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Vierundfünfzig Jahre später
Samstag, 15. November 2008, nach Mitternacht
Totenstadt des Imam al-Schâfii
Inmitten der Grabsteine glomm eine Lampe. Ihr zitternder Schein erweckte die schlafenden Schatten zum Leben und beleuchtete zwei Gestalten, die langsam vorwärtsschlichen: einen grossen, vornübergebeugten, mit einer Gallabija bekleideten Mann, der die Lampe hielt, und einen jungen Burschen in Hemd und Hose mit einem Brecheisen in der Hand. Weder Hundegebell noch Katzengeschrei hielt die beiden auf, bis sie zu einem kleinen, von zahlreichen Feigenkakteen umsäumten Grabhof gelangten. Neben der verrosteten Pforte, die den Zugang verschloss, stand ein baufälliger Brunnen mit der Inschrift »Lest die Fâtiha für den Inhaber dieses Brunnens, Hanafi al-Sahâr.« Darunter war ein Koranvers eingraviert: »O du befriedete Seele, kehre heim zu deinem Herrn, glücklich und zufrieden, und tritt ein zu meinen Knechten, und tritt ein in meinen Garten!«12 Der Mann streckte seine Hand in die Tiefen seiner Gallabija, die so weit war, dass man sie als Schutzhülle für einen Doppelkabinen-Pritschenwagen hätte verwenden können, und zog einen grossen Schlüsselbund hervor. Im Lampenschein sortierte er die Schlüssel mit seinen langen Fingern, griff schliesslich ein antik aussehendes Exemplar heraus und hielt es ans Licht. »Lies mal, was da draufsteht!«
»al-Sahâr«, antwortete der andere matt.
Der Mann nahm dem schmächtigen Burschen das Brecheisen ab. »Komm!«
Der hielt ihn jedoch zurück. »Soll ich nicht lieber hier auf dich warten?«
Mit einem grauen, halb erblindeten Auge sah der Mann ihn an. »Hast wohl Angst? Drinnen ist es hundertmal sicherer als draussen, du Schlauberger!«
Der Bursche sah sich argwöhnisch um. »In Ordnung, Onkel Gâbir, lass es gut sein.«
Im Grabhof stellte Gâbir die Lampe auf den Boden, steckte seine Hand in die Tasche und zog ein Tuch heraus, das eher wie ein löchriger Lappen aussah. Er faltete es auseinander und entnahm ihm zwei Knoblauchzehen, die er sich mit dem Zeigefinger, so weit es eben ging, in die haarigen Nasenlöcher steckte. Anschliessend kratzte er den Mörtel aus den Fugen der Grabplatten, holte einmal tief Luft und zwängte die Brechstange in den Spalt. Als ein kurzes Knacken ertönte, warf er sie fort, riss die Platten heraus und legte sie beiseite. Ein infernalischer Gestank breitete sich aus, und der Bursche wich schnell zurück. Gâbir jedoch hob die Lampe auf, stieg in das Grab hinab und murmelte dabei die Sure »Die Menschen«. Kurz darauf stiess er einen Schrei aus, der dem Burschen durch Mark und Bein ging: »Ewig ist Gott allein!«
Der Junge spuckte aus. »Erst mal zerstöre Gott das Haus deiner Mutter, du Sohn einer Wahnsinnigen!«
Wenige Minuten später stieg Gâbir wieder aus dem Grab, den Zipfel seiner Gallabija zwischen die Stümpfe geklemmt, die der häufige Gebrauch der Wasserpfeife von seinen schwarzen Zähnen noch übrig gelassen hatte. Unter dem Gewand lugten zwei dichtbehaarte Schenkel, krumm wie Kakerlakenbeine, und eine weite Kattununterhose hervor. Gâbir gab sich alle Mühe, die Steinplatten wieder an Ort und Stelle zu schieben, und stopfte auch den Mörtel zurück in die Fugen, bevor er sich dem Burschen zuwandte und die Hand in den Tiefen seiner Gallabija verschwinden liess. Als er sie wieder herauszog, präsentierte er dem Jungen zwei Totenschädel. »Zwei Stück, und was für welche! Gut abgelagert, du wirst deine Freude dran haben. Ich hab nämlich genau diesen Grabhof ausgesucht, weil hier neulich noch alles offen gewesen ist, als sie die Tochter von dem Besitzer des Brunnens beerdigt haben. Falls jemand das Grab besuchen kommt, wundert er sich so nämlich nicht, dass es vor kurzem jemand aufgemacht hat«, sagte er und wies mit dem Zeigefinger auf seinen Kopf. »Schlau, was? Du brauchst nur irgendwem zu sagen: Gâbir vom Friedhof des Imam al-Schâfii, und er weiss gleich, woran er ist. Ich bin der Generalvertreter.«
»Jaja, du bist der neue BMW-Generalvertreter. Nun mach’s aber kurz, Onkel, der Gestank bringt mich um!«
»Stell dich nicht so an, Junge, es gibt lebende Menschen, die ekliger riechen. Hast du mal ’ne Plastiktüte?«
Der Junge trat mit dem Fuss seine Zigarette aus, die sowieso schon fast aufgeraucht war, und zog einen schwarzen Müllbeutel aus der Tasche.
Gâbir reichte ihm den einen Schädel, nachdem er ihn gründlich untersucht hatte. Danach prüfte er den anderen, der wesentlich lädierter aussah. »Komm näher mit der Lampe, du Mimöschen!« Im tanzenden Lichtschein inspizierte Gâbir das Gebiss, bis er fand, was er gesucht hatte: zwei Silberzähne. »Nix für ungut, aber die sind mein Trinkgeld. Ist doch in Ordnung, Goldjunge?«
»Na, denn prost!«, knurrte der Bursche mit zusammengebissenen Zähnen.
Gâbir presste seinen geöffneten Mund auf den Oberkiefer des Totenschädels, biss fest zu und verharrte so eine Weile in einem langen Kuss. Schliesslich hatte er die beiden Silberzähne herausgelöst und deponierte sie in seiner geräumigen Tasche. Dann stopfte er den Schädel in die Tüte. »Soll ich sie für dich kleinmachen?«13
»Was denn sonst, sollen wir sie uns etwa fürs Mittagessen füllen? Mach sie klein, Onkel!«
Gâbir ging zu einer anderen Grabpforte und holte daneben einen riesigen Hammer hervor, der aussah, als verstehe er sich auf sein Handwerk. Er beugte sich vor, hielt die Tüte mit einem Knie fest und liess den Hammer immer wieder auf die Schädel niedersausen, bis sie vollständig pulverisiert waren. Dann schüttelte er den Staub von seiner Gallabija ab und hielt dem Burschen die Tüte hin. Der holte eine Hundertpfundnote aus der Tasche und drückte sie ihm in die Hand. Gâbir presste einen feuchten Kuss der Zufriedenheit auf beide Seiten des Geldscheins. »Möge Gott uns auf immer gewogen bleiben und uns das alles auf Dauer erhalten! Denn was brauchen wir mehr?« Er breitete die Arme aus und zeigte auf die Gräber ringsum, stolz wie ein englischer Duke auf seine Ländereien. »Seine Gnade ist unendlich. Deshalb gebe ich dir auch Rabatt.«
Der Junge zog den schwarzen Beutel fest zu. »Ja, das merkt man.«
Gâbir streckte seine rissige Hand aus. »Und ob, ist ein reiner Freundschaftspreis. Zwei Schädel für hundert Pfund, das ist doch geschenkt! Mein Gott, wenn so ein Kerl von der Medizinischen Fakultät kommt, da nehme ich dreihundert. Weisst du, wie der Dollar steht?«
»Willst du mich auf den Arm nehmen, Onkel? Das sind Tote. Was hat das mit dem Dollar zu tun?«
»Alles wird teurer, das gilt für die Toten noch mehr als für die Lebenden. Und so propere Schädel gibt es schliesslich fast gar nicht mehr – mit denen, die hier begraben sind, hatte der liebe Gott es mal gut gemeint. Jetzt ziehen solche Leute ja alle weg in die 6.-Oktober-City. Guck doch mal, was die da für so ein Stück haben wollen und in welchem Zustand das ist!«
»Hast du keine Angst, eines Tages den Geistern dieser Menschen zu begegnen?«
Gâbir zeigte auf zwei Grabstelen. »Ach Gott! Der eine hier ist mein Onkel mütterlicherseits und das da hinten mein Onkel väterlicherseits.« Dann holte er tief Luft. »Die Lebenden überdauern die Toten. Wenn der Besitzer des Brunnens jetzt bei uns sässe – er würde zwei Züge aus seiner Pfeife drauf rauchen. Das ist das Gesetz des Lebens, jeder lebt von jedem. Oder sind die Würmer mehr wert als wir?«
Der Junge schüttelte über diese Logik missbilligend den Kopf. »Schon gut. Komm, bring mich zum Ausgang!«
Als sie in die Nähe der Strasse kamen, blieb Gâbir stehen, als dürfe er den Friedhof nicht verlassen. Er hob seine riesige Hand und winkte. »Alles Gute, Jungchen – und viele Grüsse an die, die dich geschickt haben!«
Dann drehte er sich um und kehrte in den Grabhof zurück. Von dort trat er in eine Kammer, die gleichfalls ein gutes Grab abgegeben hätte, bückte sich unter ein rostiges Eisenbett und zog eine Plastikmarmeladendose hervor. Sie war bis oben hin mit Silber- und Goldzähnen gefüllt, nebst einigen Ringen und Ohrringen, die die Angehörigen der Toten nicht an sich genommen hatten, weil sie sie nicht hatten abziehen können – oder weil sie fürchteten, die Ruhe des Verstorbenen zu stören. Gâbir öffnete den Deckel und warf die beiden Silberzähne in die Dose. Zwei Zähne, die einst – vor langer Zeit, in Lietos Haus – in Hanafis lachendem Mund aufgeblitzt hatten … Dann stellte er sie wieder an ihren Platz und ging hinaus, um die Tonköpfe seiner Wasserpfeife zu sortieren, bis der Ruf zum Morgengebet erschallte. Und damit begann ein neuer Tag: der erste Tag, an dem Hanafi al-Sahârs Kopf nicht bei seinem Körper ruhte.