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Romain Holländer schloss die zweifach gepanzerte Tür seiner »Meditationskammer« hinter sich ab. Hier unten roch es immer ein wenig dumpf, auch wenn das alte Mauerwerk absolut trocken war. Er zündete ein Weihrauchstäbchen an und setzte sich an seinen Schreibtisch. Die beiden Bildschirme erwachten fast gleichzeitig zum Leben, der Rechner summte leise.
Es war vier Uhr früh, die beste Zeit, um Dinge zu erledigen, die nur ihn etwas angingen. Seine Schäfchen schliefen tief und fest, vor sechs Uhr würde sicherlich keiner erwachen, und sollten sie oder ihre Kinder doch aus ihren Träumen hochschrecken, galt das Gebot, bis zur Morgenspeisung in den Zimmern zu bleiben, um die anderen nicht zu stören. Hier unten würde ihn zudem keiner belästigen. Die Kinder des Himmels wussten, dass ihr Prinzipal einen Rückzugsraum im Keller hatte, den nur er allein betreten durfte. Die Anwesenheit von Gemeindemitgliedern würde die Schwingungen des Raumes nachhaltig hemmen und seine Kontemplation blockieren.
Der Prinzipal hatte unzählige Aufgaben, bei denen er Ruhe und Konzentration benötigte; zum Beispiel die Vorbereitung der Gruppentreffen und Andachten oder die spirituelle Formulierung seiner Botschaften. Niemand durfte ihn dabei stören. Er selbst fühlte keine Müdigkeit, sondern Vorfreude. Vorfreude auf die sonntägliche Andacht nach der morgendlichen Speisung, bei der ihm Konrad, sein blondgelockter Putto, zur Hand gehen würde.
Romain Holländer steckte die externe Festplatte an den Computer und rief den Ordner mit den Filmen auf. Es würde in ein paar Stunden schon die vierte Sonntagsandacht sein, bei der der Junge ihm assistierte, und der Kleine machte seine Sache sehr gut. Auch Konrads Eltern waren mit der Arbeit ihres Jungen zufrieden und stolz auf ihn. Er rief das Videobearbeitungsprogramm auf. Allmählich war es an der Zeit, den Jungen nach der Andacht ein wenig tiefer in die Details seines Dienstes einzuführen.
Ein paar kräftige Atemzüge von dem Räucherwerk, ein, zwei Schluck von dem Kelch mit dem geweihten Wein, der nur dem Prinzipal vorbehalten war. Benommen und glücklich über die ihm zuteilgewordene Ehre würde Konrad gar nicht so recht erfassen, dass dieses Mal einiges anders war. Der Prinzipal selbst würde dem Jungen großmütig beim Wechseln seiner Kleidung helfen. Noch würde nichts weiter geschehen, als dass Romain Holländer die seidenweiche Haut berührte, seine Finger über die weichen Rundungen gleiten ließ und ihre zarte Beschaffenheit betastete. Mehr nicht. Nichts, was anstößig oder verboten wäre. Der Führer der Kinder des Himmels hatte alle Zeit der Welt. Er konnte wochenlang von einer wie zufällig wirkenden Berührung, vom Anblick eines nicht bedeckten Kinderkörpers zehren.
Romain Holländer lächelte sanft und strich sich mit der Hand über den Oberschenkel, während vor seinem inneren Auge das arglose glatte Kindergesicht des kleinen Konrads zu ihm auflächelte.
Auf dem Monitor entkleidete Wolfgang Franke die fünfzehnjährige Sophie, streifte dann sein Gewand ab und legte sich auf das Mädchen, nachdem er ihr vorher die Beine gespreizt hatte.
Als sein weißes Hinterteil begann, sich auf und ab zu bewegen, spulte Romain Holländer vor. Das Gezappel der beiden ersten Männer, die an der Weihe der Elevin Sophie teilgenommen hatten, war uninteressant.
Er besaß mehrere Aufzeichnungen – von der frontalen Kamera an der Stirnseite, von beiden Seiten und vom Eingang zum Zeremonienraum. Auf dem Video erstarrte Wolfgang Franke ganz kurz, dann war Max Frenzel an der Reihe. Im Zeitraffer wirkten seine überdrehten Bewegungen wie das Rammeln eines geilen Kaninchenbocks. Romain Holländer schüttelte den Kopf und wechselte zu dem zweiten Film. Welches Vergnügen brachte diesen Männern eigentlich ihr hastiges Tun?
Er entschloss sich, zuerst das Video von der Kamera an der rechten Wandseite zu bearbeiten. Hier konnte man Frieder Wörth direkt in das gerötete Gesicht schauen. Der Mann stand neben dem Altar, seine Augen glänzten in dem gelblichen Dämmerlicht unnatürlich. Unter dem weiten Gewand konnte man eine Erektion ahnen. Der silberne Becher in seiner Hand bebte. Ab und zu befeuchtete er sich unbewusst die Lippen und nippte dann einen Schluck von dem schweren Süßwein, bevor er ihn auf den Boden stellte und sein Gewand öffnete, noch ehe Max Frenzel ganz fertig war.
Romain Holländer wechselte zur Aufnahme der Frontkamera und hielt den Film an. Das verzerrte Gesicht von Frieder Wörth war genau im Fokus; unübersehbar das, was er da mit dem Mädchen auf dem Altar tat.
Jetzt kam die langweilige Kleinarbeit – die Gesichter von Wolfgang Franke und Max Frenzel mussten in dem Ausschnitt, den er später verwenden wollte, unkenntlich gemacht werden. Wenige Minuten Filmmaterial würden reichen. Eine Veröffentlichung des Videos war vorerst nicht geplant, auch wenn er Frieder Wörth dies glauben machen wollte. Es ging nur darum, dem Mann ein bisschen Angst einzujagen, ihn von weiteren Kontakten mit neugierigen Journalisten abzuhalten. Wenn sich Wörth allerdings sperrte, konnte es durchaus geschehen, dass sein Film wie von Zauberhand bei einer Boulevardzeitung, einem Fernsehsender oder bei YouTube auftauchte. Die Tastatur klickte. Romain Holländer wollte Gefahr von der Gemeinde abwenden, sonst nichts.
Zwei Stunden später machte sich der Prinzipal auf den Weg nach oben. In seiner Rechten hatte er einen mobilen DVD-Player.
Er hatte alles gründlich durchdacht. Seit Wochen machte ihm das Verhalten des Mannes Sorgen. Hatte es nicht Stunden gedauert, bis Wörth seinem Prinzipal von den beiden Journalisten berichtet hatte, die den Gemeindemitgliedern auf der Straße aufgelauert hatten? Hatte er überhaupt vorgehabt, von der Begegnung zu erzählen? Was, wenn der Mann erwog, mit den Zeitungsschreibern über das, was hier geschah, zu sprechen? Dann würden möglicherweise noch ganz andere Dinge ans Tageslicht kommen. Und er wusste noch immer nicht, wo sich der Mann aufhielt, wenn er heimlich die Gemeinde verließ. Es war Melinda Weiß bis jetzt nicht gelungen, herauszufinden, zu wem Frieder Wörth ging und was er dort tat. Dem musste Einhalt geboten werden.
Wenn er ihm die Aufnahmen vorspielte, würde er ihn fragen, was sein Sohn davon hielte, wenn er den Vater so sähe. Marcel war noch ein Kind. Und er bedeutete seinem Vater alles. Der Mann konnte nicht wollen, dass der Junge erfuhr, was er da mit einer Fünfzehnjährigen – und das nicht nur einmal – angestellt hatte. Romain Holländer grinste und lief ein bisschen schneller. Wenn Wörth auch sonst nichts bewegte, dieser Film würde es tun.
Vorsichtig öffnete er die Tür zu Frieder Wörths Wohnraum. Er würde den Mann jetzt wecken und ihn mit nach unten nehmen. Leise tappte Romain Holländer zu dem Raumteiler in der Mitte des Zimmers. Der Strahl der Taschenlampe beschrieb einen Bogen und leuchtete dann auf eins der beiden Betten. Romain Holländer hörte sich selbst ein- und wieder ausatmen. Marcels Locken waren zerstrubbelt. Unter der Decke konnte man seine kleine Gestalt erahnen. Dann ließ er den Schein der Lampe auf das andere Bett gleiten. Es war leer.
Frieder Wörth drückte leise die Tür ins Schloss. Dann zog er den Schal dichter um den Hals und lief los. Die lichtlose Nacht strich mit eisigen Fingern über sein Gesicht. An der Straßenbahnhaltestelle blinkte eine altersschwache Neonreklame. Die Schienen glänzten im Licht der zwei müden Bogenlampen. Fröstelnd hauchte Frieder in seine Handflächen, klappte die Ohrenschützer seiner Mütze herunter und verbarg die Finger dann wieder in den Jackentaschen. Die Handschuhe hatte er vergessen. Sie lagen zu Hause auf dem Regal neben der Tür.
Von links näherte sich die Bahn. Die hell erleuchteten Fenster warfen gleitende Lichtvierecke auf den Asphalt, während die Straßenbahn bremste. Die Luft im Innern war warm und roch nach feuchter Kleidung. Frieder Wörth ging an einem schlafenden Mann vorbei ganz nach hinten und setzte sich. Ein müdes Klingeln, dann fuhr die Bahn mit einem Rucken los.
Marcel würde tief und fest schlafen, das hatte er in den letzten Wochen immer getan. Das Beruhigungsmittel, das die Ärztin dem ruhelosen Vater verschrieben hatte, wirkte wunderbar. In den ersten Nächten hatte Frieder noch wachgelegen und seinen Sohn beobachtet, aber der Junge war nicht ein einziges Mal wie all die Nächte vorher schreiend aus Albträumen erwacht. Nach zwei Wochen nächtlicher Wachsamkeit hatte Frieder beschlossen, dass es an der Zeit war, das Experiment zu wagen und den Kleinen für eine kurze Zeit allein zu lassen. Nach seiner Rückkehr hatte Marcel sich nicht gerührt und so blieb es auch in den darauffolgenden Nächten, sodass Frieder die Zeit seiner Abwesenheit nach und nach immer mehr hatte ausdehnen können. Jetzt kam er manchmal erst frühmorgens zurück, eine halbe Stunde, bevor der Junge aufstehen musste, und auch dann schlief er noch fest. Manchmal hatte er Mühe, ihn zu wecken.
Draußen huschten die kahlen Bäume eines kleinen Parks vorbei, halb verfallene Häuser folgten.
Frieder Wörth legte die Wange an Scheibe und spürte der Kälte des Glases nach. In den letzten Monaten hatte er zunehmend Angst um das Wohlergehen seines Sohnes gehabt. Marcel war nicht mehr das fröhliche, unbeschwerte Kind, das er einst gewesen war. Es mochte daran liegen, dass seine Mutter ihn und den Vater so plötzlich verlassen hatte, es konnte aber auch noch andere Ursachen haben. Ein Elterngespräch mit Marcels Lehrerin im Januar hatte das diffuse Gefühl noch verstärkt. Marcels Leistungen hätten sich verschlechtert, hatte die Frau ihm erklärt, und dass sie sich Gedanken mache, weil der Junge sich immer mehr abkapsele. Das Leben in der Gemeinschaft schien dem Kind nicht zu bekommen. Die Straßenbahn ratterte um die Kurve, und Frieder Wörth wurde fester gegen die Wand zu seiner Rechten gepresst.
Die Hoffnung, dass die Gemeinde dem Kind über den Verlust der Mutter hinweghelfen würde, hatte sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil. Das Leben bei den Kindern des Himmels schien Marcel eher dazu zu bringen, sich zurückzuziehen. Und für ihn selbst war es auch nicht gut.
Frieder Wörth dachte an die »Weihe« von Sophie und seinen Part dabei. Die Scham kroch ihm über den Hals ins Gesicht hinauf. Was er da getan hatte, war Sünde gewesen. Er wollte ein gottgefälliges Leben führen und wurde Tag für Tag aufs Neue in Versuchung geführt. Es gab keine Entschuldigung für sein Verhalten. Der Prinzipal hatte die Gemeinde vor den Häschern gewarnt, vor all jenen, die den Gefährten nachstellten, die ihre Geheimnisse herausfinden und ihnen schaden wollten. Was, wenn diese beiden Journalisten, die letzte Woche unbefugt in die heiligen Räume eingedrungen waren, insgeheim weiterforschten? Wenn sie Dinge aufdeckten, die sie nichts angingen, Dinge, die besser im Verborgenen blieben? Wenn er sich selbst und seinen Sohn retten wollte, musste sich etwas ändern. Und zwar nicht erst in einigen Wochen, sondern gleich. Heute noch. Frieder Wörth atmete tief durch und sah hinaus auf die vorbeiziehenden Wohnhäuser. Vereinzelt brannte schon Licht hinter den Fenstern. Kleine Inseln der Helligkeit in der allumfassenden Finsternis, Zeichen der Hoffnung.
Nachdem er ausgestiegen war, marschierte er mit schnellen Schritten durch das Viertel. Vielleicht hatte er sein Seelenheil und damit auch das seines Sohnes noch nicht verspielt. Zuerst musste den Häschern das Handwerk gelegt werden. Danach konnte er sich um Marcels und seine Zukunft kümmern. Im Gehen nahm er die Brieftasche aus der Jacke, suchte nach der Visitenkarte von dieser blonden Zeitungsfrau, prägte sich die Telefonnummer ein und zerriss das Kärtchen dann in viele kleine Schnipsel, die er über die Straße flattern ließ.
Das Haus der Gemeinde überragte die Nachbarvillen. Still und sanftmütig wartete es in der Finsternis hinter den mächtigen Bäumen. Alle Fenster waren dunkel. Frieder ging dicht an der Begrenzungsmauer entlang, schlich am Tor vorbei, das nachts immer abgesperrt war, und bog dann zum Nachbargrundstück ab. Dieses verfügte nur über einen schmiedeeisernen Zaun, der relativ leicht zu überwinden war. Was man von vorn nicht sah, war, dass die Villa der Gemeinde nur zur Straße und zu den Seiten hin mit einer hohen Mauer gesichert war. Ganz hinten, zwischen den Bäumen, an der Grenze zur Nachbarvilla, befand sich lediglich ein einfacher Zaun. Zudem waren die Rhododendronbüsche hier mannshoch und verbargen die Sicht. Frieder Wörth hastete ohne hochzusehen zur Tür, zog den Schlüssel hervor und glitt leise hinein. Vorsichtig griff er nach der Klinke, um sie wieder zu schließen, als die grimmige Stimme von Romain Holländer ihn erschauern ließ. »Guten Morgen, Frieder. Ich glaube, du hast mir einiges zu erklären.«