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Die Lupe senkte sich über die Reproduktion. Der Mann ließ das Vergrößerungsglas über den linken oberen Teil des Bildes gleiten und betrachtete die Einzelheiten der Szene, die im Laufe der nächsten Tage von Bedeutung sein würde.

Auf einer hölzernen Bank im Freien saß ein Landvogt. Knotenstab und Kopfbedeckung wiesen ihn als Richter aus. Sein nach vorn geneigter Oberkörper und der nach rechts gedrehte Kopf zeigten, dass er einem vor der Bank stehenden Advokaten, der einen Geldbeutel in der Rechten trug, Gehör schenkte. Der linke Arm des Richters war nach hinten ausgestreckt, und während er dem Advokaten zuhörte, nahm er heimlich eine Münze von einem Bauern entgegen. Das baufällige Haus im Hintergrund und die beiden vornehm gekleideten Männer mit der Urkunde im linken Bildbereich sagten dem Betrachter, dass es hier um einen habgierigen Richter, einen Hausverkauf und Bestechung ging. Auch der Baum in der Mitte vertiefte die Botschaft. Es war das Zerrbild einer Gerichtslinde, ein riesiges Loch, aus dem Vogelkot herablief, verunzierte den Stamm.

Am liebsten hätte der Mann den Bildausschnitt mitgenommen, um ihn dem nächsten Repräsentanten vor die Nase zu halten und ihn im Anschluss zu fragen, was er davon halte, aber dazu hätte er die Reproduktion zerschneiden müssen, und das war es nun wirklich nicht wert. Wahrscheinlich begriff der geldgeile Narr die Komplexität der Darstellung sowieso nicht.

*

Wirbelnde Flocken tanzten durch die Luft. Robert Wessel trat ans Fenster seines Büros und schaute über die Straße zum Parkplatz. Wie eine Herde gestrandeter Albinowale ruhten die Autos der Mitarbeiter unter einer weißen Decke. Er konnte seinen Audi nur aufgrund der Form erahnen, und weil er natürlich wusste, dass es das dritte Auto von links war. Ganz hinten, dort wo eine mächtige Platane ihre blatternarbigen Äste mahnend in den grauen Himmel streckte, stand ein Wagen, dessen Dach noch nicht weiß übertüncht war. Auf dem schwarzen Lack glänzten zerfließende Tröpfchen, unter dem Kofferraum hervor wallten feine Wölkchen aus dem Auspuff. Von schräg oben konnte er nicht genau erkennen, was es für ein Wagentyp war. Auf jeden Fall ein größeres Auto, ein Passat oder Mondeo vielleicht. Auf dem Weg zu seinem Schreibtisch nahm Robert Wessel sich vor, zehn Minuten eher aufzubrechen, um seinen Audi in aller Ruhe gründlich vom Schnee befreien zu können.

Der Drucker begann zu summen und spuckte dann ein Blatt nach dem anderen aus. Als alles in einer grauglänzenden Präsentationsmappe verstaut war, schaltete der junge Mann seinen Computer ab, legte der Sekretärin, die gerade telefonierte, einen Zettel mit seinem Aufenthaltsort auf den Tisch und machte sich auf den Weg nach unten.

Frische Reifenspuren hatten sich auf dem Parkplatz in den Schnee gefräst. Das Auto unter der Platane war verschwunden. Robert Wessel nahm einen Handfeger aus dem Kofferraum und begann, sein Auto mit gleichmäßigen Bürstenstrichen abzukehren. Er mochte den Winter, er mochte es, wenn alles von einer klinisch weißen Hülle zugedeckt wurde, wenn der Schnee das Rumpeln vorbeifahrender Autos zu einem leisen Rauschen dämpfte. Während er systematisch den Arm von links nach rechts bewegte und den herabfallenden Minilawinen zusah, dachte Robert Wessel über das bevorstehende Gespräch nach. Der Kunde hatte letzte Woche in der Firma angerufen und um einen Beratungstermin gebeten, wobei er sich auf einen Bekannten berufen hatte, der bereits Klient von Immoconcept war. Die Firma, für die Robert arbeitete, vermittelte den Kontakt zwischen Bauträgern und zahlungskräftigen Kunden. Ganz uneigennützig war das nicht, aber die meisten Kunden bekamen gar nicht mit, dass Immoconcept kräftig absahnte und Provisionen sowohl von den Bauträgern als auch von den Finanzvermittlern kassierte.

Robert kannte den Mann, der sich als »Doktor Randerath« vorgestellt hatte, nur als Stimme am Telefon, aber es war nichts Ungewöhnliches, dass Neukunden sich auf Empfehlung anderer hin bei ihm meldeten. Es war auch nicht ungewöhnlich, sich beim ersten Mal nicht im Büro sondern gleich bei einem der Objekte zu treffen.

Robert Wessel strich mit der behandschuhten Rechten liebevoll über den royalblauen Lack seines Q7, warf den Handfeger in den Kofferraum und stieg ein. Der Himmel hinter dem Einkaufscenter hatte sich von aschgrau in bleigrau umgefärbt. Nicht mehr lange, und die Dunkelheit würde alles mit weichen Schatten verhüllen. Er musste sich beeilen.

Doktor Randerath hatte keinen Termin vor 16:30 Uhr finden können, und sie würden so oder so nicht mehr alle Details des zu sanierenden Objektes sehen können, aber es würde dem Klienten hoffentlich reichen, um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen.

Auf der Fahrt durch die Stadt repetierte Robert Wessel die Informationen, die er bisher hatte. Es machte keinen guten Eindruck, wenn man alles ablesen musste. Der Kunde war Apotheker in Halle und auf der Suche nach Objekten, in die er investieren konnte. Denkmalgeschützte Wohnhäuser waren eine gute Anlagemöglichkeit. Die Kunden von Immoconcept investierten ihr Geld in die Sanierung und konnten einen großen Teil der Kosten von der Steuer abschreiben. Hier im Osten gab es auch zwanzig Jahre nach der deutschen Einheit noch genug Immobilien, die den Vorgaben entsprachen. Immoconcept hatte eine Vielzahl von Anlageobjekten im Portefeuille, doch Doktor Randerath hatte bereits konkrete Wünsche geäußert. Ihn interessierte nur ein einziges Gebäude, ein vierstöckiges Gründerzeithaus in Gohlis, das seit Jahrzehnten vor sich hin rottete. Die Bausubstanz war marode, aber man konnte etwas daraus machen. Und wenn es ihm nicht gefiel – auch kein Problem. Robert hatte sicherheitshalber noch die Exposés zweier anderer Objekte mitgenommen.

Robert Wessel bremste sanft, parkte vor dem Nachbarhaus und betrachtete das »Anlageobjekt«. Das Gebäude sah im Weichzeichner des Flockenwirbels unwirklich aus, wie eine Illustration aus einem Märchenbuch, so als ob es darin spukte. Die dunklen Fenster blickten unwirsch auf die gepflasterte Straße herab, der in Stein gehauene Löwenkopf über dem Eingangsportal fletschte die Zähne. Lautlos glitten die Scheibenwischer über die Frontscheibe und fegten Schneestaub beiseite.

Robert Wessel schüttelte das unbehagliche Gefühl ab und sah auf die Uhr, ehe er die Fahrertür öffnete. Kurz nach halb fünf. Hoffentlich war der Doktor pünktlich. Er stapfte durch den mittlerweile zentimeterhohen Schnee und stellte sich gut sichtbar vor das Portal, direkt unter den grimmigen Löwenkopf.

Fünf Minuten später hielt auf der anderen Straßenseite ein dunkler Škoda Superb, blieb ein paar Sekunden stehen, wendete dann und parkte hinter Robert Wessels Auto. Der Fahrer vermummte sich mit Mütze und Schal, ehe er ausstieg, sich umsah, und dann herüberkam.

Robert klemmte die Mappe unter den linken Arm und während er dem Kunden entgegenlächelte, prüfte er unauffällig dessen Aufmachung. Die Lammfelljacke sah nach mindestens tausend Euro aus, der Schal zeigte das typische Burberry-Karo, die Schuhe hatte Robert neulich selbst bei Bally anprobiert. Die Armbanduhr war nur für einen winzigen Moment unter den Ärmelaufschlägen hervorgeblitzt, aber Robert hatte genug gesehen.

Hätte man ihn später gefragt, wie Doktor Randerath ausgesehen habe, ob ihm irgendwelche markanten Gesichtszüge aufgefallen seien, so hätte Robert Wessel darauf nicht antworten können. Er wusste lediglich, dass die schwarzen Stiefel des Doktors von Cesare Paciotti waren, im Laden dreihundertfünfzig Euro kosteten und der Koffer, der lässig von des Doktors linker Hand baumelte, von Louis Vuitton war.

All das reichte vollkommen, um zu erkennen, dass der Klient kein armer Mann war und es bevorzugte, seinen Wohlstand jedem zu zeigen, der etwas davon verstand.

Robert Wessel grinste noch etwas breiter und streckte den Arm aus. Zwei behandschuhte Rechte berührten einander. Dann absolvierte der Kunde eine Vierteldrehung und zeigte auf das Haus neben ihnen. »Können wir hineingehen? Ich würde gern das Innere sehen, ehe es ganz dunkel wird.«

»Aber gern.« Robert zog die Schlüssel hervor, die er in der Jackentasche hatte. »Das Exposé kennen Sie ja schon, aber es ist immer noch etwas anderes, wenn man alles in natura sieht. Zur Not habe ich auch eine Taschenlampe dabei.« Doktor Randerath nickte knapp und stieg die vier Treppenstufen zu dem doppelflügeligen Portal hinauf. Er schien es eilig zu haben. Aber vielleicht wollte er auch nur dem zunehmend schärfer werdenden Wind entkommen.

»Das Haus ist Baujahr 1860. Komplett Gründerzeit.« Der Schlüssel knirschte und drehte sich dann unwillig im Schloss. »Sie werden gleich den wunderbar erhaltenen Stuck und die Schnitzereien im Treppenhaus bewundern können. Die Dekorationsformen lehnen sich an historische Stilformen an.« Der Doktor folgte schweigend. Robert hielt ihm die Eingangstür auf und schaltete die Taschenlampe ein. »Bitte gehen Sie nach oben. Wir schauen uns zuerst die oberen Stockwerke an.« Er durfte nicht so viel plappern. Manche Klienten mochten das nicht. Mit dem hier – Robert betrachtete das fein genarbte Lammleder der Jacke im gelben Lichtkegel und korrigierte seine Schätzung auf tausendfünfhundert Euro – durfte er es sich nicht verderben. Wenn alles gut lief, würde der Mann vielleicht Lust bekommen, in weitere Immobilien zu investieren. Leise seufzend schloss sich die schwere Holztür und hüllte die Männer in Dunkelheit. Robert richtete den Lichtstrahl auf den Eingang.

»Ich würde gern zuerst das Erdgeschoss sehen.« Den Fuß auf der ersten Stufe, drehte sich der Doktor um. Im schmalen Schein der Lampe wirkten seine Gesichtszüge hart.

»Wie Sie möchten. Dann gehen wir zuerst in die rechte Wohnung. Bitte bedenken Sie, dass die letzten Mieter hier erst vor wenigen Monaten ausgezogen sind und dass danach nichts mehr an den Räumen verändert wurde. In der DDR hat man sich ja generell nicht um diese wunderbaren Bauten gekümmert. Alles war dem Verfall preisgegeben.« Du redest schon wieder wie ein Wasserfall. Robert stieß die rechte Wohnungstür auf und steckte den Schlüssel zurück in die Jackentasche. Er hatte aber bisher auch selten solch einen wortkargen Kunden erlebt. Die meisten ließen sich gern über die Vorzüge der Objekte aufklären und waren erfreut, zu hören, dass sie ihr Geld sicher investierten. Robert Wessel fühlte sich als guter Anlageberater. Noch ein paar Jährchen und er hatte seine Schäfchen im Trockenen. Er drehte sich kurz zu dem Doktor um. Der hatte seinen Aktenkoffer geöffnet und suchte darin herum. Wahrscheinlich ebenfalls nach einer Taschenlampe. Manche Kunden schossen auch eigene Fotos, obwohl die Exposés von Immoconcept immer sehr ausführlich bebildert waren. Robert öffnete eine Flügeltür. »Der Flur hat ganz schön gelitten, aber schauen Sie mal ins Wohnzimmer. Ein echt Meißner Kachelofen und Original Eichenparkett. Es ist in einem Flechtmuster mit Würfeln in der Mitte verlegt. Toll, was?« Er ließ die Taschenlampe über den Boden schweifen und machte zwei Schritte in den Raum hinein.

Hinter ihm raschelte es, dann explodierte ein Feuerwerk in seinem Gehirn. Die Taschenlampe fiel ihm aus der Hand und rollte klackend über die Fugen im Parkett. Doch das hörte Robert Wessel nicht mehr.