem brüchigen Rahmen ein kleines Foto, auf dem sein Vater zu sehen war, der ihn in irgendeinem Garten auf dem Arm hielt. Beide lachten sie, als gehöre die Welt ihnen allein. Tahas Augen füllten sich mit Tränen, und schweigend schloss er die Lider. Schliesslich wurde Sara klar, dass sie keine Antwort von ihm erhalten würde, und so ging sie.
Eine halbe Stunde blieb er noch sitzen, unfähig zu begreifen … Unaufhörlich hämmerten ihre Worte in seinem Kopf. Und eine Frage liess ihm einfach keine Ruhe: Wer bin ich? Einen Moment lang kam es ihm vor, als hätte er es vergessen. Sein Gesicht im Spiegel erkannte er nicht wieder. Er schluckte eine Kopfschmerztablette und löschte das Licht. Dabei verlor er jedes Zeitgefühl. Irgendwann leuchtete auf seinem Handydisplay Jassirs Nummer auf.
»Hast du deine Sachen gepackt?«
»Ich kann nicht weg.«
»Warum nicht?«
»Es ist wie beim Domino: Ich kann nicht mehr ziehen.«
»Hast du es so gemütlich hier, mit zwei Zimmern, Sara und WC?«
Taha streckte die Hand nach einem Zigarettenstummel aus, an dem noch Lippenstiftspuren zu sehen waren. »Nein, das ist es nicht.« Er musste ihm von Walîd Sultâns Anruf erzählen.
Jassir meinte dazu: »Schau mal, die Papiere deines Vaters, von denen er so besessen ist, nutzen ihm gar nichts. Und Fotos akzeptiert das Gericht nicht. Das ist alles nur Gerede. Schaden kann er dir allerdings. Ein vom Dienst suspendierter Hauptkommissar ist schlimmer als Service. Dir bleibt nur, auszureisen, bevor die Sache zu stinken beginnt. Hast du einen Pass?«
»Ich gehe nicht weg.«
»Ach, du möchtest Ägypten nicht verlassen, meine liebe Sherine46, ›hast du nicht aus seinem Nil getrunken‹? Und dann noch diese Freundin! Dabei brauchst du nur ein Visum, und raus bist du aus dem ganzen Schlamassel. Bei Gott, wenn ich ein anständiges Zeugnis hätte, wäre ich schon längst abgehauen, und sei es in die Pharmabranche im Senegal.«
»Ich kann nicht einfach so weiterleben mit dem Wissen, dass der Mörder meines Vaters noch frei herumläuft.«
»Also ist es nicht Walîd Sultân, der dich hier hält. Du willst die Sache zu Ende bringen. Hast dich an Service noch nicht genug ausgetobt, was? Willst du etwa das ganze Land umbringen?« Taha schwieg, und schliesslich beendete Jassir das Telefonat: »Du musst wissen, was du tust.«