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Sibylle Leitsmann gab Gas. Die Räder drehten kurz durch und griffen dann. Mit einem Hopser rollte das Auto über die Eisbuckel. Es knirschte, als der Auspuff an den Schneeberg hinter ihr stieß, und sie trat auf die Bremse. Der öffentliche Parkplatz wurde nicht geräumt. Die Stadt trieb Bußgelder von jedem Hausbesitzer ein, der seinen Pflichten nicht nachkam, hatte aber selbst kein Geld, um Gehwege und öffentliche Anlagen von Schnee und Eis zu befreien. Neben ihr stand ein dunkelgrüner Fiat, dann folgten zwei leere Zwischenräume. Sie stieg aus und stapfte durch den Schnee in Richtung Amt. Der achtstöckige Plattenbaublock beherbergte mehrere Behörden. Die Steinstufen waren sauber geräumt, der Hausmeister hatte reichlich Salz gestreut. An der Glastür prangten undefinierbare Flecken in verschiedensten Schattierungen. Mit spitzen Fingern drückte Sibylle Leitsmann gegen den Griff und schob sich dann durch den Spalt, ehe die Tür zurückschwingen konnte.
Im Warteraum saßen mindestens zehn Leute, obwohl es erst halb acht war. Aber freitags hatten die meisten Behörden nur bis mittags geöffnet, und die Leute hofften darauf, zeitig fertig zu sein. Der Beamte an der Anmeldung nickte ihr zu, dann bog sie um die Ecke. Sibylle Leitsmann erwog, die Treppe zu nehmen und entschied sich dann doch für den Fahrstuhl.
Mit einem metallischen Klappern schlossen sich die Türen in der Mitte, und dann ging es mit einem Ruck aufwärts. Ein merkwürdiger Geruch machte sich breit. Sibylle Leitsmann rümpfte die Nase und sah sich um. In der Ecke entdeckte sie etwas, das wie braune Schmiere aussah, und wandte sich angewidert ab. Entweder, jemand hatte einen Köter mit Durchfall mitgebracht, obwohl Hunde hier verboten waren, oder das da in der Ecke war etwas anderes. Essensreste, alter Ketchup oder Schlamm. Schlamm kam wohl bei den Minusgraden draußen eher nicht infrage. Sibylle Leitsmann entschied sich für Essensreste und nahm sich vor, den Hausmeister anzurufen und ihn zu bitten, den Fahrstuhl zu säubern. Es machte keinen guten Eindruck auf die Leute, wenn ihnen schon auf dem Weg nach oben Schmutz und Gestank entgegenschlugen. Einige Zimmertüren auf dem Gang waren noch verschlossen. Das Jugendamt hatte freitags von acht bis zwölf Sprechstunde, und die meisten Mitarbeiter trudelten nicht wesentlich früher ein.
Sibylle Leitsmann zückte den Zimmerschlüssel, den sie schon im Fahrstuhl aus der Tasche gekramt hatte, steckte ihn ins Schloss und wollte ihn drehen. Ein Widerstand ließ sie innehalten, und sie versuchte es erneut. Es dauerte einen Augenblick, bis sie erkannte, warum sich die Tür nicht aufschließen ließ. Sie war bereits offen. Gerda musste heute gegen alle Gewohnheiten schon vor ihr eingetroffen sein.
»Morgen! Du bist ja zeitig da!« Die Tür schwang auf, Sibylle Leitsmann trat ein und erstarrte.
Ein Aufschrei gellte auf den Gang hinaus. Kollegen stürzten aus ihren Zimmern, sahen sich mit ängstlichen Blicken um und stürmten dann in die Richtung, aus der der Lärm gekommen war. Es kam selten vor, aber manchmal bedrohten Klienten Mitarbeiter. Notknöpfe gab es nicht, und so waren die Kollegen immer darauf eingestellt, sich bei Gefahr gegenseitig beizustehen. Die ersten beiden – es waren Frauen mittleren Alters – sahen sehr schnell, dass es hier nichts mehr beizustehen gab. Eine von ihnen machte drei Schritte seitwärts und begann zu würgen, die andere zeigte über Sibylle Leitsmanns Schulter stumm auf das Arrangement vor Gerda Saiblings Schreibtisch und rang dabei nach Luft. Ein Mann eilte herbei, drängte die Kollegin beiseite und schaute ebenfalls in das Zimmer, ehe er mit einem »Verflucht!« nach Sibylle Leitsmann, die noch immer in der Tür stand und wimmernd auf das Szenario vor sich zeigte, griff, um sie aus dem Raum zu ziehen.
Ein bitterscharfer Geruch hatte sich im Raum ausgebreitet und reizte die Nasenschleimhäute der Menschen, die fassungslos auf das schreckliche Bild starrten. Auf dem rechten Schreibtisch türmten sich wild übereinandergestapelte Aktenberge, davor saß oder besser, hing Gerda Saibling auf ihrem Drehstuhl, den Körper zur Tür gewandt, sodass ihr verzerrtes Gesicht mit den blutigen Augenhöhlen und der bläulich hervorquellenden Zunge den ersten Besucher des Tages begrüßte. Dunkel verkrustete Rinnsale waren über die Wangen nach unten gelaufen und verliehen dem aufgequollenen Gesicht einen clownartigen Anstrich. Der Mund stand halb offen, oben sah man eine Reihe weißer Zähne, dazwischen die Zunge wie einen überblähten rotblauen Ballon. Gerda Saibling sah aus, als wäre sie schon seit ein paar Stunden tot.
Rumpf und Arme waren mit Klebeband an Rückenlehne und Armlehnen befestigt. Auf der Stirn der Toten standen lateinische Wörter, um den Hals hing ein weißes Schild mit der Aufschrift: »Verzeiht mir. Ich war untätig und habe Schuld auf mich geladen.«