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»Modedesign ist bei uns nicht nur ein Studienschwerpunkt eines Designstudiums, sondern ein eigener Studiengang. Die Regelstudienzeit bei Rootdesign beträgt zehn Semester.«

»Sehr schön.« Lara betrachtete den grauen Bart des Mannes, der ihr an seinem Schreibtisch gegenübersaß. Professor Kreis glich in nichts dem, was sie sich unter einem Hochschulprofessor vorstellte. Letzten Dienstag bei der Präsentation hatte er eine Art Frack getragen und dadurch distinguierter gewirkt; aber heute, mit der braunen Cordhose und dem Jackett mit den Lederflicken an den Ärmeln wirkte der kleine dicke Mann eher wie ein Ökofreak.

»Es ist ein anspruchsvolles Studium. Unsere Studenten schließen mit einem Diplom ab. Dazu gehört auch die Abschlusspräsentation.« Der Professor redete und redete. Lara prüfte zum fünften Mal, ob das Aufnahmelämpchen am Diktiergerät noch leuchtete. Sie musste den Mann irgendwie vom Dozieren weg auf die Ereignisse der Modenschau lenken und ihn dazu bringen, ihre Fragen zu beantworten.

»Das ist sehr interessant.« Zeitgleich mit ihren Worten lächelte sie den Professor an. »Vielen Dank für diese Informationen. Ich hätte noch ein paar Fragen zu der Präsentation von Torben Hoffmann.« Lara vertiefte ihr Lächeln zu einem Strahlen, aber ihr Gegenüber schien es nicht zu bemerken. Stand er nicht auf Frauen? Oder war er einfach nur mürrisch?

»Torben ist ein Naturtalent, wie man es nur alle zehn Jahre einmal findet. Dazu kommt, dass er außerordentlich fleißig ist. Wir sind stolz, dass er bei uns studiert hat. Ihm steht eine große Karriere bevor.« Jetzt leuchteten die Augen des Professors.

»Kann ich mit ihm sprechen?«

»Einen Moment.« Professor Kreis wurde schlagartig wieder ernst und begann, auf der Computertastatur herumzuklicken. Über den Rand der Brille hinweg blickte er dann auf den Monitor und murmelte in seinen Bart. »Er müsste heute in den Buchnerschen Stiftungen sein. Dort befinden sich unsere Praktikums- und Seminarräume. Das ist gleich um die Ecke.« Er schaute auf. Die Verdrossenheit war in sein Gesicht zurückgekehrt.

»Haben Sie eine Gästeliste von letztem Dienstag?«

»Nein.« Der Professor verschränkte die Arme und schnaufte. Das hieß wohl, dass sie jetzt gehen sollte. »Um die Einladungen kümmern sich bei uns die Studenten. Das gehört auch zur Präsentation.«

»Danke.« Lara erhob sich und versuchte, den Ärger auf den unkooperativen Mann zu verdrängen. Das Gespräch mit ihm hatte nichts gebracht. Umso mehr hoffte sie jetzt auf das »Naturtalent«. Bisher hatte sie Torben Hoffmann nur in seiner Rolle als aufgescheuchtes Huhn bei der Show erlebt.

»Vor der Show finden unzählige Anproben statt. Es müssen aber nicht jedes Mal die endgültigen Models dabei sein. Manche haben noch andere Jobs oder studieren selbst, sodass nicht immer alle Zeit haben. Die Kollektion wird erst am Schluss kurz vor der Präsentation an den Mädchen getestet, die dann auch laufen.« Torben Hoffmann saß mit grazil übereinandergeschlagenen Beinen auf einem merkwürdig verbogenen Metallstuhl und fuhr sich mit dem Handrücken über die Stirn. Seine Haare standen heute in alle Richtungen vom Kopf ab, als hätte er sie sich unentwegt gerauft.

»Das heißt, Carolin Fresnel war zu den Anproben gar nicht dabei?«

»Ein-, zweimal schon. Ich musste ja sehen, ob ihr der Entwurf auch passte.«

»Wissen Sie noch, wann sie das letzte Mal da war?«

»Das hat mich die Polizei auch schon gefragt. Moment.« Torben Hoffmann wühlte in seiner schwarzen Umhängetasche und brachte ein zitronengelbes iPhone zum Vorschein. Lara verkniff sich ein Grinsen. Gelb, wie stylish! Vor sich hin murmelnd, fuhr der junge Mann mit dem Mittelfinger über das Display.

»Hier.« Er hielt das Handy so, dass Lara den Terminplaner sehen konnte, und deutete auf die Woche vom ersten bis zum fünften Februar. »Letzte Woche hatten wir nochmal am Dienstag und Donnerstag Anproben. Da war sie nicht dabei.« Er runzelte die Stirn.

»Kam Ihnen das denn nicht seltsam vor, dass Ihr Topmodel zu den entscheidenden Terminen nicht da war?« Lara schrieb »1. Febr. u. 3. Febr. Anprobe, Carolin nicht anwesend« in ihr Notizbuch, obwohl in der Tasche das Diktiergerät lief. Manchmal halfen ihr die Notizen, die richtigen Fragen zu stellen, und das Gegenüber hatte das Gefühl, dass sie genau zuhörte. Gleichzeitig kam sie sich furchtbar antiquiert vor, weil sie mit einem Kugelschreiber auf Papier schrieb.

»Carolin ist« – Torben Hoffmann schaute entsetzt und wedelte mit der Hand vor dem Mund herum, ehe er weiterredete – »war dauernd unterwegs, aber trotzdem zuverlässig. Sie hat schon für mehrere meiner Kommilitonen gearbeitet. Wenn ich mich recht entsinne, hatte sie ein Shooting in London und war deshalb nicht zu erreichen. Zur Show wollte sie rechtzeitig wieder da sein. Ich habe das Brautkleid zwischenzeitlich an einem anderen Model getestet. Das ist nichts Ungewöhnliches.«

»Verstehe. Ich hätte noch ein paar Fragen zum Ablauf der Modenschau selbst.«

»Das habe ich doch alles schon haarklein der Kripo erzählt.« Lara sah, wie Torben Hoffmann Luft ausblies und dann auf seine Armbanduhr schaute. »Ist das wirklich nötig?«

»Ich schreibe eine Artikelserie. Wir könnten darin auch Ihre Kollektion vorstellen.« Sofort wurden die Gesichtszüge des »Nachwuchstalentes« weicher. Es war so einfach. Lara fuhr schnell fort, ehe er es sich wieder anders überlegen konnte. »Ihr Professor hat mir gesagt, dass Sie für die Einladung der Gäste zuständig waren. Gibt es eine Liste?«

»Ja. Die habe ich auf meinem Laptop.« Wieder begann Torben Hoffmann, in seiner Tasche zu wühlen. Es dauerte nur Sekunden, bis er das Notebook gefunden hatte. Es war ein MacBook Air. Allerdings in Weiß und nicht in Zitronengelb.

»Ich weiß nicht, ob das in Ordnung ist, wenn ich das …« Während er mit der Rechten über das Touchpad strich, fuhrwerkte die Linke durch die Haare, und allmählich bekam Lara eine Vorstellung davon, wie Torben Hoffmann zu seiner »Frisur« gekommen war.

»Haben Sie die Liste der Kripo ausgehändigt?«

»Na klar. Die brauchen das doch zum Ermitteln.«

»Dann dürfte es doch kein Problem sein, wenn ich sie auch bekomme, nicht? Ich verspreche Ihnen auch, mit den Angaben sensibel umzugehen.«

»Na gut.« Torben Hoffmann hatte gefunden, was er suchte. »Ich mail Ihnen die Datei. Haben Sie ein Kärtchen?«

Lara legte ihm ihre Visitenkarte auf den Tisch und beobachtete fasziniert, wie schnell der junge Mann tippte.

»Ist es denkbar, dass außerdem auch andere Leute dort waren?«

»Meinen Sie uneingeladene Besucher?« Torben Hoffmann schaute kurz auf und Lara nickte.

»Möglich. Das war ja kein abgesperrtes Gebiet. Und die Diplomshows sind öffentlich. Letztlich kann da jeder ein- und ausgehen wie er will.« Er klappte das MacBook zu.

»Danke. Rufen Sie mich an, wenn Ihnen noch etwas einfällt?« Lara streckte die Hand aus, aber der junge Designer ergriff sie nicht. Mit gerunzelter Stirn saß er wie ein exotischer Vogel auf dem Designerstuhl und schaute sie an, als hätte sie etwas vergessen. Noch ehe sie in Gedanken die letzten Fragen und Antworten durchgegangen war, sprach er. »Sie wollten meine Kollektion in der Zeitung vorstellen.«

»Ach ja, sorry. Natürlich.« Würde er ihr die Zerknirschung abnehmen? »Haben Sie eine Pressemappe oder Material, das Sie mir mitgeben können?«

»Ich maile Ihnen alles.« Eilfertig klappte Torben Hoffmann sein MacBook wieder auf und tippte erneut. »Bei Unklarheiten scheuen Sie sich nicht, mich zu kontaktieren.«

Hatte er wirklich »scheuen Sie sich nicht« gesagt? Lara verbiss sich ein Lachen. Der Typ war völlig abgedreht. »Ach, könnten Sie mir vielleicht noch die Telefonnummern der anderen Models geben, die Carolin Fresnel kannten?«

Torben Hoffmann nickte. »Maile ich auch.«

Auf dem Weg nach draußen fiel Lara ein, dass sie vergessen hatte, ihn zu fragen, wer eigentlich die Scheinwerfer in der Show bedient hatte. Die Trage mit dem toten Model war von dem Gerüst heruntergelassen worden. Irgendjemand musste da oben gestanden und alles beobachtet haben.