28

Er betrachtete die Leiche. Sie lag auf dem Rücken wie ein schlaffer Sack, der Mund stand dümmlich offen, die Augen quollen töricht glotzend aus den Höhlen. Wie sie da so lag, fand er die Frau noch widerlicher als zu Lebzeiten. Er hasste sie regelrecht, hasste den schwabbeligen Körper, dieses aufgedunsene Gesicht, ihre kurzen Finger mit den aufgeklebten Kunstnägeln, die wie Baggerschaufeln eines Legomännchens aussahen. In den letzten Minuten ihres Lebens hatte sie geheult, gebettelt, gewimmert und gefleht, und der Rotz war ihr dabei aus der Nase in den Mund und über das Doppelkinn gelaufen. Ein Tritt in die Seite ließ das Fleisch an ihrem Bauch erzittern wie einen riesigen Wackelpudding. Noch war sie warm, aber das würde sich schnell ändern. Bis zum Einsetzen der Totenstarre in den großen Gelenken hatte er mindestens drei Stunden Zeit, wahrscheinlich sogar etwas länger. Kälte verzögerte den Prozess. Und es war kalt hier. Er versagte sich einen weiteren Tritt. Allmählich normalisierten sich Puls und Atmung. Obwohl er es sich verbot, geriet sein Kreislauf doch jedes Mal in Wallung, wenn er seine Delinquenten auf die Reise zum Jüngsten Gericht schickte. Im Persönlichen Gericht wurde nur die Seele gerichtet, die Leiber nahmen nicht daran teil. Aber da auch der Leib seinen verdienten Lohn oder die verdiente Strafe haben sollte, wurden die Körper der Verdammten in die ewige Qual hinuntergestoßen. Vielleicht trafen sie sich dort sogar und beweinten gemeinsam ihr Schicksal. Eine spaßige Vorstellung. Er betrachtete ein letztes Mal die Gestalt auf dem Steinboden, wandte sich dann ab und ging nach oben, um Vorbereitungen für ihren Abtransport zu treffen.

Genau wie die anderen vor ihr hatte Gerda Saibling nichts begriffen. Er wollte kein Geld, er wollte nicht handeln. Er wollte, dass seine Erwählten ein Einsehen hatten, sich schämten, dass sie wahrhaft bereuten, aber bis jetzt war ihm diese Genugtuung versagt geblieben.

Zuletzt dienten sie allerdings der Sache doch noch, auch wenn sie zu Lebzeiten kein Einsehen gehabt hatten. Jeder von ihnen gab ein mahnendes Beispiel ab. Heutzutage stellte man leider lasterhafte Personen nicht mehr öffentlich mit Schandmaske oder Halsgeige an den Pranger oder bestrafte schwere Sünden durch Rädern, Vierteilen oder Pfählen. Es gab überhaupt keine drastischen, wirksamen Strafen mehr, und so hatten die Menschen die Ehrfurcht verloren und frönten der Sünde.

Sein Werk sollte die Sündhaften aufrütteln, ihnen das Verwerfliche ihres Tuns vor Augen führen und sie zu Einsicht und wahrhafter Reue bringen. Bis jetzt hatte noch niemand den Zusammenhang hinter den Präsentationen durchschaut, aber irgendwann würde jemandem ein Licht aufgehen. Der Mann presste die Lippen aufeinander. Die Fingerzeige waren für jeden sichtbar. Diese Rosenkranzperlen in den Augen der Hure, die er in der Kirche aufgebahrt hatte, stellten doch ein eindeutiges Zeichen dar. Die Dopplung von luxuria und Asmodaeus – einmal auf der Stirn der Toten, ein zweites Mal auf den Holzperlen –, das fiel doch jedem Minderbemittelten auf. Aber wahrscheinlich kannten sich Polizisten gar nicht mit solchen Zeichen aus, und wenn sie überhaupt auf die Idee kamen, Experten dazu zu befragen, wäre schon viel Zeit verstrichen.

Er hatte ursprünglich gehofft, dass die Öffentlichkeit eher darauf kommen würde, was hier geschah, aber die Öffentlichkeit war nur unzureichend informiert worden. Die Polizei hielt Informationen zurück.

Sein Hauptziel war es nicht, Menschen zu töten, sein Ziel war es, all den anderen die Augen zu öffnen, sie auf ihre Verfehlungen aufmerksam zu machen und ihnen zu verdeutlichen, dass es auch sie hätte treffen können. Oder noch treffen würde. Vielleicht bewegte das einige dazu, ihr Leben zu ändern. Das war sein eigentliches Ziel. Er wollte, dass die Welt besser wurde, dass die Menschen innehielten und nachdachten.

Vielleicht beim Nächsten. Er dachte an seine Liste. Seit Jahren hatte er Namen, Adressen und Verfehlungen notiert und verglichen, und so war sie stetig gewachsen. Mittlerweile enthielt sie über hundert Namen, und die Auswahl fiel ihm jedes Mal schwer.

Die Entscheidung für einen bedeutete, dass er viele andere davonkommen lassen musste. Sein Blick glitt über die Namen und verglich die Missetaten. Er würde an die Öffentlichkeit treten müssen. Wenn die Häscher nicht von selbst darauf kamen, worum es hier ging, musste er sie mit der Nase darauf stoßen, und zwar, ohne dass sie ihm dabei auf die Spur kamen, denn er wollte sein Werk vollenden. Irgendwann würde man über ihn berichten, würde sein Name in allen Enzyklopädien stehen als derjenige, der dem Verfall der moralischen Werte und Regeln Einhalt geboten hatte. Retter der Moral – so sollten sie ihn nennen.

Und jetzt war er so weit, diese Frau wegzuschaffen. An einen öffentlichen Ort, wo man sie am Morgen finden und hoffentlich jeder die Botschaft, die sie mitbrachte, verstehen würde.

*

»Sag, was du willst, aber die haben eindeutig Dreck am Stecken.« Jo klickte noch einmal auf das Foto des Kellerganges mit dem roten Läufer und den Fackelhaltern. »Ich wüsste zu gern, was sich hinter dieser Tür verbirgt.«

»Nochmal werden sie uns nicht reinlassen.« Lara dachte an Romain Holländers Reaktion, als ihm klar geworden war, dass Jo da irgendwo in seiner Villa herumschnüffelte. Der Zorn hatte seine Lippen weiß werden lassen, und an den Schläfen waren harte Muskelstränge hervorgetreten. Noch ehe Lara es sich versah, hatte er sie auch schon zur Eingangstür gezerrt, sie hinausgeschoben und die Tür geschlossen. Von draußen konnte sie hören, wie es da drin summte und brummte wie in einem Bienenstock. Noch bevor sie sich fragen konnte, was mit ihrer Jacke, den Handschuhen und dem Schal geschehen würde, hatte sich die Tür ein zweites Mal geöffnet, und die Sachen wurden ihr vor die Füße geschleudert. Als sich die Tür kurz darauf ein drittes Mal öffnete, war Jo erschienen. Oder besser gesagt, er war heraus gestolpert. Jemand warf ihm seine Kleidungsstücke nach, dann schloss sich die Tür mit einem Knall, und es war Ruhe.

»Dieser Holländer hat doch tatsächlich gedacht, wenn er mir den Speicherchip aus dem Fotoapparat wegnimmt, haben wir nichts in der Hand.« Jo schüttelte den Kopf. »Der muss mich doch für einen blutigen Anfänger halten!«

»Aber auf die Idee, den Chip gegen einen leeren auszutauschen, bevor sie dich erwischt haben, wäre ich auch nicht gekommen. Das war genial.«

»Ich bin halt ein Profi.« Jo grinste und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Bildschirm zu. »Wenn der Keller dem Grundriss der Villa folgt, müssten sich hinter der Zwischentür noch mindestens drei weitere Räume befinden. Irgendwas verbergen die dort, sonst wäre der Aufruhr nicht so groß gewesen, als sie gemerkt haben, dass ich da rumschnüffele.«

»Das sehe ich auch so. Aber mir war von vornherein klar, dass wir uns mit dieser Aktion alle weiteren Besuche verbauen. Ich hätte gern noch mit einigen Sektenmitgliedern gesprochen.«

»Wir könnten uns ja in den nächsten Tagen vor dem Eingang auf die Lauer legen. Sagte Holländer nicht, einige seiner Schäfchen gingen morgens zur Arbeit? Außerdem besuchen die Kinder die Schule. Entweder gehen sie allein dahin oder werden gebracht. Da wird sich doch jemand finden, den wir ansprechen können.«

»Einen Versuch ist es wert.«

»Gehst du eigentlich morgen früh in die Redaktion?«

»Nein. Ich werde über Nacht furchtbare Kopfschmerzen bekommen. So schlimm, dass ich zum Arzt gehen muss. Ich wäre so oder so außer Haus gewesen. Morgen ist der nächste Verhandlungstag im Fall des ermordeten Berufsschullehrers. Und da ich das Gerichtsressort abgeben muss, kann Tom auch gleich jemand anderen hinschicken. Und weil wir gerade dabei sind …«, Lara schaute auf ihre Finger, die sich ineinander verschränkt hatten, »ich mache mich dann auf den Heimweg. Es ist schon nach neun.«

»Du kannst auch hierbleiben. Wir trinken noch einen Rotwein.«

»Nein, danke. Heute nicht. Nimm es mir nicht übel, aber ich bin furchtbar müde und fühle mich ausgelaugt. Das war einfach zu viel die letzten Tage.«

»Das verstehe ich.«

Verstand er wirklich? Lara überlegte kurz, doch dazubleiben und das Durcheinander in ihrem Kopf mit ein paar Gläsern Wein zu ertränken, aber ihr Verstand war dagegen. Es würde alles nur noch verworrener machen, und morgen früh wären all ihre Probleme noch immer da. »Ich rufe dich morgen Vormittag an, wenn ich von Doktor Radost komme. Wir haben uns ja einiges vorgenommen. Kannst du inzwischen versuchen, den lateinischen Text von Robert Wessels Rücken zu besorgen? Ich würde gern Stefan Reinmann zum Inhalt befragen. Dann könnten wir überprüfen, ob unsere Vermutung, sein Tod habe etwas mit seiner Geldgier zu tun, richtig ist.«

»Jawohl, Chefin.« Jo, der inzwischen aufgestanden war, salutierte vor Lara.