25
Abgesehen von der durch den harten Stoss verursachten Bewusstlosigkeit hatte Sara von ihrem Fall zwischen die Füsse der Menge nur ein paar oberflächliche Blessuren und Blutergüsse davongetragen. Mit verbundenem Kopf lag sie nun in einem schmalen Bett im Kasr-al-Aini-Krankenhaus und liess ihre Blicke hin und her wandern, bis ein Arzt mit einem Röntgenbild hereinkam.
»Ich habe Ihnen einen Entlassungsschein ausgestellt, Fräulein Agitatorin. Das Gehirn ist Gott sei Dank unverletzt geblieben, Sie haben keine Hirnerschütterung. Ich schreibe Ihnen aber noch ein Medikament auf. Und lassen Sie das Demonstrieren in Zukunft lieber sein, schliesslich sind Sie ein Mädchen, vergessen Sie das nicht! Ich habe auch eine Tochter in Ihrem Alter.«
Sara nickte nur zerstreut angesichts dieser öden, in väterlichem Ton vorgetragenen Ermahnung, dann verliess sie auf zwei Freundinnen gestützt das Krankenhaus. Unterwegs erhielt sie immer wieder besorgte Anrufe, darunter eine Einladung der Organisatoren der Demonstration zu einem abendlichen Treffen im Carlton Hotel, aus Solidarität mit denen, die bei der Kundgebung verhaftet worden waren.
Zu Hause angekommen, konnte Sara nicht schlafen und lag nur mit weit aufgerissenen Augen da. Wieder dachte sie an die Hand, die in einem Moment der Schwäche ihre Grenzen überschritten hatte, in ihr Territorium eingedrungen und über sie hergefallen war. Sie stand auf und ging zum Spiegel, betrachtete ihr Gesicht, zog sich dann aus und begutachtete ihre Brust, auf der die zudringlichen Finger blaue Flecken hinterlassen hatten. Aufgewühlt löste sie sich den albernen Verband vom Kopf, zog sich wieder an und suchte dabei auf dem Display ihres Telefons nach einem Anruf von Taha. Auf dem Weg die Treppe hinunter blieb sie vor seiner Wohnungstür stehen. Sie wollte schon anklopfen, zögerte dann jedoch und liess es sein.
Vor dem Kino Rivoli stieg sie aus dem Taxi und überquerte die Strasse zum Carlton Hotel. Dort fuhr sie in den achten Stock hinauf, wo sich eine Bar gleichen Namens befand, in der man es schon lärmen hörte, und ging hinein. Zwei grosse Terrassen gab es da und einen weiträumigen Saal, in dem ein meisterhafter DJ den Leuten einheizte, gedämpftes Licht und eine ausgelassene Stimmung. Sara wurde wie eine Heldin empfangen. Die Freunde scharten sich um sie, küssten sie und liessen ihren Kampf hochleben.
Als die Menge sich dann auf die Tanzfläche zerstreute, zog Ibrahîm Sara von dem Lärm fort auf die Terrasse. »Gut, dass du heil wieder da bist.«
»Danke.«
Er gab ihr eine Flasche Stella-Bier, aber sie schob sie freundlich zurück.
»Nein, ich kann nicht, mir ist noch ganz schwindlig. Es ist sehr laut hier.«
Er legte ihr den Arm um die Taille. »Wäre ich bei dir gewesen, wär dir nichts passiert.«
Sara liess den Blick über die Tänzer im Saal schweifen. »Was ist denn hier los?«
»Wovon redest du?«
»Soll das etwa die Solidarität mit den Verhafteten sein?«
»Es hat mit Solidarität angefangen, aber die Leutchen haben ein bisschen viel getrunken.«
»Das ist ja grotesk!«
»Hast du später noch was vor?«
»Ich geh nach Hause.«
»Komm doch mit mir! Ich hab tollen Stoff, und ich würde dir gern was aus meiner neuen Gedichtsammlung vorlesen.«
»Wo denn?«
»Bei mir zu Hause.«
In dem Moment kam ein Mädchen auf sie zu, dessen finstere Miene nicht zu der Partyatmosphäre passen wollte. Eine ganze Weile starrte sie Ibrahîm an, dann machte sie Sara ein Zeichen, ihr zu folgen. Verwundert entschuldigte die sich bei Ibrahîm und folgte dem Mädchen zur Toilette.
Als sie drinnen waren, verriegelte sie zu Saras Erstaunen die Tür und flüsterte: »Ich war heute auch auf der Demonstration.«
»Ich hab dich gesehen, Nuha.«
»Ich war in einem Haus und hab vom Fenster im dritten Stock aus gefilmt.«
»Okay.«
»Ich hab auch dich gefilmt, als du hingefallen bist.«
Sie sah Sara, die sich erwartungsvoll vorbeugte, nicht an. Stattdessen zog sie eine Kamera aus ihrer Handtasche und drückte auf den Wiedergabeknopf. Gespannt blickte Sara auf das Display. Das Video begann mit einer Panoramaaufnahme der Demonstration. Nach mehreren Minuten hörte man den Schrei, sah den darauf folgenden Tumult – und wie die Zentralen Sicherheitskräfte die Demonstranten einkesselten. Hier zoomte das Bild auf eine Gruppe Menschen, an deren Rand Sara stand. Sie rief etwas, fluchte und schimpfte, dann fiel ihr die Kamera auf den Boden. Sie bückte sich danach, und im selben Moment kam ein Angehöriger der Zentralen Sicherheitskräfte und schlug mit seinem schwarzen Stock auf einen Demonstranten ein. Der wich dem Schlag aus und stiess dabei gegen Saras Hinterkopf, worauf sie hinfiel. Kaum jemand bemerkte sie – ausser einem jungen Mann in ihrer Nähe. Er bahnte sich einen Weg zu ihr und beugte sich über sie. Ein Moment der Stille, als hätte die Zeit angehalten – sie sah, wie er so tat, als kümmere er sich um sie. Als wollte er ihr aufhelfen, streckte er seine Hand nach ihrer Brust aus. Und als er ihren Hintern anfasste, sprach Mitleid aus seinem Blick – das Mitleid eines Wolfs.
Als das Video stoppte, war Sara sprachlos. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie gedankenverloren vor sich hin. Ihre Freundin nahm sie in den Arm und sagte: »Dieser Typ spielt hier schon lange Theater. Das ist ein ganz gemeiner Dreckskerl. Man hat ihn bei uns eingeschleust, gegen ihn läuft gar kein Prozess. Er ist bei den Demonstrationen verhaftet worden – und war als Erster wieder draussen. Aber auf seinem Blog gibt er sich als Held, der gefoltert worden ist. Sara, wenn du möchtest, dass ich den Film in deinen Blog stelle, tu ich das.« Sie nahm das Band aus der Kamera und drückte es ihr in die Hand. »Ruf mich an, wenn es dir wieder bessergeht!«
Nuha liess Sara allein ihre Wunden lecken. Die Mascara hatte eine schwarze Trauerlinie auf ihren Wangen hinterlassen. Sie betrachtete sich im Spiegel, rief sich noch einmal ins Gedächtnis, was sie gesehen hatte, und stürzte dann wie eine Furie auf die Terrasse. Unterwegs nahm sie einem jungen Mann an einem Tisch die Bierflasche aus der Hand und ging auf Ibrahîm zu. Er stand da, den Blick auf den Platz gerichtet, und zündete sich gerade eine Zigarette an. Als sie bis auf einen Meter an ihn herangekommen war, schloss sie die Faust fester um den Hals der Flasche, hob sie in die Höhe und liess sie auf seinen Hinterkopf niedersausen. Die Flasche zersplitterte, ohne dass man es bei dem ganzen Lärm hören konnte, und Ibrahîm ging zu Boden. Ein paar Sekunden später hörte die Musik plötzlich auf, und alle schauten zu Sara, die keuchend dastand und Ibrahîm mit ihren Blicken durchbohrte. Einer ging zu ihr, um herauszufinden, was passiert war. Sie schüttelte sich die Glasscherben von der Hand, spuckte auf den mit dem Gesicht nach unten Liegenden und ging dann unter allgemeiner Sprachlosigkeit und fragenden Blicken hinaus.
Währenddessen suchte Taha im Chaos seiner Wohnung seine Sachen zusammen. Ein einziger Koffer musste für Kleider, Papiere und ein paar Fotos reichen. Und für ein Fläschchen voll Staub. Er steckte es sich in die Tasche und ging ins Zimmer seines Vaters. Dort stellte er den Stuhl an den gewohnten Platz und legte das Fernglas daneben. Plötzlich hörte er etwas rascheln. Als er sich umdrehte, sah er sie da sitzen: mit dürren Beinen, scharfem Schnabel und kohlschwarz, die tiefliegenden Augen auf Taha gerichtet.
»Bschschsch!«
Diesmal suchte sie nicht das Weite, flog nicht vor Schreck davon. Taha ging zu ihr, aber die Krähe hob nur den Kopf und sah ihm fest in die Augen. Er liess sich auf die Knie fallen, so dass er auf gleicher Höhe mit ihr war. Ruhig hob er die Hand, berührte sie am Flügel, doch sie bekam keine Angst. Sie fühlte sich samten an, was so gar nicht zu ihrem düsteren Äusseren passen wollte. Aber diesmal kam sie Taha auch ganz anders vor. Er wusste nicht, warum er keine Gänsehaut bekam. Warum er sich nicht abgestossen fühlte. Warum er nicht das Fenster schloss vor diesen dürren Klauen, damit sie bloss nicht wiederkam. Ihre Anwesenheit schien ihm vertraut, als wäre sie ein alter Freund, den er lange nicht gesehen hatte. Er nahm eine Schachtel Kekse aus seinem Köfferchen, die er spontan gekauft hatte, so wie früher immer für seinen Vater, zerbröckelte einen Keks und hielt ihn ihr auf der ausgestreckten Hand hin. Eine Weile rührte sie sich nicht, aber dann machte sie zwei Sprünge auf ihn zu. Nachdem sie ihn noch einige Sekunden lang beobachtet hatte, reckte sie den Hals und nahm sich mit dem Schnabel ein Stück Keks. Schnell frass sie es auf, holte sich ein weiteres und krächzte nach mehr. Immer wieder pickte sie in Tahas Handfläche, bis sie alles aufgefressen hatte. Hatte sie wirklich ein Lächeln auf dem Schnabel? Das war das Letzte, was er von ihr sah, bevor die Krähe ihre Flügel ausbreitete und davonflog. Ein paar Minuten stand Taha wie betäubt, dann schloss er das Fenster, nahm seinen Koffer und fuhr mit dem Bus nach Darrâsa.
Er überquerte die Fussgängerbrücke zum Viertel al-Hussain, das vor Leben wimmelte wie ein Ameisenhaufen: Basare, Parfümeure, Souvenirverkäufer, Flaschen mit Sand, in den man die Namen verliebter Paare schrieb, es gab Hammelfüsse »Neues Testament«, Pasteten »Hussains Kinder«, Kebab von al-Dahân, Milchreis von al-Maliki … auf den Gehsteigen Korane, die für ein Trinkgeld zum Verkauf standen, in den Schaufenstern schillernde Bauchtanzkostüme. Eine Moschee voller Menschen, die ehrfürchtig mit den Händen über die Gräber strichen und die Schlösser an den Absperrgittern küssten. In den Cafés, in der nach Apfelaroma duftender Rauch hing, Touristinnen mit schönen Beinen und vorstehenden Brüsten. Gold- und Silberschmiede und aufdringliche Bettler. Eine lärmende Welt, angetrieben von Ehrenworten, Schwüren und ein paar Brocken in fremden Sprachen. Sie vereinte so viele Gegensätze, wie es in Indien Bekenntnisse gibt.
Taha ging durch die überfüllten Strässchen und Gassen bis zum Viertel al-Churunfusch. Das Haus seiner Tante zu finden war ähnlich schwierig, wie am Kairoer Himmel einen Stern auszumachen, wenn auf dem Lande gerade das Reisstroh verbrannt wird. Taha erinnerte sich nicht mehr, wann er zum letzten Mal hier gewesen war. Seine Füsse trugen ihn in eine Gasse, die ihm vertraut vorkam. Es war, als riefe ihr Haus zwischen all den anderen Häusern nach ihm. Drei Stockwerke, die der Zeit noch immer trotzten. Er ging durch den altertümlichen Flur, dann die ausgetretenen Stufen hinauf. Oben klopfte er an die Tür. Wie immer hiess Faika ihn herzlich willkommen. Auf jede Wange drückte die Alte ihm fünf liebevolle Küsschen, und er küsste ihr die Hand. Anschliessend nahm sie sein Gesicht in beide Hände und blickte ihn prüfend an. Es fehlte nur noch, dass sie nachsah, ob er saubere Fingernägel hatte! Sie machte ihm etwas zu essen, wie seine zerschlagenen Knochen es sich nur wünschen konnten. Zum Schluss folgten noch ein Glas eisgekühltes Lakritzwasser und ein paar Vorwürfe, weil er sie so selten um Hilfe bat.
»Aber jetzt bin ich ja gekommen, um ein paar Tage bei dir zu bleiben.«
Auf das, was sie in seinen Augen las, wollte seine Tante ihn gar nicht ansprechen. Er machte einen abgespannten, sorgenvollen Eindruck und hüllte sich in tiefes Schweigen. Sie setzte sich neben ihn aufs Bett, zog trotz der Hitze die Decke über ihn und fragte: »Soll ich dir eine Geschichte erzählen?«
Taha musste grinsen.
»Du denkst wohl, du bist schon zu alt dafür, Junge«, meinte sie, »aber du wirst dein ganzes Leben ein Kind bleiben.«
»Dann erzähl, Tante!«
»Es war einmal ein Mann namens Noah. Er lebte in einem Land, in dem die Menschen den Herrn vergessen hatten. Jeden Morgen stand er auf, predigte ihnen und wies ihnen den rechten Weg. Aber die Leute hörten ihm nicht zu, und keiner folgte ihm. Schliesslich sagte er sich: ›Sie verstehen nur die Sprache des Blutes. Wenn ich die Herren töte, wird es mit den Dienern bessergehen.‹ Von da an tötete er jeden Tag einen, bis er alle schlechten Menschen im Viertel beseitigt hatte. Aber kannst du dir vorstellen, was dann passiert ist?«
»Was denn, Tante?«
»Mit jedem, dem er das Leben nahm, starb auch ein Teil seines Herzens, ein Stück so gross wie eine Weinbeere. Am Ende war sein Herz tot. Ausser ihm selbst war niemand übrig geblieben. Er hatte sich etwas vorgemacht, als er dachte, er würde alles in Ordnung bringen. Stattdessen hatte er Schlimmeres getan als alle, die er getötet hatte, zusammen! Eines Tages kamen mehrere Leute und scharten sich um ihn. Sie gehörten zu denen, die seine ersten Reden gehört hatten. Und nun vollzogen sie ihr Urteil an ihm: Sie brachten ihn um. Danach fanden sie Ruhe und das ganze Viertel auch. Er hatte sich für Noah gehalten. Aber er hatte nicht bedacht, dass es nicht an Noah ist, Rache zu üben.«
»Warum erzählst du mir diese Geschichte, Tante?«
Sie lächelte ihn an und tätschelte ihm die Wangen. »Schlaf jetzt! Morgen sehen wir weiter.«
Es war nicht übertrieben, wenn Taha das Gefühl hatte, diese Nacht so gut geschlafen zu haben wie nie zuvor, wie ein Fels auf dem Meeresgrund, den keine Strömung von der Stelle bewegen konnte. Er wachte erst auf, als die Sonne bereits ihr Licht durchs Fenster warf, ihm eine Brise übers Gesicht strich und die verschiedensten Geräusche an sein Ohr drangen: die Mismâr eines Zuckerwatteverkäufers, zwei Schläge mit einem Schraubenschlüssel auf eine Butangasflasche und die Stimme eines Brunnenkresseverkäufers. Seine Tante rief ihn zu einem klassischen Frühstück: Fûl mit scharfem Öl, gekochten Eiern und Hüttenkäse mit Tomaten. Als er eben mit dem Essen fertig war, gab sie ihm eine Stofftasche mit Pflanzenornamenten in die Hand, band sich ihr Kopftuch um und nahm ihn mit auf den Markt.
Taha ging hinter ihr her und lauschte ihren Geschichten über jedes Haus, an dem sie vorbeikamen. Sie zeigte auf das Gebäude der Basara-Karawanserei: »Von hier aus wurde die Ummantelung der Kaaba in den Hedschas gebracht.« Dann auf ein anderes Haus: »Und hier wohnte Präsident Gamâl. Dein Grossvater traf ihn immer bei Abduh, dem Haarschneider an der Ecke.« Und nach ein paar Minuten: »Und hier wurde Nagîb Machfûs geboren, Gott hab ihn selig!« Endlich blieben sie vor einem modernen Gebäude mit sechs Stockwerken stehen, das in einem grellen Fuchsia gestrichen war. »Und hier stand das Haus deines Grossvaters, Gott hab ihn selig! Als deine Grossmutter gestorben war, haben es einige Bauern gekauft«, erzählte die Tante. Tahas Blick blieb an dem bunten Haus hängen. Anschliessend bogen sie in eine Gasse ab – »Nusairgasse« stand auf dem blauen Strassenschild. Die Tante lief ein paar Meter hinein und zeigte dann auf ein grosses Juweliergeschäft, die Bijouterie Albert. »Hier sass dein Grossvater immer mit seinem Freund Lieto zusammen.«
Als hätte er einen Geist gesehen, blieb Taha wie angewurzelt vor dem Eingang stehen. Er betrachtete das alte Gebäude, das keine Spur mehr von seinem früheren Besitzer zeigte – ausser einem verstaubten Schild, dessen Rand unter dem neuen hervorsah und auf dem man noch zwei Buchstaben von Lietos Namen entziffern konnte.
Erst seine Tante riss ihn aus seinen Gedanken, als sie unvermittelt sagte: »Dein Vater hat es dir erzählt.«
Taha war sprachlos. »Was soll er mir erzählt haben?«
»Denkst du, ich merke es dir nicht an? So, wie du Lietos Laden anstarrst, muss er es dir erzählt haben«, sagte sie lächelnd.
Sie zog ihn fort zum Gemüsemarkt und begann mit ihren Besorgungen. Plötzlich sagte sie, ohne ihn anzusehen: »Es gibt Leute auf dieser Welt, die nichts zu tun haben, als andern das Leben schwerzumachen.«
»Was genau weisst du, Tante?«
Sie reichte ihm eine Tüte mit verschiedenen Gemüsesorten, damit er sie für sie trug, und antwortete: »Ich weiss, dass dein Vater seine Gründe hatte und du die deinen.«
Taha stellte sich vor sie. »Hat Papa es dir erzählt?«
Faika machte einem Verkäufer ein Zeichen: »Such mir ein schönes Kaninchen aus, Arabi!« Ohne sich umzudrehen, sagte sie dann: »Dein Vater hat sein ganzes Leben lang nichts vor mir geheim gehalten.«
»Aber vor mir.«
»Du warst alles, was er auf dieser Welt noch hatte – warum hätte er es dir erzählen sollen?« Taha nickte wortlos, während sie fortfuhr: »Dein Vater hat alle um sich herum bekämpft. Sein ganzes Leben lang hat er nach einer Welt gesucht, die es nicht gibt. Und wohin das geführt hat, hast du ja gesehen. Damit es den Kleinen bessergeht, muss man die Grossen erziehen! Oder lass den Herrn die Welt, die Er geschaffen hat, wieder in Ordnung bringen!«
Taha schwieg einen Augenblick, dann sagte er: »Tante, ich reise fort. Kann sein, dass ich lange wegbleibe.«
»Das ist doch keine Lösung, mein Kind. Aber wenn du meinst, dass es besser für dich ist, geh fort, bis du dich erholt hast.«
Den ganzen Tag verbrachte er mit ihr. Er fegte ihre Wohnung aus und beseitigte eine Spinne, die sich in einer für sie unerreichbaren Ecke eingenistet hatte. Dafür kochte sie ihm Muluchîja mit Kaninchen und holte unter der Ottomane eine runde Blechdose hervor, die ursprünglich Süssigkeiten enthalten hatte und danach ihr Fotoarchiv geworden war. Sie öffnete einen vergilbten Umschlag mit jeder Menge Erinnerungen: mit der Geschichte der Familie, von Freunden und Nachbarn, mit Bildern von Tahas Vater und dessen Geschwistern, die er noch nie gesehen hatte, mit einem Bild von seiner Grossmutter und einem – einzigen – Foto von Tûna. Jemand hatte ihr Haar rot nachkoloriert. Wie schön sie aussah, und wie sehr sie Sara glich! Bevor der Abend vorbei war, vervollständigte Faika ihre Erzählungen noch mit der Geschichte von Fausi, den eine Strassenbahn überfahren hatte, und von Hamdîja, der Tochter ihrer Tante mütterlicherseits, die mit Sabri, dem Sohn der Näherin Sâmija, weggelaufen war. Danach entschuldigte sich Taha, küsste seine Tante auf beide Wangen und ging in sein Zimmer. Er suchte sich Stift und Papier und begann, ein paar Worte niederzuschreiben, bis ihn schliesslich der Schlaf übermannte.
Im Morgengrauen weckten ihn der Gebetsruf und die Hand seiner Tante. Er nahm die rituelle Waschung vor, betete und liess zu, dass sie ihn mit einer Mischung aus Weihrauch und reichlich Paternostererbsen beräucherte. Auf diesem Schutz vor bösen Geistern, nebst Rezitation der letzten beiden Koransuren, hatte sie bestanden. Danach blieb er wach, bis Jassir anrief, den er gebeten hatte, ihn nach Alexandria zu begleiten.
Taha nahm den Koffer, verabschiedete sich mit knappen Worten von seiner Tante und erbat sich dabei ihre Segenswünsche, die auf ihn niederprasselten wie Regentropfen. Dann begleitete ihn Jassir zum Ramses-Bahnhof. Dort drängten sie sich mit den anderen Passagieren der zweiten Klasse in die eiserne Schlange, die im monotonen Rhythmus einer langatmigen staatlichen Geisterbeschwörung losruckelte. Taha sass am Fenster und blickte auf Passanten, Felder und sein Spiegelbild mit den gegen die einfallende Sonne zusammengezogenen Brauen. Jassir versuchte, ein Gespräch mit ihm zu beginnen, aber ihm fiel kein geeignetes Thema ein, und abgesehen von zwei oder drei Sätzen zur Aktivierung der Kiefermuskeln gelang es ihm nicht wirklich, das Schweigen zu brechen. Als sie in Alexandria ausstiegen, spürten sie die jodhaltige Brise. Sie nahmen ein Taxi und fuhren in Richtung al-Maks. Nach einer Stunde tauchte das Fischerdorf vor ihnen auf, das durchaus Venedig ähnlich sah – allerdings war es ein von Armut und dem Kampf um das tägliche Brot entstelltes Venedig. Sie stiegen aus dem Taxi und fragten einen gebrechlichen Alten, der aussah, als stamme er noch von den Ptolemäern ab, nach dem Café Sabbûr.
Mit zittriger Hand wies er ihnen den Weg: »Hinterm zweiten Eck. Neben Abu Sahras Booten.«
Bei der Moschee überquerten sie eine kleine Brücke, dann gingen sie weiter, an Häusern vorbei, die das Meer umarmten, bis sie zu dem Café kamen. Dort fragten sie nach Hassan al-Girgîschi. Er war nicht da, und so bestellten sie erst mal zwei Gläser mit einem teeähnlichen Getränk. Schliesslich beugte sich der Servierjunge zu Taha und flüsterte ihm ins Ohr: »Hassan kommt gerade. Der da mit dem Schnurrbart.«
Er war nicht etwa ein korpulenter Fischer in Seemannskleidung, sondern ein braunhäutiger, muskulöser junger Mann in jugendlich buntem Outfit. Nicht ohne Vorsicht hiess er sie willkommen, bis er dann erfuhr, dass sie von Walîd Sultân kamen. »Er hat mir alles erzählt. Kommt der Bruder da mit uns?«, fragte er und zeigte auf Jassir.
Taha verneinte, und Hassan zog ihn ein paar Meter vom Café weg und wies auf einen Laden in der Ferne. »Sehen Sie den Supermarkt dort? Kaufen Sie da eine Flasche 7 Up, eine grosse Tüte Chips und getrocknete Datteln. Und holen Sie sich von dem Wagen da Sandwiches mit Fûl und Taamîja. Und aus der Apotheke Kohle- und Durchfalltabletten. Wenn Sie sich dann von Ihrem Freund verabschiedet haben, kommen Sie zu mir!«
Taha und Jassir brauchten zwanzig Minuten, alles für die Todesreise Notwendige zu besorgen. Ein Schweigen trat ein, das jedoch bald von Jassir gebrochen wurde: »Das Ganze ist gefährlich. Tauch doch lieber irgendwo im Land selbst unter, meinetwegen in Oberägypten!«
»In Oberägypten? Was soll ich denn dort? Ich will nicht mein ganzes Leben lang Flüchtling sein. Hier, nimm! Das ist ein Nachschlüssel für meine Wohnung. Mit der Vollmacht, die du hast, kannst du sie jederzeit verkaufen. Du wirst es nicht glauben, aber ich hab Frau Mervat vom Dritten schon Bescheid gesagt. Und warte auf meinen Anruf, damit du weisst, zu welcher Bank du mir was überweisen kannst. Und diesen Brief hier gib meiner Mutter. Ihre Adresse steht drauf. Und der hier ist für Sara, bring das nicht durcheinander! Und noch was …«
»Ja?«
»Jasmin, mit der du auf Facebook gechattet hast …«
»Was ist mit ihr?«
»Sie ist gar kein Mädchen, und sie heisst auch nicht Jasmin.«
Als Taha die Geschichte erzählt hatte, schwieg Jassir einen Moment, dann explodierte er: »Das möge Gott dir heimzahlen! Meine Güte, wenn doch bloss das Boot mit dir unterginge und ein schielender Hai käme und dich in dein bestes Stück beissen würde, du Ich-weiss-nicht-was!«
Taha lachte Tränen.
al-Girgîschi warf ihnen einen ärgerlichen Blick zu. »Verabschieden Sie sich von Ihrem Freund, Prinz, und dann los! Die Leute hier brauchen das nicht mitzubekommen, es ist ja schliesslich keine Wallfahrt nach Mekka. Wir wollen doch keine Probleme, nicht wahr?«
»Mach’s gut, Jassir, grüss meine Tante von mir!«, rief Taha und flüsterte ihm dann noch ins Ohr: »Gestern hab ich deine Frau zu Hause angerufen und ihr alles erklärt. Die Arme steht noch immer zu dir, eine andere hätte längst die Scheidung verlangt. Tu’s für Sina – unser Herr schicke ihr mal einen Herakles als Mann! Und mach immer das Licht aus, wenn du mit irgendwas beschäftigt bist!«
Jassir griff nach Tahas Hand und umarmte ihn. Dann trennten sie sich, und sofort sagte al-Girgîschi zu Taha und einem anderen jungen Mann: »Kommt mit!«
Sie liefen am Meer entlang, bis sie zu einer Baracke kamen. Im Inneren war es stickig und roch stark nach Fussschweiss. Acht Männer sassen mit angezogenen Beinen auf dem Boden. Bleiche, sorgenvolle Bauerngesichter mit einem erwartungsvollen Lauern in den tiefliegenden Augen. al-Girgîschi schloss die Tür und wandte sich an die dort Sitzenden, darunter Taha, der sich zwischen die anderen gequetscht hatte: »Leute, mit Gottes Hilfe brechen wir um Mitternacht auf, wenn uns das Zeichen gegeben wird, dass auf den Wachbooten Schichtwechsel ist. Wir fahren fünf Meilen weit raus, dann nimmt euch ein anderes Schiff auf und bringt euch heil rüber. Wer kann nicht schwimmen?«
Fünf hoben die Hand – Tahas war nicht darunter –, und der Mann fuhr fort: »Schön, es gibt Rettungswesten für zweihundert Pfund das Stück. Essen und Trinken nimmt jeder selbst mit, und wer krank ist, auch seine Medizin. Wenn jemand kotzt, schmeissen wir ihn ohne weiteres ins Meer. Noch Fragen?«
Einige fragten nach Einzelheiten der Überfahrt, wie man zum Beispiel sein Bedürfnis verrichten solle, wie lange die Reise dauere und an welcher Küste sie landen würden. Souverän wie ein Steward der Lufthansa beschwichtigte al-Girgîschi sie und bat sie, Ruhe zu bewahren und auf sein Zeichen zu warten. Dann machte er die Tür hinter sich zu, und der Gestank wurde noch intensiver – vor allem, nachdem einer der Männer seiner Anspannung durch Absonderung eines Gases Ausdruck verliehen hatte, dessen Wirkung mit der von Nervengas zu vergleichen war. Die meisten schliefen, Taha jedoch sass mit angezogenen Beinen da und hatte sich ein Taschentuch vor die Nase gepresst.
»Du siehst aus, als wärst du nicht beim Militär gewesen«, sprach der Mann neben ihm ihn an.
»Das war ich wirklich nicht.«
Der andere sah ihn lächelnd an, er hatte grüne Augen und war dünn wie Briefpapier. »Ach so, deshalb. Übrigens, ich heisse Alâa Abdalgalîl. Aus dem Fajjûm.«
»Taha aus Kairo.«
»Komisch.«
»Was ist denn daran komisch?«
»Dass Leute aus Kairo diese Überfahrt machen, ist ungewöhnlich.«
»Wo liegt denn das Problem?«
»Schau doch, wie wir leben und wie ihr lebt. Euch geht es hundertmal besser als uns. Aber ich will nicht neidisch sein.«
»Und warum wanderst du aus, Alâa?«
»Was soll ich denn sonst machen? Das ganze Land wandert ja aus. Ich komme aus Tatûn, hast du davon mal gehört? Das Mailand des Fajjûm!49 Da wandern alle jungen Männer aus, wenn sie alt genug sind. Zwei meiner Brüder sind auf dem Meer gestorben, und drei andere sind heil angekommen. Die bringen jetzt die Familie durch.«
Taha schluckte schwer. »Sind sie ertrunken?«
»Ja. Aber sechstausend sind bis jetzt schon durchgekommen. Am Anfang gingen sie in den Irak. Aber seit dem Krieg hat Italien ihm den Rang abgelaufen.«
»Aber besitzt du denn keinen Boden, den du bestellen kannst?«
»Wozu sollte ich das tun, Onkel Hagg? Landwirtschaft bringt nichts heutzutage. Die Landbesitzer schlagen den ganzen Boden los, weil der Preis so hoch ist. Und nur die, die nach Italien ausgewandert sind, können ihn sich dann kaufen und Häuser drauf bauen. Heiraten ist schwierig. Wenn einer mit Euros zurückkommt, verwöhnt er das Mädchen, das er zur Frau nehmen will. Er bringt ihr kiloweise Gold mit und baut für sie ganz allein ein Haus mit drei Etagen. Warum sollte sie da so einen wie mich angucken?«
»Sag mal, wie wird das Ganze eigentlich ablaufen?«
»Ganz einfach: Nach fünf Seemeilen haben wir die Küstenwache hinter uns. Dann fahren wir nach links Richtung Libyen. Ein Boot aus Benghasi nimmt uns auf und fährt uns zur nächsten italienischen Insel, wahrscheinlich nach Ragusa. Dreissig Meter vor der Küste steigen wir aus, und dann warten ein paar Italiener auf uns. Bei denen kann man für dreihundert Euro übernachten. Drei Tage, bis du alles organisiert hast und die Kontrollen abnehmen. Pass gut auf, die italienische Polizei ist ziemlich brutal! Wenn alles gutgeht, fahren wir danach nach Palermo. Und wenn der Herr es will, findest du ein italienisches Mädchen oder eine Ältere, die einen Mann sucht, je nachdem, wie viel Geld du hast. Weshalb fährst du eigentlich rüber?«
»Ich bin auf der Flucht vor dem Mann meiner Mutter.«
»Empfehle sie Gott! Wenn wir heil ankommen, bist du mein Gast. Meine Brüder sind grosszügige Leute. Möchtest du was essen?«
»Nein, danke.«
Alâa öffnete ein in Zeitungspapier eingeschlagenes Päckchen, das voller Sandwiches war. »Greif zu, Onkel, oder ekelst du dich?«
»Nein, bei Gott, ich kann nicht. Sei mir nicht böse!«
»Wie du willst«, sagte Alâa und widmete sich in aller Ruhe seiner in Terpentinöl frittierten Taamîja.
Die Sandwiches, die die Druckerschwärze der zerfetzten Zeitung aufgesogen hatten, wurden immer weniger, und allmählich kamen darunter fetttriefende Buchstaben und ein welliges, von grünem Salat gekröntes Foto zum Vorschein. Die Schrift war allerdings noch so gut zu entziffern, dass Taha ein Salatblatt beiseiteschob, um lesen zu können, was darunter stand. Er starrte auf das Papier und riss es dann mit einem Ruck an sich. Dabei purzelte das ganze Essiggemüse auf den Boden – eine Geringschätzigkeit, die sein Freund aus dem Fajjûm deutlich missbilligte. Begierig, als suchte er auf der Liste der bei einer Prüfung Durchgefallenen nach seinem Namen, sog Taha den Text in sich auf. Dann öffnete er seinen Koffer und warf eins nach dem anderen hinaus, bis er es endlich fand: das Heft seines Vaters mit dem Kalenderblatt darin, das dieser einmal abgerissen und zwischen die Seiten gelegt hatte – an jenem Tag, als Taha das Licht angeschaltet hatte. Er nahm das Papier in die Hand und las das Datum: Samstag, 15. November 2008. Seine Blicke wanderten zwischen dem Kalenderblatt und dem Zeitungsausschnitt hin und her, dann blätterte er das Heft hysterisch durch, um schliesslich auf einer Seite innezuhalten: der allerletzten, in der allerletzten Zeile. Eine Weile blickte er geistesabwesend an die Decke der Baracke, dann warf er den Kopf zurück und schlug sich gegen die Stirn – ein Geistesblitz war ihm gekommen. Er faltete die Zeitungsseite mitsamt Öl, Salat und Taamîjakrümeln zusammen und steckte sie sich in die Tasche.