38

Der Motor des Mini-Coopers heulte, als Lara das Gaspedal durchtrat. Mit Schwung fuhr sie um die engen Kurven des Parkhauses. Auf der Windschutzscheibe flackerte Toms überhebliches Gesicht. Wie er sich bei dem Gespräch vorhin aufgeplustert hatte! Wie ein großspuriger Hahn, der mit arrogant erhobenem Kopf über den Hof stolzierte, die törichten Hühner stets im Blick.

Ob es ihr nicht gut ginge, hatte er in gönnerhaftem Ton gefragt. Sie wirke erschöpft. Am Freitag sei sie sogar krank gewesen. Ob es etwas gebe, das sie ihm sagen wolle. Auf ihr bockiges Schweigen hin hatte er den Verständnisvollen gegeben. Jedem von ihnen fielen manche Dinge schwer und man müsse sich den Hierarchien unterordnen. Lara war so wütend gewesen, dass sie kaum noch Luft bekommen hatte. Zuerst hatte Tom sie quasi degradiert, ihr das Ressort entzogen, sie heruntergemacht, und jetzt mimte er den mitfühlenden Chef! In ihrem Kopf hatte eine Stimme ständig Halt bloß den Mund Lara! gezischt, aber sie hatte kaum an sich halten können. Nach fünf Minuten war das Zusammentreffen vorbei und sie schweißgebadet gewesen.

Als sie sich gerade umgedreht hatte, um sein Zimmer zu verlassen, war er mit der Sprache herausgerückt. »Ich habe gehört, du recherchierst noch immer in diesen Mordfällen?«

Lara war kurz sprachlos gewesen, während sie überlegte, woher er die Informationen hatte. Jemand musste sie verpfiffen haben. Ihr anschließendes Herumstottern war einer Journalistin unwürdig gewesen.

Mit den Worten »Du hast schon eine Abmahnung erhalten, Lara. Übertreib es nicht!«, hatte Tom das Gespräch beendet, und sie war mit heißem Gesicht hinausmarschiert und hatte zwei Aspirin auf einmal geschluckt. Die Empörung war den ganzen Tag in ihr gewesen und hatte wie ein kleines bösartiges Tier an ihren Eingeweiden genagt.

Der Ford vor ihr fuhr im Schneckentempo. Lara hatte schon die Hand erhoben, um zu hupen, als ihr das auswärtige Kennzeichen auffiel. Der Fahrer schien etwas zu suchen. Sie gab Gas und preschte vorbei.

Das hämische Lachen würde Tom noch vergehen. Egal, was er vorhatte, es war an der Zeit, ihm Einhalt zu gebieten. Auch Tom Fränkel hatte Vorgesetzte. Sicher waren sie nicht erfreut zu hören, dass ihr so hochgeschätzter Redaktionsleiter Affären mit mehreren Praktikantinnen gehabt hatte. Isabell – die Vorgängerin von Markus Lehmann – hatte, bevor sie gegangen war, ein Telefongespräch mit Tom aufgezeichnet, in dem er zugab, mit ihr und auch mit den Mädchen davor ein Verhältnis gehabt zu haben. Toms meckerndes Lachen auf dem Band war unverkennbar.

Lara hatte den Mitschnitt von Isi schon so lange gespeichert – jetzt war es an der Zeit, ihn zu verwenden. Und dann würde sie verschwinden. Sie würde sich zusammennehmen, bis die Sache publik wurde, Toms Demontage genießen und kündigen. Den Gedanken, ob das, was sie da vorhatte, boshaft war, schob Lara beiseite. Es gab Zeiten im Leben, da musste man sich einfach wehren. Ihr Geduldsfaden war gerissen. Hatte Tom jemals Rücksicht auf andere genommen? Wahrscheinlich würde es für alle Kollegen in der Redaktion ein Fest sein, die kommenden Ereignisse mitzuerleben. Mit dem Wissen im Hinterkopf, dass sie etwas gegen den Redaktionsleiter in der Hinterhand hatte, würden ihr die nächsten Tage in der Redaktion leichtfallen. Laras Kopfschmerzen waren wie weggeblasen.

Sie bremste und fuhr auf den Parkplatz des Autohauses. Es waren noch zehn Minuten Zeit bis zu ihrem vereinbarten Gesprächstermin.

Erst jetzt fiel Jo ihr wieder ein. Wo steckte er? Gleich heute Vormittag, nachdem der Anruf, der Grund für ihr Hiersein, bei ihr gelandet war, hatte sie versucht, ihn zu erreichen, aber wieder nur die Mailbox erwischt. Lara nahm das Handy und rief ihre gesendeten Kurznachrichten auf. Da stand es schwarz auf weiß, mit einem Smiley am Ende: »Bin für 17:00 Uhr mit Herrn Wörth von der Sekte am Nissan-Autocenter in der Torgauer Straße verabredet. Kannst du dazukommen? Ruf mich an. Lara.« Jo hatte nicht geantwortet. Sie steckte das Handy in die Hülle zurück, stieg aus und sah sich um. Ihr Gesprächspartner war nirgends zu sehen. Vielleicht hatte er in der Werkstatt zu tun. Lara versuchte, sich an den genauen Wortlaut des Telefongesprächs von heute Vormittag zu erinnern. »Sie haben bei uns recherchiert. Bei den Kindern des Himmels«, hatte der Mann gesagt. Seine Stimme hatte ein wenig atemlos geklungen, so als wäre er gerannt. »Ich muss Sie sprechen. Wörth ist mein Name. Ich bin derjenige, den Sie und Ihr Kollege auf der Straße angesprochen haben.« Der Anrufer hatte eine Pause gemacht, in der Lara ihn atmen hörte. »Sie haben mir Ihre Visitenkarte gegeben.« Erst jetzt erinnerte sie sich. Der Mann mit dem Kind, der so zugeknöpft gewesen war. Jo hatte Fotos von den beiden gemacht. Auf ihre Nachfrage, worum es denn ginge, hatte der Anrufer erwidert, dass er dies nicht am Telefon erörtern könne, und hinzugesetzt: »Sie müssen mir helfen«.

Langsam ging Lara auf den Eingang des Autohauses zu. Es war eine Minute vor fünf. Die Wolken hatten sich verzogen und Platz für eine blutrote Abendsonne gemacht, die alles in ein unwirkliches Zwielicht tauchte. Hinter der Glasscheibe tauchte ein kleiner Mann im dunklen Anzug auf und winkte ihr hereinzukommen.

»Frau Birkenfeld? Ich bin Frieder Wörth.« Er schüttelte kurz Laras Hand, bedeutete ihr, ihm zu folgen, nickte seiner Kollegin hinter der Empfangstheke zu, und diese lächelte breit und senkte dann den Kopf. Sie wirkte irgendwie schuldbewusst.

»Sie wollten mit mir sprechen? Worum geht es denn?« Lara hatte sich für den direkten Weg entschieden. Sie nahm gegenüber von Herrn Wörth in einem der schmalen Sessel an der Sitzgruppe Platz.

»Ich möchte das lieber nicht hier bereden.« Frieder Wörths Augen huschten hin und her, er sah nach draußen und dann etwas länger zu der jungen Frau am Empfang. »Man beobachtet mich.«

»Hier?«

»Nicht die Kollegen, nein. Im Moment führe ich mit Ihnen ein ganz normales Verkaufsgespräch.« Er nahm einen Prospekt zur Hand, schlug ihn auf und deutete auf eins der Bilder, während er leise weitersprach. »Andere Leute. Ich habe Sie hierherbestellt, weil das unverfänglich ist. Aber die Details möchte ich lieber woanders besprechen.«

Lara bemühte sich, nicht zu lächeln. Das war ja fast wie in einem Agententhriller. »Können Sie mir wenigstens ungefähr sagen, worum es geht? Und wo hatten Sie denn gedacht, dass wir uns unterhalten könnten?«

»Um die Gemeinschaft. Es geht um die Gemeinschaft.« Frieder Wörth flüsterte jetzt so leise, dass er kaum zu verstehen war. »Ich brauche Ihre Hilfe. Bitte.« Wieder flog sein Blick auf den Parkplatz. »Wir könnten ins Bistro 21 fahren. Das ist nicht weit weg.«

»Na gut.« Lara sparte sich die Nachfrage, ob er mit »Gemeinschaft« die Kinder des Himmels meinte. Etwas anderes kam wohl kaum infrage. In ihrem Kopf rumorte die Neugierde. Endlich war ein Sektenmitglied bereit zu sprechen. Schade, dass Jo nicht dabei sein würde. »Dann lassen Sie uns aufbrechen.«

»Halt, halt.« Der kleine Mann schlug den Prospekt zu und nickte Lara zu, als seien sie sich gerade einig geworden. »Könnten Sie um das Autohaus herumfahren? An der Rückseite ist die Werkstatteinfahrt. Da sieht sie uns nicht. Ich fahre bei Ihnen mit.«

Lara runzelte die Stirn. »Da sieht sie uns nicht«? Das wurde ja immer rätselhafter. Wer war sie – die junge Frau am Empfangstresen? Sie beschloss, den Mann später danach zu fragen. Jetzt schien er ihr zu aufgeregt. »Wenn Sie glauben, dass das nötig ist … Sie haben sicher eine Erklärung dafür. Dann bis gleich. Rechtsherum?« Frieder Wörth nickte zweimal schnell, stand auf und sah noch einmal nach draußen, während er Lara die Hand schüttelte und dazu »Auf Wiedersehen! Es hat mich gefreut!« in den Raum rief. Auf dem Weg zu ihrem Auto checkte Lara den Parkplatz. Alles war verwaist, kein Mensch zu sehen. Keine mysteriöse »sie«, niemand. Sie überlegte, ob es gefährlich sein könnte, den Mann in ihrem Auto mitzunehmen, und beschloss, zur Sicherheit eine SMS mit Wörths Namen, der Uhrzeit und der Bezeichnung des Bistros an Jo zu schicken.

»Was möchten Sie trinken? Ich bezahle.« Frieder Wörth winkte die Kellnerin herbei, und Lara bestellte sich eine Cola. Der Zucker würde ihr Gehirn auf Trab bringen. Dann schob sie die Hand in die Tasche, schaltete das Diktiergerät ein und tastete nach dem Päckchen mit Tempos.

»Hören Sie. Ich habe maximal eine Dreiviertelstunde. Mein Dienst endet um sechs. Dann muss ich zurück sein, sonst fällt es auf. Außerdem wartet Marcel zu Hause auf mich. Sie können mich nachher bis zur Kreuzung zurückfahren, den Rest laufe ich.« Wörth sprach noch immer atemlos. »Wenn ich Glück habe, merkt niemand, dass ich zwischenzeitlich außer Haus war. Ricarda wird niemandem etwas verraten.«

»Eine Dreiviertelstunde sollte reichen. Kommt natürlich darauf an, was Sie mir erzählen wollen.« Ricarda? War das die Frau mit dem schuldbewussten Gesichtsausdruck? Lara lächelte, aber Frieder Wörth schaute nicht hoch. »Sie haben vorhin gesagt, jemand beobachte Sie. Wer beschattet Sie denn?«

»Romain hat eine Gefährtin auf mich angesetzt – Melinda.« Frieder Wörth rang die Hände. »Sie schnüffelt mir schon seit Tagen hinterher. Aufgefallen ist es mir letzte Woche. Da war ich … da bin ich …«, er winkte ab, »ist ja auch egal. Jedenfalls ist sie mir den ganzen Abend gefolgt. Ich hatte ziemliche Mühe, sie abzuhängen. Seitdem habe ich sie noch dreimal gesehen. Sie versteckt sich in der Nähe des Autohauses und wartet, bis ich Dienstschluss habe, um mir dann auf meinem Heimweg hinterherzulaufen. Sie weiß nicht, dass ich ihre Anwesenheit bemerkt habe.«

Lara nickte und nippte an ihrer Cola, während sie darüber nachdachte, warum Holländer es für nötig hielt, Wörth einen Aufpasser an die Fersen zu heften. Was vermutete der Sektenführer, was der Mann tat? Oder fürchtete er genau das, was jetzt gleich geschehen würde – dass der Mann Interna aus dem Sektenleben ausplauderte? »Und nun brauchen Sie meine Hilfe.«

»Nicht wegen Melinda. Mit der werde ich schon fertig. Es ist etwas anderes. Ich muss ein wenig ausholen.« Wieder schlangen sich die Finger umeinander und lösten sich. »Ich bin vor neun Jahren zu den Kindern des Himmels gekommen. Gemeinsam mit meiner Frau Susann. Marcel war damals gerade zwei, und wir wollten ihm eine spirituelle Heimat geben. Eine Umgebung, die ihm und uns geistige Erbauung gibt, eine Gemeinschaft, in der Gleichgesinnte friedvoll zusammenleben. Das, was die evangelische Kirche bot, reichte uns nicht. Der Zusammenhalt, die geistige Durchdringung des Daseins und die Vorbereitung auf eine heitere Zukunft sind bei den Kindern des Himmels sehr intensiv. Jeder steht für jeden ein, alle kümmern sich um das Wohlergehen aller. Das, so schien es uns damals, ist die ideale Umgebung, um ein Kind großzuziehen.«

»Wie sind Sie denn auf die … die Gemeinschaft aufmerksam geworden?« Lara verschluckte das Wort »Sekte« gerade noch rechtzeitig. Das war ein Etikett Außenstehender. Die Mitglieder bezeichneten ihre Gruppe mit Sicherheit nicht als Sekte.

»Durch einen Freund. Er hat uns von den Kindern des Himmels erzählt und wie er durch das Zusammenleben von seinen Ängsten und Sünden gereinigt wurde.« Frieder Wörth fuhr sich mit den Fingerspitzen über die Stirn. »Ich bin selbst ein sündiger Mann. Ich bemühe mich; ich bemühe mich sehr, aber es gelingt mir nicht immer. Auch ich habe Schuld auf mich geladen.«

»Wer ist denn schon frei von Sünde?« Das war eine Floskel, sicher. Es wurde Zeit, ein bisschen auf den Busch zu klopfen, damit der Mann mit dem Grund herausrückte, warum er sie angerufen hatte. »Und dann haben Sie irgendwann gemerkt, dass da etwas nicht stimmt?«

»Eigentlich geht es nicht um mich.« Frieder Wörth holte tief Luft. »Ich mache mir Sorgen um Marcel.«

»Ihren Sohn.«

»Seit Susann uns im Stich gelassen hat, war es schwierig.«

»Das verstehe ich. Ihre Frau hat die Gemeinschaft verlassen?«

»Ja. Sie lebt jetzt mit einem anderen Mann in Halle. Wir haben keinen Kontakt zu ihr. Sie ist eine Ehebrecherin.«

Lara sah, wie ihr Gegenüber die Fäuste ballte. Er schien noch immer zornig zu sein. »Und seitdem hat sich Ihr Sohn verändert?«

»Ich weiß nicht, ob es da schon angefangen hat. So richtig aufgefallen ist es mir erst vor knapp einem Jahr. Er ist nachts immer aufgewacht und hat geschrien. Seine Leistungen in der Schule sind schlechter geworden. Auch seine Lehrerin hat deswegen schon mit mir gesprochen. Er hat sich zurückgezogen, will nicht mehr mit den anderen spielen, manchmal reagiert er auch aggressiv. Eine Zeitlang wollte er nicht einmal mehr an den Andachten teilnehmen.« Frieder Wörth grub die Zähne in die Unterlippe.

»Haben Sie denn eine andere Erklärung für das veränderte Verhalten Ihres Sohnes außer dem Verlust der Mutter?«

»Nichts Konkretes. Ich glaube, da ist irgendetwas vorgefallen, von dem ich nichts weiß.«

»In der Schule?«

»Nein, das hätten die Lehrer doch bemerkt, oder? Da Marcel seine restliche Zeit mit mir und den Gefährten in der Gemeinde verbringt, muss die Ursache hier zu finden sein. Obwohl …« Jetzt rang er wieder die Hände. »Vorstellen kann ich mir das nicht.«

Lara nickte. Das war verständlich. Der Mann hatte viele Jahre lang in der abgeschotteten Gruppe gelebt. So, wie er das Zusammenleben vorhin geschildert hatte, mussten ihm die Kinder des Himmels immer wie eine Bastion gegen die sündige Außenwelt vorgekommen sein. Schwer vorstellbar, dass gerade hier etwas geschah, das Kindern Schaden zufügte. Und was konnte es sein, das dem kleinen Marcel so zu schaffen machte? »Wie kann gerade ich Ihnen denn jetzt konkret helfen?«

»Ich glaube, wir brauchen professionelle Hilfe. Leider kenne ich nicht so viele Leute von außerhalb. Die Arbeitskollegen kommen nicht infrage. Von denen halte ich mich fern. Sie sind doch Reporterin und haben bestimmt eine Menge Kontakte. Ich denke auch darüber nach, die Gemeinschaft zu verlassen. Das würde jedoch Marcels Problem nicht lösen. Vielleicht liegt es tatsächlich daran, dass Susann einfach verschwunden ist. Ich weiß es nicht. Was würden Sie tun?«

»Für mich hört sich das an, als ob Sie einen erfahrenen Kindertherapeuten brauchen. Solche Leute können herausfinden, was hinter dem veränderten Verhalten steckt. Soll ich mich einmal darum kümmern?« Lara versuchte, dem Mann in die Augen zu sehen, aber er blickte noch immer nicht auf. Frieder Wörth starrte auf seine Schuhe, als gäbe es da etwas Spannendes zu entdecken. Dachte er über ihr Angebot nach? Ein tiefes Schnaufen kündigte an, dass der Mann zu einer Entscheidung gekommen war. »Na gut. Wir müssen sehen, dass wir Zeit dafür finden. Wer wäre das denn?«

»Ich muss mich erst erkundigen, wer hier in Leipzig in dem Tätigkeitsfeld arbeitet. Geben Sie mir bis morgen Zeit. Wie kann ich Sie erreichen?« Sie würde Mark fragen, wen von seinen Leipziger Kollegen er für einen solchen Fall empfehlen konnte.

»Rufen Sie im Autohaus an, Ricarda kann Sie dann zu mir durchstellen. Moment.« Frieder Wörth begann, in seiner Tasche zu kramen, und Lara dachte darüber nach, was sein Satz »Wir müssen sehen, dass wir Zeit dafür finden« zu bedeuten hatte. Kontrollierte Romain Holländer, was seine Schäfchen außerhalb taten? Ließ er womöglich außer Wörth auch noch andere Sektenmitglieder beschatten? Vertraute er ihnen nicht? Was wiederum zu der Frage führte, warum ein Kontakt mit Außenstehenden unerwünscht war. Lara nahm den Zettel mit der Telefonnummer entgegen, den Wörth ihr über den Tisch schob, und sah dabei unauffällig auf ihre Armbanduhr. Sie hatten noch zehn Minuten.

»Was glauben Sie, warum Herr Holländer Sie beschatten lässt?«

»D… das … weiß ich nicht.« Sie hatte ihn auf dem falschen Fuß erwischt.

»Sie sagten doch, diese Melinda schleiche Ihnen erst seit Kurzem hinterher. Welchen Anlass kann es denn für die Observation gegeben haben?«

»Ich weiß es wirklich nicht.« Wörth drehte das Glas in seinen Händen. »Vielleicht ist es wegen Marcel. Romain hat vor einigen Tagen mit mir über ihn geredet.«

Lara musterte das Gesicht des Mannes. Vorhin, als er über sein Kind gesprochen hatte, hatte er ehrlich besorgt ausgesehen. Jetzt wirkte er verschlossen. Dass Holländer Wörth wegen dessen Sohn beschatten ließ, war nicht wahrscheinlich. Welchen Grund sollte der Sektenführer haben, sich um ein Kind Sorgen zu machen? In ihren Gedanken umwanden sich die Wörter ira und invidia. Von sieben Todsünden fehlten noch zwei. Kam der Mörder aus der Sekte? Sie holte Luft. »Herr Wörth, eine Frage noch.« Ihr Gegenüber sah auf, und sie blickte ihm bei ihrem nächsten Satz direkt in die Augen.

»Was befindet sich im Keller?«

»Im … äh … wie bitte?« Wörths Pupillen hatten sich bei dem Wort »Keller« kurz verengt. Dann hatte er den Mund verzogen, sich die Nase gerieben und die Hände fest verschränkt. »Welcher Keller?«

»Herr Wörth.« Lara hob die Augenbrauen. »In der Villa natürlich. Da unten gibt es jede Menge verschlossene Türen. Aus massivem Metall. Dazu einen Gang mit einem roten Teppich und Fackeln an den Wänden.«

»Woher …?« Frieder Wörth hatte den Hals zwischen die Schultern gezogen wie eine Schildkröte. »Ah, ich weiß! Ihr Kollege, der Fotograf! Das war Hausfriedensbruch! Er hätte dort nicht sein dürfen.«

»Lenken Sie nicht ab. Was ist da unten?«

»Meditationsräume. Nichts, was Sie etwas angeht. Ich muss los.« Er suchte ein paar Münzen aus dem Portemonnaie zusammen und legte diese auf den Tisch. »Fahren Sie mich bis zur Kreuzung? Sonst kann ich auch zu Fuß gehen.«

»Nein, ich habe es doch vorhin versprochen. Und um den Therapeuten für Ihren Sohn kümmere ich mich bis morgen.« Lara war sich jetzt sicher: Frieder Wörth wusste etwas.

Auf dem Weg nach draußen summte ihr Handy. Schnell rief sie die eingegangene Kurznachricht ab. Die kalte Luft und der Text ließen sie lächeln. »Bin an einer heißen Sache dran. Melde mich schnellstmöglich. Jo.«