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Das Schrillen des Weckers bohrte sich in Laras Kopf wie ein geschraubter Metallsplitter. Sie tastete mit geschlossenen Augen nach dem Störenfried und schob den Arm schnell wieder unter das Federbett. Jeden Morgen das gleiche Theater. Ihre Augen weigerten sich, sich zu öffnen, der Körper weigerte sich, das warme Bett zu verlassen, ihr Kopf weigerte sich, die Tatsache zu akzeptieren, dass sie Frühdienst hatte. Sie gab sich noch fünf Minuten. Von draußen drang kein einziger Laut herein. Schwerelose Stille. Mit einem Ruck schwang Lara die Beine aus dem Bett, setzte sich auf und tastete mit geschlossenen Augen nach ihren Hausschuhen. Die Kälte zwickte in ihre nackten Fußsohlen, bis die Füße das weiche Filzgewebe gefunden hatten. Sich die Augen reibend, marschierte sie zum Fenster, zog den Vorhang beiseite und blickte hinaus.
Vor ihr lag eine Märchenlandschaft. Das Puderzuckerland von Pittiplatsch und Schnatterinchen aus ihrer Kindheit. Vom gegenüberliegenden Schornstein kringelte sich ein heller Rauchfaden in den kobaltblauen Himmel. Lautlos rollte ein dunkles Auto über die weiße Straße. Der Schnee auf dem Gehweg funkelte wie winzige hellblaue Diamanten. Lara spürte die Gänsehaut auf ihren Armen, ließ den Vorhang fallen und begab sich ins Bad. Beim Duschen dachte sie über den heutigen Tag nach. Zuerst musste sie in die Redaktion, ab Mittag hatte sie zwei Außentermine. Danach würde sie sich mit dem Sektenbeauftragten treffen.
Der Ausdruck des lateinischen Textes, den Mark ihr gestern gemailt hatte, lag auf dem Küchentisch. Lara stellte die Kaffeetasse daneben, zog das Blatt zu sich heran und überflog noch einmal die Sätze. Sie verstand nichts von dem, was da geschrieben war. Evacuati estis a Christo, vobis in Domino und regnum Dei deuteten jedoch auch für einen Laien darauf hin, dass es sich um etwas handelte, das mit der Kirche zu tun hatte. Hoffentlich konnte dieser Stefan Reinmann ihr weiterhelfen. Lara nippte an ihrem Kaffee und überflog noch einmal die Notizen, die sie gestern Abend nach ihrem Gespräch mit Mark vervollständigt hatte.
Brautleiche (Carolin Fresnel):
• Leichenfund: Dienstag, 9.2.
• Fundort: Modenschau, Torben Hoffmann (Rootdesign)
• Tatort: ?
• Verschwunden seit: Ende Januar (Shooting in London?)
• Bezugspersonen: Nele, Mira (Modelkolleginnen), Thomas Mahler = Freund (?)
• Inschrift auf der Stirn: Lucifer + superbia
• Text auf Rücken: s. Anlage 1
Besonderheiten: Leiche war eingefroren
Kirchenleiche (Name? Nina?):
• Leichenfund: Montag, 15.2.
• Fundort: Heuerswalde, Kirche
• Tatort: ?
• Verschwunden seit: ?
• Bezugspersonen: ?
• Inschrift auf der Stirn: ?
• Text auf Rücken: ??
• Besonderheiten: Leiche war gekreuzigt, (angebl.) Holzmurmeln in den Augenhöhlen
Unter die Listen hatte sie noch gekrakelt: »Thomas Mahler, Rootdesign (Film)«, »Artikel Elsa Breitmann« und »Tom wg. Leiche Berichterstattung«.
Das Schrillen des Telefons ließ Lara zusammenzucken. Der Kugelschreiber flog in hohem Bogen über den Tisch und rollte unter die Spüle. Wer rief so früh am Morgen an? Auf dem Display stand »Jo«. Lara lächelte und hob ab.
»Guten Morgen, liebste Lara! Bist du schon wach?«
»Nein.« Sie wartete kurz und kicherte dann. Es hörte sich albern an. Wie ein frisch verliebter Teenager.
»Oh, entschuldige. Ich rufe später nochmal an.«
»Nein, warte!« Jo schien den Spaß nicht verstanden zu haben. Wie konnte sie ans Telefon gehen, wenn sie noch schlief? »Es war ein Witz. Klar bin ich munter. Ich muss gleich los.«
»Hast du Lust, heute Abend ins Kino zu gehen? Wir hätten sechs verschiedene Filme zur Auswahl, und ich überlasse dir die Entscheidung.« Er holte Luft und sprach schnell weiter. Wahrscheinlich, um einem »Nein« zuvorzukommen. »Wir könnten davor oder danach noch was essen gehen. Ich rufe dich deshalb so zeitig an, weil ich heute nicht in der Redaktion bin.«
Und da dachtest du, du rufst mich lieber morgens um sieben zu Hause an. So merkt auch niemand in der Redaktion, dass du mit mir ausgehst. Lara betrachtete ihre Liste. »Das klingt gut, allerdings weiß ich jetzt noch nicht, wann ich mit meinen Außenterminen fertig bin. Um siebzehn Uhr will ich mich noch mit einem Bekannten von Mark treffen, einem Sektenbeauftragten, und ich kann nicht abschätzen, wie lange das dauert.«
»Einem Sektenbeauftragten? Was willst du denn mit dem?«
»Der sogenannten Brautleiche wurde außer den zwei Wörtern auf der Stirn ein lateinischer Text auf den Rücken tätowiert. Nun, ich besitze diesen Text, auch wenn ich dir nicht verraten werde, wo ich ihn herhabe. Es ist Latein. Ich wüsste gern, was er bedeutet, und dabei kann mir dieser Mann hoffentlich helfen.« Sie konnte Jo schnaufen hören und setzte fort. »Es gibt Parallelen zu dem Fall der gekreuzigten Frau in der Heuerswalder Kirche.« Sie wartete kurz, aber da Jo nicht nachfragte, war klar, dass er davon gehört hatte. »Ich denke, sie hieß Nina. Ich habe es ›gesehen‹. Die Leiche hatte, wenn man Elsa Breitmann glauben darf, auch eine Inschrift auf der Stirn. Die beiden Fälle sind miteinander verknüpft.«
»Du willst doch nicht wieder die Hobbydetektivin spielen?«
»Na ja.« Lara marschierte hin und her, stellte die Kaffeetasse in die Spüle und sortierte dann ihre Unterlagen auf dem Küchentisch, während sie weiterredete. »Wir berichten ja in der Tagespresse darüber. Im ersten Fall war ich sogar selbst anwesend. Da ist doch klar, dass ich weiter recherchiere, oder? Eigentlich ist es sogar umgedreht. Wenn ich solche Eingebungen habe, verfolgt der Fall mich und nicht ich ihn. Deshalb dachte ich, ich baue dieses Mal lieber gleich vor.«
»Bring dich nicht in Gefahr, Lara! Gerade du müsstest es doch besser wissen.«
»Ich will recherchieren. Punkt.« Sie konnte Jos Missbilligung förmlich hören. »Und außerdem bin ich überzeugt, dass die Sache noch nicht beendet ist.«
»Wir könnten ja heute Abend weiter darüber plaudern.« Jetzt klang er spitzbübisch. »Vor oder nach dem Kino. Oder auch ohne Kino, nur beim Essen.«
»Na meinetwegen. Das mit dem Kino verschieben wir aufs Wochenende. Ich rufe dich an, wenn ich mit Herrn Reinmann fertig bin. Gehen wir ins Bella Italia?«
»Alles, was du willst.«
»Dann bis später, Jo. Ich muss los.« Lara legte auf und warf das Handy in die große Umhängetasche.
*
… wurde vorgestern Abend in der Heuerswalder Kirche, deren Abriss kurz bevorsteht, von spielenden Kindern entdeckt. Noch ist die Identität der Toten ungeklärt.
Eine Pressekonferenz der Polizei ist für morgen Nachmittag angekündigt. Die Tagespresse wird weiter berichten.
Lara drückte den Rücken an die Lehne und atmete betont langsam ein und aus, wobei sie bis fünfzehn zählte. Dann dachte sie darüber nach, was sie so aus der Fassung brachte. War es, weil man sie bei der Berichterstattung übergangen hatte, oder lag die Ursache eher in allgemeiner Frustration? Der Artikel selbst konnte es nicht sein, Elsa Breitmann hatte ihn sachlich und ohne Spekulationen geschrieben.
Sie rief die Abwesenheitsliste auf. Elsa Breitmann würde heute gar nicht in die Redaktion kommen und Tom hatte sich erst ab 14 Uhr wieder angekündigt. Das Gespräch mit ihm über die Berichterstattung im Fall der beiden Frauenleichen würde sie also auf morgen früh verschieben müssen. Der Zorn, der durch Laras Adern geflossen war, hatte es sich jetzt hinter ihrer Stirn gemütlich gemacht und hämmerte dort fröhlich herum. Sie drückte eine Aspirin Direkt aus der Packung, zerkaute sie und spülte den widerlich fruchtigen Geschmack mit Mineralwasser hinunter.
Stoff raschelte. Finger nestelten an einem Knopf, zerrten. Mit einem zirpenden Geräusch riss der Knopf ab. Die Finger drehten ihn in der Handfläche hin und her, dann segelte er durch die Luft, eine winzige, hellblau glänzende Scheibe. Ein weiteres feines »Plopp«, und das nächste Scheibchen flog davon. Der Stoff, von dem die Knöpfe abgerissen wurden, war babyblau mit dünnen weißen Streifen. Zwei Hände zogen die beiden Stoffhälften auseinander. Eine nackte Männerbrust kam zum Vorschein; glatt rasiert, wie es jetzt bei vielen jungen Männern Mode war.
Lara runzelte die Stirn, kniff die Augen zusammen und riss sie sofort wieder auf. Was war denn das wieder? Zwang ihr Gehirn sie jetzt, einem Pärchen bei seinen Sexspielchen zuzusehen?
Die Hände glitten weiter nach unten, näherten sich einem Hosenbund.
Lara legte ihre Handflächen links und rechts an den Kopf und drückte rhythmisch gegen die Schläfen, während sie sich im Takt die Worte »Ich …Will …Das …Nicht …Sehen« und »Nein …Nein …Nein« vorsagte. Es schien zu helfen. Das Bild von den Fingern, die einen Reißverschluss aufzogen, verblasste; das zirpende Geräusch wurde leiser und verlor sich.
Sie musste sich jetzt auf die Arbeit konzentrieren. Nächste Woche würde der Prozess gegen den jungen Mann beginnen, der seinen ehemaligen Berufsschullehrer umgebracht hatte. Fünf Prozesstage hatte das Gericht angesetzt und Lara hatte sich als Journalistin akkreditieren lassen. Im Vorfeld war viel zu recherchieren.
Den Artikel über die Vernissage, die heute Nachmittag im Gebäude der Staatsanwaltschaft stattfinden würde, konnte sie vorbereiten, sodass nachher nur noch ein paar Details und das Interview mit dem Künstler einzufügen waren. Sie hatte nicht vor, sich dort stundenlang aufzuhalten. Schließlich wollte sie danach noch zu diesem Sektenbeauftragten und mit Jo zum Italiener. Lara strich sich über die Haare und verzog das Gesicht. Ziemlich vollgepackter Tag. Das Pochen hinter ihrer Stirn war immer noch da, gedämpfter zwar jetzt, aber nicht zu ignorieren. Sie entschied sich dagegen, noch eine Tablette zu nehmen. Vielleicht half ein Glas Cola genauso gut. In ihrem Rücken tappte Markus Lehmann herein und schlenderte dann von Tisch zu Tisch. Die Hände hatte er in den Hosentaschen. Hinter Christins Stuhl verlangsamte er sein Tempo ein wenig und starrte im Vorbeigehen auf ihren Bildschirm. Das Gleiche tat er bei Bert Anders. Während Lara darauf wartete, dass er auch zu ihr kam, fragte sie sich, was der Kerl eigentlich den ganzen Tag machte. Spionierte er für Tom? Markus Lehmann schien ihre Gedanken erraten zu haben. Er verschwand in der Küche und begann, mit Geschirr zu klappern. Lara schüttelte den Kopf und wandte sich ihrem Text zu.
*
»Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen befasst sich mit verschiedenen Themenbereichen. Sie ist Studien-, Dokumentations-, Auskunfts- und Beratungsstelle der Evangelischen Kirche, beobachtet und beurteilt Zeitströmungen, veranstaltet Fachkongresse und wirkt in Kooperation bei Tagungen und Seminaren mit.« Stefan Reinmann goss Sahne in seinen Kaffee. Der Löffel klimperte beim Rühren gegen das dünne Porzellan. »Hat Doktor Grünthal Ihnen davon erzählt?« Er sah hoch und blickte Lara mit forschenden Augen an. Im Licht der Stehlampe konnte sie nicht genau erkennen, welche Augenfarbe ihr Gegenüber hatte, lediglich, dass die Iris wasserhell war. Noch während sie den stämmigen Mann mit den zerzausten Haaren musterte, sprach Stefan Reinmann schon weiter. »Um genau zu sein, sind es fünf Themenbereiche, mit denen sich die Zentralstelle beschäftigt: Grundsatzfragen und Strömungen des säkularen und religiösen Zeitgeistes, Islam und andere nichtchristliche Religionen, christliche Sondergemeinschaften – dazu zählen wir auch die Neuapostolische Kirche, Jehovas Zeugen und Scientology; dann hätten wir da noch den Themenbereich Esoterik, Okkultismus, Spiritismus, Satanismus und fünftens das Curriculum für Religions- und Weltanschauungsfragen.«
Er schwafelte ein bisschen viel. Aber vielleicht war das bei solchen Leuten angeboren. Lara überflog zum zehnten Mal ihre Notizen. Wenn sie das Abendessen mit Jo noch schaffen wollte, musste sie allmählich zur Sache kommen.
»Ich bin für die christlichen Sondergemeinschaften zuständig. Darunter sind auch diverse Sekten. Aber das wissen Sie ja mit Sicherheit schon von Ihrem Freund.« Er lächelte. Lara konnte sich sehr gut vorstellen, wie der Mann fürsorglich mit Leuten sprach und ihnen bei ihren Problemen half. Stefan Reinmann war nicht so alt, wie sie es erwartet hatte, um die vierzig etwa. Durch den Bart sah er allerdings älter aus. Sie lächelte zurück und straffte sich, um ihm ein Zeichen zu geben, dass sie jetzt zur Sache kommen wollte.
»Aber so eine junge, hübsche Frau wie Sie ist bestimmt nicht hier, um stundenlangen Erläuterungen zur Evangelischen Zentralstelle zuzuhören, nicht?« Stefan Reinmann stellte die Tasse, die er die ganze Zeit in den Händen gehalten hatte, zurück. Seine hellen Augen fixierten ihr Gesicht. Flirtete der Mann etwa mit ihr? »Sie hatten am Telefon gesagt, es gehe um einen lateinischen Text?«
»So ist es. Ich glaube, dass es etwas mit der Kirche und Gott zu tun haben könnte, hatte aber leider kein Latein in der Schule und kann es nicht übersetzen.«
»Und nun brauchen Sie jemanden, der es für Sie transkribiert.«
»So exakt wie nur möglich. Das wäre toll.«
»Ich bin Diplomtheologe. Latein-, Griechisch- und Hebräischkenntnisse sind Studienvoraussetzungen oder werden dort erworben. Das heißt, ich habe das Latinum, das Graecum und das Hebraicum, und zudem die alttestamentlichen und neutestamentlichen Schriften im Urtext gelesen.«
»Das ist wunderbar.«
Strahlenförmige Fältchen erschienen in Stefan Reinmanns Augenwinkeln, als er lächelte. Lara hatte das Gefühl, er habe auf die Anerkennung gewartet.
»Ihr lateinischer Text sollte also kein Problem sein. Es könnte allerdings ein Weilchen dauern.«
»Wie lange?«
»Sie haben es wohl eilig?«
»Na ja. Je eher, desto besser. Sie wissen doch, wie das bei uns Journalisten ist.« Lara hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Egal, ob er eine Ahnung davon hatte, wie sie arbeiteten, er brauchte nicht zu wissen, warum es so dringend war.
»Darf ich fragen, woher Sie den Text haben?«
»Das kann ich im Moment nicht sagen.«
»Oh.« Jetzt beugte sich Stefan Reinmann nach vorn. »Aber es könnte bei der Übersetzung relevant sein.«
»Tut mir leid, es geht nicht. Vielleicht im Nachhinein.« Lara bettelte mit den Augen. »Helfen Sie mir trotzdem?«
»Weil Sie so nett sind.« Ein liebenswürdiges Lächeln erschien auf Stefan Reinmanns Gesicht, während er die Hände über dem Bauch faltete. »Dann mal her mit dem Text.«
Das Papier wechselte den Besitzer. Der Sektenbeauftragte lehnte sich zur Seite und knipste eine Stehlampe an, die neben seinem Ledersessel stand, bevor er sich zurücklehnte, die Beine locker übereinanderschlug und das Blatt auffaltete. Lara hatte gerade begonnen, den Raum zu betrachten, als er sich wieder nach vorn beugte und das Papier dicht vor die Augen hielt. In sein Atmen hinein hörte sie, wie draußen jemand Schnee schippte. Mit einem Rascheln rutschten die geschweiften Beine des Sessels über den Teppich, als Stefan Reinmann sich abrupt erhob und das Papier auf den runden Tisch vor sich legte. »Ich brauche meine Brille.« Er verschwand im Nachbarzimmer. Lara musterte den Rest Kaffee in ihrer Tasse und entschied sich dagegen, noch eine Tasse zu trinken. Ihre Kopfschmerzen waren verschwunden, und das sollte auch so bleiben. Die holzvertäfelten Wände strahlten Wärme aus. Zwei Meter hohe Bücherschränke füllten eine ganze Wand des Zimmers und Lara schätzte, dass die Ledereinbände hinter den Glasscheiben mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel hatten. Sekten gab es auch in Leipzig zuhauf. Lara dachte darüber nach, ob die Tagespresse sich damit schon einmal näher befasst hatte. Sie fand das Thema interessant. Vielleicht konnte man eine Artikelserie mit Hintergründen darüber anregen. Einen kompetenten Ansprechpartner hatte sie ja bereits. Lara lächelte leicht. Über der Tür, durch die Stefan Reinmann jetzt wieder hereinkam, hing ein geschnitztes Jesusrelief.
Der Sektenbeauftragte ließ sich in den Sessel fallen und griff nach dem lateinischen Text. Auf seiner Nase saß jetzt eine randlose Brille. Seine Augen wirkten kleiner und wacher hinter den Gläsern, als er Lara kurz ansah. »Ich denke immer, es geht ohne, aber ich muss mir wohl eingestehen, dass dem nicht so ist. Eitelkeit ist eine Sünde.« Sein Kopf neigte sich wieder über das Papier. Lara korrigierte ihre Schätzung seines Alters auf Ende vierzig und erklärte sich ihre vorherige Fehlschätzung mit dem gedämpften Licht. Stefan Reinmann las jetzt konzentriert, fuhr mit dem Finger über die Zeilen, murmelte vor sich hin, und sie setzte ihre Betrachtung der Einrichtung fort.
Die Jugendstilvilla, in der der Mann sein Büro hatte und in der er auch wohnte, gehörte der Kirche und hatte so nicht das traurige Schicksal vieler Denkmalsimmobilien der ehemaligen DDR geteilt, die dem Verfall preisgegeben worden waren; sie wirkte, als sei sie erst gestern erbaut worden, und die Kirche hatte es verstanden, notwendige Modernisierungsmaßnahmen so schonend einzusetzen, dass man es kaum bemerkte.
Stefan Reinmann gab ein abschließendes »Hm hm« von sich und ließ das Blatt sinken. Laras Aufmerksamkeit kehrte zu ihrem Gegenüber zurück. Erst jetzt fielen ihr die drei Fotos auf der Anrichte hinter ihm auf. Auf jedem von ihnen waren zwei Jungen abgebildet, die sich wie ein Ei dem anderen glichen. Auf zwei der Bilder waren sie noch klein – Lara schätzte etwa drei Jahre – auf dem mittleren trugen beide eine übervolle Schultüte und schauten ernst in die Kamera.
»Sind das Ihre?« Sie nickte in Richtung der Anrichte, und Stefan Reinmann wandte kurz den Kopf, als wolle er nachsehen, ob die Fotos noch dort standen.
»Ja. Lukas und Daniel. Es sind Zwillinge.« Sein Blick richtete sich auf etwas weit hinter ihrem Rücken, und sein Mund bekam einen harten Zug. »Sie leben bei ihrer Mutter.«
Damit war alles gesagt. Lara räusperte sich und zeigte auf das Blatt in seinem Schoß. »Was steht denn nun in dem Text?«
»Das ist nicht so einfach, wie Sie sich das vorstellen.« Stefan Reinmann hatte sich wieder gefangen. Seine Augen glänzten hinter den Brillengläsern. »Eine exakte Übersetzung benötigt Zeit. So viel kann ich aber schon verraten, dass der Duktus und bestimmte Wendungen darauf hindeuten, dass es nichts Modernes ist. Ich lege mich ungern schon vorab fest, aber dies ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein alter Text, etwas aus den Quellen, vermute ich. Um es genauer zu sagen, werde ich es jedoch exakt übersetzen und dann vergleichen müssen.«
»Wann?« Lara fühlte die Enttäuschung körperlich. Irgendwie hatte sie gehofft, der Mann würde ihr eine vollständige Übersetzung liefern, die sie gleich mitnehmen konnte.
»Ich rufe Sie an, ja?« Er wollte sich nicht festlegen.
»Danke. Hier ist meine Karte. Auf dem Handy bin ich auch abends und an den Wochenenden zu erreichen. Und wenn nicht – sprechen Sie auf Band und ich rufe zurück.« Lara erhob sich.
»Den Text kann ich behalten?«
»Aber sicher. Das ist eine Kopie.« Sie folgte ihm. Im Foyer war es kühl. Stefan Reinmann verschwand hinter einer kleinen Tür und kam mit Laras Mantel über dem Arm wieder heraus.
»Es war mir ein Vergnügen, Sie kennengelernt zu haben.« Er hielt ihr den Mantel hin und sie schlüpfte in die Ärmel.
»Gleichfalls.« Lara trat durch die Eingangstür, die ihr der Mann galant aufhielt, und zog ihre Handschuhe an. Ihr Mini vor dem Tor war nur noch ein weißer Hügel. Frisch gefallener Schnee hatte ihre Spuren durch den Garten vollständig gelöscht.
»Ich fürchte, ich muss noch einmal schippen. Schönen Abend noch!« Stefan Reinmann hob die Hand und blieb in der Tür stehen, bis sie hinausgegangen war, ein dunkler Umriss vor gelb erleuchtetem Hintergrund.
Lara schaltete den Ton ihres Handys wieder an und grinste, als sie die eingegangene Nachricht las: »Wann kommst du? Jo«.