Kapitel 6
Oben auf der höchsten Stelle des Hügels fuhr Kate langsamer und brachte dann schließlich ihren Pick-up auf dem mit Gras bestandenen Seitensteifen zum Stehen. Der Highway zog sich vor ihr an der Küste entlang wie eine sich windende, endlos lange schwarze Schlange. Heute war die See kabbelig. Ein kräftiger Wind schob die Wolken über einen pudrig blauen Himmel. Der Anblick der dunklen Pinien, die rund um das Farmhaus von Bronty wuchsen, löste in Kate gemischte Gefühle aus. Dies war ihr Zuhause. Es war ihr so vertraut. Und dennoch kam es ihr jetzt irgendwie fremd vor, da sie wusste, dass Annabelle sich dort eingenistet hatte.
»Schau, Nell. Das dort ist Bronty«, sagte sie, um sich selbst ein wenig Mut zu machen, »die Farm, von der ich dir erzählt habe. Mamis altes Zuhause. Unser neues Zuhause.«
Nell war viel zu sehr damit beschäftigt, ihre Schuhbänder miteinander zu verknoten, um aus dem Fenster zu sehen. Kate seufzte. Sie fuhr wieder auf den Highway und dann den Berg hinunter auf Bronty zu. Als der Pick-up über das Viehgitter holperte, warf Kate einen Blick auf die von Bäumen gesäumten Bäche, die von den Bergen herunterstürzten, um ihr Wasser schließlich in die Lagune zu ergießen, einen stillen, hauptsächlich mit dem Wasser der Flut gefüllten Teich, der mit Wasservögeln aller Art gesprenkelt und von hohen gelbbraunen Gräsern umgeben war.
Kate lächelte, als sie Matilda sah, die auf der abschüssigen Pferdekoppel entspannt auf dem Boden lag und sich von der Herbstsonne ihre runden braunen Flanken wärmen ließ. Neben der Stute stand Paterson, Wills kastanienbrauner Wallach mit gesenktem Kopf und hängender Unterlippe.
Auf der anderen Seite der Zufahrtsstraße hoben sich einjährige, noch ungeschorene Schafe mit ihrem hellen Weiß von dem gesprenkelten Graugrün der Rübenpflanzen ab. Sie wandten ihnen neugierig ihre schneeweißen Gesichter zu. Das mussten die Merinoschaflämmer sein, die Will erst vor Kurzem gekauft hatte, schloss Kate und war erfreut zu sehen, wie gleichmäßig ihre Konturen waren. Der Geruch der Schafe drang in den Pick-up, und Sheila, die zusammengerollt auf dem Beifahrersitz gelegen hatte, erhob sich. Sie starrte die Tiere mit ihren trüben alten Augen an und leckte sich das Maul.
»Wir sind zu Hause, Sheila«, sagte Kate und kraulte den Hund hinter den Ohren. Als sie jedoch zum Haus hinübersah, spürte Kate, wie ihre innere Anspannung wuchs. Sie konnte sich einfach nicht überwinden, schon jetzt dorthin zu fahren.
Stattdessen steuerte sie den Pick-up über die Weide auf die Pferdekoppel zu. Das nagelnde Geräusch des Dieselmotors veranlasste Matilda den Kopf zu heben. Auch Paterson spitzte die Ohren.
Als sich der Pick-up näherte, rappelte Matilda sich auf, schüttelte sich träge und kam dann an den Zaun getrottet. Kate lächelte. Sie hatte ihr Pferd die ganzen Jahre nicht gesehen. Das in der Sonne glänzende Fell und der runde Bauch sagten Kate, dass es ihrer Stute gut ging. Will hatte offensichtlich ihre Hufe gut gepflegt und regelmäßig ihre Mähne und den Schweif gebürstet.
»Schau, Nell! Das ist Mamis altes Pferd.«
Nells Gesicht erhellte sich, als Kate sie aus dem Pick-up klettern ließ, sie an die Hand nahm und dann mit ihr zum Zaun ging. Sie hob Nell hoch, damit sie ihre Hand auf Matildas Stirn legen konnte.
»Pferti!«
»Das ist Matilda … Und das andere Pferd heißt Patto. Das gehört deinem Onkel Will. Das sind beides Waler. Die Soldaten haben früher immer Waler geritten. Prima Aussie-Pferde!« Kate setzte Nell wieder ab.
»Prima«, wiederholte Nell, während sie sich am Draht des Zaunes festhielt und, ein Auge wegen der Sonne zugekniffen, begeistert zu der Stute hochsah. Kate schlüpfte durch den Zaun, legte ihren Arm um Matildas dicken Hals und atmete ihren süßen, moschusartigen Geruch ein.
Bilder von ihrer Mutter stiegen plötzlich vor ihrem inneren Auge auf. Laney in Gummistiefeln, wie sie die beiden Pferde noch in der Dunkelheit in den Transporter führte. Wie sie den kurvenreichen Highway an der Küste entlang in die Stadt fuhren, damit Will und Kate mit ihren Walern zum örtlichen Frühgottesdienst reiten konnten. In der eisigen Luft und als »Der letzte Posten« gespielt wurde, hatten sie an den frostigen Anzac-Day-Morgen eine Gänsehaut bekommen. Später hatte ihre Mutter ihnen dann in der winzigen Bäckerei, die stets mit dem süßen Duft von Teig und einer behaglichen Wärme erfüllt war, heiße Schokolade gekauft. Während Kate und Will Marshmallows in ihr Getränk rührten, hatten ihnen Kriegsveteranen auf den Rücken geklopft und sich bei ihnen dafür bedankt, dass sie die beiden Militärpferde für den Gottesdienst von so weit hergebracht hatten. Laney hatte immer Zeit gehabt – Zeit für die alten Städter, für die Pferde, für ihre Kinder. Damals hatte keiner von ihnen geahnt, dass ihr selbst nur noch so wenig Zeit blieb.
Kate schlüpfte wieder unter dem Zaun hindurch und hob Nell dann hoch. Vielleicht fand sie ja hier, auf Bronty, mehr Zeit für sie. Sie konnte ihr ein kleines Pony kaufen und mit ihr zur Bäckerei fahren, um ihr dort etwas Süßes zu kaufen. All das lag jetzt vor ihnen. Ein neues Leben.
Sie drehte sich um und sah das Farmhaus an. Es wurde von Eichen und Pappeln umrahmt, deren Laub zu dieser Zeit des Jahres gelb und grün gesprenkelt war. Sie warf auch einen Blick auf das Dachfenster, ein dunkles Quadrat, und sehnte sich danach, ihre Mutter dort stehen und ihr zuwinken zu sehen. Im Fenster stand jedoch niemand, und der graue Anstrich des Dachs darüber blätterte ab. Annabelle war mit ihren »Verbesserungen« offensichtlich noch nicht bis dorthin vorgedrungen.
Kate wollte Nell gerade wieder in ihren Kindersitz setzen, als sie das Brummen eines Postboten-Motorrads hörte. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Will!
Er hupte mit der albern klingenden Hupe der kleinen roten Honda, deren Lack ganz ausgeblichen war, fuhr einmal im Kreis um sie herum und kam dann schleudernd zum Stehen. Sein Hund Grumpy, ein stämmiger Tricolor-Bordercollie mit einer Halskrause so dicht wie eine Löwenmähne, und ein junger Hund, den Kate nicht kannte, sprangen vom Motorrad. Grumpy pinkelte erst einmal an den Reifen von Kates Pick-up. Der junge Hund hüpfte aufgeregt mit dem Schwanz wedelnd vor Nell herum. Sheila beobachtete das ganze Theater gelassen von ihrem Platz auf dem Beifahrersitz aus.
»Mein großer Bruder!«, rief Kate, der sofort auffiel, dass er, seit sie ihn im Krankenhaus das letzte Mal gesehen hatte, ziemlich zugenommen hatte. Sie breitete ihre Arme aus.
»Sie haben dich also tatsächlich wieder ins Land gelassen!«, sagte er, während er sie an sich drückte und sie seine kalte Wange an der ihren spürte.
»Ja, gerade eben erst.«
»Annabelle hat schon in der ganzen Gegend rumerzählt, dass dich dieses Ministerium mit den vielen Namen rausgeschmissen hat und du deshalb bald wieder nach Hause kommst.«
Kate ließ ihn los und gab ihm lachend einen kleinen Schubs.
»Versetzt, Will! Ich wurde versetzt!«
»Wie auch immer du es nennst. Jedenfalls bist du jetzt wieder da. Janie hat mich jede halbe Stunde angerufen, um zu fragen, ob du schon eingetroffen bist. Wie geht es meiner kleinen Nichte?«, fragte Will und ging in die Hocke, um mit ihr auf Augenhöhe zu sein. »Geht es dir gut? Hat dir die Fahrt auf dem großen Schiff gefallen?«
Nell versteckte sich hinter Kates Bein und klammerte sich dabei an die Jeans ihrer Mutter.
»Sag hallo zu Onkel Will, Nell.« Kate sah Will an. »Sie ist manchmal ein bisschen schüchtern, aber das legt sich.« Sie wartete darauf, dass Will etwas sagte, etwas wie: »Wahnsinn, sie sieht ja genau wie ihr Vater aus.« Das tat er jedoch nicht. Stattdessen strubbelte er durch Nells blonde Locken.
»Du bist ja eine ganz Süße.«
»Die Pferde sehen gut aus«, sagte Kate rasch, um das Gespräch von Nell abzulenken.
»Ja, aber sie sind ein bisschen fett. Genau wie ich.« Will tätschelte seinen runden Bauch, dann klopfte er auf den Benzintank seines Motorrads. »In letzter Zeit reite ich nur noch dieses Stahlross. Annabelle ist gegen Pferdehaare allergisch, deshalb will sie mich auch nicht im Haus haben, wenn ich bei den Pferden war.«
Kate zog eine Grimasse. »Wie ist sie so?«
»Ziemlich daneben.«
»Dann hat sie sich also nicht verändert.«
»Sie fühlt sich eben ein bisschen beengt.«
»Klar«, sagte Kate mit ausdrucksloser Stimme.
»Sie braucht Platz für Amy und Aden.«
»Amy und Aden? Das ganze A-Team ist also versammelt?«
»So ist es. Die A-Löcher sind alle da. Aden ist letzte Woche gekommen. Er hat anscheinend vom Leben in der Stadt genug, also hat er sich von Sidney verabschiedet und ist wieder bei Mami eingezogen. Sie hat ihn mit Moleskin herausgeputzt, und jetzt versucht er sich als Mann vom Snowy River, allerdings ohne das dazugehörige Pferd. Und wie immer ist er zu nichts zu gebrauchen.«
»Und Amy?«
»Sie drückt sich vor der Uni.«
»Wie kommt Dad damit klar, dass er jetzt nicht nur das große A sondern auch noch die beiden kleinen As die ganze Zeit um sich herum hat?«
»Du kennst doch Dad. Er sagt nicht viel. Arbeitet einfach.«
»O Gott, Will. Das ist doch schrecklich.«
Will schüttelte den Kopf.
»Ich bin jedenfalls verdammt froh, dass du nach Hause gekommen bist.«
Sie schwiegen eine Weile. Kate bemerkte die Anspannung in Wills Gesicht. Er war sichtlich gealtert. Kate war schockiert, als sie graue Sprenkel in seinem Haar entdeckte. Er war erst Mitte zwanzig, und trotzdem hatten sich schon tiefe Falten in seine Stirn gegraben.
»Du siehst aus, als hättest du in letzter Zeit zu viel gearbeitet.«
»Ich? Nee, bestimmt nicht.«
»Komm schon. Das Leben hat mehr zu bieten als Arbeit. Komm, ich nehm dich mit«, sagte sie, packte ihn am Ellbogen und öffnete die Tür ihres Pick-ups.
»Was? Wohin? Zum Haus?«
»Nein, sicher nicht! Wir fahren erst mal zum Pub.«
»Zum Pub! Aber was ist mit …?« Er deutete mit einer Kopfbewegung in Nells Richtung. Kate antwortet ihm mit einer lässigen Geste.
»Das ist kein Problem. Nell liebt Pubs.«
»Ich muss zuerst noch die Schafe auf eine andere Weide bringen. Kannst du dich in der Zwischenzeit um die Kühe kümmern?«
»Die Kühe? Also, morgen ist auch noch ein Tag. Ich helfe dir. Versprochen. Wir nehmen die Pferde. Dann hat Annabelle wenigstens einen Grund zum Niesen. Sie kann ja auf Nell aufpassen.«
»Kate«, warnte Will.
»Komm schon, Will. Du willst doch bestimmt auch ein bisschen Spaß. Einen kleinen Willkommensdrink dürfen wir uns doch sicher genehmigen. Ich lad dich auch ein.«
Will schüttelte den Kopf, aber Kate hatte Nell schon in ihrem Kindersitz festgeschnallt und ihr eine Tüte Tiny Teddies in die Hand gedrückt. Dann rief sie Wills Hunde mit einem Pfiff auf die Ladefläche des Pick-ups. Sie krabbelten über die wellige Abdeckplane, die Kates und Nells Gepäck schützte, und Kate legte sie an kurze Ketten.
»Du musst Sheila auf den Schoß nehmen«, sagte Kate, als sie den Berg aus Einwickelpapier, Kassetten und Plastikflaschen auf dem Beifahrersitz beiseiteschob.
Will runzelte die Stirn, stieg aber trotzdem ein und hob dann die übergewichtige Sheila auf seinen Schoß.
»Manche Dinge ändern sich nie«, murmelte er.
»Was soll das denn jetzt wieder heißen?«, fragte Kate, während sie den Motor hochjagte.
»Kate Webster und das Verantwortungsgefühl. Die beiden werden niemals zusammenkommen.«
Ihn ignorierend ließ Kate die Räder des Pick-ups durchdrehen.
»Denk an die Bodenverdichtung. Bitte! Du ruinierst meine neue Weide. Der Boden wurde gerade erst gelüftet und frisch angesät.«
»Manche Dinge ändern sich nie«, stichelte Kate.
»Was soll das heißen.«
»William Webster und die Verklemmtheit.«
»Jetzt übertreib mal nicht.«
Kate warf Will einen kurzen Blick zu. Ihre Augen strahlten.
»Holen wir doch noch Janie ab. Vielleicht könnte Dave in der Zwischenzeit auf Nell aufpassen. Du hast doch sicher dein Handy dabei? Ruf sie gleich an.« Sie drehte Adam Brands »Get loud« auf volle Lautstärke und fuhr dann mit heulendem Motor über das Viehgitter zurück auf den Highway.
»Willkommen daheim, kleine Schwester«, murmelte Will. »Willkommen daheim.« Aber er konnte sich ein Lächeln dabei nicht verkneifen.