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»Das hat dich stutzig gemacht?« Mark betrachtete den Himmel. Die Sonne stand schon tief und tönte das gegenüberliegende Haus rosa. Hinter dem Zaun neben dem Fußweg streckten erste Schneeglöckchen vorwitzige Blattspitzen aus der braunen Erde.
»Nun, mein Auto stand schließlich noch in der Seitenstraße in Markkleeberg, und die Fotoausrüstung hatte Holländer mir abgenommen. Bevor ich mit ins Krankenhaus gefahren bin, hatte ich Lara gebeten, die Sachen an sich zu nehmen.« Jo rückte den Gurt seiner Tasche zurecht. Ihn fröstelte.
»Verstehe. Lara wusste also, dass du weder über deinen Honda noch über den Fotoapparat verfügst. Trotzdem hat sie verlangt, dass du mit deinem Auto kommst und die Fotoausrüstung mitbringst.«
»Ich wusste gleich, dass etwas nicht stimmt.«
»Und dann hast du die Polizei informiert.« Mark lief schneller.
»Das war der schwierige Teil. Ich glaube, die hatten vorher schon die Nase ganz schön voll von unseren Aktivitäten. Erst präsentieren wir Frieder Wörth, dann schicken wir sie zur Villa von diesem Romain Holländer. Sie waren nicht sehr begeistert davon, dass Lara die ganze Zeit heimlich ermittelt hat.«
»Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Was war eigentlich mit diesem Wörth los? Lara hatte mich ein paar Tage vorher darum gebeten, ihm einen Kindertherapeuten zu empfehlen.«
»Er war es, der am Mittwochnachmittag diesen Holländer niedergeschlagen hat. Eine Frau aus der Sekte hatte nämlich herausgefunden, dass Holländer sich ihrem Sohn Konrad unsittlich genähert hat. Und Wörths Sohn Marcel war der Altardiener vor Konrad. Als Konrads Mutter Frieder Wörth auf der Arbeit anrief, muss der Mann eins und eins zusammengezählt haben und ist ausgetickt.«
»Und dann ist er verschwunden.«
»Verschwunden kann man nicht direkt sagen. Er hat seinen Sohn zur Großmutter in Schwerin gefahren. Noch in der gleichen Nacht ist er zurückgekommen, um nachzusehen, was aus Holländer geworden ist.« Jo schaute kurz zu Mark. Der presste die Lippen aufeinander, ehe er sprach. »Wieso seid ihr eigentlich darauf gekommen, dass ausgerechnet dieser Wörth der Täter sein könnte?«
»Er hat sich seltsam verhalten. Er selbst hat Lara erzählt, dass er vom Sektenchef beschattet wird. Im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass er eine Liaison mit einer Kollegin aus dem Autohaus hatte, wegen der er sich schuldig und sündhaft fühlte. Damit sein Sohn nichts davon mitbekommt, ist er nachts heimlich zu ihr geschlichen.«
»Verstehe. Er wirkte schuldbewusst.«
»Ganz im Gegensatz zu Romain Holländer.«
»Das findet man gar nicht so selten. Dieser Holländer hat die Sekte benutzt, um leichter an Kinder ranzukommen. Die Mitglieder haben ihm in allen Belangen vertraut. Romain Holländer ist auch gar nicht sein richtiger Name. Er kommt aus Frankreich und war schon zweimal wegen Kindesmissbrauchs angeklagt. Das mit der Sekte muss ihm im Knast eingefallen sein – so kam er leicht an seine Opfer heran. Dazu kommt außerdem, dass er Männer aus der Sekte dazu gebracht hat, Mädchen zu vergewaltigen. Es gibt Videomaterial davon. Wörth und die anderen werden sich dafür verantworten müssen.«
»Was für Strafen drohen ihnen?«
»Das kann ich nicht sagen. Vielleicht hält man ihnen mildernde Umstände zugute, weil Holländer sie vorher mit Rauschmitteln vollgepumpt hat.«
»Was geschieht jetzt mit dem Sektenchef?« Jo zog die Schultern hoch.
»Man wird ihn anklagen. Das ist gar nicht so einfach, weil der Mann schweigt. Um ihm seine Schandtaten nachzuweisen, muss man die Opfer befragen. Vieles, was er den Jungen angetan hat, geschah unter Hypnose. Sie erinnern sich nicht oder nur schwach an den Missbrauch.«
»Widerlich. Da haben sie es bei Stefan Reinmann leichter, was?« Jo schlug dem Freund die Handfläche auf die Schulter.
Mark nickte und schob die Hände in die Jackentasche. Kaum war die Sonne weg, wurde es kalt. »Es gibt Spuren und Material, genügend Beweise, die Reinmanns Täterschaft belegen. Bis zum Prozess wird es allerdings noch ein paar Monate dauern. Im Moment liegt der Gute ja im Haftkrankenhaus. Du hast ihn ganz schön verunstaltet.«
»Ich konnte nicht anders. Als wir unten angekommen waren und ich Lara da liegen sah – überall Blut, diese klaffenden Wunden, da bin ich ausgerastet und ihm an die Gurgel gegangen. Muss das Adrenalin gewesen sein. Ich glaube, er hatte auch nicht damit gerechnet, dass ich gewarnt war, sonst hätte er sich vielleicht mehr in Acht genommen. Es tut mir fast ein bisschen leid, dass die Polizei so schnell eingetroffen ist.«
»Vielleicht war das besser so. Wer weiß, womöglich hättest du ihn nicht nur bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt …«
»Ich habe kein schlechtes Gewissen deswegen.« Jo schielte auf seine Armbanduhr. Sie würden sich verspäten. »Kann man Tätowierungen eigentlich entfernen?«
»Denkst du an die Frau, die Reinmann entkommen ist?«
Jo nickte kurz, und Mark fuhr fort. »Es ist zwar langwierig und auch ein bisschen schmerzhaft, aber es geht. Mit einem Laser werden die Farbmoleküle in der Haut zerschossen. Da sind wir.« Mark klingelte, und als der Türsummer ertönte, stiegen sie nach oben. Die Tür öffnete sich schon, noch ehe sie angekommen waren.
»Meine beiden Lieblingsmänner. Kommt rein. Der Kaffee ist schon fertig.« Lara betastete die halb verheilte Fleischwunde an ihrer rechten Hüfte und verzog kurz das Gesicht, dann strahlte sie wieder. »Gerade hat mich Frank Schweizer angerufen. Der geht nach Berlin.«
»Du willst seinen Job?«
»Vielleicht. Bei der Tagespresse brauche ich ja nun nicht mehr anzukommen, seit ich Tom wegen der Praktikantinnen-Sache angezinkt habe.«
»Aber nicht du hast etwas Unrechtes getan, sondern er.« Mark richtete die Kuchengabeln neben den Tellern symmetrisch aus.
»Trotzdem sind die Kollegen sauer auf mich. Ich habe das Nest beschmutzt, wie es so schön heißt. Außerdem habe ich ja gekündigt.«
»Kann man das nicht rückgängig machen?« Jo lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Wenn ich es wollte – vielleicht. Aber ich will nicht.« Lara strich sich die Haare aus der Stirn und griff nach der Kanne. »Genug über Vergangenes geredet.« Ihr Blick glitt von Mark zu Jo und wieder zurück. Dann lächelte sie.