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Drei Wochen später – 11 Uhr 44 vormittags

Kasr-al-Aini-Krankenhaus, Intensivstation

Das EKG-Gerät neben dem schmalen, von blassblauen Vorhängen umgebenen Bett schlug aus. Mühsam bewegten sich seine Fingerspitzen zwischen den Kabeln, und langsam öffnete er die Augen. Durch verschwollene Lider sah er über sich eine Neonlampe hängen. Sie leuchtete so grell wie eine kleine Sonne. In seinem Kopf pochte in gleichmässigem Rhythmus ein lauter Schmerz. Er schloss seine Augen vor dem blendenden Licht, öffnete sie aber gleich wieder. Warum er nur auf dem linken Auge etwas sah, wusste er nicht. Er hob die Hand, die so schwer wie ein Bügeleisen schien, um die quallenartige Schwellung an seinem Kopf abzutasten. Doch schon bei der ersten Berührung fühlte er einen stechenden Schmerz und liess die Hand sofort wieder sinken. Vier weitere Minuten brauchte er, um die Augen erneut zu öffnen. Diesmal standen vor ihm eine dicke Krankenschwester und eine junge Ärztin, die eine helle Taschenlampe auf seine Pupille richtete.

»Taha! Taha! Hören Sie mich, Taha? Können Sie sprechen?«

Ihre Stimme schien gedämpft, als käme sie aus weiter Ferne. Taha versuchte, seinen Mund zu öffnen, der so fest verschlossen war wie ein Pharaonensarg. Sein Atem stank nach Asche, und sein Mund war ausgedörrt wie ein verbrannter Baum.

»Schön, dass Sie wieder da sind.«

Taha holte Luft, öffnete den Mund und leierte wie eine alte Kassette: »Wo bin ich?«

»Im Kasr al-Aini.«

Mühsam schluckte er. »Wo ist … Papa?«

Die Ärztin blinzelte der Krankenschwester zu, die ihm gerade half, sich halb aufzusetzen. »Er ist da, Taha.«

»Ich will ihn sehen. Er ist aus dem Stuhl gefallen. Ist er verletzt?«

Die Ärztin mass seinen Blutdruck, dann sagte sie zur Schwester: »Mit dem Antibiotikum machen wir so weiter wie bisher.«

Taha wiederholte seine Frage: »Frau Doktor, was ist passiert?«

Sie machte ein Victoryzeichen. »Wie viele Finger sind das?«

»Zwei«, antwortete er nach ein paar Sekunden. »Was ist denn passiert?«

»Ein Überfall. Jemand hat Sie angegriffen und auf den Kopf geschlagen. Das war vor etwa zwanzig Tagen. Können Sie mir sagen, wo Sie wohnen? Erinnern Sie sich an irgendwas?«

»In Dukki. Der Stuhl meines Vaters lag auf der Seite. Sonst erinnere ich mich an nichts.«

»Schlafen Sie auf dem Rücken. Versuchen Sie, sich zu entspannen, danach reden wir.«

Taha legte sich wieder zurück und gab sich dabei alle Mühe, die Schmerzen an seiner Wirbelsäule zu ertragen. »Was ist denn passiert?«

»Ich weiss, dass Sie Doktor sind, also können Sie verstehen, was ich sage, nicht wahr?«

Taha nickte, und während die Ärztin weiter seinen Puls fühlte, sagte sie: »Der Schlag hat den Temporallappen getroffen, eine schwierige Region. Sie sind ins Koma gefallen, aber Sie hatten Glück. Eine Nachbarin von Ihnen war gerade die Treppe hochgekommen und hatte Sie gehört. Wäre sie nicht gewesen, würden wir jetzt wohl nicht so miteinander reden. Ihnen ist ein neues Leben geschenkt worden.«

»Ja, und Papa, was ist …?«

»Mehr Informationen habe ich nicht, Taha«, fiel sie ihm ins Wort. »Sie müssen sich jetzt ausruhen, und danach, wenn Ihr Zustand sich stabilisiert hat, reden wir weiter«, sagte sie und liess ihn zwischen den blauen Vorhängen mit seinen Fragen allein.

Zwei Stunden nach der Untersuchung kam die Krankenschwester und zog ihm sein am Rücken offenes Hemd aus. Er hatte nicht die Kraft, sich zu schämen, und ergab sich ihren Blicken. Sie leerte seinen Katheterbeutel und rieb seinen Körper mit einem feuchten Schwamm ab. Dann, auf sein nachdrückliches Drängen, brachte sie ihm einen Spiegel. Als er sein Gesicht sah, erstarrte er, als hätte er gerade Frankenstein erblickt. Er hatte mehr als fünfzehn Kilo abgenommen und war dünn wie ein Blatt. Sein Kopf war kahl geschoren und sah aus wie ein benutzter Tennisball. Seine rechte Kopfseite, die Schulter und der halbe Rücken waren voller Blutergüsse und Blessuren. All die Nähte, die sich wie Eisenbahnlinien kreuzten, sollten Wunden verschliessen, die sich den Platz auf seinem Körper streitig machten. Und dann war auch noch ein Auge zugeschwollen wie bei einem besiegten Boxer. Zehn Minuten lang betrachtete er sich, bis ihn eine Stimme aus den Gedanken riss: »Schön, dass es Ihnen bessergeht!«

Ein Mann und drei weitere, die wie seine Assistenten aussahen.

»Ich bin Walîd Sultân, Kriminalhauptkommissar vom Revier Dukki.«

Taha nickte, während Walîd ein Päckchen Zigaretten herauszog und sich eine davon in den Mund steckte, ohne sich um die Krankenschwester zu kümmern, die missbilligend den Mund verzog: »Rauchen ist hier verboten. Das ist eine Intensivstation.« Er sah sie böse an, und sie packte nervös etwas Mull und Watte zusammen. »Die Frau Doktor hat gesagt, er braucht Ruhe.«

Walîd blickte Taha an. »Fühlen Sie sich wohl?« Und ohne seine Antwort abzuwarten, beschied er der Schwester: »Er lässt Ihnen ausrichten, dass er sich wohl fühlt.«

Taha nickte. »Wie geht es meinem Vater?«

Die Schwester konnte vor Wut nicht an sich halten und knallte beim Hinausgehen die Tür hinter sich zu. Walîd sah seine Assistenten einen nach dem anderen an und versuchte, eine passende Antwort zu finden. Schliesslich fiel ihm eine ein: »Ihrem Vater geht es nicht gut, Taha. Wir wollen ihn nicht belästigen. So Gott will, kommen Sie ja wieder auf die Beine, dann können Sie zu ihm. Erzählen Sie mir doch, was an dem Tag passiert ist!« Zunächst aber diktierte er einem seiner Assistenten: »Protokoll vom 8.12.2008, 14 Uhr 15. Aufgenommen durch Oberstleutnant Walîd Ibrahîm Sultân, Hauptkommissar des Reviers Dukki. Sachverhaltsdarstellung: Gemäss Protokoll Nr. 3065, Straftaten des Jahres 2008, erhielten wir um genau 13 Uhr 15 einen Anruf aus dem Kasral-Aini-Krankenhaus, vermeldend die Besserung des Zustands und das Aufwachen von Taha Hussain Hanafi Abdalkarîm al-Sahâr, Ausweisnummer 100 570, Dukki, welcher sich seit dem 17.11.2008 im Zustand der Bewusstlosigkeit befand. Wir begaben uns ins Krankenhaus, und seine Vernehmung ergab Folgendes … – Können Sie uns erzählen, was am Montag, dem 17.11., passiert ist?«

Das Ganze dauerte eine halbe Stunde. Taha beendete seinen wenig detailreichen Bericht und erwartete nun seinerseits zu hören, was er in den vergangenen Wochen verpasst hatte.

Walîd erzählte alles aus seinem Blickwinkel: »Vor drei Wochen erhielten wir eine Mitteilung vom Rettungsdienst, dass eine Nachbarin von Ihnen gerade die Treppe hinaufging, als sie plötzlich eine erstickte Stimme aus Ihrer Wohnung hörte. Sie rief den Türhüter, und sie brachen die Tür auf und brachten Sie ins Krankenhaus.«

»Ist meinem Vater was passiert?«

Walîd zögerte einen Moment, während er seine achte Zigarette ausdrückte, aus der er eine weitere Rauchwolke in den Raum entlassen hatte. Dann machte er seinen Assistenten ein Zeichen, draussen auf ihn zu warten. »Taha, Sie sind ein anständiger, gottgläubiger junger Mann. Ihr Vater …«

Den folgenden Satz, die Todesnachricht, hörte Taha nicht mehr. Er hatte das Gefühl, als wiche auf einen Schlag sämtliche Luft aus seinen Lungen und als zöge sich das Blut an einen Ort zurück, der auf der Landkarte seines Körpers nicht verzeichnet war. Wie ein abgeschossener Kolibri fiel er zu Boden. Walîd tastete an ihm herum, aber schon kam die Ärztin angerannt und schrie: »Wenn etwas passiert ist, sind Sie dafür verantwortlich! Die Vernehmung hätte man auch verschieben können, bis er wieder auf den Beinen ist. Das ist doch Unsinn, was Sie da machen!« Sie lief zu Taha, blickte ihm unter die Lider und rief zwei Krankenschwestern Instruktionen voller medizinischer Ausdrücke zu. Dann forderte sie Walîd auf, den Raum zu verlassen, und versuchte, Taha wiederzubeleben.

Wie geheissen zog Walîd sich langsam zurück. Dabei nahm er eine weitere Zigarette aus der Schachtel, zündete sie jedoch nicht an. Stattdessen liess er seine Blicke über die Beine der Ärztin wandern, die noch immer über Taha gebeugt dasass. Dann ging er in aller Ruhe hinaus.

Am Abend hatte Taha vor lauter Weinkrämpfen und gescheiterten Versuchen, seine Entlassung aus dem Krankenhaus zu erwirken, auch noch sein letztes bisschen Kraft verloren. Walîd Sultân war gegangen, ohne noch irgendeine Information herauszurücken. Er hatte nur gesagt: »Kopf hoch, seien Sie ein Mann! Wenn es Ihnen bessergeht, werden wir uns treffen und miteinander reden.«

Taha konnte sich nicht vorstellen, dass sein Vater vor mehr als zwanzig Tagen einfach so gegangen war. Er konnte nicht glauben, dass er ihn verloren hatte, ohne sich von ihm verabschieden zu können. Von dem, was er erlitten haben musste, machte er sich die schlimmsten Vorstellungen und betete, dass er schnell gestorben war. Vor Trauer erlitt er einen Blutdruckabfall, so dass er nahe daran war, ein weiteres Mal umzukippen.

Seine Tante kam ihn besuchen, in Schwarz gekleidet und in Tränen. Als sie ihn an sich drückte, weinte er noch mehr. Die Ärztin musste ihm ein Mittel spritzen, um ihn für mehrere Stunden ruhigzustellen, bis sie sich über seinen Gesundheitszustand ein Bild gemacht hatte. Seine Tante übernachtete bei ihm, und so konnte er bis zum Mittag des folgenden Tages durchschlafen.

Mehrere Tage musste er noch im Krankenhaus bleiben. Die ganze Zeit starrte er auf eine Wanduhr mit abgebrochenem Zeiger. Allmählich jedoch fühlte er sich etwas besser, wenn es auch mit seiner Gemütsverfassung eher bergab ging. Man teilte ihm mit, er habe eine Nervenstörung. Dadurch habe er Schwierigkeiten beim Greifen, und hin und wieder werde seine linke Seite zu zittern beginnen. Ausserdem habe er vorübergehend sein Kurzzeitgedächtnis verloren. Er müsse den natürlichen Heilungsprozess abwarten und sich mit den Symptomen abfinden. Die meiste Zeit war er schweigsam wie ein Baum.

Am zehnten Tag kündigte man ihm seine Entlassung an. Noch am selben Tag meldete sich jemand vom Polizeirevier bei ihm. Der Hauptkommissar wolle ihn treffen. Taha packte die Kleider zusammen, die seine Tante ihm gebracht hatte, und schickte sich an, das Krankenhaus zu verlassen. Er musste sich noch einige Ermahnungen anhören, bevor er ging. Sein Zustand müsse überwacht werden, bis er sich stabilisiert habe.

Unterwegs bat ihn seine Tante, bei ihr zu übernachten, aber er bestand darauf, in seine Wohnung zu gehen. Im Hauseingang standen ein Polizeisekretär und zwei Rekruten, um noch ein paar Erkundigungen einzuziehen und den ungelösten Fall nicht aus den Augen zu verlieren. Während Taha die Treppe zur Wohnung hinaufging, stürmten die Nachbarn von allen Seiten mit ihren Beileidsbekundungen auf ihn ein: »Kopf hoch, ewig ist nur Gott allein!« Nie hatte er eine Antwort auf diese Worte gewusst. Er nickte und vermied es, ihnen ins Gesicht zu sehen. Vor der Tür zögerte er ein paar Sekunden, weil ihm die Szene, wie er am Tag des Überfalls die Wohnung betreten hatte, wieder vor Augen stand. Deshalb ging seine Tante voraus, öffnete und rezitierte beim Eintreten den Thronvers aus dem Koran. In der ganzen Wohnung erklang die Stimme von Scheich Abdalbassît. Seine Tante hatte in den vergangenen Tagen den Koransender laufen lassen. Taha stellte den Koffer mit den Kleidern ab. Als er vor der verschlossenen Tür des dritten Zimmers stand, erstarrte er. Er ging ins Bad, um sich das Gesicht zu waschen, und anschliessend in sein Zimmer. Dort legte er sich ein paar Minuten hin, bis seine Tante mit einem gebratenen Hähnchen zu ihm hereinkam.

»Du musst etwas essen, damit deine Knochen heilen. Du brauchst Energie, mein Augenstern.«

»Nicht jetzt, Tante. Ich kann nicht.«

Sie steckte den Daumen in die Brust des Hähnchens und riss es auseinander. »Zier dich nicht so, Taha, du musst essen! Trauer bringt das Verlorene nicht wieder. Die Ärzte haben gesagt, wenn du nicht isst, verlierst du wieder das Bewusstsein.«

Er hatte nicht die Kraft, mit ihr zu streiten. »Gut, Tante.«

»Letzte Nacht habe ich von dem Seligen geträumt«, fuhr sie fort. »Er war ganz weiss angezogen, sein Gesicht leuchtete wie der Vollmond, und er hielt einen Palmwedel in der Hand. Ein Palmwedel steht in der Traumdeutung für Sieg, einen gesicherten Lebensunterhalt und gesunde Nachkommen. Er lachte, nannte mich bei dem alten Kosenamen, den er immer benutzt hatte, und sagte: ›Faijûa, pass auf meinen Taha auf!‹ Aaach, Gott gewähre ihm das Paradies!«

Taha kannte die Träume seiner Tante, sie schwebte dann in höheren Sphären. Aber diesmal beschlich ihn das Gefühl, dass sie nur versuchte, seinen Schmerz zu lindern.

»Ja, weisst du, wenn du dich ein bisschen erholt hast, möchte ich, dass du zu den Nachbarn raufgehst und dich bei ihrer Tochter bedankst. Das muss sein, denn wenn sie nicht gewesen wäre …«

»Unser Leben ist in Gottes Hand, Tante.«

»Und gepriesen sei Er! Aber bei dem Mädchen musst du dich bedanken, die hat Gott geschickt! Wäre der Aufzug nicht kaputt gewesen, hätte sie nicht die Treppe benutzt.«

Taha nickte. »Ich werde raufgehen.«

»Nimm ein Tablett Basbûsa mit!«

Faika verschwand in der Küche, während Taha zu dem verschlossenen Raum ging. Er öffnete die Tür. Seine Tante hatte schon Hand angelegt. Sie hatte zwei Flaschen Karbol geleert, die Vorhänge abgenommen und gewaschen und die zerschlissenen Teppiche beseitigt, so dass der lädierte PVC-Boden, der in den achtziger Jahren mal modern gewesen war, wieder zum Vorschein gekommen war. Über den Bücherschrank hatte sie einen weissen Überwurf gebreitet und, nachdem sie den Rollstuhl zusammengefaltet in die Ecke gestellt hatte, an Hussains Lieblingsplatz am Fenster ein kleines Lesepult mit dem Koran aufgebaut. Seit Jahren hatte Taha die Zimmerwände nicht ohne die ganzen Papiere gesehen. Mit der Zeit hatten sich seine Augen an die Plakate seines Vaters gewöhnt, die eine regelrechte Tapete bildeten.

»Komm, trink deinen Tee, Taha!«

»Wo sind die Papiere, Tante, Papas Papiere?«

»Genug, mein Junge.«

»Hast du sie weggeschmissen?«

»Nein … sie sind doch eine Erinnerung an deinen Vater! Und es waren Blätter mit Koranversen dabei und so alte Bücher, die aussahen wie Gebete. Sie schienen mir heilig. Ich hab alles aufgesammelt, in eine grosse Tüte getan und sie auf den Stauboden gestellt.«

»Weiss meine Mutter Bescheid?«

»Ob sie Bescheid weiss?«, fragte Faika ärgerlich. »Von wem sollte sie es denn wissen? Sie weiss noch gar nichts. Jeder nach seiner Fasson.«

Taha ging zu der Zimmerecke und betrachtete den Stuhl seines Vaters. »Ich verschwinde noch mal, ich geh zur Polizeiwache.«

»Mein Junge, die Ärztin hat gesagt: Keine Aufregung! Reicht es nicht, dass du so früh aus dem Krankenhaus gekommen bist? Guck mal, wie blass du bist, kurkumagelb! Iss was, damit du wieder zu Kräften kommst, das Übrige überlass Gott!«

»Ich werde nicht lange brauchen.«

Faika kam auf ihn zu und nahm sein Gesicht in ihre Hände. »Taha, mein Junge, was vorbei ist, ist vorbei. Wer gegangen ist, kommt nicht wieder, was auch immer passiert. Bete für ihn!«

Seine Augen füllten sich mit Tränen. Er küsste ihr die Hand und ging.