19

»Warum sitzt du so da? Was ist los, Junge? Was hast du denn da im Gesicht, hast du dich geprügelt? Und wer liegt da auf dem Boden? Ach, du Scheisse!«

»Setz dich, Jassir!«

Eine halbe Stunde lang erzählte Taha Jassir seine Geschichte. Er berichtete vom Geheimnis seines Vaters, von Walîd Sultân, Hâni Bergas und von Service, der jetzt im Zimmer auf dem Boden lag und darauf wartete, dass sie sich entschieden, wie sie ihn beseitigen sollten.

Jassir war wie vom Donner gerührt, er stand auf und sprang wie verrückt um Taha herum. Er warf einen flüchtigen Blick ins Zimmer, dann sagte er: »Mist, wir sitzen in der Tinte. Gott strafe dich und deinen Vater! Ich hab mit dem Ganzen nichts zu tun, das geht mich alles gar nichts an.«

Taha wurde böse. »Willst du etwa abhauen und dich ins Unglück stürzen? Du wirst dich jetzt hinsetzen und dich wie ein Mann benehmen. Und sei ruhig, damit ich nachdenken kann!«

»Was gibt’s denn da noch nachzudenken? Da kann man nur auf Notwehr plädieren. Sonst gelte ich als dein Komplize, weil ich bei dir war. Paragraph 40, mein Lieber, dort heisst es: Wer dem Täter eine Waffe oder ein Tatwerkzeug oder irgendwelchen andern Mist besorgt, der bei der Begehung des Verbrechens eingesetzt wird oder auf irgendeine Art und Weise dazu geeignet ist, das Verbrechen vorzubereiten, zu erleichtern oder zu vollenden, wird als Mittäter betrachtet.«

»Notwehr geht nicht. Es gibt inzwischen eine Million Dinge, die auf das Motiv hinweisen. Zuallererst Wâils Aussage – er ist der Junge, der bei mir in der Apotheke arbeitet. Ich könnte Stein und Bein schwören, niemand würde mir glauben. Und Walîd hat mir auch gedroht, falls ich Anzeige mache.«

Jassir wollte zur Tür gehen, doch dann zögerte er. Er schlug sich gegen die Stirn und setzte sich wieder zu Taha. »Man wird uns hinrichten, Gott strafe dich! Und die Kaution liegt bei mindestens fünfzehntausend!«

Taha schwieg eine Weile, während sein Verstand rotierte wie eine Windmühle im Orkan. »Und wenn es keine Leiche gibt?«

»Dann gibt es auch keinen Prozess.«

»Dann komm!«

Taha und Jassir zogen die Leiche an den Füssen hinter sich her. Sie wog eine Tonne, jedenfalls kam es ihnen so vor, als sie sie in die Badewanne wuchteten. Jassir ging und kaufte auf Tahas Anweisung hin Tüten mit Salz und Ammoniaksalz. Die leerte Taha über dem Toten aus, bis dessen Gesicht nicht mehr zu sehen war. Dann riss er den Duschvorhang herunter und deckte Service damit zu. »So kann er bis zum Morgen warten, ohne dass er zu stinken anfängt.«

»Und morgen mischen wir ihn mit trockenem Brot, oder machen wir einen Auflauf aus ihm?«

»Morgen findet sich eine Lösung.«

Die Nacht verging in Schweigen. Jassir schluckte ein paar Pillen, bis ihn der Schlaf im Sitzen übermannte. Von Zeit zu Zeit fing er kurz zu zittern an oder gab unverständliche Laute von sich. Taha indessen sass bis in die ersten Morgenstunden hinein in seinem Zimmer und starrte an die Decke.

»Jassir! Jassir, steh auf!«

Jassir schlief mit offenem Mund auf der Sofakante im Wohnzimmer, und der Speichel tropfte ihm auf die Kleider.

Taha beschrieb ihm die Geschäfte in der Gaischstrasse, die Chemikalien verkauften. In seiner Studienzeit war er dort oft Kunde gewesen. »Besorg zehn Flaschen Natronlauge, aber höchstens eine oder zwei in einem Laden! Die nehmen es heute sehr genau.«

»Und warum ich?«

»Gut, dann bleib du bei Service, und ich gehe.«

»Ich geh ja schon.«

»Nimm ein Taxi, und halt dich nicht zu lange auf. Wenn jemand Fragen stellt, drück ihm zehn Pfund in die Hand!«

Drei Stunden später kam Jassir fluchend und schimpfend mit einem Karton voll ätzender Flüssigkeit zurück. Taha schloss sich mit seinem Gast, der eine ins Grünliche spielende blassblaue Färbung angenommen hatte, im Bad ein. Er öffnete die erste Flasche, zögerte dann aber, verschloss sie wieder und ging in die Küche. Er zog eine Schublade auf, nahm ein Fleischerbeil heraus und ging damit ins Bad zurück. Dort beugte er sich über den Toten und nahm dessen Hand, die Hand, an der zwei Fingerglieder fehlten – Service’ Erkennungszeichen. Er drückte sie auf den Badewannenrand, hob das Beil und schlug mit aller Wucht und mit geschlossenen Augen zu. Er brauchte mehrere Hiebe, bis die Hand abgetrennt war. Als die Knochen brachen, gab es ein lautes Knacken. Taha fasste die Hand am kleinen Finger, warf sie in einen Plastikbeutel, schüttete Salz hinein und legte ihn dann ins Gefrierfach. Anschliessend band er sich ein altes Unterhemd um den Kopf, um seine Nase vor dem Gestank zu schützen, und ging zurück ins Bad. Nachdem er den ausgestreckt daliegenden Körper seiner Kleider und Accessoires beraubt hatte, leerte er die Flaschen mit der ätzenden Flüssigkeit eine nach der anderen darüber aus. Dann liess er ihn allein, damit er sich in aller Ruhe auflösen konnte.

Als er gerade die Badezimmertür schloss, schellte es. Jassir fuhr zusammen, und Taha zog ihn am Ellenbogen. »Rein mit dir, verdammt noch mal!«

Taha zog die Vorhänge zu, um die Wohnung abzudunkeln, und vergewisserte sich, dass alle Türen geschlossen waren. Er machte ein verschlafenes Gesicht und öffnete dann die Wohnungstür. Vor ihm stand Sara.

»Musst du heute nicht zur Arbeit, oder schmollst du noch wegen gestern?«, fragte sie.

»Weder noch. Ich hab geschlafen.«

Sara kam auf ihn zu und blickte ihn an. »Was hast du da im Gesicht? Hast du dich geprügelt?«

»Darüber reden wir später, in Ordnung?«

Plötzlich war sie sehr besorgt, nahm seinen Kopf in beide Hände und blickte ihm prüfend in die Augen. »Was ist passiert?«

»Oooch, nichts, hab ich dir doch gesagt.«

Sara liess sich nicht gern abwimmeln und verzog schmollend den Mund. »Weisst du überhaupt, wie du aussiehst?«

»Also gut, ich hab mich geprügelt.«

»Wann denn?«, fragte sie und erhaschte einen Blick über seine Schulter auf die verstreut herumliegenden Sachen.

»Gestern«, sagte Taha, und als sie auf das Riesenchaos in seiner Wohnung starrte, versuchte er zu erklären: »Umm Fathi macht gerade sauber.«

Sara tat, als wolle sie gehen, aber als er schon die Tür schliessen wollte, sagte sie: »Irgendwas stimmt hier doch nicht!« Sie stiess ihn zur Seite und trat mitten ins Wohnzimmer. »Das ist das erste Mal, dass ich in deiner Wohnung bin.« Sie blickte auf den Esstisch, der bei der Rauferei am Vorabend umgeworfen worden war. »Wo ist der Alien?«

Taha versuchte, sie am Handgelenk fortzuziehen. »Er ist nicht hier. Und was du hier machst, gehört sich nicht. Jetzt benimm dich mal!«

»Aber wer hat das Licht im Bad angemacht?«

»Ich hab doch gesagt, Umm Fathi ist drin, Sara«, schrie er sie an, als sie ihm wie ein Stück Seife entschlüpfte.

»Warum bist du so schlecht gelaunt?«

»Tu mir den Gefallen, und lass mich jetzt allein!«

»Mit wem hast du dich denn geprügelt?« Ihr Blick fiel auf die fremden Kleider, die weder nach Taha noch nach seinem Freund aussahen. Fragend runzelte sie die Stirn. »Und was ist das?«

Bevor sie eine weitere Frage stellen konnte, zog er sie so fest am Arm, dass seine Finger einen Abdruck hinterliessen. »Du weisst nicht, wie ich bin, wenn ich in Rage komme!«

Sara sah ihn scharf an, dann machte sie sich von seiner Hand frei und ging in einem Anfall weiblicher Wut hinaus – den Blick auf die Kleidungsstücke geheftet, die Taha gerade mit den Füssen unter das Sofa schob.

*

Service brauchte neun Stunden, bis er grösstenteils durch den Abfluss verschwunden war. Er hinterliess unerträglich widerliche Dämpfe und eine Schaumschicht, ähnlich der, wie sie sich auf einer Knochenbrühe bildete. Ausserdem Knochenreste, die sich einfach nicht auflösen wollten und die Taha mühsam entsorgen musste. Er steckte sie in eine schwarze Tüte und säuberte das Bad mit drei Flaschen Karbol. Dann legte er sich neben Jassir aufs Sofa. »Ich kann gar nicht glauben, dass von einem Tag auf den andern solche Sachen passieren können.«

»Und ich kann nicht glauben, dass dein Vater, dieser gesegnete Mann, all das angestellt haben soll. Und du erst, ein Killer! Lauge und Salz, du hast dir alles ganz genau überlegt. So eine verdammte Kriminellenfamilie!«

»Als wir neulich im Café sassen, hätte ich es selbst nicht geglaubt. Aber schliesslich steht jetzt fest, dass dieser Esel meinen Vater umgebracht hat. Und mein Vater hatte auch seine Gründe für das, was er getan hat.«

»Er hat gemordet, dreimal sogar! Und hätte er nicht im Rollstuhl gesessen – wer weiss, was er dann erst gemacht hätte! Er wär vielleicht herumgeflogen wie Spiderman!«

»Man kann ja auch nicht verstehen, warum das Land zulässt, dass diese Leute, die man ausmerzen müsste, uns alle terrorisieren. Mein Vater war im Recht. Was sagt dir dein Gefühl, verdient so ein Schwein wie der da drin zu leben? Wenn man Wundbrand hat, bleibt nur noch die Amputation. Stell dir vor, man würde darauf verzichten!«

»Und was ist mit deinem Vater? Wollte er die ganze Welt verändern? Hielt er sich etwa für Goldorak? Was für eine verdammte Katastrophe!«

»Es ist nun mal passiert.«

»Und die Sache mit diesem Staub stimmt auch?«

»Im Netz gibt es Quellen, die es bestätigen, und andere, die sagen, das sind Märchen. Aber nach dem, was mein Vater gesagt hat und was ich gesehen habe, kommt es der Wahrheit äusserst nahe.«

»Und deine Nervensäge vorhin sah ganz so aus, als hätte sie was gemerkt.«

»Sie hat tatsächlich was gemerkt. Sie hat Wind bekommen von der Sache mit dem Staub.«

»Dann wird sie uns schnatterschnatter ins Unglück stürzen«, stöhnte Jassir.

»Was mich verrückt macht, ist das mit diesem Hâni Bergas.«

»Das soll ja wohl ein Witz sein!«

»Und woher weiss Walîd Sultân davon, dass das Licht angeschaltet wurde? Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ein einfacher Streit zwischen Service und mir solche Folgen gehabt haben soll. Service war kein Idiot, die Sache ist viel grösser.«

»Jetzt spiel du hier bloss noch den Achmad al-Sakka37 und spreng das ganze Land in die Luft! Lassen wir Service – Gott schütze uns! Und dein Vater hatte davor ja schon drei andere ausgeschaltet. Sehr schön, Gott sei uns allen gnädig! Aber jetzt solltest du diese Wohnung verlassen, die macht mir nämlich langsam Angst. Ich geh zu meiner Frau zurück, mein Lieber. Die ist zwar ein richtiges Rhinozeros, aber trotzdem angenehmer als dieses Horrorhaus hier, in dem du lebst. Und such du dir irgendwas, bis Gott es wieder gut mit dir meint, geh ins Ausland oder irgendwohin weit weg von hier!«

»Ich muss wissen, was meinem Vater passiert ist«, erwiderte Taha.

»Was dir selbst gestern passiert ist, reicht dir wohl noch nicht, mein Freund? Und wohin mit den Resten des Dinosauriers in der Badewanne, weisst du wohl auch nicht?«

»Wir tun sie in einen Koffer und werfen ihn irgendwohin.«

»Warum sprichst du im Plural? Wir tun, wir werfen?«

Taha schrie: »Wenn du mir, verdammt noch mal, nicht helfen willst, dann verschwinde auf der Stelle!«

»Ich gehe wirklich! Auch wenn ich mich schon längst zum Affen gemacht habe, hänge ich voll mit drin. Vorsatz, Motiv und Unterdrückung von Beweisen – und die Nachbarn haben gesehen, wie ich gegangen und mit Kartons und Tüten zurückgekommen bin. Und Jasmin, was wird die erst dazu sagen? ›Huuch!‹ Und dabei hab ich ihr doch erklärt, ich bin Staatsanwalt!«

»Mensch, nun reicht’s mir aber! Jetzt ist nicht die Zeit, herumzuschreien und zu jammern. Hau schon ab! Ich ruf dich an, ich komm schon zurecht.«

»Und was willst du mit dem verdammten Walîd Sultân machen?«

»Ich weiss nicht. An den hätte ich jetzt zuallerletzt gedacht.«

»Wirst du ihn treffen?«

»Denkst du, ich hab eine Wahl?«

*

Am selben Abend waren Taha und Walîd Sultân nach einem kurzen Telefonat übereingekommen, sich auf dem Mukattam zu treffen.

Eine halbe Stunde war schon vergangen, und noch immer war Walîd Sultân nicht aufgetaucht. Taha sass an einer gut einsehbaren Stelle am Nafûraplatz auf einem alten Reisekoffer, als er plötzlich aus der Strasse 9 einen Streifenwagen auf sich zukommen sah. Er konnte erkennen, wie der Hauptmann den Fahrer mit einem Handzeichen aufforderte, langsamer zu fahren. Vor Angst begann Taha am ganzen Körper zu zittern, aber er zählte eins und eins zusammen und kam zu dem Ergebnis, dass jedwede Aktion ihn teuer zu stehen kommen würde. So begnügte er sich damit, sitzen zu bleiben und ganz unbekümmert zu tun, bis der Wagen vor ihm hielt und der Hauptmann, gefolgt von einem Rekruten, ausstieg.

»Guten Abend.«

Taha stand auf und legte eine Ruhe an den Tag, die er in Wirklichkeit gar nicht hatte, während der Hauptmann hastig auf ihn zukam.

»Die Papiere bitte!«

Taha holte seinen Ausweis heraus und klemmte dabei den Koffer zwischen seine Füsse. »Bitte sehr.«

Der Hauptmann prüfte das Dokument und hob dann den Kopf. »Sie kommen aus Dukki, Taha?«

»Ja.«

»Sind Sie zum Mukattam gekommen, um jemanden zu besuchen?«

»Nun ja.«

Diese Antwort schien den Hauptmann nicht zufriedenzustellen. »Was heisst ›nun ja‹?«, fragte er lächelnd.

»Ich warte auf einen Freund von mir.«

»Und wenn man auf einen Freund wartet, bringt man einen Koffer voller Kleider mit?«

»Nein, das sind keine Kleider.«

Warum konnte er bloss seine Zunge nicht im Zaum halten?

»Und was ist dann in diesem Koffer?«

»Was ist los, Herr Hauptmann, warum machen Sie den Leuten hier auf dem Mukattam denn so eine Angst?« Das war Walîd Sultâns Stimme. Er sprach durch das Fenster seines Autos, das neben ihnen angehalten hatte.

Der Hauptmann liess Taha stehen und drehte sich um. »Guten Abend.«

»Oberstleutnant Walîd Sultân, Hauptkommissar vom Revier Dukki.«

»Seien Sie gegrüsst, Pascha.«

»Taha ist der Bruder meiner Frau. Er bringt ihr ein paar Sachen von seiner Mutter. Gibt es irgendwelche Probleme?«

»Überhaupt nicht, Pascha. Sie wissen, der Mukattam ist ein Dschungel, und es gibt Informationen …«

»Sie gehören zum Revier al-Chalîfa?«

»Ja, zu al-Chalîfa, mein Herr. Hauptmann Hâtim Nigm.«

»Ihr Revier leitet … ähm … ich glaube, Muatas Bey Hassan, stimmt’s?«

»Genau, Euer Exzellenz.«

»Ich werde Sie ihm ans Herz legen. Er ist ein guter Freund von mir.« Dann wandte er sich zu Taha: »Los, das Essen wird kalt!«

Taha legte den Koffer ins Auto und stieg ein. Sie fuhren zur Corniche, wo eine frische Brise wehte, man sich hinter dunklen Autoscheiben heimlich küsste, eine Clique Jugendlicher herumlärmte, man einen Song von Muhammad Hamâki38 hörte und die staubigen Lichter Kairos glimmen sah.

Nahe dem Nilufer parkten sie in einer abgelegenen Ecke vor einer alten, unbewohnten Villa.

Walîd warf die Zigarette weg, die er in der Hand hatte. »Warum sind Sie nicht mit Ihrem Wagen gekommen?«

»Der kriegt gerade eine neue Benzinpumpe.«

»Rücken Sie etwas vor!«

Taha rutschte auf seinem Sitz nach vorn. Walîd tastete ihn kurz nach Waffen ab, indem er ihm mit den Händen über die Brust, unter seine Achseln, über den Rücken und schliesslich über die Beine fuhr. Dann lehnte er sich in seinem Sitz zurück.

»Was haben Sie in dem Koffer?«

»Service.«

»Was? Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?«, schrie Walîd, blickte sich um und sprach mit gedämpfter Stimme weiter: »Wie sind Sie denn bloss auf die Idee gekommen?«

»Hätte ich ihn in der Wohnung lassen sollen?«

Nervös zündete Walîd sich eine neue Zigarette an. »Haben Sie ihn zersägt?«

»Nein.«

»War es eine ätzende Flüssigkeit?«

»Sie haben so was offenbar schon mal gemacht, genau wie die Luftinjektion.«

»Wissen Sie, wie viele Polizeireviere ich schon durchlaufen habe? Sajjida Sainab, Hilwân, Darrâsa, Dukki. Das heisst, ich hab praktisch schon viermal so lange gelebt wie Sie. Ich hab Dinge gesehen, die Sie niemals sehen werden. Das mit der Säure machen die Frauen vom Land mit ihren Ehemännern. Aber Sie sind schliesslich Apotheker. Ist Ihnen denn wirklich nichts Besseres eingefallen? Wie auch immer, diesen Mist nehmen Sie jedenfalls wieder mit, wenn Sie aussteigen, so wie Sie ihn hergebracht haben!«

»Kann ich vielleicht erfahren, was Sie von mir wollen?«

»Eine Hand wäscht die andere.«

»Ich habe Sie ja gar nicht darum gebeten, ihn zu töten.«

»Sie haben mich nicht gebeten? Sie selbst haben ihn doch getötet! Ich hab nur das Band ein bisschen vorgespult«, hielt Walîd ihm vor.

»Und mich die Suppe allein auslöffeln lassen!«

»Jeder fege vor seiner eigenen Tür! Mir haben Sie es immerhin zu verdanken, dass er Sie nicht abgekocht hat.«

Taha seufzte. »Also was wollen Sie von mir?«

»Nichts. Vollstrecken Sie das Testament Ihres Vaters. Sorgen Sie dafür, dass er Frieden findet.«

»Erstens ist das kein Testament. Und zweitens habe ich das mit Service gemacht, weil ich sicher war, dass er meinen Vater umgebracht hatte, und niemand mir glaubte. Nennen Sie es Rache. Nennen Sie es, wie Sie wollen. Aber ich werde nicht so weitermachen. Mein Vater hatte seine Motive und Gründe. Und Sie sehen ja, wohin uns das geführt hat.«

»Auch nicht, nachdem Sie erfahren haben, dass Service nur das Messer in der Hand eines andern war?«

Taha schwieg. Die Worte blieben ihm im Halse stecken. Aber dann fuhr er fort: »Warum sollte ich Ihnen vertrauen?«

»Mir ist egal, ob Sie mir vertrauen. Sie haben einfach keine Wahl«, sagte Walîd und stieg aus. Er ging zu einem Auto in der Nähe, in dem ein junger Mann und ein Mädchen sassen, und klatschte in die Hände. Die beiden schreckten zusammen. Dann verscheuchte er sie: »Los, nimm die Hure, die du da bei dir hast, und verschwinde, sonst bring ich euch beide aufs Polizeirevier von al-Chalîfa. Ab mit dir!«

Erschreckt liess der junge Mann den Motor aufheulen und fuhr fort.

Walîd blickte auf die leere Stelle vor sich, dann machte er Taha mit dem Zeigefinger ein Zeichen herzukommen. »Wie geht es Sara?«, fragte er plötzlich.

»Sara?« Die Frage überraschte Taha. »Was geht das Sie an? Und woher kennen Sie sie überhaupt?«

»Ich bin suspendiert – vorübergehend – und nicht aus dem Dienst ausgeschieden. Ich hab einen von der Staatssicherheit aus meiner Abteilung nach ihr gefragt. Ich hab gesagt, es betrifft den Sohn meiner Schwester, wir wollen sichergehen, weil er vorhat zu heiraten.«

»Heiraten? Dazu werden Sie ja vielleicht gar nicht eingeladen. Lassen Sie Sara aus dem Spiel!«

»Es tut mir leid. Aber möchten Sie nicht wissen, was er über sie gesagt hat?«

»Mit diesen Leuten habe ich nichts zu tun, klar?«

Er wollte gehen, aber Walîd packte ihn am Kragen und stiess ihn bis an den Abhang. Kurz bevor Tahas Füsse den Rand der Böschung erreicht hatten, blieb er stehen.

»Du Sohn einer …« Taha verschluckte den Rest, denn im selben Moment löste sich neben seinen Füssen ein Stein und fiel in die Dunkelheit. Erst nach drei Sekunden hörten sie den dumpfen Aufprall. Der Abgrund war zu tief, um einen Sturz unversehrt überstehen zu können.

Walîd kam mit seinem Gesicht ganz nahe an Taha heran und flüsterte: »Halten Sie sich etwa für einen Mann? Ich hab mich nach Ihnen erkundigt und erfahren, dass Sie ein kluger und gewitzter Vertreter sind. Aber mir gegenüber nutzt Ihnen das nichts. Ich kann dafür sorgen, dass Sie selbst Ihren Namen nicht mehr kennen. Und nicht nur Ihren eigenen, sondern die Namen aller, die Sie lieben. Denken Sie bloss nicht, ich wüsste mir nicht zu helfen, nur weil ich vom Dienst suspendiert bin! Ich hab jetzt nichts mehr zu verlieren. Und glauben Sie mir, nichts ist einfacher, als jemandem Schmerzen zu bereiten. Suchen Sie weiter nach dem, der Ihnen ein Unrecht zugefügt hat. Verstanden?«

Mit weit aufgerissenen Augen nickte Taha. Walîd strich ihm den Kragen wieder glatt und liess ihn dann los. Taha stützte sich auf die Motorhaube des Autos und versuchte, seine Fassung wiederzugewinnen.

»Wissen Sie, was das Problem ist?«, meinte Walîd. »Die Leute sehen das alles ganz falsch. Ein Polizeioffizier ist hierzulande das Grösste. Das Amt ist wie ein Bilderrahmen: Wenn Sie darin sind, sind Sie alles. Aber ausserhalb des Rahmens sind Sie gar nichts. So bin auch ich zum Beispiel innerhalb meines Büros mit den zwei Stühlen vor mir ein Pascha. Es ist ein ziiiemlich grosses Revier, und überall hab ich ein Wörtchen mitzureden. Aber ausserhalb des Reviers bin ich ein Niemand. Wenn man in diesem Land keine Macht hat, hängt man in der Luft. Und damit Sie es wissen, mein Lohn ist nicht der Rede wert. Ja, ich hab Rekruten, die mich vor der Arbeit zu Hause bedienen, einen Wagen mit Benzingutscheinen, Mitgliedschaften in Clubs und kostenlose Kreditkarten. Ich bezahle dafür gar nichts. Hinzu kommen noch das Prestige, die Beziehungen und dass Gross und Klein sich mir gefällig zeigen. Aber auch ich diene ja allen. Ich schlafe nie. Und ohne jemanden wie mich könnten auch Sie nicht schlafen.« Taha sah ihn an, ohne etwas zu erwidern, und so fuhr Walîd fort: »Bei den Menschen kann man nur auf eine Weise etwas erreichen: mit Angst. Schon seit Moses, Friede sei über ihm, werden sie nur mit Hilfe ihrer Angst regiert. Damit kriegt man sie! Alle Propheten gingen zum Volk, nur Moses nicht. Er ging als Einziger zum Pharao. Und warum? Weil es nichts bringt, mit dem Volk zu reden. In Ägypten muss man mit dem Grossen sprechen, und der bringt dann die Kleinen zur Räson.«

Taha schwieg eine Weile, dann fragte er: »Wurden Sie wirklich wegen sexueller Korruption suspendiert?«

Walîd lachte aus vollem Halse. »Ja, sexuell! Die Frau ist doch ein Flittchen, mein Lieber. Sie war es, die hinter mir her war. Sie hatte ein Auge auf mich geworfen. Ob ich mit ihr gegangen bin? Ja, bin ich. Sie hat mich um einen Gefallen für ihren Mann gebeten, und den hab ich ihr getan. Das ist doch kein Verbrechen, das halbe Land lebt doch von Gefallen. Schliesslich ist sie ja zu mir gekommen. Und dann stellte ich fest, dass sie arm dran war und der Bey ihre speziellen Bedürfnisse nicht befriedigte. Und ich dachte mir, dann tue ich es eben an seiner Stelle. Aber dann kam heraus, dass diese Hundetochter sich zu mir legen sollte, damit ich rausflog. Danke sehr.«

»Hâni Bergas?«

»Nicht er allein, er hat noch so eine Schlange dabei. Ihr ist das Gesetz schon so lange auf den Fersen, aber nie erwischt es sie. Einmal haben sie sie übel abgekocht, als ich einen Kerl unter Druck gesetzt habe, der ihnen wichtig war. Diesmal haben sie gewonnen, aber das wird nicht immer so sein.«

Taha lächelte verschmitzt. »Sie fühlen sich also ungerecht behandelt.«

»Ich bin nicht der Schlimmste von diesen Leuten. Das System wird von gaaanz oben koordiniert. Es hat ein Gehirn, Hände und Füsse. Ich bin nur ein kleines Rädchen, das keinen Zug aufhalten kann. Entweder man läuft mit – oder man zerbricht. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Die Grossen fressen immer die Kleinen.«

»Adham al-Scharkâwi.«

»Bitte?«

»Er war der Einzige, der einen Zug aufgehalten hat.«39

»Und das ist es, was mir an Ihrem Vater so gefallen hat. Er war der Einzige, der die dritte Möglichkeit gesehen hat: die Säuberung. So macht man das nämlich in einem Land, in dem das Gesetz nur noch ein löchriger Lappen ist. Manchmal ist der Tod die beste Lösung. Denken Sie mal an diese Kerle, die wir im Knast umbringen. Hätten die sich gebessert, wenn sie wieder rausgekommen wären? Nie und nimmer! Wenn die entlassen werden, sind sie schlimmer als je zuvor. Nur ihr Tod zur rechten Zeit bringt uns und dem Volk Ruhe. Sonst begehen die jede Minute ein Verbrechen.«

»Sie kehren also nicht wieder in den Dienst zurück?«

»Nicht, solange Hâni Bergas den Wahlbezirk führt. Und selbst wenn ich zurückkäme – ich habe ja jetzt keine weisse Weste mehr. Sie denken, es war nur einer, der mir übel mitgespielt hat. Nein! Sehr viele Leute haben davon profitiert, dass ich von meinem Platz verschwunden bin.«

»Was hat mein Vater gesehen?«

»Alles zu seiner Zeit.«

»Das reicht mir nicht.«

»Dann überlegen Sie sich mal eine überzeugende Erklärung für die Notizen Ihres Vaters!« Diese Drohung liess Taha verstummen. Hasserfüllt sah er Walîd an, und der fuhr fort: »Ihr Vater, Gott hab ihn selig, hat getan, was er tun musste und noch mehr. Seine ganze Vergangenheit hat er uns in seinem Heft hinterlassen. Und Sie haben dann mit Service weitergemacht. Für Ihren Vater ist alles vorbei, aber Sie haben Ihren Weg noch vor sich. Ich will Ihnen nur Ihre Lage klarmachen, Ihnen zeigen, wo genau Sie stehen. Waren Sie in der Armee?«

Taha antwortete nicht, und Walîd fuhr fort: »Waren Sie also nicht. In der Armee heisst es zurechtzukommen. Von Anfang an gewöhnt man Sie daran, unter allen Umständen zu gehorchen. Das heisst, Sie sagen ja und jawohl und tun es dann auch. Mehr will ich auch nicht, bis unser Problem gelöst ist. Wenn Sie denken sollten, Service’ Tod sei die endgültige Lösung, dann liegen Sie falsch. Service war erst der Anfang!«

Fünf Minuten lang schwiegen sie. Walîd liess Taha in Ruhe, bis der schliesslich antwortete: »Ich mache nur wegen einer Sache mit: damit ich erfahre, was mein Vater gesehen hat, bevor er starb.«

Walîd klopfte ihm auf die Schulter. »Vielleicht halten Sie mich für das Schlimmste, was Ihnen im Moment passieren kann. Aber glauben Sie mir, ich bin das Beste, was Sie kriegen können. Ihr Vater, Gott hab ihn selig, hat das Ganze richtig gesehen. Dieses Land sollte man wirklich in Brand stecken. Essen Sie mit mir zu Abend?« Er wartete die Antwort nicht ab. »In der Strasse 9 gibt es ein Restaurant, wo sie wunderbaren Kebab machen. Da werde ich Ihnen eine Geschichte erzählen.«

*

Im Restaurant Khedive ass Walîd Sultân so viel Kebab, als hätte er vor, die gesamte Libysche Wüste zu durchwandern, während Taha nur ein Glas Pepsi trank. Es war das Erste, was er seit dem Morgen in den Magen bekam. Walîd sah sehr entspannt aus, er lockerte seinen Gürtel, rülpste zweimal und blies genüsslich den Rauch seiner Zigarette in die Luft, während er ein Mädchen mit den Augen verschlang, das in einiger Entfernung sass.

»Was wissen Sie über Schwule?«, fragte er Taha, ohne ihn anzublicken.

Taha seufzte und schüttelte den Kopf. »Ich weiss, dass es viele gibt.«

»Das wissen alle, die den Film Der Jakubijân-Bau40 gesehen haben. Aber niemandem ist klar, dass diese Leute eine ganze Welt für sich sind. Mit verschiedenen Klassen und Schichten. Als ich im Viertel al-Hussain gearbeitet hatte, gab es da das Zweisternehotel Perle. Eines Tages machten wir dort eine Razzia und verhafteten die Jungen. Sie schliefen in der Eiseskälte auf Zeitungen. Wissen Sie, was das für welche sind? Sie kommen vom Land, sind passive Schwule. Drei Viertel von ihnen wurden missbraucht, als sie noch klein waren. Dann kommt so ein Junge nach Kairo und wird immer weiter benutzt, bis er total verwöhnt und schlaff ist. Er wird süchtig nach Sex wie nach Drogen und schliesslich durch und durch krank. Da fangen die Kunden an, sich zu ekeln, und alle halten sich von ihm fern. Gleichzeitig hat er keine Einnahmequelle mehr, und in sein Dorf kann er auch nicht zurück. Wie ein schmutziges Taschentuch schmeisst man ihn weg. So liegt er dann da, ausgesaugt wie Zuckerrohr, bleich und die Arme voller Einstiche. Und wenn zwei von ihnen sich prügeln und der eine dem andern dabei mit dem Klappmesser mitten durchs Gesicht fährt, kommt kein Tropfen Blut. Wie bei den Vampiren im Film! Wissen Sie auch, warum?«

»Warum denn?«, seufzte Taha gelangweilt.

»Weil sie jeden Tag wie Kühe gemolken werden«, fuhr Walîd fort. »So ein Junge geht zu irgendeinem Blutspendezentrum. Da pressen sie einen Liter aus ihm raus. Dafür kriegt er einunddreissig Pfund, ein Saftpack, ein T-Shirt – und herzlichen Glückwunsch! Diesen Vorgang nennen sie Pumpe, weil das Blut abgepumpt wird. Einmal hab ich einen Jungen befragt, der Susan hiess, sie geben sich untereinander nämlich Mädchennamen. Er war der Älteste von ihnen. Ich fragte ihn: ›Warum tust du denn so was bloss?‹ Er antwortete: ›Entschuldigen Sie, Pascha, haben Sie schon mal mit einem Mann geschlafen?‹ – ›Nein, du Muttersöhnchen!«, sagte ich. Da meinte er: ›Sie werden es erst wissen, wenn Sie es probieren.‹ Das ist die Sorte von ganz unten. Dann gibt es eine Klasse in der Mitte, die ganz weichen. Jungs, die schon missbraucht werden, wenn sie noch zur Schule gehen. Die Hälfte von ihnen ist in den Hammams am Golf ausgebildet worden. So einer begleitet seinen Freund überallhin und fürchtet, dass er Zugluft abbekommen könnte. Als wäre er seine Freundin! Das sind die, die auffallen. Rote Gürtel, hautenge Hosen mit tiefsitzendem Bund, so dass man den Slip sieht. Auf Partys und in zweifelhaften Lokalen findet man sie haufenweise. Die meisten Prozesse gibt es ihretwegen, wie bei der Sache mit dem Nariman Queen Boat41

»Und weshalb diese schlüpfrige Vorlesung?«

»Ich erzähle Ihnen das alles wegen der dritten Sorte, die uns interessiert. Diese erreichen die höchsten Positionen, und ihre Stimmen sind wie Trommeln überall zu hören. Wenn Sie ihre Namen hörten, würden Sie es nicht glauben. Einer höher gestellt als der andere. So wie Hâni Bergas.«

Taha runzelte die Stirn. »Und was soll ich tun?«

»Das, was Sie schon mit Service getan haben.«

»Was denken Sie denn von mir? Dass ich jeden Tag auf nüchternen Magen zwei Menschen umbringe? Bei Service gab es gewisse Umstände, aber bei dem andern …«

»Ich beobachte Hâni Bergas seit dem Prozess. Er wohnt immer im Hotel, er mag keine Wohnhäuser. Das ist der Schlüssel zu ihm.« Taha sah ihn wortlos an, und Walîd fuhr fort: »Hören Sie gut zu. Überlassen Sie die ganze Organisation mir. Ich werde immer hinter Ihnen sein, bei jedem Schritt. Im passenden Moment werde ich Sie anstupsen. Sie brauchen es dann nur zu tun. Sie sind Apotheker und haben sicher noch ein paar Tricks im Ärmel. Dann sind wir quitt. Die Notizen Ihres Vaters gehen in Flammen auf. Ihr Bild auf meinem Handy wird gelöscht. Jeder von uns geht seiner Wege, und alle sind zufrieden.« Er lächelte.

»Und Sie waschen Ihre Hände in Unschuld!«

»Wie ich Ihnen schon gesagt habe: Ihre Optionen sind begrenzt.«

Taha wandte den Kopf ab und rang nach Atem. »Und was garantiert mir, dass ich heil aus der Sache rauskomme?«

Walîd strich sich übers Haar. »Dasselbe, was mir garantiert, dass Sie sich keine Spielchen einfallen lassen.« Er zog an seiner Zigarette, dann fügte er hinzu: »Ich habe mal auf Channel 2 einen ausländischen Film gesehen. Mit dem kräftigen Kerl, der so ähnlich aussieht wie der in Braveheart. Zwei, die sich nicht kennen, treffen sich in einer Bar. Beide haben ein Problem mit ihrer Frau. Nachdem sie sich betrunken haben, vereinbaren sie, dass jeder von ihnen die Frau des andern umbringt. Der Erste tut es auch. Aber der Zweite macht einen Rückzieher. Und natürlich gewinnt er am Ende. Amerikanischer Quatsch!« Taha liess seine Blicke abschweifen, aber Walîd holte ihn zurück: »Ich möchte Ihnen versichern, dass so was in Wirklichkeit nicht passiert.«

Taha gab keine Antwort. Das Gespräch war beendet.

Sie fuhren mit dem Auto den Mukattam hinunter, und am Eingang zur Totenstadt des Imam al-Schâfii hielt Walîd den Wagen an. »Steigen Sie aus!«

»Hier soll ich aussteigen?«

»Haben Sie es schon vergessen? Nehmen Sie den Mist, den Sie dabeihaben, und gehen Sie damit auf die andere Seite des Friedhofs! Gehen Sie rein, und werfen Sie das Zeug irgendwohin! Aber dass Sie bloss niemand sieht! Und tun Sie sonst nichts, bevor ich es Ihnen sage!«

»Aber sie werden die Knochen ganz leicht finden! Und dann kommen sie dahinter, dass es Service ist. Die DNA …«

»Warum sollten sie das tun? Hat er sich seinen Namen in die Knochen gravieren lassen? Und ausserdem machen die gar keinen DNA-Test. Wenn wir auf so was stossen, wissen wir doch gleich, das bringt nichts. Es lohnt sich nicht. Falls überhaupt jemand Anzeige erstattet.«

»Was soll das heissen?«

»Der ganze Friedhof des Imam ist doch ein einziges Drogenlager. Niemand hat ein Interesse daran, dass die Polizei da reingeht. Wenn einer was findet, behält er das für sich. Wichtig ist nur, dass Sie niemand sieht. Und denken Sie daran: Solange man mich nicht damit in Verbindung bringt, kommt auch keiner auf Sie!« Nach diesen Worten liess er den Wagen an. »Unternehmen Sie nicht zu viel in den kommenden Tagen, und rufen Sie mich nicht an! Ich werde Sie anrufen.« Taha sah ihn mit leerem Blick an, und Walîd fragte: »Wollen Sie immer noch nichts über Sara erfahren?«

Zweifel flogen ihn an, wie Wespen mit ihrem beängstigenden Summen, und Taha machte einen Schritt auf das Autofenster zu. »Erzählen Sie schon!«

»Die Staatssicherheit hat dieses Mädchen im Auge. Sie ist bereits als aktives Element bei Demonstrationen aktenkundig. Warum kümmern sich Frauen überhaupt um Politik? Das verstehe ich nicht. Freiheitsbewegungen, Sitzstreiks und der ganze Unsinn, mit dem man es heutzutage zu tun hat. Wenn Sie mal so richtig Ärger haben wollen, dann legen Sie sich mit ihr an.« Taha klappte die Kinnlade herunter, und seine Finger verkrampften sich, während Walîd fortfuhr: »Aber wenn dieses Mädchen Wind von etwas bekommt, lässt sie Sie sofort im Stich. Ich will Sie nur vorbereiten, damit Sie keinen Schlag in den Nacken kriegen. Das ist eine Krawallschachtel, die nichts als Probleme macht.« Taha wollte gehen und wandte Walîd den Rücken zu. Der jedoch lehnte sich aus dem Fenster und rief ihm hinterher: »Ich hab noch vergessen, Ihnen zu sagen, dass sie öfter in eine Wohnung im Stadtzentrum geht, die beobachtet wird. Da bleibt sie dann drei Stunden.« Und spöttisch grinsend setzte er hinzu: »Obwohl so was doch höchstens eine halbe Stunde dauert.«

Taha reagierte nicht. Er stand nur still da, während ein Gedanke den anderen jagte. Schliesslich war das Auto verschwunden.

Es war schon nach vier Uhr morgens, als Taha unter der Sajjida-Aischa-Brücke hindurch die Totenstadt des Imam betrat. Seine schwere Last nahm er dabei von einer Hand in die andere. Er hatte das Gefühl, von dunklen Schatten verfolgt zu werden, und jeder Baum und jede Grabstele wurden zu einem lauernden Wesen. Die schmale Mondsichel konnte die tiefe Finsternis ringsum nicht auflösen, die ihn vollkommen wahnsinnig machte. Adrenalin schoss ihm ins Blut und liess seine Handflächen schweissnass werden. Fünf Minuten irrte er umher, und es kam ihm unglaublich vor, dass er in seinem Koffer tatsächlich Service mit sich trug. Mit den Augen suchte er nach einer Ecke oder einem Eingang, wo er seinen Widersacher der Erde übergeben könnte.

»Was is’ los, Käpt’n, suchen Sie was?«

Erschrocken hob Taha den Kopf und sah vor sich einen grossen, gebeugten Mann in einem wallenden Gilbâb. Nur wenige Meter entfernt stand er neben dem Eingang zu einem alten Grabhof unter einer matt schimmernden Lampe. Er sah aus wie ein Aasgeier. Sein Gesicht konnte Taha im Gegenlicht nicht erkennen.

Der Mann rief noch einmal und kam dabei näher: »Suchst du jemanden, Süsser?«

Wie festgenagelt stand Taha da.

Der Mann steuerte mit ruhigen Schritten auf ihn zu, bis er direkt vor ihm stand. »Kann ich was für dich tun?«

Taha sah in ein verwittertes Gesicht. »Nein, danke.«

Der Mann musterte Taha eine Weile und sagte unwillkürlich: »Du siehst aus wie ein Doktor.«

Taha fuhr zusammen. »Woher weisst du das?«

»Berufsgeheimnis. Ich bin Gâbir, dein ergebener Diener. Gâbir Ghasâl. Der älteste Wärter im ganzen Friedhof des Imam.«

»Sehr erfreut.«

Gâbir kam ganz nahe, sein Atem roch nach reifem Roquefort, und er fragte: »Medizin an der Universität Kairo oder der Ain Schams?«

»Kairo.«

»Hast du eine Prüfung? Brauchst du Ersatzteile?«

Taha nahm den Ball an. »Nein, ich hab was, das ich zurückbringen will.«

»Zurückbringen? Einmal verkaufte Ware wird weder zurückgenommen noch umgetauscht.«

»Die Sektion ist abgeschlossen, und mir macht der Anblick zu schaffen. Die Studenten spielen nämlich mit diesen Dingen. Und das waren ja auch mal Menschen – aus Fleisch und Blut.«

Gâbir sah ihn mit ausdruckslosem Blick an. »Und was darf’s sein?«

»Eine Beerdigung für den Toten.«

»Und warum haben die ihn nicht auf dem Friedhof für Unbekannte begraben?«

Taha zögerte, suchte nach einer Antwort und kratzte sich am Hinterkopf.

Aber Gâbir kam ihm zu Hilfe: »Dafür braucht man Genehmigungen und Papiere.«

Taha verstand den Wink, steckte die Hand in die Tasche und zog zwei Zwanzigpfundscheine heraus. »Mit Gottes Segen!«

»So geht das nicht, Herr Doktor. Die Antwort muss zur Frage passen.«

Taha zog seinen letzten Geldschein aus der Tasche, eine Zehnpfundnote. »Jetzt hab ich nur noch drei Pfund, um nach Hause zu kommen.«

Gâbir streckte die Hand aus und nahm den Koffer an sich. »Wie heisst denn der Karîm, der Ehrenwerte?«

»Äh, Karîm heisst er.«

»In Ordnung, Süsser. Moment, ich leer den Koffer für dich.«

Taha hielt ihn zurück. »Nein, das ist nicht nötig. Lass ihn so!«

»Wenn du vor der Prüfung noch mal alles wiederholen willst, frag nur nach Gâbir Ghasâl!«

»So Gott will. Salâm alaikum.«

Er liess den Alten stehen und ging. Immer schneller lief er durch das Labyrinth aus Grabstelen und mit rostigen Ketten verschlossenen Toren. Er hatte das Gefühl, verfolgt zu werden, und es war ihm, als höre er hinter sich einen Gilbâb rascheln – in der Dunkelheit verschwammen sämtliche Konturen und Einzelheiten, und alle Wege sahen gleich aus. Taha drehte sich abrupt um, doch er sah niemanden hinter sich. Auf der Suche nach einem Ausgang zur Strasse tappte er hierhin und dorthin, bis sein Blick auf einen verfallenen Brunnen fiel, auf dem stand: »Lest die Fâtiha für den Inhaber dieses Brunnens, Hanafi al-Sahâr.«

Taha blieb stehen. Diese durstigen Kaktusfeigen und die brüchigen Stufen … Sein Blick wanderte zu einem im Boden eingesunkenen Eisentor, über dem eine weissgekalkte, kaum noch lesbare Tafel angebracht war. Langsam ging er darauf zu und wischte mit der Hand den Staub ab: »Grabstätte der Familie al-Sahâr«. Sonst hatte er immer eine Karte gebraucht, um sie zu finden. »Gott hab dich selig, Papa«, murmelte er. »Lobpreis sei Gott, dem Herrn der Weltbewohner, dem Erbarmer, dem Barmherzigen.42«

»Was hast du, Doktor? Hast du dich verirrt?«

Taha erblasste, als er dieses Zischen hörte, dessen Urheber er nicht hatte kommen hören. Er gab einen leisen Ton der Überraschung von sich und prallte zurück. »Wiiiie, Onkel Ghasâl! Machst du denn keine Geräusche?«

Gâbir grinste verschmitzt mit seinem zahnlosen Mund. »Du bist also aus der Familie al-Sahâr?«

Taha schwieg kurz, dann sagte er: »Nein«, und ging weiter, bis er die Asphaltstrasse erreichte …