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Langsam tippte Lara die Buchstaben ein und wartete auf die Ergebnisliste. Die Suchmaschine zeigte weniger Einträge zu »Kinder des Himmels«, als sie erhofft hatte. Vielleicht, weil es eine kleine Sekte mit geringer Mitgliederzahl war. Sie überflog die Kurzbeschreibungen. Aus der Küche drang Jos Gemurmel herein. Er telefonierte. Sie hatten beschlossen, zweigleisig zu fahren. Einer recherchierte zur Holländer-Sekte, der andere versuchte, etwas über die Hintergründe der Opfer herauszubekommen, um so mögliche Motive für ihre Ermordung zu finden. Ab Mittag wollten sie sich dann auf den Weg machen, um Kontaktpersonen der Opfer, ihre Freunde und Verwandten zu befragen. Die Quelle Carolin Fresnel war erschöpft. Aber es gab ja noch genug andere – leider.

Romain Holländers Sekte hatte eine eigene Homepage. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Jeder Laie konnte heutzutage bei einem Internetanbieter eine Domain mit Inhalten bestücken. Es gab Baukastensysteme, die kinderleicht zu bedienen waren.

»… Bei den Kindern des Himmels finden Sie Antworten auf alle Sie bedrängenden Fragen. Die erworbene Klarheit und das Zusammenleben mit den Gefährten gewähren Ihnen emotionale Sicherheit. …« Neben den schönen Phrasen prangte das Bild eines Buntglasfensters, das von der Sonne durchschienen wurde. Es war das Fenster im »Andachtsraum« in der Villa der Sekte.

Die Seite endete mit dem Satz: »… Kommen Sie zu uns, nehmen Sie am Leben in der Gemeinde teil, spüren Sie, wie himmlische Klarheit Ihren Geist mit Frieden erfüllt, finden Sie Einsicht und Ruhe.« Himmlische Klarheit? Lara rief das Impressum auf und fand die bekannte Adresse in Markkleeberg. In der Küche war Jo noch immer am Telefonieren. Hoffentlich hatte er mehr Erfolg als sie.

Bei »Kontakt« öffnete sich ein Fenster, in dem man eine E-Mail an die Kinder des Himmels schicken konnte. Vielleicht sollte sie sich einen unauffälligen Absender überlegen und eine Nachricht schreiben, in der sie ihr Interesse am Zusammenleben in der Gemeinschaft bekundete. Schließlich wurden die Besucher des Internetportals regelrecht dazu aufgefordert, am »Leben der Gemeinde« teilzuhaben. Sie notierte sich den Gedanken, um ihn mit Jo zu erörtern, und kehrte zu den Ergebnissen der Suchmaschine zurück.

Es schien keine Ableger in anderen Städten zu geben. Anscheinend waren Romain Holländers »Kinder des Himmels« die Einzigen weit und breit. Lediglich in einigen Foren fanden sich ein paar vereinzelte User, die nach Erfahrungen mit der Sekte fragten oder Aussteiger oder Personen mit Insiderwissen suchten. Nachdem Lara die Diskussionsseiten eine halbe Stunde lang gelesen hatte, kam sie zu dem Schluss, dass niemand wirklich etwas über die Gemeinschaft wusste oder dass die Betreffenden ihre Erfahrungen nicht öffentlich kundtun wollten.

»Na, wie weit bist du?« Jo kam herein, setzte sich rittlings auf einen Stuhl und ließ sich die Internetseite der Sekte zeigen. Die Idee mit der E-Mail fand er »interessant«, gab aber zu bedenken, dass sie dann jemanden finden müssten, der für sie dorthin ging. Schließlich kannten Holländer und seine Leute ihn und Lara.

»Also hat das hier nicht viel gebracht. Ich hoffe, du warst erfolgreicher?« Lara wandte sich vom Bildschirm ab und betrachtete Jo, während er ihr antwortete.

»Ich habe mit einem Arbeitskollegen von Robert Wessel und zwei Nachbarn von Nina Bernstein gesprochen. Allerdings wollten sie am Telefon nicht so richtig mit der Sprache rausrücken. Da könnte ja jeder anrufen und so tun, als wäre er von der Presse.«

»Damit haben sie sogar recht. Wir müssten persönlich dort aufkreuzen. Heute ist Sonnabend …«, Lara rieb sich mit den Fingerspitzen über das Kinn, »… da werden wir auf den Arbeitsstellen wenig Glück haben. Aber die Nachbarn der Opfer sind wahrscheinlich erreichbar. Haben wir eigentlich alle Adressen?«

»Von Nina Bernstein und Robert Wessel haben wir sie, von dieser Jugendamtsfrau nicht.« Jo war inzwischen aufgestanden, und sie folgte ihm in die Küche, wo er mit mehreren Zetteln herumwedelte.

»Ich bin skeptisch, ob das Ganze überhaupt Sinn hat. Wenn wir richtig liegen, haben wir bereits vier Opfer: Carolin Fresnel, Nina Bernstein, Robert Wessel und diese Frau von gestern aus dem Jugendamt. Das schreit ja geradezu nach einem Fallanalytiker, findest du nicht?«

»Wahrscheinlich hat die Kripo schon mehrere darauf angesetzt.« Lara wusste, worauf Jo hinauswollte, und es gefiel ihr nicht.

»Wir können so nicht weitermachen. Es wächst uns über den Kopf. Wir schaffen es nicht, allen Fährten nachzugehen und uns fehlen überdies Mittel und Wege, um an Informationen heranzukommen. Was nützt es uns, dass wir die Inschriften auf der Stirn oder die Texte auf den Rücken übersetzt haben? Der Mörder könnte jeder X-Beliebige gewesen sein. Unsere Theorie mit dem Sektenmitglied ist doch durch nichts bestätigt. Vergiss außerdem nicht, dass du krankgeschrieben bist. Was, wenn dich einer deiner Kollegen beim Recherchieren erwischt?«

»Das ist mir egal. Es ist nicht verboten, sich an der frischen Luft aufzuhalten.« Lara kniff die Augenbrauen zusammen.

»Ich sehe das etwas anders, aber lass uns jetzt nicht darüber streiten. Hin oder her, mein Vorschlag ist, wir übergeben Mark unser Material und bitten ihn, es an die verantwortlichen Kollegen weiterzuleiten. Er kennt doch die Leute. Oder wenn du möchtest, kannst du es auch selbst deinem Bekannten bei der Kripo übergeben.«

»Kriminalobermeister Schädlich? Damit sein Chef erfährt, dass ich schon wieder in Dingen herumschnüffele, die mich seiner Ansicht nach nichts angehen? Nie im Leben!« Lara hörte sich selbst sprechen und fand ihren keifenden Tonfall schaurig. Was war plötzlich in Jo gefahren? Wieso bekam er auf einmal kalte Füße? Gestern war er noch Feuer und Flamme gewesen, und heute wollte er alles abwimmeln. Sie wagte einen Blick zu ihm hinüber. Er saß am Küchentisch, die linke Hand schob, ohne dass er es bemerkte, Papiere hin und her, die rechte umklammerte ein Glas Wasser. Sein Blick glich dem eines traurigen Hundes. Würde er mit sich reden lassen oder stand sein Entschluss, sich abzukoppeln, fest?

»Bitte lass mich dieses Wochenende nicht im Stich. Wenn wir bis Montag nicht weiterkommen, können wir das Material immer noch der Kripo übergeben. Heute arbeitet doch da eh niemand.«

»Sei dir da mal nicht so sicher.« Jo schob die Lippen vor. Er war noch nicht überzeugt.

»Dann hören wir jetzt an dieser Stelle auf und gehen erst einmal Mittag essen. Ich lade dich ein.« Lara beobachtete, wie sich seine Gesichtszüge entspannten. Wahrscheinlich hoffte er, sie beim Essen von seiner Ansicht überzeugen zu können. Und sie hoffte das Gleiche.

»Mir kommt da grad eine Idee.« Jo trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. »Wir könnten heute Nachmittag noch einmal zu diesem Reinmann fahren, auch wenn ich gestern gesagt habe, dass er uns nichts mehr nützt. Vielleicht kann er uns doch in einer Sache helfen. Er hat gesagt, dass sie die Kinder des Himmels schon länger beobachten und vermuten, dass dort Ereignisse stattfinden, die nicht in Ordnung sind.«

»Nicht ›gottgefällig‹ waren seine Worte.«

»Richtig. Ich wüsste gern, was er damit gemeint hat. Holländer wird uns nicht mehr in seine Villa lassen, und die Sektenmitglieder schweigen. Diese ›Aussteiger‹ wollen mir nicht aus dem Kopf. Reinmann hat zwar behauptet, keiner von ihnen wäre bisher gesprächsbereit gewesen, aber man könnte es ja nochmal versuchen, oder? Vielleicht sind diese Leute gegenüber jemandem, der nicht von einer offiziellen Institution kommt, aufgeschlossener? Wenn er uns die Namen gibt …«

»Wahrscheinlich gibt es da auch so etwas wie eine Schweigepflicht.« Lara fand Jos Idee gut, bezweifelte aber, dass sie damit Erfolg haben würden.

»Wir müssten ihn in unsere Nachforschungen und Theorien einweihen, dann rückt er vielleicht mit der Sprache raus. Einen Versuch ist es doch wert oder?«

»Warum nicht. Rufen wir ihn an. Möglicherweise hat er auch den Wessel-Text schon fertig. Und danach fahren wir etwas essen. Ich kriege allmählich Hunger.« Lara nahm ihr Handy aus der Tasche. Es konnte sein, dass Jo sie mit dem erneuten Besuch bei Reinmann nur ablenken wollte. Aber das würde sie schnell herausfinden, und wenn es so war, dann würde er nichts zu lachen haben.

*

Hieronymus Bosch hatte die Szene ganz in Brauntönen gezeichnet. In einer Stube sah man einen dicken Mann auf einem Lehnstuhl sitzen. In der Linken hielt er einen Hühnerfuß, in der rechten Hand einen Krug, nach dem ein ebenso dickes Kind verlangend die Arme ausstreckte. Der Junge hatte ein blutendes Geschwür am Hinterkopf – Zeichen, dass man ihn vernachlässigte. Links von dem fetten Hausherrn stand ein ausgemergelter Mann, der so gierig aus einem Krug trank, dass ihm der Wein über das Gesicht lief. Alle drei trugen verschlissene Schuhe, aus denen vorn die Zehen herauslugten.

Über der Hausfrau, die im linken Teil des Bildes mit einem Gänsebraten den Raum betrat, saß fast unsichtbar ein Käuzchen in einer dunklen Nische. Ein Kauz galt als Symbol für törichte Sünder. Auch ein zweites Symbol verwendete Bosch gern – den Hut, der von einem Pfeil durchbohrt wurde. Er kennzeichnete die Feinde Gottes. Auf dem Bildteil, den der Mann gerade betrachtete, hing er an der Rückwand des Zimmers. Es gab noch weitere Zeichen der Völlerei und Unmäßigkeit: Trinkkrüge, ein an der Wand hängendes Messer, abgefressene Knochenreste auf dem Tisch, ein Fleischspieß mit einer Wurst neben einem lodernden Feuer auf dem Boden. Der umgeworfene Hocker in der rechten Bildecke und die über die Stuhllehne gezogene Socke ergänzten die Botschaft.

Der Mann schüttelte den Kopf, rollte das Bild ein und legte es beiseite, um es später wieder mit nach oben zu nehmen. Sein Delinquent passte dieses Mal perfekt, vielleicht weil er ihn schon vor allen anderen ausgesucht hatte.

Sein Blick glitt über das aufgedunsene Gesicht des Fettsackes. Das Doppelkinn und die Wülste unter den Augen ekelten ihn an. Die von der Kälte bleiche Haut ließ die rotblauen Äderchen an der Knollennase noch deutlicher hervortreten. Die schwarzen Buchstaben auf der Stirn schienen sich tief in den bläulich weißen Untergrund eingebrannt zu haben. Der Hals war kurz, eine Speckfalte im Nacken verhinderte, dass sich der Kopf nach hinten neigen ließ, die Oberarme waren nicht muskulös, sondern schwabbelig. Der Bauch hatte im Stehen wie eine mächtige Halbkugel hervorgestanden. Im Liegen hatte sich das Gewebe zu den Seiten verlagert. Der gesamte Rumpf war bis zum Halsansatz behaart. In seinem heutigem Zustand konnte man es nicht mehr sehen, aber auch der Rücken des Dicken war vor der Rasur über und über mit Haaren bedeckt gewesen. Wärmen konnte ihn sein Restpelz nun nicht mehr. Und auch die Schwere des Frauenkörpers, der ein paar Tage lang in der riesigen Kühltruhe auf ihm gelegen hatte, hatte dem Fetten keinerlei Regung mehr entlockt. Der Mann grinste kurz ob dieser absurden Vorstellung.

Wie ein widerlicher, aufgedunsener Gorilla lag der Dicke da und stierte mit glasigen Augen nach oben. Durch die Kälte hatte sich die Iris eingetrübt, und jetzt sah es so aus, als wäre sie mit einer milchigen Schicht überzogen.

Gula – die Maßlosigkeit in all ihren Formen, war in diesem Mann vereint. Er hatte viel zu viel gegessen, Unmengen Alkohol getrunken, geraucht wie ein Schlot und das Geld zum Fenster hinausgeworfen. Entscheidend war, dass all das aus freiem Willen, also vorsätzlich, geschehen war. Der Fettsack hatte die Wahl gehabt und sich bewusst für das Gegenteil entschieden.

Der Mann klappte den Deckel der Kühltruhe zu und rieb sich über die Oberarme. Es war kalt hier unten. Er hatte dem Fetten – Jochen Most war sein Name gewesen – viel Zeit zur Buße gegeben. Fast zwei Wochen. Dreizehn Tage, um genau zu sein. Dreizehn Tage bei Wasser und nichts dazu. Keine Zigaretten, kein Alkohol, nichts zu essen. Er hatte ihn nicht gewogen, aber Most musste mindestens zehn Kilo abgenommen haben. Es war nicht viel davon zu sehen gewesen, der Typ war danach noch immer stark übergewichtig, aber das war egal.

Jede Nacht hatte er ihn gefragt, ob er seine Sünden erkenne und zur Buße bereit sei, und jedes Mal hatte der Gefangene ihn mit erbitterter Verachtung gestraft. Weder der Hunger noch die Kälte hatten ihn dazu gebracht, seine Verfehlungen einzugestehen, geschweige denn, sie wahrhaft zu bereuen. Jochen Most hatte außer Beschimpfungen und unflätigen Ausdrücken nichts von sich gegeben. Vielleicht hatte er gehofft, sein Verschwinden würde jemandem auffallen, jemand würde nach ihm suchen und ihn hier aufspüren. Ganz davon abgesehen, dass das schier unmöglich war, wer hätte dies tun sollen?

Nachdem er auf Jochen Most aufmerksam geworden war – der Typ hatte einige Computerdienstleistungen für ihn erledigt –, hatte er sein potenzielles Opfer über einen längeren Zeitraum beobachtet. Fettsack arbeitete nicht. Jedenfalls war er nirgends angestellt. Er saß wie eine aufgeblähte Vogelspinne zu Hause an seinem Rechner und tätigte undurchsichtige Internetgeschäfte. Jochen Most mochte Verwandte haben – besucht hatte ihn nie jemand. Freunde besaß er anscheinend auch nicht; er ging selten aus und ließ sich fast alles, was er zum Leben brauchte, ins Haus liefern. Das waren vor allem Unmengen von Fast Food, Bier, Whisky und Zigaretten und ab und zu Videofilme, von denen man gar nicht wissen wollte, worum es darin ging.

Anfang Dezember, noch vor all seinen anderen Sündern, hatte der Mann genug gesehen. Jochen Most war der ideale Repräsentant für gula, ein passenderer würde sich nur schwer finden lassen. An einem nebligen Abend hatte er ihn um Hilfe bei einem Computerproblem ersucht und ihn dann mit einem fingierten Angebot zu sich gelockt.

Mosts Advent war kein adventus gewesen, keine Verheißung froher Zeiten mit der Ankunft des Messias, sondern eine immer wiederkehrende Marter. Seine Tage waren eher der ursprünglichen Bedeutung der Adventszeit in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirchengeschichte nahe gekommen. Dort galten die Tage zwischen dem elften November und dem Fest der Erscheinung des Herrn am sechsten Januar als Fastenzeit. Gefastet hatte Jochen Most zur Genüge. Nur genützt hatte es nichts.

Das Einzige, was er von dem Fettsack behalten hatte, war der Louis-Vuitton-Koffer. Nicht, weil er scharf auf das teure Ding gewesen wäre, die Begierde nach Alltagsgütern war ihm fremd, sondern weil er ihn gut zur Tarnung seiner Aktivitäten benutzen konnte. Und Robert Wessel, der selbstsüchtige, geldgierige Pfau, war ja auch prompt darauf hereingefallen.

Noch heute fragte er sich, was dieser Jochen Most mit der luxuriösen Aktentasche gewollt hatte. Internetkunden konnte er ja schlecht damit beeindrucken. Aber es war nicht wichtig. Der Typ hatte sie besessen, und er hatte sie sich für seine Zwecke ausgeborgt. Wenn er den Koffer nicht mehr verwenden konnte, würde er ihn entsorgen. Sein Herz hing nicht an materiellen Dingen. Im Gegensatz zu seinen Kandidaten.

Mittlerweile hatte Most gut zwei Monate in seiner Kühltruhe verbracht. Er war der erste Auserwählte gewesen, und nun endlich sollte auch er seinen großen Auftritt haben. Most hatte so lange in der Kälte ausharren müssen, weil der Mann ihn nicht als Ersten hatte präsentieren wollen. Gula, die Völlerei, war womöglich zu offensichtlich für die Häscher; zumal wenn man die Präsentation des Opfers hinzurechnete. Das hätte dazu führen können, dass man ihm zu zeitig auf die Spur gekommen wäre, und deshalb hatte Most auf seinen »Auftritt« etwas länger warten müssen.

Wie alle, die nach ihm gekommen waren, hatte auch er keine Reue gezeigt, und inzwischen hatte der Mann die Hoffnung aufgegeben, den Delinquenten wenigstens ein Schuldbewusstsein zu entlocken. Sie alle waren verstockt gewesen, manche von ihnen auch wehleidig oder boshaft, aber nicht ein Einziger hatte erkannt, warum er erwählt worden war. Und so würde es wahrscheinlich auch bei den nächsten sein. Was ihn nicht davon abhalten würde, sich um weitere Sünder zu kümmern. Seine Liste enthielt noch viele Namen.

Und doch verstärkte sich von Tag zu Tag das Gefühl, sich beeilen zu müssen. Die, die den Fokus auf seine Aktivitäten richteten, mehrten sich. Er wollte seine Mission wenigstens einmal vollständig erfüllen, wenigstens ein einziges Mal die Madrider Todsündentafel von Hieronymus Bosch nachgestellt und der heutigen Welt ihre Sünden vor Augen geführt haben. Wenn ihm danach noch Zeit blieb, konnte er wieder von vorn beginnen.

Es war zunehmend gefährlich, die Delinquenten tage- oder wie im Falle von Most, sogar wochenlang gefangen zu halten. Ein, zwei Tage waren das Höchste, das er sich für die nächsten Sünder zugestand. Ausreichend Zeit, um die Inschriften an ihnen anzubringen. Ein, zwei Tage wären auch genug, um Reue zu spüren und Buße zu tun, auch wenn das wahrscheinlich nicht geschehen würde.

Auf dem Weg nach oben dachte er darüber nach, wie er den Fettsack am besten präsentieren konnte. Es war an der Zeit, die Zurückhaltung aufzugeben, und den Leuten ein paar deutlichere Anhaltspunkte zu geben, worum es hier eigentlich ging. Vielleicht sollte er gleich nach Fertigstellung der Inszenierung die Medien informieren. Damit konnte verhindert werden, dass die Polizei wie bei den bisherigen Toten alle Informationen unter Verschluss hielt.