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Auf Laras Monitor erschien ein Bild der Kirche von Heuerswalde. Im tiefstehenden Licht der Wintersonne wirkte das Gebäude freundlich und stolz. Wären nicht die rot-weißen Absperrbänder ringsherum gewesen, hätte man das Foto für eine elegische Bestandsaufnahme der Vergänglichkeit des Lebens halten können. Sie überflog den dazugehörigen Artikel und klickte dann auf den nächsten Link. Über hundert Treffer hatte die Suchmaschine zu »Leiche+Heuerswalde« ausgespuckt, die meisten wiederholten jedoch lediglich den dürren Wortlaut der dpa-Meldung. Elsa Breitmann war noch nicht wieder in der Redaktion aufgetaucht. Aber selbst wenn sie bis zum Redaktionsschluss bleiben musste, Lara würde ausharren, um die Kollegin nach Strich und Faden auszuhorchen. Auch wenn Tom »vergessen« hatte, sie über den Fall zu informieren, Gerichtsberichte, Mordfälle, Verbrechen waren das Ressort von Lara Birkenfeld. Mochte die freie Mitarbeiterin einen ersten Artikel über den Leichenfund schreiben, der Rest war Laras Sache.

Kalte Luft strich über ihre Arme, und sie blickte auf. Die Eingangstür zu den Redaktionsräumen bewegte sich leicht im Luftzug. Irgendjemand musste sie offengelassen haben. Lara erhob sich. Sie musste jetzt aufhören, über die nackte Frauenleiche in der Heuerswalder Kirche nachzudenken. Der Artikel über die Geflügelschau war noch nicht geschrieben und zwei weitere Texte auch nicht. Dazu kamen der Berg E-Mails und die Vorbereitungen für die kommenden Tage. Allerhand Arbeit für die verbleibenden zwei Stunden. Aber vorher würde sie noch einmal versuchen, Mark anzurufen und dann einen Gesprächstermin mit diesem Sektenbeauftragten vereinbaren. Lara warf sich die Jacke über die Schultern, steckte Handy und Terminplaner ein und machte sich auf den Weg nach unten. Ein bisschen Bewegung würde das Adrenalin, das der Zorn in ihre Blutbahn geschleudert hatte, abbauen.

Lara gab der Eingangstür einen Tritt, und diese schwang nach innen. Markus Lehmann stand hinter ihrem Schreibtischstuhl und musterte den Bildschirm. Sein Gesichtsausdruck wechselte in Sekundenbruchteilen von erschrocken zu schuldbewusst und fror dann bei »Ich habe nichts Verbotenes getan« ein.

»Ich habe Ihnen die Post hier hingelegt.« Er zeigte auf die Ablage auf ihrem Schreibtisch und entfernte sich schnell in Richtung Küche. Kopfschüttelnd nahm Lara Platz, klappte ihr Notizbuch auf und notierte sich den vereinbarten Besuch bei Herrn Reinmann für Mittwochnachmittag. Tom hatte die naiven Blondchen gegen einen Spion eingetauscht. Vom Regen in die Traufe.

Hastig warf sie ein paar Stichpunkte aus dem Telefonat mit Mark aufs Papier. Die Leiche von Carolin Fresnel war zwischenzeitlich eingefroren gewesen. Wie lange, hatten die Rechtsmediziner nicht genau eingrenzen können. Mark hatte ihr erklärt, dass abhängig von der Temperatur Stunden bis Tage vergehen konnten, ehe ein kompletter Körper durchfror. Zum Zeitpunkt des Auffindens, also zur Modenschau, waren die inneren Organe bereits wieder vollständig aufgetaut gewesen.

»Das heißt, der Täter muss sie nicht nur einige Tage lebend in seiner Gewalt gehabt haben, sondern er hat die Leiche dann tiefgefrostet und aufbewahrt, bis er sie brauchte. Das ist ja gruselig.« Lara hörte sich selbst flüstern und sah sich hastig um, ob jemand ihr Selbstgespräch gehört hatte, sah aber niemanden. Ein einfacher Gefrierschrank würde für so etwas nicht reichen, man brauchte schon eine große Truhe. Und es musste sicher sein, dass niemand anders zufällig hineinschaute. Mark hatte ihr auch versprochen, seine Kontakte zu nutzen, um sich über die Leiche in der Heuerswalder Kirche zu erkundigen.

Sie klappte das Notizbuch zu und beschloss, sich heute Abend hinzusetzen und alles zu ordnen. Das Ganze wurde allmählich unübersichtlich. Dann griff sie zum Telefon und wählte die Nummer der Pressestelle der Kripo. Den Namen des Beamten, der sich nach langem Warten meldete, hatte sie noch nie gehört. Wechselten die ihre Leute monatlich aus? Vor den Fensterscheiben tanzten kleine Flöckchen einen Reigen, während ihr der Mann in barschem Ton erklärte, dass sie im Fall der Frauenleiche in Heuerswalde aus ermittlungstaktischen Gründen keine Informationen herausgeben könnten. Zudem müsse man die Obduktionsergebnisse abwarten. Eine Pressekonferenz sei für Donnerstagnachmittag geplant. Unsanft landete Laras Hörer in der Halterung. Sie schnaubte. Ermittlungstaktische Gründe! Immer die gleichen Floskeln! Und wo blieb eigentlich Elsa Breitmann?

Als hätten ihre Gedanken sie herbeigezaubert, öffnete sich die Tür und die Kollegin stapfte, einen meterlangen Schal vom Hals abwickelnd, herein. »Das ist vielleicht ein Sauwetter da draußen!« Sie steckte die Handschuhe in die Manteltaschen und kam zu Lara. »Wo sind denn die anderen alle?«

»Dass Hubert und Gert krank sind, weißt du ja sicher.« Elsa Breitmann nickte. »Tja, Christin ist zu einem Interview, Friedrich sortiert, glaube ich, nebenan Akten. Bert Anders kommt erst morgen von einer Dienstreise. Jo fotografiert irgendwo.« Lara überlegte kurz, wen sie vergessen hatte, und setzte hinzu: »Markus Lehmann muss hier sein. Wahrscheinlich steckt er in der Küche.« Sie grinste verschwörerisch, und Elsa lachte gackernd.

»Wo warst du denn heute?« Sollte die Kollegin ruhig glauben, Lara wisse noch nichts von dem erneuten Leichenfund, vielleicht war sie dann gesprächiger. Elsa legte ihren Mantel auf Huberts Schreibtisch, zog seinen Drehstuhl heraus und setzte sich. »In Heuerswalde.«

Lara zog die Augenbrauen hoch und schob den Kopf vor, während die Kollegin ihr erzählte, was sie schon wusste.

»Die Leiche wurde tatsächlich gekreuzigt?«

»So sagt man. In die Kirche haben die mich nicht gelassen, wie du dir sicher vorstellen kannst. Ich habe ein paar von den anderen Journalisten ausgehorcht. Das Fernsehen war auch da.« Elsa Breitmanns Augen blitzten. Endlich passierte etwas Spannendes, und sie war mittendrin! Die Freien kriegten sonst immer nur die Aufträge ab, die keiner haben wollte, dazu noch die an den Wochenenden oder abends; Termine, die die Festangestellten ungern übernahmen, weil sie außerhalb ihrer regulären Arbeitszeiten lagen. »Angeblich hat der Täter ihre Hände an der Unterlage, einem breiten Brett, das schräg an die Wand gelehnt war, angenagelt. Bestimmt war es ihm zu aufwendig, extra ein mannshohes Holzkreuz in die Kirche zu schaffen, um die nackte Frau daran zu befestigen.«

Lara nickte und tat erstaunt. Spekulationen über Spekulationen. Hoffentlich wurde Elsas Artikel sachlicher. Und wieso ging die Kollegin automatisch davon aus, dass es sich beim Täter um einen Mann handelte? »Was haben denn die anderen noch erzählt?«

»Ein Typ von Leipzig live hat angeblich gehört, dass in den Augenhöhlen der Toten Murmeln aus Holz gesteckt haben sollen.«

»Mur…« Noch ehe sie das Wort fertig ausgesprochen hatte, erschien ein winziger roter Stoffbeutel vor Laras innerem Auge und sie sah, wie eine Hand hineingriff und mehrere Holzkugeln herausholte. Sie atmete scharf ein und hörte Elsa wie durch Watte fragen, ob etwas nicht in Ordnung sei. Lara räusperte sich. »Weiß man schon, wer das Opfer war?«

»Nein. Jedenfalls habe ich davon nichts gehört.«

»Jemand Kaffee?« Markus Lehmann trompete die Frage in den Raum. Er stand mit zwei großen Henkeltassen in der Tür zur Küche und hatte sein unverfänglichstes Gesicht aufgesetzt. Und wieso verwendete er eigentlich immer den gleichen Spruch? Lara und Elsa nickten synchron, und sein Pfannkuchengesicht erstrahlte. Der Praktikant stellte die Tassen auf eine Ecke von Laras Schreibtisch und entfernte sich wieder.

»Kam denn nichts über den Ticker?« Elsa schlürfte beim Trinken.

»Ich hab nicht reingeschaut.« Lara konnte der Kollegin ja schlecht sagen, dass sie in den letzten beiden Stunden – von den Telefonaten einmal abgesehen – nichts anderes getan hatte, als im Fall der toten Frau zu recherchieren, die von manchen Medien inzwischen die »Kirchenleiche« genannt wurde. Kirchenleiche und Brautleiche, wenn das nicht makaber war!

»Na, ich mach mich dann mal an den Artikel. Eigentlich kann ich ja gleich hier sitzen bleiben, nicht? Hubert ist ja krank.« Ohne auf eine Antwort zu warten, schaltete Elsa Breitmann Huberts Rechner an und begann, Papiere zu sortieren.

»Ich muss auch endlich weitermachen, sonst wird es knapp.« Lara richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Bildschirm. Sie las gerade die ersten Zeilen ihres Artikels noch einmal, als ein Gewitter in ihrem Kopf losbrach.

Ein hölzerner Fleischklopfer wurde auf einen Parkettboden gelegt. Die genoppte Seite war mit einer dunklen Flüssigkeit verschmiert.

»Ihr seid alle so leichtgläubig. Jeder von euch denkt nur an sich und sein Vergnügen.« Die Stimme flüsterte. Lara konnte nicht erkennen, ob es eine Männer- oder eine Frauenstimme war. »So ein arroganter Dummkopf! Du hast dich auch für unverwundbar gehalten, nicht? Bis jetzt.«

Etwas rumpelte, dann kamen zwei dunkel bestrumpfte Füße ins Bild, die in schwarzglänzenden Schuhen steckten. Die dazugehörigen Beine verschwammen im Nichts. Das Bild flackerte kurz, wie ein Fernsehbild bei schwankender Antenne, und stabilisierte sich dann wieder. Die Szenerie hatte sich verändert. Eine Colaflasche wurde von einer Hand im schwarzen Handschuh geschwenkt. »Ich habe etwas zu trinken für dich. Hoffe, es schmeckt.« Es war ein Mann, der da sprach. Für eine Sekunde war Stille, dann folgte heftiges Husten. »Das müsste reichen, mein Freund. Und jetzt machen wir zwei eine kleine Ausfahrt.« Eine dunkel gekleidete Gestalt beugte sich zum Boden herunter und zerrte an den Schultern einer liegenden mannsgroßen Marionette. Arme und Beine der Gliederpuppe polterten neben dem Leib wie Fremdkörper drei Stufen hinunter. Jemand ächzte. Die dunkle Gestalt hievte die Marionette hoch, schlang den Arm um deren Taille und schwankte ob des Gewichts. Die Gliederpuppe lallte etwas und sackte dann zusammen. Die Gliederpuppe war ein betäubter Mensch. Beide setzten sich in Bewegung. Die Füße des Bewusstlosen knickten immer wieder ein, während der andere ihn vorwärtszerrte.

Eine mächtige Tür schwang auf und gab den Blick auf eine Winterlandschaft im hereinbrechenden Abend frei. Das letzte Bild verschwamm im Flockenwirbel: Zwei einsame Männer, die einander untergehakt hatten, taumelten auf ein dunkles Auto am Straßenrand zu.

»Geht’s dir gut?« Elsa Breitmann hatte den Kopf nach vorn gereckt. Ihre kurzsichtigen Augen schienen weiter hervorzustehen als sonst. »Du siehst aus, als hättest du den Teufel gesehen.«

»N… Nein. Alles in Ordnung. Ich war in Gedanken. Ist dir auch so warm?« Den Teufel gesehen! Elsa Breitmann war näher an der Wahrheit, als ihr bewusst war. Laras Wangen brannten, als sie ein Papiertaschentuch aus der Packung nestelte und sich die Schweißperlen von der Stirn tupfte. »Ich glaube, ich komme in die Wechseljahre.« Sie gab ein dümmliches Lachen über ihren faden Scherz ab, und Elsa stimmte ein. »Manchmal bin ich so in meine Recherchen vertieft, dass ich um mich herum gar nichts mehr wahrnehme.« Eine wegwerfende Handbewegung. Die Kollegin nickte. Das kannte wohl jeder hier. Lara klappte ihren Organizer auf und suchte nach einer leeren Seite. Alles, was sie in der Redaktion in ihre Computer tippten, wurde gespeichert. Seit sie in der Vergangenheit mehrfach vergessen hatte, ihren USB-Stick abzuziehen, sodass Tom die Gelegenheit gehabt hatte, ihre inoffiziellen Aufzeichnungen zu durchforsten, war Lara wieder zu der konservativen Methode handschriftlicher Notizen zurückgekehrt. Hastig warf sie ein paar Worte auf das Papier, die Aufmerksamkeit auf die Umgebung gerichtet, doch niemand kümmerte sich um sie.

»16.2.: zwei Personen (Männer?), Fleischklopfer, Blut?, Parkettboden, Cola, ›leichtgläubig‹, ›jeder nur sein Vergnügen‹, ›arroganter Dummkopf‹, ›für unverwundbar gehalten‹, ›Ausfahrt‹, dunkles Auto.«

Lara schob den Organizer zurück in die Handtasche, atmete tief aus und versuchte, sich wieder auf ihren Artikel zu konzentrieren, als Elsas geflüstertes »Ach, Lara?« sie hochblicken ließ. Wieso flüsterte die Kollegin eigentlich? Sie waren allein im Raum. Wahrscheinlich hatte auch sie Bedenken, dass Markus Lehmanns Ohren besser waren, als er zugab. »Das hab ich vorhin vergessen: Etwas war da noch bei dieser ›Kirchenleiche‹.«

Es dauerte ein paar Sekunden, bis Laras Gehirn von den zwei Männern und dem blutbeschmierten Fleischklopfer zu der Frauenleiche in der Heuerswalder Kirche umgeschaltet hatte.

Elsas Augenbrauen waren hochgezogen, die Augen weit aufgerissen. »Das hat übrigens auch der Typ von Leipzig live erzählt. Ich hab allerdings keine Bestätigung, dass das stimmt, deshalb kann ich es nicht schreiben.«

»Was denn?« Lara flüsterte jetzt auch.

»Etwas soll auf ihrer Stirn gestanden haben. Also auf der Stirn der toten Frau in der Kirche.«

Laras Unterkiefer senkte sich in Zeitlupe.