Kapitel 4
Kate saß an ihrem Schreibtisch und hielt sich an einer Tüte Pommes frites fest. Die Trennwände des Großraumbüros im Landwirtschaftsministerium trugen wenig dazu bei, ihren verkaterten Zustand zu verbergen. Dimity aus der Buchhaltung, die mit der Stupsnase und der runden Brille, hatte sie schon bald aufgespürt.
»Ich habe gehört, dass du gestern beim Landwirtschaftstag den Tasmanischen Teufel in dir ganz schön rausgelassen hast«, neckte sie sie.
Kate zuckte mit den Achseln und bot ihr von ihren Pommes an. Als Dimity ihren aschblonden Kopf schüttelte, stopfte sich Kate selbst ein paar Pommes frites in den Mund. Sie hatte das Ganze schon fast zu Kartoffelbrei zerkaut, als plötzlich Buzz Thompson neben ihrem Schreibtisch stand. Sie sah ihn an.
»In mein Büro. Sofort.« Als Buzz davonging, fielen Kate sein Stiernacken und seine Blumenkohlohren auf, die seine Leidenschaft für Rugby dokumentierten.
In Buzz’ Büro warf sich Kate in einen Sessel und begann sich dann hin und her zu drehen, so als wolle sie seinem unverwandten Blick ausweichen.
»Was war gestern los?«
»Was meinst du?«, fragte Kate.
»Du weißt ganz genau, was ich meine.«
»Ach! Der Wettbewerb im Schafezählen. Ja. Den habe ich gewonnen. Tolle Reklame für das Ministerium, findest du nicht auch? Habe den Farmern gezeigt, dass ein paar von uns Beamten auch in der Praxis was draufhaben.«
»Das meine ich nicht.«
In Kates Erinnerung blitzte ein Bild auf. Sie sah sich wieder auf dem Parkplatz der Landwirtschaftausstellung, mit dem Rücken an einen mit Schlamm bespritzten Hilux-Pick-up gepresst und viel zu betrunken, um sich wegen der Passanten Gedanken zu machen, während der Viehhändler ihre Brüste unter dem Shirt des Landwirtschaftsministeriums betatschte. Sie erinnerte sich an den Geschmack von Bier und den scharfen Geruch abgestandenen männlichen Schweißes.
Kate senkte den Blick und starrte auf ihren Schoß.
»Du hast bereits zwei Abmahnungen«, sagte Buzz, und Kate konnte nichts anderes tun, als zu nicken.
»Wir haben dich eingestellt, weil du intelligent bist. Sehr intelligent. Aber irgendwie kommst du hier nicht klar. Ich glaube, du weißt, dass deine Dreimonatsbeurteilung ansteht?«
Kate ahnte, was jetzt kommen würde. Sie starrte Buzz’ gerötetes Gesicht und sein zerzaustes sandblondes Haar an.
»Ich kann dich hier nicht länger halten«, sagte er. Kate wollte etwas sagen, aber er hob die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen. »Mir ist deine persönliche Situation durchaus bewusst. Deshalb habe ich ein paar Erkundigungen eingeholt und dann eine Versetzung nach Tasmanien empfohlen.«
Kate konnte nicht anders.
»Eine Versetzung nach Tasmanien!«, rief sie und begann dann laut zu lachen. »Das klingt mir eher nach einer Strafversetzung!«
»Ich meine es ernst, Kate. Du bist einfach nicht dafür geschaffen, jeden Tag im Büro zu sitzen. Und das weißt du auch. Außerdem musst du wegen deiner kleinen Tochter flexibel sein. In Tasmanien suchen sie ganz in der Nähe von dort, wo du herkommst, händeringend einen Agronomen und Landwirtschaftsberater. Die Gegend dort unten erhält gerade eine ordentliche Finanzspritze. Du hast inzwischen genügend Erfahrung, dass sie richtig scharf darauf sind, dich zu bekommen. Du kannst dir die Arbeitszeit dort selbst einteilen. Vielleicht kannst du dir sogar auf der Farm deiner Familie ein Büro einrichten.«
»Familie«, sagte Kate ungläubig. »Die einzige Familie, die ich habe, ist hier.« Sie hatte plötzlich das Bild ihres Vaters vor Augen, der aufrecht am Steuer seines Traktors saß, während er mit seiner Egge in den schwarzen, lehmigen Boden Furchen zog, die gerader und präziser waren als die Streifen eines Nadelstreifenanzugs. Ihren Vater, der in ihrem Gesicht forschte und versuchte, darin ihre Mutter zu finden. Dann schien es ihm stets wehzutun, wenn er tatsächlich Laneys Gesichtszüge dort entdeckte, weil sie, Kate, nie an ihre Mutter heranreichen würde. Sie hatte gesehen, wie er oft bei ihrem Lachen, das genauso wie das ihrer Mutter klang, aber viel lauter war, zusammengezuckt war. Selbst hier, während sie in Buzz’ Büro saß, spürte Kate den Schmerz, den der enttäuschte Blick ihres Vater bei ihr stets ausgelöst hatte. Allein schon bei dem Gedanken, mit Nell nach Tasmanien zurückkehren zu müssen, packte sie die schiere Panik. Sie konnte einfach nicht mehr dorthin zurück. Auch nicht, wenn ihr Bruder Will da war, um sie moralisch zu unterstützen.
In Tasmanien würde den Leuten sofort auffallen, dass sie dunkle, ihre Tochter aber hellblonde Haare hatte. Deshalb würden sie früher oder später auch darauf kommen, wer Nells Vater war. Sie würden das Mädchen ansehen und wissend nicken. Kate lief plötzlich der Schweiß den Rücken hinunter.
»Schau«, fuhr Buzz fort. »Ich tue dir damit doch nur einen Gefallen. Einen weiteren Gefallen. Entweder du bewirbst dich für diesen Posten, oder ich muss dir auf der Stelle kündigen. Ein gutes Zeugnis kannst du dann auch vergessen. Und dabei bin ich mir sicher, dass mir nicht einmal die Hälfe von dem, was du in den letzten paar Monaten angestellt hast, zu Ohren gekommen ist.«
Kate blinzelte. Ihr Blick wanderte von ihm weg. Das stimmte. Seit sie Maureens Farm verlassen hatte und in die Stadt gezogen war, war ihr Privatleben völlig außer Kontrolle geraten. Ihr war auch durchaus bewusst, dass dabei vor allem Nell die Leidtragende war. Kate war intelligent genug, um ihre Arbeit mühelos zu erledigen, sie war geschickt im Umgang mit den Kunden und inzwischen auch erfahren genug, um einen Antrag auf eine Agrarsubvention so zu formulieren, dass er unter allen anderen herausragte. Was Nell betraf, so konnte sie jedoch nicht so einfach improvisieren. Kate wusste, dass sie, wenn sie wirklich Mutter sein wollte und wenn sie für ihre kleine Tochter da sein wollte, nicht einfach nur so tun konnte, als ob. Wenn sie ihren Job verlor, riskierte sie, sich selbst zu verlieren, und dann verlor sie vielleicht sogar ihr Kind. Kate biss sich auf die Unterlippe. Buzz stand auf und legte ihr tröstend eine Hand auf die Schulter.
»Dimity hat alle Informationen über den Job in Tasmanien. Ich erwarte von dir, dass du dich noch heute dafür bewirbst«, sagte er streng, aber mit freundlichem Blick. »Eine Abschiedsparty wird es übrigens auch nicht geben.«
Als Kate an ihren Schreibtisch zurückkehrte, war sie zunächst schockiert. Dem folgte jedoch schon bald ein Gefühl der Begeisterung. Sie war jetzt frei. Nichts hinderte sie daran, Nell einfach einzupacken und sich auf den Weg zu machen. Quer durch Australien. Oben im Norden irgendwie Geld verdienen. Mit Obstpflücken. Burgerbraten. Als Mädchen für alles bei der Schafschur. Einfach so lange weiterfahren, bis sie sich endlich selbst wiedergefunden hatten. Dann jedoch meldete sich die Stimme der Vernunft zu Wort. Durch Australien zu ziehen war nichts für Nell, schon gar nicht jetzt, da sie bald in die Schule kommen würde.
Kate saß an ihrem Schreibtisch und überlegte. Sie dachte an ihre sommersprossige Freundin Janie, die mit ihren rundlichen kleinen Zwillingen und ihrem Ehemann Dave, einem Berg von einem Mann, in Tasmanien lebte.
Janie schickte ihr und Nell eifrig Geburtstagsgeschenke. Sie mailte ihr regelmäßig Fotos der Zwillinge und berichtete Neuigkeiten über jeden Meilenstein in ihrer Entwicklung – wann sie zum ersten Mal gelächelt hatten, sich zum ersten Mal umgedreht, zum ersten Mal feste Nahrung zu sich genommen hatten. Sie unterschrieb ihre E-Mails stets mit »Ich vermisse dich« und fügte dann zig Umarmungen und Küsse hinzu. Kate hatte ihr immer geantwortet. Ihre Mails waren jedoch nie besonders ausführlich gewesen, und was ihr Leben mit Nell anging, so waren sie auch niemals ehrlich gewesen.
Janie schien in ihrer Mutterschaft voll und ganz aufzugehen. Wenn sie sich jetzt mit ihrer Freundin verglich, kam sich Kate wie eine Versagerin vor. Aber wenn sie nach Tasmanien zurückging, konnte Janie ihr vielleicht dabei helfen, eine richtige Mutter zu werden, eine Mutter, wie Nell sie brauchte.
Sie rief ihre E-Mails auf. Sie würde Janie schreiben und sie fragen, was sie tun sollte. Als sie dann jedoch zu tippen begann, wurde sie von Emotionen überwältigt. Die Sätze auf dem Bildschirm kamen ihr wirr und völlig unverständlich vor. Sie schrieb, wie verloren sie sich fühlte. Dass sie eine schlechte Mutter sei, und eine unzuverlässige Freundin dazu. Dass sie, wenn es um Männer ging, sich nicht mehr unter Kontrolle hatte und dass sie bei ihnen etwas zu finden hoffte, ohne zu wissen, wonach sie überhaupt suchte. Als sie dann eine Seite geschrieben hatte und ihre melodramatischen Worte noch einmal durchlas, fand sie das Ganze ziemlich peinlich und löschte deshalb die gesamte Seite. Nein, Janie brauchte von alledem nichts zu erfahren.
Kate dachte an die Zeit zurück, als sie und Janie Freundinnen geworden waren. Janie hatte gerade die Schule geschmissen und begonnen, in der Tankstelle und kleinen Werkstatt ihrer Eltern zu arbeiten. Sie war es gewesen, die den Laden aufgesperrt hatte, wenn ihre Mutter wieder einmal zu betrunken oder zu high gewesen war, um aus dem Bett zu kommen. Sie hatte sich dann nichts sehnlicher gewünscht, als dass ihr Dad, der als Fernfahrer gearbeitet hatte, von seiner Tour zurückkommen, und ihr bei der Buchhaltung helfen würde. Sie hatte seine Rückkehr jedoch gleichzeitig auch immer gefürchtet, weil er dann in seiner Wut vielleicht wieder einmal mit den Fäusten auf ihre Mutter losgehen würde.
Janie hatte immer hinter dem chaotischen Ladentisch, auf dem sich Schokoriegel, Ölfilter, Zündkerzen, Keilriemen und Chips, deren Mindesthaltbarkeitsdatum schon längst abgelaufen war, stapelten, gesessen. Neben ihren Füßen hatte ein Heizlüfter gestanden, sie hatte so gut wie immer einen Bonbon im Mund, während sie im neuesten Who-Magazin die traumhaften Brautkleider der Hollywood-Stars studiert hatte.
Kate, die damals gerade den Führerschein machte, war mit ihrem Dad immer genau vor die Zapfsäule gefahren, wobei die Räder ihres Pick-ups eine Glocke im Laden laut klingeln ließen. Während ihr Dad den Tank des Pick-ups mit Diesel gefüllt hatte, war Kate immer in den Laden gegangen und hatte eine Rolle Gerstenzucker für ihre Mutter gekauft. Glukose, damit ihr Körper noch ein klein bisschen länger durchhielt.
»Wie geht’s deiner Mum?«, pflegte Janie zu fragen.
»Nicht besonders«, hatte Kate dann stets geantwortet. »Und deiner? «
»Sie ist zu nichts zu gebrauchen«, hatte Janies Antwort dann stets gelautet.
»Ich wünschte, meine würde bald wieder gesund.«
»Ich wünschte, meine würde bald sterben.«
Dann hatten sie immer zusammen gelacht und dabei gespürt, wie zwischen ihnen eine tiefe Freundschaft zu wachsen begann. Sie mussten beide ein Leben wie Erwachsene führen, waren deshalb beide schon bald von ihren Altersgenossen, die sich wegen Pickel, Schamhaaren und Hausaufgaben Sorgen machten, isoliert gewesen. Janie und Kate, sie beide waren in tragische Umstände verstrickt gewesen, die sie älter machten, als sie es den Jahren nach waren. Das war das Fundament gewesen, auf dem ihre Freundschaft gewachsen war; zwei Mädchen, die einander vertrauten. Die sich gegenseitig beflügelten. Zwei Mädchen, die sonst nichts miteinander zu tun gehabt hätten.
Kate liebte Janies Direktheit und den bitteren Humor, mit dem sie sich über ihre Familie lustig machte, sie sah und schätzte jedoch auch Janies Freundlichkeit. Janie wiederum liebte es, dass Kate sie von Zeit zu Zeit aus ihrer trostlosen, benzingeschwängerten Welt holte und mit ihr durch die wogende Hügellandschaft von Bronty ritt. Sie waren zwischen Kängurubäumen, Oyster-Bay-Pinien und Eukalyptusbäumen, die sich an den steinigen Boden klammerten, hindurchgeritten, dann hinunter auf die Ebene und weiter zum Meer, wobei die Farbe des Bodens von einem kräftigen Rot zu einem sandigen Beige gewechselt hatte. Kate sah sie beide jetzt vor sich am Strand von Bronty, mit sechzehn, wie sie verbotenerweise lauwarmen Rum, den sie in ihren Rucksäcken versteckt hatten, tranken, während sie ohne Sattel auf den Rücken ihrer Pferde saßen. Sie sah Janies braune Beine, die sich vor dem kastanienroten Bauch ihres Pferdes abhoben, ihre langen blonden Locken, die vom salzigen Wasser dunkel waren, und ihr sommersprossiges Gesicht, das sie lachend nach oben gewandt hatte, der Sonne entgegen.
Kate starrte auf den leeren Bildschirm und begann zu tippen. Kurz und knapp, sagte sie sich. Aber lieb und freundlich. Genau so, wie Janie war.
»Hallo Janie. Hier in der Arbeit haben sie mir gerade einen Tritt in den Arsch versetzt. Sollen Nell und ich nach Hause kommen? Was meinst du?« Dann schickte sie die E-Mail ab.
Als Nächstes rief sie Will auf dem Handy an. Schweigen in der Leitung, dann der Klang des automatisierten Klingelns. Würde sie mit der Mailbox verbunden? Wenn sie Wills freundliche Stimme auf dem Band hörte, sah sie ihren großen, stämmigen Bruder mit seinen leuchtenden schwarzen Augen und dem wirren schwarzen Haar, das so sehr im Kontrast zu seinen roten Backen stand, immer ganz deutlich vor sich. Will hatte einen herben Charme, mit dem er jeden einwickelt, sogar die Tiere auf der Farm, die ihm immer mit den Augen folgten. Seine Hunde beteten ihn geradezu an, auch seine Pferde waren ihm treu ergeben, die Schafe vertrauten ihm, und das andere Vieh verhielt sich in seiner Gegenwart immer vollkommen ruhig und entspannt.
Was Will auch anpackte, es gelang ihm. Seine Schweißnähte waren absolut perfekt, seine Zaunstützen wie mit dem Lineal gezogen, seine Dünger- und Samenmischungen aufs Genaueste berechnet. Er hatte stets eine Unmenge Energie. Energie für die Farm. Für seinen Vater. Für Kate, wenn sie ihn um Mitternacht wieder einmal völlig betrunken anrief. Sogar für Annabelle, wenn jemand ihr gut zureden musste. Er schien sämtliche Unebenheiten und Furchen im Leben ihrer Familie einfach zu ignorieren, indem er völlig in seiner Arbeit für die Farm aufging. Er und Kate sprachen selten von ihrer Mutter.
Kate fragte sich jetzt, wie er die Neuigkeit, dass man sie versetzt hatte, aufnehmen würde. Als er schließlich ans Telefon ging, war er ziemlich außer Atem. Offensichtlich war er gerade mit irgendeiner körperlich schweren Arbeit beschäftigt.
»Du bist doch jetzt keine Bandansage, oder? Ich spreche doch mit dem echten Will?«
»Ja, ich bin’s. Live und in Lebensgröße«, sagte er. »Wie geht’s meiner Schwester und ihrem kleinen Stinker?«
»Gut. Mir geht es gut. Ihr geht es gut. Uns geht es gut.«
»Und …?«
Kate ließ ihren Blick durch das Büro schweifen. Dimity zog den Kopf ein und widmete sich wieder ihrer Arbeit. Kate drehte ihren Stuhl so, dass sie ihr den Rücken zuwandte und senkte dann ihre Stimme.
»Buzz hat mich gerade gefeuert.« Als sie das sagte, spürte sie plötzlich Tränen in ihren Augen brennen.
»Ach, Kate.« Sie konnte aus Wills Stimme ganz deutlich die Enttäuschung heraushören. Aber sie hörte auch seine Liebe.
»Nun, er hat mich nicht direkt gefeuert – aber so gut wie. Er hat mich nach Tassie versetzt. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass ich dort ein eigenes Büro einrichten kann. Was soll ich machen?«
»Du weißt, was ich denke.«
»Aber ich kann nicht einfach nach Hause zurückkommen, Will.«
»Doch, das kannst du, Kate. Du kannst sehr wohl wieder nach Hause kommen.«
»Aber …«
»Es gibt kein Aber. Die Zeit ist reif dafür. Ich werde mich um euch beide kümmern. Versprochen. Dad wird es auch gut finden. Dafür werde ich schon sorgen.«
»Und Annabelle?«
»Die kannst du ruhig mir überlassen. Ich werde schon mit ihr fertig. «
»Aber …«
»Kate«, Will schnitt ihr entschlossen das Wort ab, »man bietet dir gerade einen guten Job auf einem Silbertablett an. Du wärst dumm, wenn du nicht zugreifen würdest.«
»Aber …«
»Kate. Mum hätte es sicher gern gesehen, dass ihr, du und Nell, hier auf Bronty lebt. Das weißt du ganz genau.«
Kate schwieg. Will hatte seinen größten Trumpf ausgespielt. Sie spürte, wie ihre gespielte Tapferkeit zu bröckeln begann. Im Grunde hatte sie Angst davor, ganz allein dazustehen. Ganz allein mit der Verantwortung für ein kleines Kind und ohne Job. Sie war es leid, sich ständig zu fragen, wie ihr Leben wohl aussehen würde, wenn sie wieder nach Hause zurückging.
Sie seufzte.
»Außerdem brauche ich dich hier unten auch, Kate«, sagte Will. »Es ist an der Zeit, dass wir diese Idee mit dem Saatgut endlich in die Tat umsetzen. Und dazu brauche ich dich, sonst kann ich damit nicht anfangen. Also, komm nach Hause. Bitte.« Er hielt inne. »Ich würde auch gern an Nells Leben teilhaben. Du hast sie jetzt schon viel zu lange ganz allein für dich gehabt! Bitte, komm nach Hause.«
»Ich denke darüber nach«, war jedoch alles, was sie ihm zugestand, bevor sie auflegte. Während sich die Neuigkeit von ihrer »Versetzung« wie ein Lauffeuer im Büro verbreitete, saß Kate da und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Sollte sie das wirklich tun? Konnte sie überhaupt noch nach Hause zurückkehren?
Sie erinnerte sich an das letzte Mal, als sie Will gesehen hatte. Da hatte er seinen Kopf geradezu ängstlich durch die Tür der Entbindungsstation gesteckt. Er hatte dabei einen blau-silbernen Luftballon in der Hand gehalten, auf dem »Hurra, ein Junge!« gestanden hatte.
»Tut mir leid«, hatte er gesagt und dabei mit dem Kopf in Richtung der mit einer rosa Decke eingewickelten Nellie genickt, die neben ihrem Bett in einem Kinderbettchen aus Plexiglas lag und schlief. Er hatte Kate den Ballon überreicht. »Im Klinik-Shop gab es nur noch diesen einzigen. In letzter Zeit scheint es hier einen ziemlichen Mädchenboom gegeben zu haben.« Dann hatte er mit ernsterer Miene hinzugefügt: »Tante Maureen hat mich angerufen und mir gesagt, dass die Kleine da ist. Wie geht es dir, Schwesterherz?«
Kate hatte zu weinen begonnen. Will war in vieler Hinsicht genau wie ihr Vater. So vorsichtig, so überlegt. Und trotzdem war er jetzt hier. Er hatte alles stehen und liegen lassen, war von Hobart nach Sydney geflogen und war dann mit dem Zug den weiten Weg nach Orange gefahren, nur um sie zu sehen. Alles an ihm hatte sie an zu Hause erinnert. Als sie ihn an sich gedrückt hatte, hatte seine Jacke den salzigen Geruch des Meeres und das schwache, erdige Aroma des alten Scherstalls aus Spaltholz verströmt. Kate hatte die Augen geschlossen. Wenn Will von der Geburt des Babys wusste, dann wusste es auch ihr Dad. Aber warum war er dann nicht mitgekommen? Oder hatte wenigstens angerufen? Will hatte instinktiv gespürt, wie sehr sie das kränkte.
»Dad konnte nicht weg. Er muss sich um die Farm kümmern. Ich soll dir aber seine besten Glückwünsche ausrichten.«
Von der Geburt völlig traumatisiert, hatte Kate, deren Hormone noch immer verrücktspielten, daraufhin noch heftiger zu weinen begonnen. Hatte ihr Vater das wirklich gesagt? Sie schämte sich so sehr. Schämte sich, dass Will sie mit einem Baby sah. Schämte sich, dass ihr Vater wusste, dass sie jetzt ein Kind hatte.
»He, he«, hatte Will sie beruhigt, während er sie fest in den Armen gehalten hatte. »Das ist so ein schönes Baby. Es gibt also überhaupt keinen Grund zu weinen.«
Es gibt sehr wohl Gründe, hatte Kate gedacht. Sie war gerade einmal zwanzig und hatte schon ein Baby! Und ihre Mutter war tot. Wie würde ihr Leben von nun an aussehen? Will hatte sie auf Armeslänge von sich gehalten.
»Hat es wehgetan?«, hatte er schließlich schüchtern gefragt. Kate hatte die Augen verdreht.
»Wehgetan? Und wie! Die Sache mit der Geburt ist eine verdammte Verschwörung. Die Frauen, die schon Kinder gekriegt haben, lügen dich einfach an. Als ich schwanger war, sagten sie: ›Wenn das Baby erst einmal da ist, hast du die ganzen Schmerzen sofort vergessen.‹ Blödsinn! Diese Schmerzen werde ich niemals vergessen. Niemals. Sei bloß froh, dass du ein Mann bist.«
Als Kate mit völlig verkrampften Muskeln im Krankenhaus angekommen war, hatte sie sich sehr bemüht, die freundlichen Anweisungen der Hebammen zu befolgen, die ihr dabei halfen, sich auf dem großen Doppelbett hin und her zu bewegen. Das Bett war dafür ausgelegt, dass die Frauen und ihre Partner die »Freude« der Geburt gemeinsam erleben konnten. Als die Wehen immer schlimmer wurden, schien das Zimmer stetig kleiner zu werden, bis Kate nur noch das Bett wahrnahm. Die glatt gezogenen blauen Laken, die immer mehr verknitterten, und die dicken Kissen, die sich mit ihrem Schweiß vollsaugten, während der Schmerz in heftigen Wellen durch sie hindurchfuhr, Stunde um Stunde. Das Bett war inzwischen für sie sowohl zu einem sicheren Hafen als auch einer Insel des Schreckens geworden.
»Atmen, Kate! Weiteratmen. Das machst du gut«, beruhigte die Hebamme sie.
»Ich kann nicht mehr!«, schrie Kate, als die Stunden zu einer einzigen qualvollen Ewigkeit verschmolzen. »Ich kann nicht mehr! Es tut zu weh.« Der Schmerz beherrschte ihren Verstand vollkommen, und sie hatte das Gefühl, verrückt zu werden oder sogar zu sterben. »Ich habe Angst«, schluchzte sie. Der Schweiß tropfte ihr von der Stirn, und ihre schwarzen Haare klebten ihr am Kopf. Wieder eine Wehe. Sie klammerte sich mit weißen Fingerknöcheln und zusammengebissenen Zähnen an das dicke Kissen.
»Wovor hast du Angst?«, fragte die Hebamme sie mit ruhiger Stimme.
Kate wollte sagen, dass sie Angst hatte zu sterben wie ein Mutterschaf auf der Weide oder ein wunderschönes, aber totes kleines Lamm zur Welt zu bringen. Aber in diesem Moment kündigte sich eine weitere Wehe an, und sie konnte nichts anderes tun, als sie, auf allen vieren kauernd, stöhnend zu ertragen. Das Nächste, was sie wieder bewusst wahrnahm, war, dass Tante Maureen an ihrer Seite war. Sie war ein wenig aufgeregt, da sie erst am späten Nachmittag erfahren hatte, dass ihre Nichte am Morgen in die Wehen gekommen und vom College direkt ins Krankenhaus gefahren war. Kate spürte, dass Maureen ihr den Rücken massierte und hörte ihre beruhigende Stimme.
Kate hatte das Gefühl, als wäre ihre Mutter bei ihr. Sie beruhigte sich ein wenig. Die Hebamme drückte ihr einen geriffelten Plastikschlauch in die Hand, auf dessen Ende ein blaues Mundstück steckte.
»Atme das ein, Kate. Es wird dir helfen. Vertrau mir«, drängte sie.
Es half tatsächlich. Kate spürte, wie der Äther sie in eine Art Schwebezustand versetzte. Die Wirkung ließ jedoch schon bald wieder nach, und dann waren auch die Schmerzen wieder da. Die gutturalen Laute, die aus Kates Kehle kamen, schienen von jemand anderem zu stammen. Sie kam sich schließlich ganz und gar wie ein Tier vor, als ein tiefes Stöhnen in ihr aufstieg.
»Atme den Schmerz hinaus, atme den Schmerz hinaus, Kate«, sagte eine Hebamme mit krausen, roten Haaren. »Es dauert jetzt nicht mehr lange, dann darfst du pressen.«
Sie konnte ihr nicht antworten. Ihre Pupillen weiteten sich vor Angst, so wie bei einem Tier, das in der Falle sitzt. Sie verstand nicht, was da gerade mit ihr geschah. Dann kniete sie wieder auf allen vieren, während die Hebammen sie aufforderten zu pressen. Sie spürte, wie die Gelenke in ihren Pfannen auseinandergezerrt wurden, so als würden zwei Traktoren mit den beiden Seiten ihres Beckens ein langsames, qualvolles Tauziehen veranstalten. Sie stellte sich vor, wie die schweren Haken der Traktorketten rote Muskeln, cremefarbene Bänder und schließlich das Weiß der Knochen auseinanderrissen. Gerade, als sie glaubte, gleich zu sterben, spürte sie, wie der Kopf des Babys ihre Beckenknochen passierte. Dann die Schulter und nach einem letzten Pressen, kam das Baby mit einem Schwall von Flüssigkeit aus ihr heraus. In diesem Moment wusste Kate, was die Frauen gemeint hatten. Das Erstaunen. Die Freude, die in ihr nach all den Schmerzen, dem Schock und der Angst aufstieg. Tränen liefen über ihre geröteten Wangen, als sie das nach Luft schnappende, nass glänzende Baby anstarrte.
»Hallo«, sagte sie zu dem winzigen, blinzelnden Wesen, das mehr wie ein Alien als ein Mensch aussah.
»Das hast du gut gemacht, Kate«, sagte eine der Hebammen. »Du hast ein wunderschönes kleines Mädchen zur Welt gebracht.«
Vier Tage nach der Geburt befand sich Kate in einem wahren Teufelskreis aus Schlaflosigkeit und Schmerzen. Krankenhaushölle. Sie stillte Nell mit aufgesprungenen und blutenden Brustwarzen. Sie hatte sich daran gewöhnt, dass die Hebammen ihre schweren, zum Platzen gefüllten Brüste packten und die Lippen ihres Babys dagegendrückten.
Da war das endlose Klappern auf den Korridoren; das unablässige Hin und Her der Putzfrauen, Schwestern und des Küchenpersonals. Sie alle stürmten einfach in ihr Zimmer und verließen es wieder, schoben Servierwagen, Putzeimer oder medizinische Geräte herum, deren Räder laut über den Boden klapperten und ratterten. Hinter den stets geschlossenen Jalousien gingen Tag und Nacht nahtlos ineinander über. Sie versuchte, sich mit ihren Lehrbüchern zu beschäftigen, aber die Worte verschwammen ihr vor den Augen. Und wenn Nell gerade einmal nicht schniefte, quietschte oder weinte, versuchte Kate, ihren geschundenen Körper wieder einigermaßen zum Laufen zu bringen.
»Wollen Sie noch einmal Voltaren?«, fragten sie die Schwestern oft. Trotz ihrer Schmerzen konnte sich Kate angesichts dieses Namens ein Kichern nicht verkneifen. Immer wenn sie »Voltaren« sagten, hatte sie das Bild eines braungebrannten Muskelmanns, mit nacktem Oberkörper und langen blonden Haaren, wie er die Einbände von Liebesromanen zierte, vor Augen. Sie malte sich aus, wie »Voltaren« in ihr Zimmer stürmte, um sie zu retten. Er würde mit einer dramatischen Geste den Vorhang zurückziehen, ihre Hämorrhoidensalbe und Stilleinlagen einfach vom Nachttisch wischen und sie dann mit seinen starken Armen aus dem Bett heben.
»Ja, ich hätte gerne noch eine Voltaren«, pflegte sie zu antworten, erpicht auf die Benommenheit, die das Medikament ihr brachte. Starke Schmerzmittel linderten nicht nur den brennenden Wundschmerz ihres Dammrisses. Sie halfen ihr auch dabei, den Gedanken daran zu verdrängen, wie ihr Leben jenseits der Klinikmauern aussehen würde. Ein Leben, zu dem von nun an dieses winzige, zarte Wesen gehören würde. Ihre Tochter Nell.
Als Will sich über das eingewickelte Baby, das wie eine kleine Puppe aussah, gebeugt hatte, wusste Kate ganz genau, was er dachte. Mit der süßen kleinen Stupsnase, den strahlend blauen Augen und den blonden Haaren war Nell ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Das Formular für Nells Geburtsurkunde lag auf dem Nachttisch neben dem Bett. Kate hatte versucht, es auszufüllen, aber an der Stelle, wo sie den Namen des Vaters hätte eintragen sollen, hatte sie nicht mehr weitergewusst. Sie wollte Will gerade fragen, ob sie einfach lügen und »unbekannt« eintragen sollte, als eine Gruppe ihrer Mitstudenten ins Zimmer stürmte.
»He!«, sagte Kate und richtete sich vorsichtig in ihren Kissen auf, um zu vermeiden, dass die Nähte wieder aufrissen. Sie konnte den Arzt noch vor sich sehen, der sich über ihre gespreizten Beine gebeugt hatte, während die OP-Lampe grell auf sie herabgeschienen hatte. Trotz seiner gepflegten Manieren war er ihr genauso grob vorgekommen wie ein Schafscherer, der die helle, blutige Schnittwunde eines gerade geschorenen Schafes mit Zahnseide vernähte. Kate hoffte, dass ihre Besucher den fleischigen Geruch warmen Blutes, das noch immer aus der Wunde sickerte, nicht bemerken würden. Sie zog die Krankenhausdecke über ihre Beine und bis zu ihrer Hüfte hinauf.
»Herzlichen Glückwunsch«, rief Bindy und stürmte dann auf Kate zu, um sie zu umarmen und das Baby zu bewundern.
»Bindy, ihr alle, das ist mein Bruder Will.« Kate zeigte in seine Richtung. »Will, das hier sind meine Studienkollegen. Am besten, du beachtest sie überhaupt nicht.«
»Tag.« Will nickte ihnen zu und trat dann einen Schritt zurück, damit sie sich um das Kinderbettchen scharen konnten.
»Wo ist ihr zweiter Kopf?«, witzelte der rotgesichtige Bilzo.
»Und die Schwimmhäute zwischen ihren Zehen und Fingern, damit sie durch die Bass Strait zurückschwimmen kann?«, fragte Freshie.
»Wenn es ein Junge wäre, würdest du ihn dann beschneiden?«, fragte Bilzo frech. »Wir wissen ja schließlich alle, was ihr Tasmanier treibt.«
»Halt die Klappe«, sagte Bindy und klopfte ihnen beiden auf die Schultern. »Sei froh, das sie dich nicht beschnitten haben, Bilzo, sonst hättest du da nämlich nichts mehr, womit du pinkeln könntest.«
»Uuuuh«, kam es von den Jungen im Chor. Kate sah sie an und lächelte. Sie hatten sich am College nach und nach mit ihr angefreundet, obwohl sie schwanger war. Sie waren nicht der coolste Haufen, aber vielleicht mochte Kate sie gerade deswegen. Sie hatten sie in ihre Welt aufgenommen. Und sie hatten es ihr dadurch gezeigt, dass sie sie ständig geneckt hatten. Sie hatten sie »Brutkasten« genannt, hatten ihr in der Mensa des Colleges Milchshakes gekauft, »um ihre Euter aufzufüllen«, hatten Witze über ihren immer dicker werdenden »Bierbauch« und darüber gemacht, dass sie wohl doch mit dem kugelrunden tasmanischen Kricketspieler David Boon verwandt sein müsste. Jetzt aber, da sie ihr Kind auf die Welt gebracht hatte, fühlte Kate sich ihnen in keiner Weise mehr verbunden.
»Da wir schon vom Pinkeln sprechen«, sagte Bilzo zu Kate, »hast du was dagegen, wenn ich mal das Klo benutze, Boonie? Wir haben auf dem Weg hierher ein paar Bierchen gezischt. Ich muss dringend pinkeln. Vielleicht seile ich auch gleich noch einen ab, wenn ich schon mal dort bin.«
»Kein Problem, Bilzo«, sagte Kate. »Aber rutsch nicht auf den Nachgeburt aus«, rief sie ihm nach, als er die Tür hinter sich schloss.
»Ich dachte, die Mutterschaft würde dich wenigstens ein bisschen kultivierter machen! Aber du bist noch genauso verrückt wie eh und je, hm?«, meinte Bindy, dann beugte sie sich über das Kinderbettchen und sagte leise: »Ach, Kate! Sie ist einfach großartig.«
Als Bindy wieder aufblickte, hatte sie einen Ausdruck auf dem Gesicht, der eher traurig als fröhlich wirkte. Als wolle sie damit sagen, dass es ihr leidtäte, dass Kate sich in ihrem Leben schon so früh festgelegt hatte. Ihre Miene erhellte sich jedoch sofort wieder, als sie sich bückte und dann eine schwere Einkaufstüte aufs Bett stellte.
»Tut mir leid, dass es nicht eingepackt ist.«
Als Kate einen neugierigen Blick in die Tüte warf, stieß sie einen kleinen Freudenschrei aus.
»Fantastisch«, sagte sie, als sie einen sperrigen Sixpack Rum mit Cola herausnahm und auf das Bett stellte. »Das muss ich aber vor den Hebammen verstecken. Vielen, vielen Dank.« Ganz unten in der Tüte lag eine Bundy-Rum-Decke mit einem Eisbären und einem gelbschwarzen Schriftzug darauf.
»Die haben die Jungs im Pub mitgehen lassen. Wir dachten, dass du sie vielleicht als Spucktuch für das Baby oder so verwenden könntest. «
»Wir haben sie auch gewaschen«, sagte Freshie und trat ans Bett. »Und wir haben dir auch noch das hier mitgebracht.«
Er hielt ihr ein Pick-up-Magazin hin, auf dessen Titelseite ein muskulös aussehendes Mädchen mit einer Kappe und einem blauen Trikot abgebildet war.
»Danke, Freshie«, sagte Kate und nahm die Zeitschrift entgegen. »Ich werde sie bestimmt in Ehren halten.
»Tut mir leid. Aber ich habe sie schon gelesen, deshalb ist sie so zerknittert.« Während die Jungen das Heft wieder nahmen und über die Ford- und Holden-Pick-ups zu diskutieren begannen, setzte sich Bindy auf die Bettkante, während Will in einem Sessel Platz nahm.
»Wie geht es dir?«, fragte sie jetzt mit ruhigerer Stimme.
»Prima«, log Kate. »Aber wenn ich in den Spiegel sehe, erschrecke ich immer noch. Stell dir vor, du wachst auf und stellst fest, dass dein Körper oben herum wie der von Pammy Anderson und unten herum wie der von Humphrey B. Bear aussieht. So sehe ich im Moment aus, wenn ich nackt bin. Verdammt gruselig, kann ich dir sagen!«
Kate fragte sich, ob sie jemals wieder den Mut finden würde, sich von einem Mann anfassen zu lassen. Im grellen Licht des Badezimmers im Krankenhaus hatte sie ihren schlaffen Bauch in beide Hände genommen und geschüttelt. Es hatte ausgesehen, als hätte jemand die Luft aus einem Reifen gelassen. Besonders schockiert aber war sie über die grellroten Schwangerschaftsstreifen gewesen, die sich über ihren Bauch zogen wie die bunten Streifen bei einem tropischen Fisch. Kate hatte nicht geahnt, wie sehr sich ihr Körper verändern würde. Sie hatte auch nicht gewusst, dass die Schwangerschaftsstreifen irgendwann verblassen würden, dass sie breitere Hüften bekommen würde und dass ihr Bauch nie wieder so fest würde, wie er einmal war. Sie hatte das Gefühl, als hätte sie ihren Teenagerkörper verloren. Eins war sicher, den Körper, den sie jetzt hatte, hasste sie.
Bindy setzte gerade an, um sie zu trösten, als Bilzo aus der Toilette kam. Er zog sich schnalzend ein Paar Latexhandschuhe an, die er im Bad aus dem Spender gezogen hatte.
»Seht mal, was ich gefunden habe«, sagte er und wackelte dabei mit den Fingern. Dann griff er noch einmal um die Badezimmertür herum, zog eine Stilleinlage aus dem Päckchen und hielt sie in die Luft. »Seht euch bloß mal an, wie groß die Dinger sind, Jungs!«
Als die Jungen daraufhin vor Begeisterung zu johlen anfingen, begann Bilzo mit der dicken Einlage durch das Zimmer zu tanzen, während er einen Surfsong der Beach Boys zum Besten gab.
»Um Himmels willen, Bilzo, jetzt mach nicht so ein Theater«, wies ihn Bindy scharf zurecht. »Du weckst noch das Baby auf.«
Kate warf Will einen Seitenblick zu und lächelte ihn entschuldigend an. Er war an ihr Bett gekommen und flüsterte: »Ich komme später noch einmal vorbei.« Noch bevor sie ihm antworten konnte, war er auch schon verschwunden.
An diesem Abend hatte Kate, während Nell als kleines Bündel neben ihrem Bett schlief, den verbotenen Geschmack von Rum auf ihrer Zunge genossen. Sie hatte sich eines der dicken Krankenhauskissen hinter den Rücken geschoben und in dem Pick-up-Magazin geblättert. Dabei war ihr Blick auf das Foto einer Gruppe lächelnder Mädchen gefallen, die, während sie sich gegenseitig die Arme um ihre Schultern gelegt hatten, auf der Ladefläche eines Pick-ups saßen und Bierflaschen in der Hand hielten. Sie trugen alle Krankenhausarmbänder an den Handgelenken und zeigten damit, dass sie nicht nur dafür bezahlt hatten, um in diese Pick-up-Gruppe zu kommen, sondern dass sie wirklich dazugehörten. Sie gehörten tatsächlich zu diesem verrückten, saufenden Haufen, der staubig, laut und schmutzig war. Kate hatte das Foto angestarrt und unwillkürlich ihr eigenes Krankenhausband berührt, während sie an Janie gedacht hatte. Sie hatte an das letzte Mal gedacht, als sie und Janie ein Band wie dieses getragen hatten. Das war auf dem Rouseabout B&S-Ball gewesen.
Mein Gott, war es ihr durch den Kopf gegangen. Sie hatte sich so alt und kaputt gefühlt, dass sie sich nicht einmal vorstellen konnte, jemals wieder auf einen B&S zu gehen.
»Darfst du so etwas überhaupt trinken?«, hatte sie plötzlich eine Stimme von der Tür her gehört. Es war Will. »Ich weiß, dass die Besuchszeit eigentlich schon vorbei ist, aber die Schwester hat mich trotzdem reingelassen.«
Kate hatte gelächelt und sich plötzlich unglaublich darüber gefreut, dass er da war. Als sie jetzt an ihrem Schreibtisch im Büro saß und sich Buzz’ Worte noch einmal durch den Kopf gehen ließ, erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Nach all der Zeit würde sie jetzt also wieder nach Hause gehen. Nach Hause zu Will.
Zwei Wochen später stand Kate mit Maureen vor deren niedrigem Ziegelhaus. Ihre Tante streckte die Hand aus und strich Nell zärtlich über die Haare, während sie mit den Tränen kämpfte. Kate spürte, wie angespannt ihre Tante war. Sie hielt die Lunchbox, die Maureen ihr gegeben hatte, in die Luft.
»Danke für die Fressalien, Tante Maureen.«
»Das ist für euch beide viel besser als des Essen in irgendeinem Fernfahrerlokal.«
Das Beben in der Stimme ihrer Tante war nicht zu überhören. Sie wussten beide, was Kate bei ihrer Rückkehr in Tasmanien erwartete, oder genauer gesagt, was sie nicht erwartete: Laney war nicht mehr da. Sie lebte nicht mehr auf dieser manchmal düsteren, aber manchmal auch heiteren und schönen Insel. Das alte Haus aus Stein und Schindeln direkt am Meer würde ihr so hohl vorkommen wie eine leere Muschelschale am Strand. Aber Kate erinnerte sich auch daran, wie begeistert Will gewesen war, als sie ihm gesagt hatte, dass sie nach Hause kommen würde. Sie hielt sich an seiner Liebe und an seinem Vertrauen zu ihr fest, so als wäre diese Liebe eine Sicherheitsleine, die sie immer ans Ufer zurückzog.
Maureen machte einen Schritt auf Kate zu und drückte sie an sich. Dann hielten sie einander einen Augenblick lang fest. Maureen half Nell dabei, auf den Rücksitz des Pick-ups zu klettern. Sie gab ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor sie sie in ihrem Kindersitz festschnallte.
Auf dem Beifahrersitz des Pick-ups, mitten zwischen den Reisetaschen und Schachteln, saß Sheila und hechelte. Sie leckte sich immer wieder übers Maul und schien sehr nervös zu sein. Kate zog die Tür zu und ließ den Motor an.
»Fahr vorsichtig«, rief Maureen.
Kate nickte. Sie wollte sagen: Danke, Maureen, dass du mir geholfen hast. Bei der Schwangerschaft. Bei der Geburt. Dabei, dass ich das Studium geschafft habe. Einfach bei allem. Stattdessen presste sie die Lippen fest aufeinander und versuchte ein Lächeln, das jedoch mehr zur Grimasse geriet. Dann fuhr sie los und ließ ihr Leben in Orange hinter sich. Sie fuhr in ihre Vergangenheit zurück.