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»Schnell, schnell! Zum Fitting, Leute!« Der junge Mann mit der hochtoupierten Krähennestfrisur winkte die Mädchen an sich vorbei und tupfte sich dann über die Stirn. Es war ein bisschen wie bei den Großen der Branche. Junge Frauen mit überhohen Stöckelschuhen rannten wie aufgescheuchte Hühner planlos hin und her. Andere Frauen, meist älter, kleiner und mit flachem Schuhwerk folgten ihnen und zupften an Kleidung oder Haaren herum.

Lara Birkenfeld saß in einer Ecke auf einem wackligen Klappstuhl und knipste, was das Zeug hielt. Für einen eigenen Fotografen hatte es bei dieser Reportage nicht gereicht. Sie würden später in der Redaktion prüfen müssen, welche ihrer Bilder geeignet waren. Eigentlich hätte sie sich hier, hinter den Kulissen, gar nicht aufhalten dürfen. Aber weil sie für die Tagespresse eine Reportage über die Design-Hochschule Rootdesign schrieb, hatten die Professoren ihr gestattet, Backstage dabei zu sein, Lara allerdings darum gebeten, die Abläufe nicht zu stören. Sie durfte in einer Ecke sitzen, Fotos machen und, wenn sich die Gelegenheit ergab, auch Fragen stellen.

»Wo ist die Braut, verflucht nochmal? Ich werde noch wahnsinnig!« Die Stimme des jungen Mannes überschlug sich fast. Er schaute auf seine Armbanduhr, rollte dann theatralisch mit den Augen und wischte sich erneut über die Stirn. »Krähennest« gab die Hauptrolle in dieser bühnenreifen Vorstellung. Er war Absolvent, und heute fand seine Abschlusspräsentation statt. Der junge Mann hatte zehn Semester Modedesign studiert, und nun ging es um alles. Die Schauen bildeten nicht nur das Finale des Studiums, sondern konnten den Absolventen auch den Weg in eine erfolgreiche Zukunft ebnen; weil neben den Gästen, Professoren und Kommilitonen auch potenzielle Kunden und Vertreter der Wirtschaft anwesend waren.

Lara fragte sich, was eine Braut hier zu suchen hatte, bis ihr einfiel, dass renommierte Designer ihre Show oft mit der Präsentation eines Brautkleides abschlossen. Und dieser Nachwuchsdesigner ahmte seine berühmten Kollegen nach. Krähennest huschte an ihr vorbei und murmelte vor sich hin. »Dass diese Weiber nie pünktlich sein können! Besonders die Professionellen!«

Sie verkniff sich ein amüsiertes Grinsen, weil der junge Mann anscheinend gar nicht bemerkte, welchen Titel er seinem Braut-Model da eben verliehen hatte. Eine »Professionelle« hatte ja eigentlich einen ganz anderen Tätigkeitsbereich. Die Models hasteten an ihr vorbei, Absätze klapperten auf dem Betonboden. Lara ließ den Fotoapparat noch ein paarmal klicken. Nicht alle der Mädchen waren so klapperdürr, wie sie es erwartet hatte. Manche von ihnen sahen aus, als würden sie tatsächlich ab und zu etwas essen. Aber die Rootdesign-Absolventen konnten sich keine hauptberuflichen Models leisten, schließlich waren sie Studenten, und die Vorbereitung der Abschlusspräsentationen, die benötigten Stoffe, die Näherei und das Zubehör hatten sie schon eine Menge Geld gekostet. Also halfen sie sich gegenseitig. Studentinnen oder Freundinnen führten die Kreationen vor. Das Geschnatter entfernte sich, und als habe jemand plötzlich an einem Regler gedreht, wurde es still im Raum. Erst jetzt fiel Lara auf, was für eine Lautstärke vorher geherrscht hatte. Sie rutschte ein bisschen nach links unter den Heizpilz, dann blätterte sie die Seite mit den hastig hingeschmierten Notizen um und studierte noch einmal die Hintergrundinformationen, die sie recherchiert hatte.

Drei Kollektionen hatte Lara Birkenfeld in den letzten Tagen schon gesehen und ihre Verblüffung über die Fantasie der jungen Designer und die Gestaltung ihrer Entwürfe war von Mal zu Mal gewachsen. Sogar tragbare Modelle waren dabei gewesen, obwohl es hier nicht primär um Kommerz, sondern um Kreativität und Handwerk ging.

Krähennest nannte sich »Tor B. Hoff« und war der heimliche Star unter den Absolventen. In Wirklichkeit hieß er Torben Hoffmann. Aber das war ihm wohl zu profan erschienen, und so hatte er sich einen Künstlernamen zugelegt.

Die anderen Absolventen, zwei junge Frauen und ein Mann, waren bei weitem nicht so theatralisch wie er gewesen, obwohl man auch ihnen die Aufregung deutlich angemerkt hatte. Lara lächelte und malte einen Smiley auf ihr Blatt. Aber »Tor B. Hoff« war anders. Sie hatte seine Kollektion vorab gesehen. Und der Junge hatte Talent, Affektiertheit hin oder her. Lara sah auf die Uhr.

Noch zwei Stunden bis zum Beginn der Show. Sie konnte noch einmal nach draußen gehen und etwas frische Luft schnappen.

Das stillgelegte Fabrikgebäude und die glitzernde Modewelt bildeten einen Anachronismus, wie er größer nicht sein konnte. Aber wahrscheinlich machte gerade das den Reiz aus: der Gegensatz von unverputztem Mauerwerk, rostigen Stahlträgern und Dreck auf der einen und seidenweichen Stoffen, überschminkten Models und Glamour auf der anderen Seite.

Die graue Eisentür stand halb offen, und Lara trat auf den Hof hinaus. Die buckligen Pflastersteine waren rutschig, und sie war froh, dass sie flache Stiefel trug. Über ihr kreisten schwarze Vögel. In einer Ecke türmten sich schmutzig graue Schneereste. Der Maschendrahtzaun neben der Einfahrt hatte meterbreite Löcher. Ein eisiger Lufthauch wehte heran und ließ sie frösteln. Lara beschloss zurückzugehen. Vielleicht gelang es ihr, beim Catering einen heißen Tee abzustauben.

Die Rootdesign-Absolventen bemühten sich jedes Jahr, eine neue, spannende Location für ihre Schauen zu finden. Letztes Jahr hatten die Präsentationen im Malsaal des Theaters stattgefunden. Und dieses Jahr war es die alte Seilfabrik.

Lara fragte sich, wer die Genehmigung erteilt hatte, in diesen baufälligen Hallen Hunderte von Leuten herumgeistern zu lassen, vergaß aber den Gedanken schnell wieder. Für ihre Artikelserie war das Ambiente wie geschaffen. Nur die Kälte hatten die Veranstalter nicht im Griff. Obwohl in den überdachten Fabrikhallen überall elektrische Heizstrahler standen, zog es an allen Ecken und Enden.

Auch in dem Gebäudeteil, in dem die Schauen stattfanden, war es nicht besonders warm. Nur die Umkleide- und Schminkräume waren mit ausreichend Heizpilzen versehen, schließlich mussten sich die Frauen hier bis auf die Unterwäsche ausziehen.

Der Tapeziertisch mit den Schnittchen war fast leergeräumt. Lara griff nach einer Thermoskanne und goss sich Tee ein. Den heißen Becher mit beiden Händen umfassend, marschierte sie von Kleiderständer zu Kleiderständer und musterte die an den Querstangen angeklebten Polaroids. Ziffern zeigten die geplante Reihenfolge des Defilees an. Lara lauschte einen Moment auf das entfernte leise Geschnatter und nickte einer älteren Frau, die auf einem Hocker neben Tor B. Hoffs Entwürfen saß, zu.

Das Foto am letzten Kleiderständer betrachtete sie länger. Das Mädchen auf dem Bild war sehr hübsch und sehr dünn. Sie ähnelte Kate Moss. Die Haare trug sie auf dem Oberkopf zu einer Art Knödel zusammengedreht, kunstvoll herausgezupfte Strähnchen ringelten sich bis auf die Schultern. Rund um den Dutt prangte ein schmaler Kranz weißer Blüten. Das Model trug ein bodenlanges Kleid mit asymmetrischer Schulterpartie in weißer Spitze. An den Seiten bauschte sich eine Art Gardine, der Saum war ausgefranst.

Das war also die »Braut«. Ob das Mädchen inzwischen angekommen war? Ihr Kleid hing jedenfalls nicht auf dem Ständer, also probierte irgendjemand es wohl gerade an. Lara stellte den Tee ab und fotografierte das Polaroid.

Das Geschnatter wurde lauter und kam näher. Anscheinend neigte sich das Fitting – so wurde die letzte entscheidende Anprobe genannt – dem Ende zu. Lara beeilte sich, in ihre Ecke zurückzukehren. Gleich würde eine Horde gackernder Mädchen, gefolgt von Torben Hoffmann, hereintrippeln und erneut Hektik verbreiten.

Und da waren sie auch schon, eilten zu ihren Kleiderständern und entledigten sich als Erstes ihrer Schuhe. Bis zum Beginn der Schau war es noch eine knappe halbe Stunde, und wie erwartet erschien nun auch der junge Designer. Besser gesagt, er schlich in den Raum. Seine beiden Professoren in ihren dunklen Anzügen folgten ihm wie zwei nachdenkliche Marabus.

»Ich glaube das einfach nicht!« Torben Hoffmann schlug mit der Faust gegen die Wand und massierte sich dann die Hand, als habe er sich verletzt. »Die blöde Kuh kann mich doch nicht einfach so sitzen lassen!« Er drehte sich um, und jetzt sah Lara, dass seine Nase ganz rot war. »Wenn sie wenigstens das Kleid dagelassen hätte! Dann könnte ein anderes Model es vorführen! Aber so bin ich doch geliefert!« Jeder Satz ein Aufschrei. Lara machte sich auf ihrem Klappstuhl klein. Die Szene war mit Sicherheit nicht für sie bestimmt.

»Da will mir jemand eins auswischen!« Mit einem Taschentuch betupfte er sich die Augen. Tor B. Hoff, das große Nachwuchstalent, heulte.

»Torben. So beruhigen Sie sich doch!« Einer der Professoren rüttelte den jungen Mann an der Schulter. »Sie sind keinesfalls ›geliefert‹.« Sein Kollege nickte väterlich. »Wir haben den Entwurf doch vorher gesehen. Sie kommt bestimmt noch. Zur Not bewerten wir die Skizzen.« Lara knipste verstohlen ein Bild und stellte sich dabei Tor B. Hoff vor, wie er die Tagespresse aufschlug und wütend sein verheultes Gesicht betrachtete.

»Und wenn sie nicht kommt?« Torben Hoffmann schnäuzte sich geräuschvoll und fuhr mit weinerlicher Stimme fort. »Warum hat sie das Kleid mitgenommen? Was will sie denn damit?«

»Das wissen wir auch nicht.« Der Professor ließ die Schulter seines Schützlings los, nicht ohne vorher noch einmal fest zuzudrücken. »Die Präsentation beginnt gleich. Kümmern Sie sich um die restlichen Models und achten Sie darauf, dass hier alles wie geplant abläuft. Ich sage draußen Bescheid, dass es ein wenig später wird.« Er eilte hinaus, sein Kollege folgte mit wehenden Frackschößen. Das aufgeregte Geschnatter setzte wieder ein, und Lara erhob sich. Es wurde Zeit, dass sie ihren Platz im Zuschauerraum einnahm. Sie hatte hier genug gesehen.

»… zeigt seine ausgesprochene Sensibilität für außergewöhnliche Volumina, Faltenwürfe und Materialeigenschaften. Der Reiz dieser Kombination besteht darin, dass er mit ganz unterschiedlichen Beziehungen von Kleidungsstück und Körper experimentiert.« Lara schoss ein paar Fotos und wunderte sich, was man in eine Jacke und eine Haremshose alles hineininterpretieren konnte. Sie machte sich eine Notiz, die Professoren nach der Schau zu Details zu befragen. Vielleicht konnte sie den Begleittext der Präsentation kopieren.

»… und nun sehen Sie alle Entwürfe noch einmal in der Gesamtschau!« Theatralische Musik ertönte, die Halle wurde dunkel, ein einzelner Spot richtete sich auf den mit Vorhangstoff drapierten Eingang. Hinter Lara raunte die Menge. Es waren bestimmt zweihundert Leute. Nicht alle hatten einen Sitzplatz bekommen, einige standen hinter den Stuhlreihen und reckten die Hälse, um etwas erkennen zu können.

Das Model, das als Erstes gelaufen war, erschien. Nur wenige Schritte dahinter folgte das zweite Mädchen und nacheinander die anderen, bis sie alle wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht auf dem Laufsteg standen.

Lara betrachtete die Kollektion und dachte über eine raffinierte Überschrift für ihren Artikel nach. Die »Braut« war nicht dabei gewesen, aber keiner hatte darauf hingewiesen, dass ein Entwurf fehlte, und so hatte allem Anschein nach auch niemand von den Zuschauern etwas vermisst.

Jetzt erschien Torben Hoffmann im Eingang, wischte sich schnell noch einmal mit dem Tuch über die Stirn und machte dann drei unsichere Schritte auf den Laufsteg hinaus. Einer der Spots richtete sich auf den jungen Designer und übergoss ihn mit einem bläulichen Schein.

Lara blickte kurz nach oben. Die beweglichen Scheinwerfer waren an einem Metallgerüst unter dem Dach der Fabrikhalle befestigt.

Sie erblickte das Gebilde noch vor allen anderen. Noch ehe die Musik abrupt aussetzte und das Raunen im Saal erstarb, ehe in der einsetzenden Stille das quietschende Geräusch immer lauter wurde, sah Lara die lange schmale Trage, die an Seilen langsam herabschwebte.

Ein leises Platschen ertönte, und eins der Models wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn. Während die Blicke der Anwesenden auf die Unterseite der Bahre gerichtet waren, die sich Zentimeter für Zentimeter absenkte; während die Menschen in der kalten Fabrikhalle sich fragten, was sie auf dem Gestell erblicken würden und ob das Ganze zur Show gehörte, betrachtete das Mädchen auf dem Catwalk seine Hand, stieß ein leises Quieken aus und zeigte wild gestikulierend nach oben. Der nächste Tropfen traf sie direkt ins Auge. Das Quieken verwandelte sich in ein Kreischen, während immer rascher herabfallende Blutstropfen ein bizarres Muster auf dem Laufsteg bildeten. Auf der Unterseite der Bahre erblühte ein dunkelroter Fleck, der schnell größer wurde. Jetzt schrien auch die anderen Models und die Menge stimmte ein. Eine schrille Kakofonie erfüllte die alte Seilfabrik. Die Mädchen stakten vom Laufsteg, so schnell sie es in ihren High Heels schafften. Torben Hoffmann verharrte am Ende des Catwalks, sein Mund stand ein wenig offen, das Tüchlein in seiner Rechten zitterte. Eins der Mädchen stieß ihn beiseite, und das löste seine Erstarrung. Statt ebenfalls hinauszustürzen, trippelte er in Richtung der Bahre, die jetzt bereits einen Meter über dem Laufsteg schwebte. Lara war aufgestanden und fotografierte. Was auch immer auf dieser Trage lag – es gehörte weder zur Show noch war es etwas Erfreuliches. Ihr Artikel würde eine ganz andere Gestalt annehmen, als sie es geplant hatte.

Durch den Sucher sah sie ehemals weiße Spitze, die jetzt blutdurchtränkt war, bläulich schimmernde Haut und eine rotschorfige Wunde am Hals, die wie ein zahnloses blutiges Maul klaffte. Lara schwenkte die Kamera und knipste dabei wie in Trance. Die Augen der Toten starrten milchig trüb nach oben. Während der Zoom das Bild heransurrte, wurde offensichtlich, dass das, was zuerst wie eine dunkle Augenmaske ausgesehen hatte, eigentlich winzige rotblaue Punkte waren, die die Haut rund um die Augenhöhlen sprenkelten.

Der Unterkiefer der Toten war herabgesackt, der Mund stand halb offen. Zwischen den übernatürlich weißen Zähnen hing die Zunge wie ein aufgequollener Ballon aus blauschwarzem Fleisch hervor. Das gesamte Gesicht war aufgedunsen, die pinkfarben gepuderten Bäckchen bildeten Wülste über den Jochbeinen.

Noch immer lösten sich im Zeitlupentempo dicke Blutstropfen, rollten über die Schultern die ausgebreiteten Arme hinab bis zu den Fingerspitzen und platschten links und rechts der Trage zu Boden.

Hinter ihr schnatterte die Menge. Jemand drückte gegen Laras Rücken, aber sie wandte sich nicht um, um den Drängler zu rügen. Lara fotografierte. Sie fotografierte die Bahre, die Seile, das Blutmuster auf dem Laufsteg, die dunkelrot getränkte Brüsseler Spitze, den Halsschnitt, der von einem Ohr zum anderen reichte, die blauschwarze Zunge. Und sie knipste Torben Hoffmann, der wie ein Balletttänzer den Blutstropfen ausweichend, herangetänzelt war, nun dicht vor der Bahre stand und sich zaghaft vorbeugte.

Als der junge Mann sich plötzlich mit Entsetzen in den Augen aufrichtete, hielt die Menge erneut den Atem an, und in die Totenstille hinein konnte man bis in die letzte Ecke der Halle seinen Aufschrei hören. »Mein Gott, das ist Carolin Fresnel!«