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Der Mann betrachtete nachdenklich das Handy. Im Display stand »Kurznachricht gesendet«. Joachim Selbig, der Fotograf, hatte vor zwei Stunden eine SMS von einer Lara Birkenfeld erhalten, in der sie ihm mitgeteilt hatte, dass sie sich mit einem »Herrn Wörth von der Sekte« treffen wollte. Und nun hatte Joachim Selbig ihr geantwortet. Er wäre leider gerade unterwegs, würde sich aber wieder melden.

Die moderne Technik war in vielem nützlich. Mit Smartphones konnte man ins Internet gehen und E-Mails schreiben und empfangen, als säße man an einem Computer. Joachim Selbigs Adressbuch enthielt Hunderte von Einträgen. Eigentlich sollte heutzutage jeder Nutzer wissen, dass es nicht besonders klug war, aus lauter Bequemlichkeit Nutzernamen und Passwort zu speichern, aber viele beachteten die Sicherheitshinweise nicht oder nur unzureichend.

Langsam ging der Mann die Namen aus dem Adressbuch durch und dachte dabei darüber nach, wer von all den aufgelisteten Personen sich wegen der Funkstille Gedanken machen würde. Leider wusste er zu wenig über den Fotografen, um dies einschätzen zu können. Vielleicht konnten seine gespeicherten E-Mails Auskunft darüber geben. Am wahrscheinlichsten war, dass diese Lara Birkenfeld demnächst unruhig werden würde. Joachim Selbig und sie hatten sich unzählige Kurznachrichten geschickt, und in seinem Kalender waren in den letzten Wochen mehrere Verabredungen mit ihr notiert. Wahrscheinlich hatten die zwei etwas miteinander. Würde sie ihrem Verehrer abnehmen, dass er in einer brisanten Angelegenheit unterwegs war? Und was konnte das sein?

Sein Blick glitt über die Liste der eingegangenen E-Mails. Da hatte Joachim Selbig nun gerade mal einen Tag nicht hereingeschaut und schon quoll sein Postfach über. Das meiste schien dienstlich zu sein. Der Mann begann, die Einträge nacheinander durchzusehen und zu löschen. Nur zwei, drei private Nachrichten ließ er stehen. Die Absender würden demnächst Post von ihrem Freund bekommen. Es war wichtig, dass niemand den Fotografen so schnell vermisste. Der Mann besaß ja auch seine Schlüssel. Man könnte in der Wohnung etwas arrangieren. Es gab unzählige Möglichkeiten. Er begann zu tippen. Zuerst den Entwurf der E-Mail an Joachim Selbigs Freundin. Danach würde er dessen Kalender durchgehen und schauen, was der Fotograf in den nächsten Tagen so alles geplant hatte. Vielleicht würde der Gute einige Termine wegen einer dringenden Reise absagen müssen.

Und dann war es an der Zeit, einen kleinen Ausflug zu unternehmen. Der Mann musste etwas Dringendes erledigen.

*

Ein kalter Wind war aufgekommen, strich um die Ecken der Häuser, fuhr unter Ärmelöffnungen und in ungeschützte Halsausschnitte. Verdrießlich tuckerten einzelne Autos vorbei. Der Radfahrer, der langsam durch den Schneematsch schlingerte, bereute seine Entscheidung, das Rad genommen zu haben, wahrscheinlich bitter. Die nackten Skelettarme der Bäume streckten ihre Zweige anklagend gen Himmel. Wann würde dieser furchtbare Winter endlich enden?

Julia Seemann ließ sich etwas zurückfallen und betrachtete Elenas Rückenansicht. Dieser wattierte Parka war mindestens dreihundert Euro wert. Wenn nicht noch mehr. Sie hatte Ahnung von solchen Dingen, auch wenn sie selbst sich solch teure Kleidung nicht leisten konnte. Diverse Modezeitschriften, Boulevardmagazine über die Reichen und Schönen und Berichte über aktuelle Trends erklärten jedem, der es wissen wollte, was gerade en vogue war.

Die Stiefel, die Elena heute trug, hatte sie noch nie vorher angehabt. Das braune Leder glänzte im Licht der Straßenlampen. Julia hatte es vorhin nicht genau sehen können, aber sie war sich ziemlich sicher, dass es nagelneue Modelle von Jil Sander waren. Dazu kam die Handtasche, die die Kollegin so unbedacht hin und her schwenkte. Hier war das Jil-Sander-Logo außen gut sichtbar in das Krokodilleder geprägt, damit es auch jeder sehen konnte. Julia Seemann lächelte verdrießlich. Das Leben war nicht fair.

Woher hatte Elena das Geld für all diese Dinge? Warum musste der eine schuften und sich abrackern und brachte es trotzdem zu nichts, und dem anderen flog das Glück nur so zu?

Natürlich ging es ihr selbst nicht schlecht. Volker und sie hatten außerhalb von Leipzig ein relativ großes Grundstück erworben und ein Haus gebaut, dessen Raten sie Monat für Monat abstotterten. Die beiden Mädchen hatten das Abitur gemacht und studierten. Im Gegensatz zu vielen anderen ihrer Bekannten hatten sowohl sie als auch Volker Arbeit.

Und doch. Wer gab Elena das Recht, solch auserlesene Dinge zu kaufen und zur Schau zu stellen und damit ihre Umgebung zu brüskieren? Nicht, dass sie wirklich mit den Sachen angab. Sie besaß sie einfach. Vielleicht dachte sie nicht einmal darüber nach, wie sie auf ihre Umwelt wirkte. Aber das gehörte sich einfach nicht, das war versnobt und führte zu Unmut.

Birgit und Hannah schien das nicht zu stören. Jedenfalls zeigten sie es nicht. Birgit war ohnehin eine Lebenskünstlerin, die in den Tag hineinlebte. Ihr Optimismus war nervtötend. Jedes Problem glaubte sie lösen zu können, alles erschien ihr in rosigem Licht. Wie konnte man nur so blauäugig durch die Gegend laufen! Hannah war ähnlich gestrickt, wenn auch nicht ganz so gutgläubig naiv. Insgesamt waren die Kolleginnen allesamt Hühner. Laut gackernde, aufgeregt umherrennende Hühner, deren Gehirn nicht bis um die nächste Ecke denken konnte. Das machte es doppelt ungerecht, dass ihnen alles zuflog.

Elena drehte sich um und lächelte. »Na, kommt schon. Mir ist kalt, und ich brauche einen schönen heißen Grog.« Birgit und Hannah nickten und schlossen auf. Julia krümmte die Mundwinkel und ging schneller. Sie betrachtete die von der Kälte geröteten Gesichter ihrer Kolleginnen und fragte sich, ob sie die Einzige war, der Elenas Markensucht so auffiel.

Wenn es nur die neuen Sachen gewesen wären, hätte sie sich vielleicht damit abfinden können. Aber die Kollegin war zudem auch noch der Liebling des Chefs. Sie machte ihren Job ordentlich, das stand fest, war aber auch nicht besser als die anderen. Oft dachte Julia, dass sie eigentlich die besseren Ergebnisse ablieferte, und trotzdem bevorzugte der Chef Elena. Vielleicht fand er sie attraktiver, Julia Seemann wusste es nicht. Musste ein Vorgesetzter nicht alle gleich behandeln? Vielleicht sollte sie seiner Frau einmal von der Vorliebe ihres Mannes für die hübsche Elena erzählen. Das würde dem Ganzen unter Umständen schnell ein Ende bereiten. Julia verzog den Mund zu einem missgünstigen Lächeln. Als ob das alles nicht schon genug gewesen wäre, hatte Elena in den letzten Wochen auch noch schneller abgenommen als die anderen. Die Idee mit dem Abnehmverein war von ihr gekommen. Ob sie nicht gemeinsam ihrem Winterspeck zuleibe rücken wollten, hatte sie die Kolleginnen nach Weihnachten gefragt, und Birgit und Hannah waren sofort Feuer und Flamme gewesen. Seitdem gingen sie einmal die Woche zu den Gruppentreffen und – da sie an den betreffenden Tagen extra wenig aßen, um der Waage ein Schnippchen zu schlagen – hinterher gemeinsam zum Chinesen. Elena hatte schon fünf Kilo abgenommen und war vorhin zur Monatssiegerin Februar gekürt worden. Es war nicht gerecht. Manchmal hasste Julia Seemann ihre Kollegin.

»So, da wären wir. Ich rauche schnell noch eine.« Birgit grinste. »Dann habe ich nicht so viel Hunger.«

»Das ist eine gute Idee.« Auch Julia war stehen geblieben und nestelte in ihrer No-Name-Handtasche nach den Zigaretten. Nach fünf Minuten waren sie fertig und folgten Elena und Hannah in die Gaststätte. Den Mann, der ihnen von der anderen Straßenseite aus nachschaute, hatte keine von ihnen bemerkt.

»Ist das eine Kälte!« Birgit rieb sich die Arme und pustete spielerisch ein Atemwölkchen in die Luft. »Könnte allmählich Frühling werden, findet ihr nicht?« Sie steckte sich eine Zigarette zwischen die frisch angemalten Lippen, ließ ihr Feuerzeug schnippen und nahm einen tiefen Zug.

»Wir haben wohl alle den Winter satt.« Julia Seemann schluckte die scharfe Erwiderung herunter. Dieses kindliche Geplapper nervte sie jetzt seit zwei Stunden. Es war höchste Zeit, dass sie nach Hause kam. »Kommt jemand mit in meine Richtung?« Sie deutete nach links. Birgit und Hannah schüttelten die Köpfe.

»Ich gehe noch mit bis zur Bushaltestelle.« Elena warf sich den Riemen ihrer Jil-Sander-Tasche über die Schulter und verabschiedete sich mit einem »Tschüss, Mädels, bis morgen!« von den beiden anderen. Julia unterdrückte ein sarkastisches Schnauben. Mädels! Sie waren alle keine Teenager mehr. Sie zwang sich ein Lächeln ins Gesicht und schüttelte den anderen beiden die Hand.

Die Wolken vom Nachmittag hatten sich verzogen. Jetzt leuchtete eine schmale Mondsichel vom Himmel, ein paar einsame Sterne blinkten herab. Julia schielte zu Elena. Die Kollegin hatte ein fröhliches Gesicht aufgesetzt und schwenkte die Arme beim Gehen vor und zurück. Als habe sie Julias Blick bemerkt, sah sie herüber. »Schön, die frische Luft, nicht?«

»Na ja, geht so. Mir ist kalt.« Ein dunkles Auto fuhr im Schritttempo an ihnen vorüber. »Wird Zeit, dass ich nach Hause komme.« Julia Seemann sah dem Wagen hinterher und ärgerte sich, dass sie ihr Auto beim Klubhaus, in dem die Abnehmtreffen stattfanden, hatte stehen lassen müssen. Aber die anderen drei hatten unbedingt zu Fuß zum Chinesen gehen wollen – Kalorien verbrennen. Das hatte sie nun davon. Jetzt musste sie allein durch die öde Vorstadt zurückmarschieren.

»Ist ja nicht mehr weit.« Elena blieb an der hell erleuchteten Bushaltestelle stehen. »Oder soll ich mitkommen?«

Julia beeilte sich zu verneinen. Das fehlte gerade noch, dass diese High-Fashion-Schnepfe sich als Samariterin aufspielte. Hastig verabschiedete sie sich und stakte davon. Der Schneematsch des Tages hatte sich in eine unebene Eisfläche verwandelt, die das Gehen zu einem einzigen Schlingern machte. Komisch, Elena war ganz sicher neben ihr hergelaufen. Die Designerstiefel hatten vielleicht rutschfestere Sohlen. Das Gegenteil wäre Julia Seemann lieber gewesen. Sie sah über die Schulter und beschleunigte ihre Schritte. Um diese Zeit war es hier wie ausgestorben.

Die Uhr zeigte noch nicht einmal halb zehn, und doch war kein einziger Mensch zu sehen. Alle hockten in ihren warmen Wohnungen und genossen den gemütlichen Abend, nur sie quälte sich durch die eisige Nacht. Birgit und Hannah waren wahrscheinlich schon zu Hause. Elenas Bus würde in wenigen Minuten kommen. Julia Seemann schob den Unterkiefer vor und verzog dabei den Mund. Scheiß auf den Kalorienabbau! Sie wollte nach Hause und nicht mehr an diese Schnepfen und ihr pseudoglückliches Dasein denken müssen.

Der Parkplatz war nur im vorderen Bereich beleuchtet. Die Autos, die vorhin noch hier gestanden hatten, waren bis auf wenige Ausnahmen verschwunden. Im Klubhaus brannte kein einziges Licht mehr. Düster starrten die schwarzen Fenster auf den betonierten Platz herab. Julia Seemann fröstelte. Ihr war noch nie aufgefallen, wie einsam es hier abends war, in welcher abgelegenen Gegend sich das Klubhaus befand, umgeben von Abbruchhäusern, und leeren Grundstücken.

Ein leises Quietschen ließ sie zusammenfahren, und sie sah sich hektisch um. Das Quietschen wurde lauter, und plötzlich tauchte ein Radfahrer wie ein flinker Nachtmahr aus dem Dunkel auf. Er trug schwarze Kleidung. Im Näherkommen sah Julia Seemann, dass er die Skimütze bis über die Ohren gezogen hatte. Der dunkle Schal verbarg Mund und Nase, sodass nur die Augen wie zwei schwarze Löcher aus dem weißen Gesicht hervorstarrten. Die Zeitungsmeldungen der letzten Wochen tauchten in ihrem Kopf auf: »Brautleiche«, »Kirchenleiche«, »Bankleiche«. In Leipzig trieb sich ein Serienmörder herum, und sie war so dumm, allein auf einem menschenleeren Parkplatz herumzuwandern. Jetzt wünschte sie sich, Elena wäre doch mitgekommen. Vielleicht hätte der Täter sich dann die Kollegin geschnappt. Julia Seemann kicherte nervös und wurde gleich wieder ernst. Ihre Blase drückte. Sie umklammerte den Schlüsselbund in ihrer Rechten und spannte alle Muskeln an; bereit zuzuschlagen, falls der Mann auf dem Rad ihr zu nahe kommen würde. Zuerst würde sie ihn umstoßen und dann mit dem aus der Faust hervorragenden Schlüssel nach den Augen stechen. Noch ehe sie ihren Plan ganz zu Ende gedacht hatte, war der Radfahrer auch schon heran. Ein eisiger Luftzug streifte ihr Gesicht, dann war er vorbei. Der ganze Spuk hatte nur wenige Sekunden gedauert.

Julia Seemann entspannte ihre Schultern und lockerte die Finger. Die Bärte der Schlüssel hatten sich tief in das weiche Leder ihres Handschuhs gegraben. Sie schaute entschieden zu viele Krimis. Das mochte zu Hause auf der Couch kurzweilig sein, aber in Situationen wie dieser spielte einem die Fantasie böse Streiche. Sie atmete mehrmals tief durch und setzte sich wieder in Bewegung.

Ihr Auto stand ziemlich weit hinten. Weiter vorn hatte es vorhin keinen freien Parkplatz mehr gegeben, und hier hinten gab es keine Lampen. Der helle Schein aus dem vorderen Bereich reichte nur bis zur Hälfte des Parkplatzes. Sie lief schneller, drückte schon von Weitem auf die Fernbedienung und atmete erleichtert auf, als das Licht aufflammte und rings um ihr Auto alles in hellen Schein tauchte. Kein Verbrecher, der auf einsame Frauen wartete. Sie konnte ganz beruhigt einsteigen.

Den grinsenden Mann auf dem Rücksitz sah sie erst beim Losfahren.

*

»Dann ist sie aus dem Autohaus herausgekommen und zurück zu ihrem gelben Auto gegangen.« Melinda Weiß machte ein empörtes Gesicht. »Fast hätte ich den beiden ihr Versteckspiel abgenommen! Sie ist eingestiegen und losgefahren. Wie gut, dass ich von der anderen Straßenseite das gesamte Gebäude im Blick hatte!«

»Beruhige dich, Melinda. Trink einen Schluck Wasser.« Romain Holländer lächelte begütigend. Seine kleine Spionin war ihm schon in der Eingangshalle entgegengekommen und hatte mit fahrigen Gesten signalisiert, dass sie Neuigkeiten hatte. Ein simpler Brief, unter seiner Tür durchgeschoben, war diesmal anscheinend nicht angemessen. Sie hatte extra auf ihn gewartet, um ihm ihre Beobachtungen persönlich zu berichten. Weil er nicht da gewesen war, hatte sie ihre Wohngenossin Sarah allein nach Hause geschickt und in der Küche gesessen, bis er kam. Romain Holländer schüttelte leicht den Kopf und beobachtete, wie Melinda Weiß in hastigen Schlucken trank. Es war ein ziemlicher Schock für ihn gewesen, als die kleine Frau plötzlich im Eingangsbereich vor ihm gestanden hatte. Aber es war ihm gelungen, seine Nervosität gut zu überspielen. Melinda Weiß hatte nichts davon mitbekommen. Ihr gesamtes Denken kreiste um die Beobachtungen, die sie gemacht hatte. Jetzt saß sie ihm im Besprechungsraum gegenüber, hatte hochrote Flecken im Gesicht und atmete hektisch.

»Und du bist dir sicher, dass das diese Journalistin war?«

»Vollkommen sicher. Ich habe sie hier ja schon zweimal gesehen. Einmal war sie sogar bei der Abendspeisung dabei!«

»Richtig. Die Journalistin ist also losgefahren. Und weiter?«

»Sie ist nicht auf die Straße abgebogen, wie ich dachte, sondern um das Autohaus herumgekurvt. Ich habe zehn Minuten gewartet, aber sie tauchte nicht wieder auf.« Melinda Weiß schnappte nach Luft wie ein Karpfen. »Hätte ja auch sein können, dass sie dort einen Werkstatttermin hatte. Aber erst um siebzehn Uhr? Und wäre sie dann nicht zu Fuß wieder herausgekommen? Ich war mir ziemlich sicher, dass das Ganze etwas mit Frieder zu tun haben musste. Jedenfalls bin ich rein und habe nach ihm gefragt.«

»Und?«

»Das junge Mädchen hat gesagt, er wäre vor fünf Minuten weggefahren. Zu einer Probefahrt mit einer Kundin.« Romain Holländer nickte weise. Melinda war eine gute Spionin. »Als ich wissen wollte, ob es sich bei der Kundin um die Frau in dem gelben Mini-Cooper handelte, bekam ich zur Antwort, dass sie darüber keine Auskunft geben würde. Aber sie musste mir auch nicht darauf antworten. Es war auch so klar, dass Frieder mit der Journalistin weggefahren ist.«

»Weißt du, wo sie hinwollten?« Romain Holländer spürte, wie der Zorn sich in ihm regte.

»Nein.« Melinda Weiß sah auf. Ihre Augen waren verschleiert. »Ich habe überlegt, was ich tun soll. Da ich nicht wusste, wo die beiden hingefahren waren, bin ich in der Nähe des Autohauses geblieben. Kurz nach sechs kam Frieder dann zu Fuß zurück. Allein. Er hat seine Sachen geholt und ist hierhergefahren. Das war’s.«

»Das hast du sehr gut gemacht, Melinda.« Romain Holländer fixierte ihre Augen. Es war schade, dass die Frau nicht wusste, was Wörth mit der Journalistin besprochen hatte. Man konnte ihr eine Affirmation einpflanzen, den Mann in den nächsten Tagen weiter auszuhorchen. Er dachte an sein Vorhaben, Wörth zu hypnotisieren, und erwog, ihn sofort zur Rede zu stellen, entschied sich dann jedoch dagegen. Keine übereilten Schritte. Schließlich hatte er bereits vorgesorgt. Schon morgen würde sich das Blatt wenden. Mit einem zufriedenen Grinsen legte er Melinda die Hand auf die knochige Schulter und verabschiedete sich von ihr.