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»Wissen Sie, wo er hinwollte?« Das Handy an ihrem Ohr war ein bisschen nassgeschwitzt. Lara blieb vor dem Eingang zum Parkhaus stehen und schaute in den Himmel. Das dümmliche Grienen wollte gar nicht von ihrem Gesicht weichen. Wieder und wieder spulte sich wie in einer Endlosschleife die Szene in Toms Büro vor ihrem inneren Auge ab. Sein hasserfülltes Gesicht, als sie hereingekommen war. Wie sein Unterkiefer herabgesackt war und sich die Augen geweitet hatten, als sie ihm, ohne auf seine wütende Tirade einzugehen, ihre Kündigung auf den Tisch gelegt hatte. Sein perplexes Herumgestottere. Und schließlich die Erkenntnis in seinem Blick, dass er ihr nichts tun konnte. Lara kicherte. Sie war frei!
»Dazu kann ich Ihnen leider keine Auskunft geben.«
Lara verscheuchte die Erinnerung an die Vorfälle in der Redaktion und konzentrierte sich wieder auf das Telefonat. Die Frau aus dem Autohaus schien zu wissen, wohin Frieder Wörth so plötzlich verschwunden war, wollte aber anscheinend am Telefon nicht darüber sprechen. Vielleicht würde sie im persönlichen Gespräch redseliger sein. Lara bedankte sich und legte auf.
Sie konnte jetzt sofort dahin fahren und mit der Angestellten sprechen. Der Nachmittag war noch lang, und sie hatte ihren Job verloren. Wenn sie ehrlich war, hatte sie ihn nicht »verloren«, sondern hingeschmissen, und eigentlich hätte sie deswegen trotzdem erst einmal bis zum Tag ihrer Entlassung weiterarbeiten müssen, aber Tom hatte ihren letzten Satz »Und jetzt setze ich meine Überstunden ab« widerstandslos hingenommen. Vielleicht war er auch nur zu perplex gewesen, um es ihr zu untersagen. Jedenfalls hatte sie nun Zeit. Viel Zeit, um zu recherchieren und ein paar lose Enden zusammenzuführen. Sie hatte ihr Auto erreicht und stieg ein.
»Hören Sie, ich muss Herrn Wörth unbedingt erreichen. Es geht um seinen Sohn.« Das war nicht einmal gelogen. Lara sah, wie die junge Frau mit den viel zu schwarzen Haaren hinter der Empfangstheke von einem Fuß auf den anderen trat. Sie beschloss, nichts hinzuzufügen und die Worte einfach einsickern zu lassen. Die Schwarzhaarige sah über die Schulter, dann nach rechts und links. Gleich würde sie sprechen. Lara schenkte ihr ein ernstes »Sie tun das Richtige«-Nicken.
»Er hat einen Anruf erhalten. Eine Frau war dran und wollte ihn sprechen. Dringend. Es ginge um ihre Kinder, hat sie gesagt. Ob ich Frieder bitte ans Telefon holen könnte. Das habe ich natürlich gemacht. Er hat kurz mit ihr geredet, sich dann entschuldigt und ist gleich los.«
Lara verstand nur Bahnhof. »Ihre Kinder«? Hatte Frieder Wörth außer Marcel noch mehr Kinder? Aber sie würde herausfinden, was da los war. Sie wiederholte ihre Frage von vorhin. »Wissen Sie denn, wo er so eilig hinwollte?«
»Seinen Sohn von der Schule abholen. Es handele sich um einen Notfall, hat er noch gesagt. Haben Sie eine Ahnung, was da passiert ist?« Die junge Frau schaute Lara mit erwartungsvollen Augen an. Wahrscheinlich glaubte sie, die Journalistin wisse, worum es hier ging, hatte diese doch vorhin ebenfalls von Frieder Wörths Sohn gesprochen.
»Nein, ich bin genauso ratlos wie Sie.«
»Aber, Sie …« Die Angestellte brach ab und schüttelte den Kopf. »Na, egal.« Ein weiterer Kunde war hereingekommen, und sie wandte sich ab.
»Hatte Herr Wörth vor, heute noch einmal zurückkommen?«
»Davon hat er nichts gesagt. Und nun«, bunt bemalte Plastikfingernägel wedelten, »muss ich mich um die Kundschaft kümmern. Wiedersehn.« Die Schwarzhaarige setzte ein nervöses Lächeln auf und begrüßte den sich nähernden Mann mit: »Was kann ich für Sie tun?«
Lara ging langsam hinaus. Frieder Wörth hatte einen Anruf von einer ihm bekannten Frau erhalten. Etwas war mit »ihren Kindern« vorgefallen. Wohin würde der Mann fahren, nachdem er seinen Sohn aus der Schule abgeholt hatte?
Im Gehen rief sie Jos Nummer auf, wurde von der Mailbox begrüßt und hinterließ eine leicht genervte Nachricht, dass es neue Entwicklungen im Fall Wörth gegeben habe und dass er sie endlich mal zurückrufen könne. Dann machte sie sich auf den Weg nach Markkleeberg.
Die Schneeberge an den Straßenrändern waren getaut und hatten braunem Gras Platz gemacht. Von der Spitze einer Fichte lugte eine Blaumeise herab. Lara marschierte zu dem schmiedeeisernen Tor und spähte durch die Stäbe auf das Grundstück, ehe sie klingelte und in das Videoauge lächelte. Romain Holländer würde sie wahrscheinlich nicht auf das Grundstück lassen, aber vielleicht war er ja nicht da. Nach einer Minute drückte sie den Klingelknopf erneut und kurz darauf ein drittes Mal. Das breite Lächeln war zu einer Clownsgrimasse erstarrt und begann allmählich in ihren Mundwinkeln zu schmerzen, aber Lara behielt es bei. Als sie ein viertes Mal klingelte, verstärkte sich das Gefühl, das Videoauge mustere sie eindringlich. Die Wechselsprechanlage blieb stumm. Lara trat dichter an das verschnörkelte Gitter, legte die Hände um das kalte Metall und sah nach drinnen. Außer einer braunen Amsel, die die vertrocknete Wiese bearbeitete, regte sich nichts. Waren tatsächlich alle ausgeflogen, oder stellten die Menschen da drinnen sich tot?
Lara begann, Buchstaben in ihr Handy zu tippen. Wenn Jo sich schon nicht meldete, so konnte sie ihm doch wenigstens die aktuellen Ereignisse in einer Kurznachricht schicken. Ein leises Knacken ließ sie innehalten. Drinnen bewegte sich das Garagentor. Hastig schob sie das Handy in die Jackentasche. Es sah aus, als ob doch jemand zu Hause war. Und dieser Jemand würde wahrscheinlich gleich am Steuer eines Autos aus der Garage gefahren kommen. Neben Lara summte das Eisentor. Hier funktionierte anscheinend alles elektrisch. Die beiden Flügel öffneten sich und schwangen langsam nach innen.
Noch ehe sie sich entschieden hatte, was zu tun war, kam auch schon der weiße Lieferwagen herausgeprescht und fuhr direkt an ihr vorbei. Die Räder knirschten über den Kies und schleuderten Steinchen beiseite. Im Vorbeifahren erhaschte Lara einen Blick auf den Fahrer, dann spurtete sie zu ihrem Auto, sprang hinein und fuhr, ohne sich anzuschnallen, los. Weiter vorn beschleunigte der Lieferwagen. Der Motor ihres Mini-Coopers jaulte, als Lara Gas gab. Es schien in Richtung B2 zu gehen. Während sie mit achtzig Stundenkilometern über die Parkstraße raste, dachte Lara darüber nach, wo der Mann hinter dem Steuer hinwollte und warum er es so eilig hatte. Gleichzeitig konstatierte sie, dass ihr Gefühl nicht getrogen hatte. Hier lief etwas aus dem Ruder. Sie musste unbedingt an ihm dranbleiben.
Die Bremslichter des Lieferwagens leuchteten auf, dann bog er nach links ab. Lara bremste erst im letzen Moment, schlingerte um die Kurve und war froh, den weißen Kastenwagen weiter vorn zu sehen. Wenn er auf die B2 fuhr, konnte sie locker an ihm dranbleiben. Ihr kleines Auto hatte immerhin 122 PS. Weiter kam sie nicht.
Was sie aus den Augenwinkeln erblickte, ließ ihr Herz stolpern. Noch ehe es wieder einsetzte – doppelt so schnell wie vorher –, hatte ihr Fuß schon das Bremspedal bis zum Boden durchgetreten. Sie hörte die Reifen protestierend quietschen, während ihr Körper nach vorn geschleudert wurde und die Stirn zehn Zentimeter vor der Windschutzscheibe stoppte. Manchmal war es eben doch besser, sich anzuschnallen. Aber dieser Gedanke kam Lara erst fünf Minuten später. In jenem Augenblick hatte sie nur eins im Sinn: ob das, was sie da am Straßenrand erblickt hatte, eine Halluzination oder echt war.
Lara ließ den Mini einfach mit eingeschalteter Warnblinkanlage in der zweiten Reihe stehen und stieg mit weichen Knien aus.
*
Salzige Tränen liefen in ihren Rachen. Julia Seemann schluckte und versuchte, sich auf den Bauch zu drehen. Ihr Rücken schmerzte, und sie fror. Das Tätowieren hatte sich ewig hingezogen. Immer wenn sie gedacht hatte, es wäre vorbei, begann das Summen von Neuem, piekten Tausende feine Nadelstiche in ihren Rücken, wischte etwas Weiches über die malträtierte Haut. Ihr Peiniger hatte stumm gearbeitet und es nicht für nötig gehalten, auf ihre Fragen und Vorwürfe zu antworten, es schien ihn nicht zu interessieren, dass sie ihn erkannt hatte, ihr Geschrei und Geheule hatten keine Regung bei ihm ausgelöst. Ruhig und gelassen waren seine Hände über ihren nackten Rücken geglitten, hatte er sich mit der Tätowiermaschine von den Schulterblättern nach unten gearbeitet. Irgendwann war ihr Zeitgefühl verloren gegangen, und sie hatte sich ihrem Schicksal ergeben. Erst jetzt, als ihr Körper sich in das Unvermeidliche gefügt hatte, als der Geist scheinbar aufgegeben hatte, waren ihr die Parallelen aufgefallen: diese anderen Toten, die man in den letzten Wochen rund um Leipzig gefunden hatte, Frauen und Männer. Bei der sogenannten Bankleiche waren Fotos aufgetaucht, woraufhin die Polizei zugegeben hatte, dass auch die anderen Opfer tätowiert worden waren. Bei diesem Gedanken hatte sie einen Aufschrei nicht unterdrücken können, und der Mann über ihr hatte unwirsch »Was ist denn nun schon wieder?« gemurmelt. Neue Tränen waren geflossen, und Julia Seemann hatte ihr eigenes Schniefen überlaut gehört. Sie hasste es, wenn jemand die Nase hochzog, anstatt sich vernünftig auszuschnauben. Es war absurd, in so einer Situation an solche Belanglosigkeiten zu denken, aber sie konnte ihre Gedanken einfach nicht auf eine Sache fokussieren, während das spöttische Summen der Maschine die Nadelstiche in ihrem Rücken begleitete. Erst als der Mann weg gewesen war, hatte sich der Wirrwarr in ihrem Kopf geglättet.
Jetzt lag sie hier im Dunkeln, und in ihrem Kopf tanzten die Schlagzeilen der Boulevardzeitungen. »Brautleiche«, »Kirchenleiche«, »Serienmörder«. Julia Seemann wusste, was sie erwartete. Und die Ahnung, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleiben würde, wurde von Minute zu Minute stärker. Sie musste etwas unternehmen.
Die Fesseln an den Fußgelenken schienen lockerer zu sein als vorher. Vielleicht hatten sie sich geweitet, vielleicht hatte ihr Peiniger sie nicht richtig festgezogen, als er ohne ein Wort gegangen war. Julia Seemann begann, die Füße gegeneinander zu verschieben, konzentrierte sich ganz auf die Knöchel, blendete den schmerzenden Rücken und die tätowierten Toten aus. Wenn sie die Füße freibekam, konnte sie den Mörder treten, wenn er zurückkam. Sie zog und drückte, rieb und presste und hielt zwischendurch inne, um Luft zu schöpfen, ehe sie weitermachte. Die Haut an den Gelenken war schnell wundgerieben und brannte, aber das konnte sie nicht aufhalten. Dies hier war ihre einzige Chance. Als das Brennen plötzlich aufhörte, war Julia Seemann für einen Moment erleichtert, bis sie die Feuchtigkeit an den Knöcheln spürte. Blut. Sie blutete. Eine Minute des Nachdenkens, dann schob sie die Füße wieder gegeneinander. Die Flüssigkeit erleichterte das Hin- und Hergleiten, und die Hoffnung, die Beine freizubekommen, wuchs.
Leises Poltern ließ sie zusammenfahren. Kam er schon zurück? Sie hörte ihre Stimme in der Finsternis: Nein, nein, jetzt noch nicht und rieb heftiger. Die Fesseln hatten sich gelockert, daran bestand kein Zweifel, aber sie brauchte noch ein paar Minuten. Ihr Gehör schien sich durch die Dunkelheit oder auch aufgrund der drohenden Gefahr auf wundersame Weise geschärft zu haben. Sie hörte Geräusche. Sie bewegte hektisch die Füße gegeneinander. In ihrem Kopf hämmerte eine Stimme: Schneller! Schneller! Plötzlich glitt der rechte Fuß aus der Fessel und ihr entfuhr ein wilder Aufschrei. Mühsam versuchte Julia Seemann, auf die Beine zu kommen. Wenn er hereinkam, musste sie bereits neben der Tür stehen und ihm ihr Knie zwischen die Beine rammen. Sie hatte nur diese eine Chance. Ging er zu Boden, würde sie sich auf ihn werfen oder ihn treten oder ihm mit ihrem Körper die Luft abdrücken. Vielleicht auch alles auf einmal. Tränen tropften auf den Boden, während sie mit gesenktem Kopf, die nutzlosen Arme auf dem Rücken verzurrt, kniete und wartete, dass ihre Beine ihr gehorchten. Die Schritte über ihr waren verstummt. Julia Seemann nahm den Zorn in ihrem Inneren als Waffe und erhob sich. Die Beine zitterten, aber sie stand. Mit vorsichtigen Trippelschritten bewegte sie sich in Richtung der Tür. Als ihre Schulter gegen die Wand stieß, drehte sie den Körper, und schob sich seitwärts, bis sie nicht mehr Mauersteine, sondern Metall spürte. Sie hatte die Tür erreicht. Ein Grinsen verzerrte ihr Gesicht zu einer schmutzigen Halloween-Maske. Jetzt konnte er kommen.
*
Lara rang nach Luft und ging um den Honda herum. Es mochte in Leipzig zahlreiche Autos baugleichen Typs geben, aber nur eines mit dem Aufkleber »Fotograf im Einsatz« hinter der Frontscheibe. Den letzten Zweifel beseitigte eine abgegriffene Ledermappe auf dem Beifahrersitz. Das Auto gehörte Jo. Lara trat dichter heran, betrachtete den Schmutz, der sich auf der Windschutzscheibe abgesetzt hatte und zeichnete mit dem Finger eine Linie hinein. In ihrem Kopf drehte sich ein Windrad. Jo würde wohl kaum seinen Honda so weit weg von zu Hause stehen lassen, wenn er für »ein paar Tage« in einer »sehr brisanten Angelegenheit« unterwegs war.
Ganz langsam schritt Lara zu ihrem Mini zurück. Die Luft um sie herum schien aus Sirup zu sein. Wenn Jo also gar nicht verreist war – wo steckte er dann? Ohne hinzusehen, drückte sie auf die Fernbedienung und stieg, den Blick in die Ferne gerichtet, in ihr Auto. Zuerst einmal musste der Mini von der Straße. Weiter vorn gab es mehrere Parklücken. Lara begann zu rangieren.
Jo hatte sein Auto in einer Seitenstraße abgestellt, nur wenige hundert Meter von der Sektenvilla entfernt; jedoch so, dass man es von dort aus nicht sehen konnte. Er hatte demnach nicht gewollt, dass man ihn entdeckte. Was hatte er vorgehabt? Lara spürte einen Ruck, als ihr Auto an die Stoßstange des hinter ihr stehenden Wagens stieß, verdrehte die Augen und fuhr einen halben Meter vor.
Nachdem er sein Auto in der Seitenstraße geparkt hatte, war Jo zu seinem Vorhaben aufgebrochen. Lara warf sich die Henkel ihrer Tasche über die Schulter und stieg aus. Wie sie ihren Freund kannte, hatten ihm die Geheimnisse der Sektenvilla keine Ruhe gelassen. Er musste versucht haben, sich hineinzuschleichen, um dort herumzuschnüffeln. Und war nicht wieder aufgetaucht. Ein kalter Lufthauch ließ Lara frösteln, und sie wünschte sich – wünschte sich mit aller Macht ihre Gabe herbei. Warum konnte sie jetzt nicht sehen, wo Jo steckte, wie es ihm ging, warum hatte sie seit ihrem letzten Gespräch nichts davon gespürt, dass er in Schwierigkeiten war? Ihr Mund erinnerte sich an seine Lippen, ihre Nase roch den schweren Beerenduft des Rotweins, den sie getrunken hatten, ihre Fingerspitzen fühlten seine Bartstoppeln. Die Erinnerungen waren frisch, aber sie stammten von Montagabend. Das war fast zwei Tage her. Danach hatte es nur noch eine Notiz auf ihrem Küchentisch, SMS und eine Mail gegeben. Von dem Zettel wusste sie, dass Jo ihn selbst geschrieben hatte. Was aber war mit den elektronischen Botschaften? Lara blieb stehen und betrachtete die Natursteine in der Mauer links. Ihre Hand krabbelte wie von selbst in die Jackentasche und brachte das Handy hervor. Gleich würde sie versuchen, in die Holländer-Villa hineinzukommen. Vorher jedoch musste sie jemanden von ihrem Vorhaben informieren. Sonst fände man womöglich in ein paar Tagen zwei Autos von Mitarbeitern der Tagespresse in dieser Straße – beide verwaist und keine Spur von ihren Besitzern. Nervös wählte sie Marks Nummer.
Das eiserne Tor quietschte einmal ganz leise, als Lara dagegendrückte, dann bewegte es sich ein paar Zentimeter nach innen. Das Schloss war wohl, nachdem der Lieferwagen herausgefahren war, nicht wieder richtig eingerastet. In ihrem Ohr dröhnte noch immer Marks Stimme. Es hatte sich angehört, als müsse er sich beherrschen, sie nicht anzuschreien. Sie solle draußen bleiben und die Polizei verständigen, hatte er gesagt. Lara betrachtete die Fenster der Villa, während sie sich durch das Tor schob und es dann wieder zudrückte. Musste ja nicht gleich jeder sehen, dass es nicht richtig geschlossen war. Sie hielt sich seitlich am Rande des gekiesten Weges, den Blick auf die Villa gerichtet. Rhododendronzweige strichen über ihren Ärmel, es schien, als würden die eingerollten Blätter ihr zuflüstern, dass sie umkehren solle.
»Denk daran, was dir schon alles passiert ist! Fordere das Schicksal nicht heraus!«, hatte Mark gesagt. Während er auf ihre Zustimmung wartete, hatte Lara ihn atmen gehört. Was würde die Kripo schon tun? Sie konnten nicht einfach auf den Verdacht einer hysterischen Journalistin hin in die Villa eindringen. Das war Hausfriedensbruch. Wenn sie überhaupt erschienen, drohten endlose Diskussionen, die Besichtigung von Jos Auto am Straßenrand – wen interessierte der Schmutz von Tagen auf der Windschutzscheibe? – und Beschwichtigungsversuche. Sie konnte förmlich vor sich sehen, wie die Beamten sich amüsierte Blicke zuwarfen, die sie nicht bemerken sollte. Stunden würden vergehen, und am Ende würden die Bullen abfahren, nicht ohne ihr vorher klargemacht zu haben, dass Jo ein erwachsener Mann war, der tun und lassen konnte, was er wollte. Hatte sie Beweise dafür, dass er da drin war? Nein. Hatte er ihr nicht mehrere SMS und eine Mail geschrieben? Na bitte. Vielleicht hatte er auch das Interesse an ihr verloren und war mit einer anderen Frau unterwegs. Das würden sie nicht sagen, aber vermuten. Wiedersehen, Frau Birkenfeld. Marks Ratschlag war gut gemeint, aber sinnlos. Als er anfing, sie anzuflehen, hatte Lara mitten im Satz aufgelegt. Jo war da drin. Jo war in Gefahr. Lara musste da rein. So einfach war das. Sie war an der Eingangstür angekommen und ballte die rechte Hand zur Faust.
Das Dröhnen schien sich in der Luft zu vervielfältigen. Es hallte aus dem Garten zurück und prallte erneut gegen die massive Tür. Laras Fingerknöchel schmerzten. In ihrem Kopf wogte etwas Rotes. Kirschfarbene Flüssigkeit, die Spritzer über ein Rautenmuster zog.
Sie zog den Jackenärmel über die Faust und donnerte erneut gegen die Tür. Nachdem sie bis zehn gezählt hatte, presste sie das Ohr an das Holz und hielt die Luft an. Ein leises Stöhnen, dann ein wilder Aufschrei. Getrappel von eiligen Füßen. Lara trommelte jetzt mit beiden Fäusten.
Als die Tür abrupt geöffnet wurde, wäre sie fast kopfüber in den Eingangsbereich gefallen. Sie stolperte zwei Schritte über die Fliesen, strauchelte und konnte sich dann abfangen. Die Frau, die ihr geöffnet hatte, hielt sich nicht damit auf, sie zu begrüßen, sondern war schon wieder davongeeilt. Lara presste die Lippen aufeinander und folgte ihr. Was sie im Foyer erblickte, verschlug ihr den Atem.
Im Keller des Gebäudes hörte ein erschöpfter Mann das Getümmel über sich und begann, um Hilfe zu rufen.