17

Das dünne Mädchen stemmte die Arme in die Seiten und schob dabei die Schultern weit nach vorn. Dann warf sie den Kopf nach hinten und stolzierte ein paar Schritte weiter. Ihr Gang ähnelte dem eines Storches. Lara hatte das Ganze zwar schon live gesehen, aber hier, auf dem Monitor, wirkte es anders; gleichzeitig näher und doch weiter entfernt – wie ein Werbefilm im Fernsehen. Die Kamera zoomte auf das Model, strich im Zeitlupentempo von unten nach oben über ihren Körper und schwenkte dann zum Ende des Laufstegs. Die nächsten Mädchen erschienen nacheinander, stakten heran und stellten sich in die Lichtkegel.

Verstehen konnte man nichts. Die Tonspur gab alles in der gleichen Lautstärke wieder: das Murmeln der Leute, das Stakkato der High Heels auf dem Laufsteg, die Opernmusik – während der Show hatte Lara auf Tschaikowski getippt –; sogar wie der Filmende atmete, war zu hören, ein gleichmäßiges Ein und Aus.

Jetzt kam »Tor B. Hoff« ins Bild, wie er sich mit seinem Pavarotti-Tuch die Stirn abtupfte. Sein Gesicht wirkte in dem bläulichen Licht kantig und verschlossen, fast ein bisschen böse. Der Gedanke, der Nachwuchsdesigner selbst könnte etwas mit der Sache zu tun haben, tauchte wie ein U-Boot aus dem glatten Meer in Laras Kopf auf. War Torben Hoffmann aus Geltungssucht zum Mörder geworden? Lara schüttelte unmerklich den Kopf. Der Junge war ein Weichei. Sie murmelte »Quatsch« und konzentrierte sich auf das, was jetzt kam.

Ein hastiger Schwenk vom Catwalk weg nach oben. Thomas Mahler, der die Show aufgenommen hatte, hüstelte, ehe er sprach. »Hier ist es mir auch aufgefallen. Torben und ich haben natürlich vorher seine Choreo durchgesprochen, damit ich wusste, was ich wann filmen sollte. In der Nachbearbeitung wollte er alles mit Musik unterlegen. Und das«, er zeigte auf die Trage, die gerade ins Bild kam, »war eindeutig nicht geplant.«

Die Kamera verweilte auf dem Metallgestell unter der Bahre und wechselte dann zu den Mädchen; fing den aufgerissenen Mund eines Models ein. Rote Blumen erblühten auf ihrem kabukiweißen Gesicht, dunkle Tropfen schwebten an ihrem Körper vorbei und zerplatzten auf dem Laufsteg.

Das Hintergrundrauschen nahm jetzt zu, einzelne spitze Schreie hoben sich heraus, die Kamera wackelte und fokussierte sich wieder auf die Trage, die nunmehr dicht über dem Laufsteg schwebte.

»Ich dachte zuerst, es sei ein Scherz. Manche mochten Torben nicht, fanden ihn arrogant und abgehoben. Aber jemandem deswegen die Diplomschau zu sabotieren …«, Thomas Mahler schüttelte seine Korkenzieherlöckchen, »das hätte, glaube ich, keiner fertiggebracht.«

»Zumal, wenn man bedenkt, dass es sich um Mord handelt.« Lara blickte zu dem jungen Mann. Das Licht der Neonlampen spiegelte sich in seiner Nerd-Brille.

»Das wussten wir ja zu dem Zeitpunkt noch nicht. Erst als …«, sein Adamsapfel ruckte mehrmals nach oben, als er schluckte, »erst als wir die Bescherung sahen.«

Der Film war inzwischen bei exakt jener Stelle angelangt. Man sah einen in einer Art Ballettpose erstarrten Torben Hoffmann. Wie ein schlaffer Taubenflügel hing das helle Tüchlein aus seiner Rechten, das Weiß seiner aufgerissenen Augen leuchtete aus der Dunkelheit, sein Mund war zu einem Schrei geöffnet, den man im Tumult nicht hören konnte.

»Danach ist nur noch Chaos auf dem Film. Ich wurde von den Leuten überrannt.« Thomas Mahler klang ein klein wenig enttäuscht. »Nützt Ihnen das, was Sie bis jetzt gesehen haben, was?« Er hörte sich nicht besonders betroffen an. Jedenfalls nicht wie ein echter Freund des toten Models.

»Das weiß ich noch nicht.« Lara betrachtete seinen Ziegenbart und fragte sich, was die Kerle daran schön fanden. Oder ihre Freundinnen, wenn sie denn welche hatten. Thomas Mahler war sofort bereit gewesen, ihr den Film von der »Tor B. Hoff-Show« zu zeigen, als sie ihn gestern angerufen hatte. Wahrscheinlich hatte auch er auf ein paar Minuten im Rampenlicht gehofft; die fünfzehn Minuten Ruhm, die angeblich jedem im Leben zustanden, und war nun enttäuscht, dass daraus nichts werden würde.

»Spulen Sie doch bitte noch einmal zu der Stelle zurück, als die Trage ins Bild kommt.« Lara wartete und beobachtete, wie Thomas Mahlers flinke Finger über die Tastatur huschten.

»Stopp. Ab hier. Können Sie es in Slow Motion abspielen?«

»Klar.« Ein Klick, und der Film lief erneut ab.

Lara kniff die Augen zusammen. »Sehen Sie das?« Sie tippte mit dem Fingernagel auf das Bild. »Hier?«

»Die Spots wackeln.«

»Genau. Wer hat eigentlich die Scheinwerfer auf dem Gerüst bedient?«

»Das machen Kommilitonen. Bühnenarbeiter hatten wir nicht. Haben wir nie. Die Präsentationen sind auch so teuer genug.«

»Die Leute dort oben müssten doch etwas gesehen haben?« Lara klappte ihr Notizbuch auf. Sie würde sich die Namen der »Scheinwerfer-Männer« notieren und sie befragen.

»Nein.« Thomas Mahler lächelte. Herablassend, wie ihr schien. »Die Spots werden natürlich von unten gesteuert. Dafür gibt es Fernbedienungen. Da oben war zur Zeit der Show niemand von uns. Das wäre auch viel zu gefährlich in der Dunkelheit und ohne Absicherung.«

»Ah, ja.« Danke für die Erläuterungen, du kleiner Lackaffe. »Aber wie Sie so schön gesagt haben: ›Die Spots wackeln‹. Und das dürfte doch eigentlich nicht sein.«

»Scheint so.« Thomas Mahler setzte die Sequenz noch einmal ein paar Minuten zurück, und die Trage schwebte ein drittes Mal durchs Bild. Jetzt, wo sie beide sich darauf konzentrierten, war es nicht zu übersehen. Das Licht der Scheinwerfer schwankte vor und zurück.

»Was könnte das verursacht haben?« Jetzt war der junge Mann begriffsstutzig, aber Lara verzichtete darauf, ihm seine herablassende Art zurückzuzahlen.

»Meiner Ansicht nach gibt es nur eine Erklärung dafür. Da läuft jemand eilig über das Gerüst, auf dem die Leuchten befestigt sind.« Lara sah die Erkenntnis in Thomas Mahlers Augen aufblitzen. Es war müßig, die Entdeckung zu diskutieren. Sie beide wussten, wer da oben entlanggelaufen war. »Ich würde das gern analysieren lassen. Können Sie mir den Film mitgeben oder schicken?«

»Ich brenne Ihnen eine Kopie. Geht ganz schnell.« Der junge Mann mit dem Ziegenbart war, während er redete, schon aufgestanden und zog ein paar Schubladen auf. Mit einer DVD kam er zurück, schob sie in den Laptop und lümmelte sich auf seinen Stuhl.

»Sie waren mit Carolin befreundet?« Lara betrachtete den grünen Balken auf dem Bildschirm, der den Fortschritt des Kopiervorganges anzeigte. Noch sieben Minuten.

»Nicht wirklich. Caro war mit niemandem richtig vertraut. Sie liebte vor allem sich selbst. Vielen erschien sie hochnäsig.« Thomas Mahler drückte mit dem Mittelfinger seine Brille nach oben. »Ich bin mir nicht sicher, ob sie tatsächlich eingebildet oder einfach nur unsicher war. Manche kaschieren ihre Hemmungen ja mit Distanziertheit, nicht?« Er sah Lara fragend an, und sie nickte.

»Zugegeben, ich habe es vor zwei Jahren bei ihr versucht. Aber sie hat mich eiskalt abblitzen lassen. Das, was sie sich vorstellte, hätte ich ihr eh nicht bieten können. Ich glaube, Caro war auf etwas Besseres aus.« Der Student erging sich in Beschreibungen, was Carolin Fresnel alles getan und angestrebt hatte, und erzählte dann von ihren diversen Modeljobs. Lara hörte nur mit halbem Ohr zu. Thomas Mahler schien das hübsche Mädchen besser gekannt zu haben, als er sich eingestehen wollte. Endlich war der Balken bei 100 Prozent angekommen und sie konnte die DVD in Empfang nehmen und sich verabschieden.

Auf den Weg zum Parkplatz lief der Film von der Diplomschau vor Laras innerem Auge wie in einer Endlosschleife ab. Die Trage mit dem toten Model war von dem Gerüst heruntergelassen worden. Die Scheinwerfer hatten geschwankt. Es gab nur eine Erklärung für das Ganze: Der Täter musste da oben gestanden und alles beobachtet haben. Die Gefahr, entdeckt zu werden, war gering. In dem Tumult, der nach der Entdeckung des toten Models ausgebrochen war, musste es für ihn ein Leichtes gewesen sein, sich davonzuschleichen. Lara schloss ihr Auto auf, setzte sich hinters Steuer und ließ Heizung und Lüftung auf Hochtouren laufen. Ihre Augen funkelten sie im Rückspiegel an. Sie musste das mit jemandem besprechen. Mark hatte Sprechstunde, aber Jo würde ihr sicher zuhören.

Oder willst du ihn nur anrufen, weil du ihn vermisst? Im Rückspiegel verzog sich Laras Mund. Vermisste sie Jo? Das gestrige Abendessen hatte sie ratlos zurückgelassen. Das war nun schon mindestens das zehnte Date mit dem Fotografen, sie gingen miteinander essen und ins Kino, er brachte sie danach nach Hause und verabschiedete sich brav vor ihrer Tür. Mittwoch vor einer Woche hatte sie sogar bei Jo übernachtet. Aber nur, weil du abgefüllt auf seiner Couch eingeschlafen bist! Lara seufzte und klickte sich durch ihr Handytelefonbuch. Abgefüllt, ts, ts!

Das alles aber änderte nichts an der Weisheit, die ihre Freundin Doreen neulich zum Besten gegeben hatte: »Ein Mann, der nicht spätestens beim dritten Date etwas ›versucht‹, wie zum Beispiel scheinbar zufälligen Körperkontakt, Händchen halten, einen Abschiedskuss oder Ähnliches, ist entweder nicht wirklich an der Frau interessiert, blöd oder schwul.«

»Lara?« Jos Stimme klang erfreut. Definitiv erfreut. Sie entschied sich für »blöd« und beschloss, bei der nächsten Verabredung etwas deutlicher zu werden, bevor sie begann, Jo von Thomas Mahlers Film zu erzählen.

Die verspiegelten Glasfenster der Polizeidirektion strahlten weiß. An einigen waren Jalousien gegen die schrägstehende Wintersonne herabgelassen. Lara blinzelte und nieste. Der große Besucherparkplatz war voll gewesen und sie hatte zehn Minuten nach einer Lücke gesucht. In einer Viertelstunde würde die Pressekonferenz zu der Frauenleiche in der Kirche von Heuerswalde beginnen. Ob die Polizei auch weitere Neuigkeiten zum Tod von Carolin Fresnel herausgeben würde?

Der Beamte hinter den Glasscheiben am Eingang trug einen genervten Gesichtsausdruck zur Schau und studierte ihren Presseausweis, als wolle er alle Angaben auswendig lernen. Der große Zeiger der Wanduhr hinter ihm rückte unbarmherzig vorwärts. Lara trat von einem Fuß auf den anderen. Das Innere ihrer Schuhe fühlte sich feucht an. Hinter ihr hatten sich bereits drei weitere Leute, zwei Männer und eine Frau, angestellt. Endlich sah der schnurrbärtige Uniformierte auf, legte ihren Ausweis zurück in die Schublade, schob sie nach außen und blaffte: »Taschenkontrolle vorn rechts!«

Hinter der zweiflügeligen Glastür warteten zwei weitere Beamte hinter einem schmalen Tisch. Lara öffnete ihre Umhängetasche und ließ sie hineinschauen. Der größere der beiden nickte, lächelte und winkte sie in Richtung des Treppenhauses. Seit wann wurden bei Pressekonferenzen Taschenkontrollen durchgeführt? Auf dem Weg nach oben haderte Lara mit sich selbst. Sie hätte heute früh die Stiefel anziehen sollen, auch wenn sie beim Autofahren unbequem waren. Der Schneematsch auf den Wegen durchweichte Halbschuhe innerhalb von Minuten.

Sie hatte Glück. Die Tür zum Saal war noch geschlossen und der Run auf die besten Plätze hatte noch nicht begonnen. Lara atmete tief durch und schob sich den Henkel ihrer Tasche quer über die Schulter. Zum Glück musste sie heute keine Fotos schießen. So kam es nicht unbedingt auf einen Platz in der ersten Reihe an. Neben ihr salbaderte ein Pro7-Reporter in ein Mikrofon, das er wie ein Eis am Stiel vor seinen Mund hielt. Mindestens vierzig Journalisten drängten sich bereits vor der Tür, unterhielten sich, sprachen in Diktiergeräte, telefonierten. Durch die Enge des Ganges und die Vielzahl der Geräusche vermischte sich das Ganze zu einer Disharmonie schrillen Lärms. An Laras Schläfe begann eine Ader zu pulsieren.

Ganz rechts neben der Eingangstür entdeckte sie Frank Schweizer von der Tagespost. Sein breites Gesicht war hochrot. Lara dachte kurz an seine Affäre mit Maria Sandmann im letzten Jahr, winkte ihm zu und machte eine Geste, dass er ihr einen Platz freihalten sollte. Dann versuchte sie, tief in den Bauch hineinzuatmen und nicht an das Hämmern hinter ihrer Stirn zu denken.

»Was machst du denn hier?« Elsa Breitmanns Gesichtsausdruck wechselte von überrascht zu verwirrt. »Ich dachte, ich sollte …«

Noch ehe die Kollegin zu Ende gesprochen hatte, fielen Lara ihre Sünden ein. Seit mehreren Tagen hatte sie mit Tom über die Berichterstattung im Fall der »Kirchenleiche« sprechen wollen und es immer wieder vor sich hergeschoben. Sie beschloss, in die Offensive zu gehen. »Tom hat dich beauftragt?«

»Wen denn sonst? Ich habe ja schließlich von Anfang an über den Fall berichtet, nicht?« Elsa Breitmann schob die Unterlippe nach vorn und kniff gleichzeitig die Augen zusammen. »Da ist es doch nur recht und billig, dass ich das auch weiterbetreue, oder?«

»Eigentlich mache ich die Strafsachen. Und außerdem war ich ja auch dabei, als die ›Brautleiche‹ gefunden wurde und habe den ersten Artikel darüber geschrieben.« Lara war nicht gewillt, so einfach aufzugeben. Jetzt trübten sich die Augen der Kollegin. In Laras Kopf verstärkte sich das Hämmern. Die Freien brauchten jeden Auftrag, manche von ihnen kamen gerade so über die Runden. Sie selbst dagegen hatte ein festes Gehalt. Elsa Breitmann war wahrscheinlich auf jedes Zeilenhonorar angewiesen. »Wir können ja beide hierbleiben. Zwei hören und sehen mehr als einer.«

»Und wer schreibt dann den Artikel?« Zwischen den Augenbrauen der Kollegin waren zwei Längsfalten erschienen.

»Du. Tom hat dich dafür eingeteilt, also machst du es auch.« Lara sah, wie sich die Falten glätteten und die Augenbrauen nach unten sanken. Es war nicht zu ändern. Sie riskierte eine Abmahnung, so wie Tom drauf war, wenn sie die Kollegin jetzt wegschickte und die Berichterstattung an sich riss. Wie von selbst tätschelte ihre rechte Hand den Arm der anderen, während sie fortfuhr. »Da ich nun schon einmal hier bin, bleibe ich auch. Der Fall ist ziemlich spektakulär, nicht?« Elsa Breitmann nickte eifrig und klemmte ihre abgewetzte Aktentasche fester unter den Arm.

Im gleichen Augenblick öffneten sich die Türen, und die Leute setzten sich in Bewegung. Lara ließ sich mitziehen und hoffte darauf, dass Frank Schweizer ihr einen Platz freihielt. Hektisch bauten Reporter einen Wald von Mikrofonen vor dem Tisch auf. Sie drängelte sich zu ihrem Kollegen durch, wurstelte sich aus der wattierten Jacke und ließ sich neben ihm auf den Stuhl fallen. »Ein Gewühl ist das!«

»Ist ja auch ein spannender Fall. Damit lässt sich super Quote machen.« Frank schoss ein paar Fotos und lehnte sich dann zurück. Vorn bauten die Fernsehleute ihre Mikrofone auf, Kameramänner wurden an die Seiten des Raumes verwiesen. Lara zückte ihr Diktiergerät und klappte den Notizblock auf. Die Stühle standen zu eng nebeneinander, und sie blendete die Berührung von Franks Bein an ihrem aus. Es dauerte nicht lange und der Tumult beruhigte sich. Eine Nebentür öffnete sich, vier Männer marschierten herein, zwei von ihnen in Uniform, und nahmen auf dem Podium Platz.

Lara hatte bereits Namen und Dienstgrade von den Schildern auf dem Tisch abgeschrieben. Jetzt drückte sie auf »Aufnahme« und schaute dann auf die Uhr. Wenn alles wie geplant ablief, waren sie hier gegen sechzehn Uhr fertig, und sie konnte in die Redaktion zurückfahren und noch ein bisschen recherchieren.

»… begrüße ich Sie zu unserer Pressekonferenz.« Der Polizeidirektor hatte Schweißperlen auf der Stirn. Er blickte immer wieder auf vor ihm liegende Papiere. »… Ihnen das kundtun, was wir wissen, immer natürlich unter Berücksichtigung der kriminaltaktischen Aspekte.« Seine drei Mitstreiter schauten mit identisch hölzernem Gesichtsausdruck geradeaus.

»… Ausgangspunkt ist der Fund einer Frauenleiche am Montagabend in der Kirche von Heuerswalde …« Auf der Projektionswand hinter den vier Männern erschien eine Landkarte. Der Fundort der Leiche war mit einem roten Punkt markiert. Der Beamte erläuterte noch einmal die Details, die den Anwesenden schon bekannt waren. Lara schrieb ein paar Wortfetzen mit, mehr jedoch, um ihre Gedanken zu ordnen, denn um sich Notizen zu machen. Das Diktiergerät zeichnete sowieso jedes Wort auf. Und bis jetzt hatte der Polizeichef noch nichts Neues verkündet. Ihre Gedanken schweiften ab. Jo hatte ihr vorhin angeboten, in der Redaktion auf sie zu warten, damit sie beide den Film von der Modenschau analysieren konnten. Gemeinsam würden sie Sequenz für Sequenz auseinandernehmen und auf ungewöhnliche Details achten.

Noch bevor die nächsten Worte des Polizeipräsidenten in ihr Bewusstsein einsickerten, spürte Lara, wie Frank Schweizer sich neben ihr aufrichtete und den Hals reckte.

»… So viel steht fest: Die Frauenleiche aus der Heuerswalder Kirche ist die vermisste Nina Bernstein aus Leipzig. Sie verschwand am Sonnabend, dem sechsten Februar. Zuletzt wurde Nina Bernstein im Nachtwerk, einer Diskothek in Grünau, gesehen. Danach verliert sich ihre Spur bis zum Fund ihrer Leiche am fünfzehnten.«

Vor Laras innerem Auge glitt erneut ein gebogenes Messer über ein Handgelenk, eine klaffende Wunde öffnete sich. Blut schoss hervor. Sie schnappte nach Luft und schlug die Hand vor den Mund. »Alles in Ordnung?« Frank Schweizer berührte ihren Handrücken, und Lara bemühte sich, zu nicken. Nina Bernstein. Sie hatte recht gehabt. Sie hatte mal wieder recht gehabt. Ihr Gehirn sah Dinge voraus, die mit Mord endeten.

Was ist mit diesem betäubten Mann? Dem blutbeschmierten Fleischklopfer? Laras Finger zitterten, als sie ihren Terminplaner aufklappte und nach den Notizen suchte. »16.2.: zwei Personen (Männer?), Fleischklopfer, Blut?, Parkettboden, Cola, ›leichtgläubig‹, ›jeder nur sein Vergnügen‹, ›arroganter Dummkopf‹, ›für unverwundbar gehalten‹, ›Ausfahrt‹, dunkles Auto«. Sie hatte es aufgeschrieben und dann vergessen. Neben ihr kritzelte Frank Schweizer rastlos Hieroglyphen auf seinen Block. Vor ihnen tippte ein Reporter rasend schnell Wörter in sein Handy und schickte sie ab.

»… Bislang sind rund vierhundert Hinweise eingegangen, die Polizei sucht jedoch weiterhin nach Zeugen, insbesondere für die Nacht des Verschwindens. Für Nachfragen stehen wir Ihnen nun zur Verfügung.« Der Grauhaarige nickte seinen Kollegen links und rechts am Tisch zu. Lara versuchte, des Durcheinanders in ihrem Kopf Herr zu werden. Sie musste sich jetzt auf die Pressekonferenz konzentrieren, alles andere hatte später noch Zeit.

»Gunnar Walter, Bild-Zeitung. Liegt der Obduktionsbefund schon vor? Was können Sie uns dazu mitteilen?« Die sonore Männerstimme kam aus der ersten Reihe.

Der Polizeipräsident kratzte sich am Kopf und schaute auf seine Papiere, ehe er antwortete. »Die Leiche wurde obduziert, das ist richtig. Sicher ist, dass es sich um einen nichtnatürlichen Todesfall handelt.«

»Was war denn die Todesursache?« Der Kollege aus der ersten Reihe gab nicht auf. Lara sah ein im Licht funkelndes Messer vor sich, das über ein Handgelenk fuhr, einen dunkelroten See, purpurne Flüsse, die über einen glatten Boden strömten.

»Tut mir leid. Zu Details kann ich Ihnen aus ermittlungstaktischen Gründen keine Auskunft geben. Unser Pressesprecher wird Sie auf dem Laufenden halten.«

Zwei Reihen vor ihnen sprang ein junger Mann aus seinem Sitz auf. »Fred Silber von Leipzig live: Gibt es Parallelen zum Fall der Brautleiche?«

»Der ›Brautleiche‹?« Der Polizeipräsident zog die Augenbrauen hoch.

»Äh … Carolin Fresnel, das Model.« Lara sah aus den Augenwinkeln, wie Frank ihr einen schnellen Blick zuwarf, und dann wieder nach vorn schaute.

»Dazu kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben.« Immer wieder das Gleiche. Warum hielten sie überhaupt eine Pressekonferenz ab, wenn sie doch keine Informationen herausrückten?

Jetzt sprach eine kleine Frau vorn links. »Susanne Färber vom Express. Ich habe gehört, es soll etwas auf der Stirn der toten Frau gestanden haben. Können Sie das bestätigen? Was stand da?«

Der Polizeichef verschränkte die Arme über der Brust und kniff kurz die Lippen zusammen, ehe er antwortete. Seine Kollegen schauten auf den Tisch, um Blickkontakt zu vermeiden. »Auch dazu: kein Kommentar.«

In Körpersprache waren sie alle vier keine Profis. Jeder konnte sehen, dass die Männer Antworten auf die Fragen hatten, sie aber nicht geben wollten oder konnten. In den Berichten würden die Journalisten jedoch ihre gestellten Fragen zitieren und den Lesern so ein Gefühl für das Ganze vermitteln, auch wenn sie keine bestätigten Fakten vorzuweisen hatten.

Das Frage-Antwort-Spiel dauerte noch zehn Minuten, dann dankte der Polizeipräsident den Anwesenden und erhob sich. Seine drei Mitstreiter taten es ihm gleich und verließen den Saal durch die Seitentür. Hektisches Gemurmel setzte ein, etliche Journalisten rannten hinaus, um ihre Redaktionen anzurufen oder im Gang vor den Fernsehkameras Statements abzugeben. Lara ließ sich Zeit. Es gab keine Neuigkeiten, die sie nicht schon vorher gekannt hatte. Und sie musste jetzt nicht in die Redaktion hetzen und den Artikel schreiben. Sie winkte Elsa Breitmann zu, die davoneilte. Neben ihr grinste Frank Schweizer in sich hinein. »Das hätte man sich schenken können. Kommst du noch mit, einen Kaffee trinken?«

Lara schüttelte den Kopf und folgte dem Menschenstrom zur Tür. Sie wollte in die Redaktion. Jo und der Film warteten.