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Liebe Lara,

entschuldige, dass ich Dich nicht angerufen habe, aber ich hatte keine Zeit. Ich bin da zufällig auf eine sehr brisante Angelegenheit gestoßen und werde ein paar Tage unterwegs sein.

Ich melde mich, sobald ich kann.

Jo

Lara kratzte sich an der linken Augenbraue. Von draußen strahlte die Morgensonne durch die nicht geputzten Redaktionsfenster. Der Drucker neben der Tür klackte leise. Ihr gegenüber nieste Hubert zweimal kurz, dann schnäuzte er sich.

Wann hatte Jo die Mail abgeschickt? Im Header stand: Datum 2. März, 23:40 Uhr.

Zu dieser Zeit war sie schon im Bett gewesen. Aber warum hielt er sich so bedeckt, was die »brisante Angelegenheit« anging, in der er recherchierte? Und seit wann schrieb Jo Mails in einem derart höflichen Ton? Sonst waren sie doch immer eher knapp. Lara dachte noch darüber nach, als die Tür aufschwang, Markus Lehmann mit einem Stapel Post erschien und ein leises »Morgen« in den Raum nuschelte. Ein unmerklicher Geruch nach Zigaretten schwebte ihm voraus. Rauchte der Praktikant jetzt auch?

»Hab was für Sie.« Langsam kam der junge Mann näher und sortierte dabei den Packen Papier in seinen Händen. Drei Schritte vor Laras Schreibtisch stolperte er, ließ einige Briefe fallen und fluchte leise. Lara verbiss sich ein Grinsen.

»Hier.« Im Aufrichten streckte Markus Lehmann die rechte Hand aus. Mit der Linken presste er den Rest der Post an seine Brust. Lara betrachtete den dicken Luftpolsterbrief, den der Praktikant ihr hinhielt. Ihre Hände weigerten sich, zuzupacken. Päckchen waren nie gut. Sie erinnerte sich noch bestens an die Pakete, die ein Serienkiller namens Martin Mühlmann vor anderthalb Jahren in die Redaktion geschickt hatte. Dies hier war nur ein Luftpolsterbrief, viel zu klein für einen abgetrennten Kopf, und trotzdem … Markus Lehmann schnaufte, räusperte sich und schob den Arm noch etwas weiter vor. »Bitte sehr. Er ist an Sie gerichtet: persönlich und vertraulich.« Jetzt griff Lara zu. Der Praktikant wandte sich hastig ab und stolperte hinüber zu Friedrich Westermanns Schreibtisch. Lara betrachtete den Adressaufkleber. Ein Computerausdruck. Der Absender fehlte.

»Etwas Schlimmes?« Hubert hatte sich zurückgelehnt und die Augenbrauen hochgezogen.

»Ich hoffe nicht.« Der Luftpolsterbrief war fest verklebt. Lara gab sich Mühe, das Etikett beim Aufschneiden nicht zu beschädigen. Vorsichtig schob sie die geschlossene Schere zwischen die Plastikbläschen und lugte in die Versandtasche. Als sie erkannte, was sich in dem Umschlag befand, atmete sie tief durch und ließ das Objekt dann auf den Schreibtisch gleiten.

»Hoho!« Huberts tiefer Bass dröhnte durch die Redaktion. »Ist das von einem Informanten?«

»Keine Ahnung. Es steht kein Absender darauf.« Lara spreizte den Umschlag auf und schaute nach einem Schreiben, das den Inhalt erklärte, fand aber nichts. »Sehr mysteriös.«

»Erwartest du denn etwas?«

»Nein. Ich wüsste nicht, wer mir das geschickt haben könnte. Aber vielleicht klärt sich ja das Ganze gleich auf.« Lara griff nach der Plastikhülle, nahm die dünne Scheibe heraus und betrachtete sie von allen Seiten. Die DVD funkelte im Sonnenlicht wie flüssiges Silber.

»Halt!« Hubert hatte sich vorgebeugt. Seine Augen funkelten. »Erst die Sicherheit! Was, wenn uns jemand einen Virus oder ein trojanisches Programm schickt?«

»Was dachtest du denn, was ich gerade tun wollte?« Lara konnte ein entnervtes Seufzen nicht unterdrücken. Jetzt hielt Hubert sie auch schon für minderbemittelt. Sie rief das Schutzprogramm auf und schob die DVD in den Eingabeschlitz. Während das Programm die Daten checkte, dachte sie darüber nach, wer ihr den Datenträger geschickt haben mochte und was darauf sein würde. Vielleicht ließ Jo ihr Material von seiner aktuellen Recherche zukommen?

Im Index war nur eine Datei aufgelistet, mpg-Format, ein Film vermutlich. Keine Word-, keine Excel-Datei, keine Erklärungen. Misstrauisch klickte Lara auf das Symbol und wartete, dass der Film begann.

Der Media Player zeigte Schwärze. Dann wurde der Bildschirm grau, hellte sich weiter auf. Das Bild schärfte sich. In der Mitte materialisierte sich ein großer eckiger, mit gelblichem Stoff verhüllter Block, auf dem etwas lag. Ein Körper?

Lara beugte sich nach vorn und runzelte die Stirn. Dann stellte sie den Ton leise. Erst als Hubert hinter ihr zu reden begann, bemerkte sie, dass der Kollege inzwischen um den Tisch herumgekommen war und ebenfalls gebannt das Geschehen auf dem Bildschirm betrachtete.

»Oha! Das ist ja sehr interessant …« Hubert zog sich einen Stuhl heran und rollte damit neben Lara. »Kennst du die Personen auf dem Video?«

»Eine davon.« Lara starrte auf das verzerrte Gesicht des Mannes in Großaufnahme. Die beiden Gestalten neben ihm waren verfremdet, und auch über das Gesicht des Mädchens, das regungslos unter ihm lag, hatte jemand einen Unschärfe-Filter gelegt.

»Sieht nach einer Orgie aus. Wer ist denn der Typ auf dem Mädel?«

Lara hatte gerade eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, als eine Stimme sie erstarren ließ.

»Was zieht ihr zwei euch denn da rein?« Tom stand mit einem fetten Grinsen hinter ihnen. Hubert und sie hatten ihn gar nicht hereinkommen gehört. »Pornos in der Arbeitszeit? Das geht entschieden zu weit.«

»Es ist nicht das, wonach es aussieht, Chef.« Hubert hatte sich mit seinem Stuhl halb herumgedreht. Auch er grinste. »Das hat Lara vorhin mit der Post bekommen. Von einem Informanten.«

»Aus dem Bordell? Gehört die Recherche im Rotlichtmilieu jetzt neuerdings auch zu deinen Aufgaben?« Ein maliziöses Lächeln umspielte die Lippen des Redaktionsleiters. Vor Laras Augen wallte roter Nebel.

»Eigentlich passt das nicht so ganz in dein Ressort, aber wenn ich es mir recht überlege …«

»Ich glaube, du verwechselst da etwas, Tom.« Lara bekam kaum noch Luft. Aber der Rest des Satzes musste nun auch noch heraus. »Nicht ich bin hier die Sexsüchtige, nicht ich mache mit Praktikanten rum.«

Hubert atmete scharf ein, während Toms Gesichtszüge in Zeitlupe entgleisten. Dann stieg eine tiefe Röte von seinem Hals aufwärts, färbte sein Gesicht purpurrot. Der Redaktionsleiter öffnete und schloss den Mund mehrmals, wobei er einem fassungslosen Karpfen glich. Die atemlose Stille in der Redaktion dehnte sich aus und zog sich wieder zusammen. Jetzt schüttelte sich Tom wie ein nasser Hund, dann keuchte er die nächsten Sätze heraus. »Sofort in mein Büro, Lara! Jetzt bist du wirklich einen Schritt zu weit gegangen!« Ohne eine Reaktion abzuwarten, drehte er sich auf dem Absatz um und rauschte hinaus. Die Stille hielt noch ein paar Sekunden an, dann setzte leises Getuschel ein.

Lara hob kurz die Augenbrauen und grinste dann Hubert an, der wie eine geschnitzte Figur neben ihr auf seinem Drehstuhl saß. Er erwiderte das Grinsen nicht, sondern schüttelte unmerklich den Kopf, als wolle er sie fragen, ob sie noch bei Sinnen sei. Lara lächelte stärker. Das Summen in ihrem Kopf war verschwunden.

»Das hättest du nicht sagen dürfen.« Hubert flüsterte.

»Es ist die Wahrheit.« Sie ließ die DVD aus dem Schacht gleiten, steckte sie in die Hülle zurück und nahm ihr Handy aus der Tasche. »Ich geh mal eben runter, telefonieren.«

»Hast du nicht gehört? Du sollst sofort zu Tom ins Büro kommen!«

»Das hat auch danach noch Zeit. Falls er fragt, ich bin in zehn Minuten wieder da.« Noch ehe Hubert antworten konnte, war Lara schon aufgesprungen, hatte sich ihren Mantel geschnappt und ging hinaus. Sie musste Isabell vorwarnen. Danach würde sie Mark anrufen. Frieder Wörth hatte sie gestern um Hilfe gebeten. Er brauchte einen kompetenten Kindertherapeuten für seinen Sohn.

Aber außerdem hatte Frieder Wörth von den Kindern des Himmels noch ganz andere Probleme. Wahrscheinlich glaubte er, dass außer ihm und den beiden anderen Männern auf dem Video niemand davon wusste, aber da irrte er sich. Mark würde Rat wissen, wie man in solch einem Fall vorgehen musste.

Sie öffnete die Tür zur Straße, blinzelte und nieste. In ihr summte und sang es. Die Sonne schien, und der Frühling stand vor der Tür. So blendend hatte sich Lara Birkenfeld schon lange nicht mehr gefühlt.

*

Es war, als würde sich ein spitzer Eisenspan in Julia Seemanns Kopf schrauben, tiefer und tiefer, und sich direkt in ihr Gehirn fressen. Dazu kam, dass ihr schlecht war. Die Übelkeit drängte nach oben, breitete sich wie ein träger Schleimklumpen in ihrem Inneren aus und kroch den Brustkorb hoch in Richtung Kehle. Ihre Augen schmerzten, und die Lider wollten den Befehlen, sich zu öffnen, nicht folgen. Julia Seemann beschloss, ihnen einfach noch ein wenig Zeit zu lassen. Irgendwann würden sie schon gehorchen. Sie versuchte nachzudenken; herauszufinden, was die Kopfschmerzen und das Unwohlsein verursacht haben konnte, aber in ihrem Gehirn wirbelten die nutzlosen Gedanken durcheinander wie Mehlstaub, in den jemand hineingepustet hatte.

Gerade als eine verschwommene Erinnerung an ein Essen mit Birgit, Hannah und Elena beim Chinesen auftauchte, hörte Julia das Atmen. Es war nicht besonders laut und ertönte direkt über ihr.

Nun befolgten die Augen die Befehle sofort. Sie öffneten sich, doch Julia Seemann sah im ersten Moment nichts. Nichts als blendende Helligkeit, die nur langsam verblasste. Es dauerte endlose Sekunden, bis das Gleißen verschwand und sich Umrisse aus dem Licht schälten. Das Atmen war die ganze Zeit weitergegangen. Sie erkannte, dass es zu einer Person gehörte, die vor ihr stand. Julia Seemann zwinkerte mehrmals. Ihre Augen brannten. Der Umriss schien zu einem Mann zu gehören. Der Mann musterte sie. Da sich die Lichtquelle hinter ihm befand, konnte sie sein Gesicht nicht erkennen. Jetzt räusperte sich der Mann, dann sprach er.

»Das hat aber lange gedauert, meine Liebe. Ich hatte schon Bedenken, dass die Dosis zu hoch war. Aber jetzt bist du ja wieder da. Ich gebe dir noch ein paar Minuten, dann gibt es einiges zu besprechen.«

Julia Seemann öffnete den Mund, um zu protestieren, aber es kam kein einziges Wort heraus, lediglich ein trockenes Krächzen, dann musste sie husten. Wo befand sie sich? Wer war dieser Typ, und was hatte er damit gemeint, dass »die Dosis zu hoch« gewesen sei? Vor ihr beugte sich der Mann über eine große Reisetasche, in der er herumkramte. Sie konnte ihn dabei murmeln hören. Ihre Augen schmerzten noch immer; besonders wenn sie die Augäpfel in den Höhlen schnell hin- und herbewegte. Trotzdem versuchte Julia Seemann, den Raum zu betrachten. Erst als sie die Arme anspannte, um dem Mann ihre Fingernägel ins Gesicht krallen zu können, wenn er dichter an sie herankäme, bemerkte sie, dass das nicht gelingen würde. Arme und Hände ließen sich nicht bewegen. Das Schwein hatte sie gefesselt. Julia Seemann schluchzte leise und hörte sofort wieder damit auf. Die Genugtuung, dass sie vor ihm heulte, würde er nicht so einfach bekommen.

»Wie weit bist du?« Er hatte sich herumgedreht und betrachtete sie ruhig. Julia Seemann hatte das undeutliche Gefühl, diesen Mann schon einmal gesehen zu haben, aber ihr wollte partout nicht einfallen, wann und wo.

»Willst du mir gar nicht antworten?« Auch das Gerät, das der Typ in den Händen hielt, kam Julia vage bekannt vor, aber auch hier weigerte sich ihr Gehirn, nähere Informationen preiszugeben. Es sah ein bisschen aus wie ein Akkubohrer, nur kleiner. »Bist du ganz da? Es ist wichtig, dass du verstehst, was ich dir sage. Dazu darfst du nicht mehr benommen sein. Wir haben nämlich dieses Mal nicht so viel Zeit wie sonst.«

Julia Seemann spannte alle Muskeln an. Ihr war eingefallen, woher sie den »Akkubohrer« kannte. Von einem Besuch im Tattoostudio. Ihre ältere Tochter hatte unbedingt einen Schmetterling auf dem Knöchel haben wollen, und damit ihr nicht plötzlich noch andere Körperstellen zum Verzieren einfielen, war sie mitgegangen. Der Tätowierer hatte genau so ein Gerät verwendet.

»Du bist invidia.« Der Mann sprach in feierlichem Ton. »Besser gesagt, du stehst für invidia. Stellvertretend für alle anderen Sünder.« Julias Augen hatten sich inzwischen an das helle Licht gewöhnt, und so konnte sie sehen, dass der Mann lächelte. Sanftmütig. »Weißt du, was invidia bedeutet?« Er wartete kurz, sprach dann weiter. »Nein, wie auch? Keiner von euch hat Ahnung von den wirklich wichtigen Dingen. Invidia steht für Neid, Missgunst oder auch die Eifersucht. Kannst du dir vorstellen, warum ich gerade dich dafür ausgewählt habe?«

Julia krächzte ein atemloses »Nein« heraus und verschluckte das nachfolgende »verflucht nochmal«.

»Ihr seid alle gleich.« Er lächelte jetzt nicht mehr. »Aber ich werde es dir genau wie den anderen erklären. Danach.« Er hob die Tätowiermaschine. Das Gerät begann zu sirren. »Zuerst die Vorarbeiten.« Julia Seemann versuchte, ihre Beine zu bewegen und bemerkte erst jetzt, dass auch die Füße gefesselt waren. Sie war am ganzen Leib verschnürt wie ein Paket.

Während sich der Mann nach vorn beugte, und ihr seinen Pfefferminzatem ins Gesicht blies, beleuchtete das Licht nun auch sein Gesicht. In diesem Augenblick detonierte die Erkenntnis in Julia Seemanns Kopf. Sie würde sterben. Und sie wusste noch immer nicht, woher sie diesen Mann kannte. Sie wusste nur, dass er zu ihr von Sünde gesprochen hatte.

*

Lara malte Kringel um die Namen und Telefonnummern der beiden Therapeuten, die Mark ihr genannt hatte. Er war der Meinung gewesen, das Video sei ein Versuch, Frieder Wörth zum Schweigen zu bringen, hatte ihr aber unabhängig davon empfohlen, die Kripo zu informieren. Stellte es sich als Fake heraus – umso besser für Wörth, war es echt, dann handelte es sich wahrscheinlich um eine Straftat. Lara hatte ihm gesagt, dass das Mädchen auf dem Tisch betäubt wirkte und es definitiv nicht nach einvernehmlichem Sex aussah. Dazu kam, dass die Kripo Möglichkeiten hatte, das Morphing von Bildern rückgängig zu machen. Sie betrachtete die Schäfchenwolken am tiefblauen Himmel. Seit drei Tagen taute es. Lara dachte an Jo. Wo mochte er stecken? Seit seiner SMS und der gestrigen E-Mail hatte er sich nicht wieder gemeldet.

Sie schaute, ohne etwas zu sehen, zur anderen Straßenseite hinüber. Jetzt hatte sie doch vergessen, Mark zu fragen, was er ihr für das Gespräch mit Wörth riet. Sollte sie dem Mann sagen, dass sie dieses Video von ihm und dem Mädchen kannte, wenn sie ihn wegen der Therapeuten für seinen Sohn anrief? Was, wenn er sich erneut mit ihr treffen wollte? War er womöglich gefährlich? Sie beschloss, spontan zu entscheiden. Und nun würde sie schnell Isi anrufen, um sie vorzuwarnen, und dann wieder nach oben gehen und Tom ihre Kündigung auf den Tisch legen. Lara lächelte der Frau zu, die ihren Zwillingskinderwagen vorbeischob und öffnete die Eingangstür.