20
Lara warf einen schnellen Blick zum gegenüberliegenden Schreibtisch. Markus Lehmann hatte Huberts Arbeitsplatz okkupiert. Er tippte in einem Heidentempo. Seine Zungenspitze schaute zwischen den Lippen hervor. Wenigstens hatte sie ihn so im Blickfeld und musste nicht fürchten, dass der Praktikant urplötzlich hinter ihr stand und mit neugierigen Augen auf ihren Monitor starrte.
Mit bemüht gleichgültigem Gesichtsausdruck tippte sie Asmodaeus in die Suchmaschine. Google hatte dazu 226000 Ergebnisse. Wikipedia verkündete, dass es für den Begriff zwei verschiedene Bedeutungen gab: Asmodäus war ein Dämon der jüdischen Mythologie, und gleichzeitig nannte sich eine österreichische Black-Metal-Band so. Sie machte sich eine Notiz, Mark danach zu fragen, ob das Wort auf Nina Bernsteins Stirn mit »ae« oder mit »ä« geschrieben worden war, und klickte auf den Dämon.
… Asmodis, gr.: Asmodaios, lat.: Asmodaeus, Asmodäus, hebr.: Aschmedai (Talmud), ist ein Dämon aus der Mythologie des Judentums. … In den Grimoires der frühen Neuzeit und der Renaissance wird Asmodaeus in verschiedenen Rollen erwähnt. … Der Goetia zufolge erscheint Asmodis mit drei Köpfen: dem eines Bullen, dem eines Menschen und dem eines Widders. Er soll den Schwanz einer Schlange und Schwimmhäute wie Gänse an den Füßen haben. Den Beschwörer könne er Arithmetik, Astronomie, Geometrie und alle Handwerke lehren; er soll wahre und vollständige Antworten auf alle Fragen geben und unbesiegbar machen, zudem Schätze bewachen und auch bei der Schatzsuche helfen. …
Markus Lehmann hustete, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten. Als er Laras vorwurfsvollen Blick bemerkte, zuckten seine Augenbrauen kurz nach oben, bevor er die Rechte vor die Lippen legte und hüstelte. Sie wandte sich wieder dem Text in der Internet-Enzyklopädie zu. Von dem, was dort geschrieben war, verstand sie nur einen geringen Teil. Was bitte waren »das deuterokanonische Buch Tobit«, »Grimoires« und »Goetia«? Zumindest hatten fast alle Erklärungen etwas mit der jüdischen oder christlichen Religion zu tun. Lara kopierte den Text in ein Word-Dokument. Vielleicht war die Recherche zu »luxuria« ergiebiger.
Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Markus Lehmann hochblickte. Seine Zungenspitze verschwand, der Mund öffnete sich ein wenig. In dem Moment, als hinter ihr die Stimme des Redaktionsleiters ertönte, wusste sie, warum der Praktikant sein Schafsgesicht aufgesetzt hatte.
»Lara?«
Sie schloss den Tab mit der Suchmaschine und drehte sich langsam um.
»Komm mit in mein Büro.« Tom Fränkel hatte nicht einmal »bitte« gesagt. Neben ihm stand Elsa Breitmann. Ihr Kopf war hochrot. Nachdem er sich umgedreht hatte, um zurückzumarschieren, hob Elsa entschuldigend die Schultern und ließ die Mundwinkel herabhängen. Wahrscheinlich sollte das so viel heißen wie »Ich kann nichts dafür«. Im Aufstehen fiel Laras Blick erneut auf Markus Lehmann. Das Schafsgesicht war verschwunden. Jetzt hatte er die Lippen gespitzt, als wolle er pfeifen. Die kleinen Äuglein glänzten. Du mieser kleiner Schnüffler! Elsa Breitmann huschte an Lara vorbei in einen Nebenraum.
Im Zimmer des Redaktionsleiters war es warm. In der Luft lag ein Geruch von Kräutertee. Ohne sie anzusehen, wies Tom auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch. Seine Hände schichteten Papiere um. Lara lehnte sich zurück, verschränkte die Finger im Schoß und befahl sich selbst, ruhig zu bleiben. Sie ahnte, was jetzt kam.
»Ich weiß ehrlich gesagt nicht mehr, was ich mit dir machen soll. Gerade habe ich mit Elsa Breitmann geredet.«
Das habe ich gesehen. Lara schwieg. Lass ihn ausreden. Mal sehen, worauf das Ganze hinausläuft.
»Was wolltest du gestern Nachmittag im Polizeipräsidium?«
»Reden wir von der Pressekonferenz zum Fall Nina Bernstein? Ich wusste nicht, dass Elsa auch dort sein würde.«
»Das wusstest du nicht?« Schon wurde er lauter. Es ging schneller, als sie gedacht hatte. »Ein Blick in die Zuständigkeitsliste und du hättest es gesehen! Aber das scheint dich ja überhaupt nicht zu interessieren! Jeder kümmert sich um seine Aufgaben und lässt die anderen ihre tun. Hatten wir nicht letzte Woche erst eine Diskussion darüber? So geht das nicht weiter!« Den letzten Satz schrie Tom so laut, dass ihn vor der Tür wahrscheinlich alle hören konnten. Er atmete mehrmals tief ein und aus. Auch Lara bemühte sich, ruhig zu atmen.
»Der Fall dieser ›Kirchenleiche‹ fiel von Anfang an in Frau Breitmanns Zuständigkeit! Sie war am Tatort! Sie hat die Berichterstattung von der ersten Zeile an übernommen!«
Jeder Satz ein Donnerschlag. Lara ließ die Schultern herabsinken, die sie die ganze Zeit hochgezogen hatte. Draußen hielten sie wahrscheinlich die Luft an, um nur ja nichts von der Scharade zu verpassen.
»Wieso versuchst du, sie aus der Sache rauszudrängen?«
»So war das nicht, Tom.«
»Ich will deine Rechtfertigungen nicht hören! Frau Breitmann hat noch versucht, dich zu verteidigen, aber der Sachverhalt ist eindeutig, und ich finde, es reicht allmählich mit deinen Eskapaden. Du hattest dort nichts zu suchen. Selbst wenn du ›aus Versehen‹ geglaubt haben solltest, der Fall fiele in dein Ressort, hättest du spätestens, nachdem Frau Breitmann dich aufgeklärt hat, in die Redaktion zurückkehren müssen. Stattdessen verschwendest du deine Arbeitszeit, um deine private Neugierde zu befriedigen!«
Eskapaden? Lara öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber Tom schnitt ihr mit einer scharfen Handbewegung das Wort ab. »Schluss jetzt!« Er richtete sich in seinem Chefsessel auf und legte die Handflächen auf die Schreibtischplatte. »Du hast Pflichtverletzungen begangen. Hiermit erteile ich dir eine Abmahnung. Du bekommst sie auch noch schriftlich, und sie wird in deiner Personalakte hinterlegt.« Tom schaute kurz auf einen vor ihm liegenden Zettel. Wahrscheinlich hatte er sich notiert, was er sagen wollte, um nichts zu vergessen. »Ich fordere dich auf, dein Verhalten ab sofort zu ändern. Bearbeite die dir zugeteilten Aufgaben und lass die Kollegen in Ruhe. Trage dich bei jedem Verlassen der Redaktion in die Abwesenheitsliste ein und gib wahrheitsgemäß an, wo du dich aufhältst. Wenn du das nicht tust, kann das arbeitsrechtliche Konsequenzen haben.«
»Welche?« Lara hörte sich selbst wie durch Watte sprechen.
»Das hängt davon ab. Versetzung käme infrage. Oder auch eine Kündigung.«
»Verstehe. War das alles?« In Laras Brustkorb schnürte sich etwas zusammen. Sie würde Tom nicht die Genugtuung gönnen, hier drin zu heulen. Was hatte er eigentlich davon, sie so zu demütigen? »Ich möchte das Schreiben heute noch haben.«
»Aber sicher.« Tom hob das Kinn. Ein paar winzige Sekunden lang sah er verunsichert aus. Dann strafften sich seine Gesichtsmuskeln. »Zuletzt möchte ich dir noch sagen, dass ich es nicht gutheiße, wenn Kollegen Affären miteinander haben. Das schadet der Arbeitsmoral.«
»Wie bitte?«
»Tu doch nicht so, Lara. Neulich früh habe ich zufällig beobachtet, wie Jo aus deinem Auto ausgestiegen ist. Wahrscheinlich denkt ihr, ihr stellt es besonders schlau an, wenn er fünf Minuten vor dir hier ankommt, aber ganz so blöd sind wir dann doch nicht.«
»Ich … es … Ach was!« Lara gab auf. Das, was Tom »zufällig« gesehen hatte, ließ sich nicht leugnen, aber er zog die falschen Schlussfolgerungen. »Ich werde mich dafür nicht rechtfertigen. Mein Privatleben geht dich überhaupt nichts an.«
»Sollte es deinen Job beeinträchtigen, dann schon.« Er nickte, wie um sich selbst zu bestätigen.
In Laras Ohren brauste das Blut. Sie wollte etwas erwidern, aber ihr fiel kein einziger sinnvoller Satz ein.
»Na gut. Das alles hätte jedenfalls nicht sein müssen.«
»Ach ja?« Lara stand auf und drehte sich um, damit Tom ihren Gesichtsausdruck nicht sehen konnte. Dir werde ich es zeigen, du machtgeiler kleiner Karrierist! Was hatte er davon, sie so zu demütigen? Sie öffnete die Tür und marschierte mit hoch erhobenem Kopf hinaus. Draußen war alles still. Kein Tastenklappern, kein Computersummen, kein Telefongeklingel. Der Redaktionsraum war verwaist. Lara schluckte und suchte in ihrer Tasche nach einem Tempo. Wo steckten die Kollegen? Hatten sie Angst, dass auch sie etwas von Toms Zorn abbekommen würden, nachdem er mit ihr fertig war?
In der Küche klapperte Geschirr. Wahrscheinlich tat Markus Lehmann dort so, als räume er auf. An Christins Arbeitsplatz begann das Telefon zu schrillen, und im selben Moment kam die Kollegin aus der Küche gehastet, um das Gespräch anzunehmen. Im Vorbeilaufen warf sie Lara einen verstohlenen Blick zu. Friedrich folgte ihr nach ein paar Sekunden. Da habt ihr euch also versteckt! Feiges Pack! Lara wusste, dass sie ungerecht war, und schaffte es trotzdem nicht, den brodelnden Zorn zu zügeln. Sie tippte »Abmahnung« in ihren Rechner und begann, ein paar Dokumente zu dem Thema zu lesen.
»Kommst du mit uns essen?« Gert kam aus dem Nebenraum. Mit den herabhängenden Mundwinkeln und den Hängebäckchen glich er einem traurigen Bernhardiner.
»Wo geht ihr denn hin?«
»Nur zum Imbiss.«
»Ich komme mit.« Lara schnappte sich ihre Tasche und wickelte sich den Schal um den Hals. Die frische Luft würde ihr den Kopf freipusten. Hoffentlich versuchten die Kollegen nicht, sie auszufragen.
»Statim eam sequitur quasi bos ductus ad victimam et quasi agnus lasciviens et ignorans quod ad vincula stultus trahatur, donec transfigat sagitta iecur eius velut si avis festinet ad laqueum et nescit quia de periculo animae illius agitur. … Nunc ergo fili audi me et adtende verba oris mei. Ne abstrahatur in viis illius mens tua neque decipiaris semitis eius!«
Stefan Reinmann murmelte den Text vor sich hin, während er mit dem Zeigefinger über den Ausdruck fuhr. Lara wusste, was er da las, hatte sie den Text doch seit gestern Abend wieder und wieder studiert. Sie betrachtete die Butterkekse auf dem großen Teller. Noch einer mehr und sie würde mörderisches Sodbrennen kriegen. Nunc ergo fili audi me et adtende verba oris mei hallte in ihrem Kopf. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ihr einfiel, wo sie den Satz schon einmal gehört – besser gesehen – hatte, in ihrem ersten Gesicht zu der Frau, die sich später als »Kirchenleiche« herausstellen sollte: Nina Bernstein. Sie hatte genau diesen Textabschnitt mit ihrem inneren Auge wahrgenommen.
»Multos enim vulneratos deiecit et fortissimi quique interfecti sunt ab ea. Viae inferi domus eius penetrantes interiora mortis.« Stefan Reinmann ließ das Blatt sinken. Seine Augen funkelten.
Das letzte Wort kannte sie. Mortis. Das hatte etwas mit dem Tod zu tun.
»Wahrscheinlich wollen Sie mir wieder nicht verraten, woher Sie das haben?«
»Sie sagen es. Tut mir leid.« Lara zuckte die Schultern. »Ich werde Sie aber auf jeden Fall sofort informieren, wenn ich es darf. Haben Sie den ersten Text schon übersetzt?«
»Leider noch nicht. Bitte entschuldigen Sie … Ich hatte unheimlich viel zu tun. Aber das Wochenende steht vor der Tür, und ich verspreche, dass ich mir beide Texte morgen oder am Sonntag vornehmen werde. Spätestens am Montag haben Sie dann Ihre Übersetzungen.« Er guckte fast schelmisch. »Soll ich Ihnen wenigstens vorab schon ein paar Anhaltspunkte mitgeben?« Stefan Reinmann fuhr sich mit der Rechten durch die Haare, die über der Stirn schon ein wenig schütter wurden.
»Das wäre super.«
»Haben Sie etwas zu schreiben?« Er nahm den Ausdruck wieder in die Hand.
»Moment.« Lara kramte in ihrer Tasche und förderte ihr Notizbuch zutage.
»Ich gebe zu bedenken, dass das nur eine vorläufige Übersetzung ist. Manches muss nicht wortwörtlich so lauten.«
»Das ist vollkommen in Ordnung, Herr Reinmann.« Der Mann war übervorsichtig.
»Der erste Satz Fili mi custodi sermones meos und so weiter, bedeutet so viel wie: ›Mein Kind, bewahre meine Rede und verbirg meine Gebote bei dir‹, oder auch ›bewahre meine Gebote bei dir auf‹. Dann kommen ein paar weitere Anweisungen, was der oder die Angesprochene tun soll. Das muss ich exakt übersetzen. Der Schluss ist wieder recht eindeutig: Multos enim vulneratos deiecit et fortissimi quique interfecti sunt ab ea. Viae inferi domus eius penetrantes interiora mortis.« Er sah Lara mit leuchtenden Augen an und deklamierte: »Denn sie hat viele verwundet und gefällt und sind allerlei Mächtige von ihr erwürgt. Ihr Haus sind Wege zum Grab, da man hinunterfährt in des Todes Kammern.«
Lara schrieb »Todes Kammern« und betrachtete dann die Sätze noch einmal. »Das klingt dramatisch.«
»Das ist es.« Stefan Reinmann klang aufgeregt.
»Könnten Sie mir zum ersten Text auch Hinweise geben? Nur ein paar Stichpunkte?«
»Mal schauen.« Der Sektenbeauftragte sprang aus seinem Sessel und eilte nach nebenan. Es raschelte, dann hörte Lara ihn rufen. »Essen Sie noch ein paar Kekse! Meine Putzfrau ist sonst beleidigt! Sie bringt mir nämlich immer Selbstgemachtes mit, weil ich Ärmster doch ›ganz allein‹ bin.« Mit dem Ausdruck des Textes, der auf Carolin Fresnels Rücken gestanden hatte, kam er zurück. Hastig fuhr der Zeigefinger über die Zeilen. Lara nahm noch einen Butterkeks. Hatte die Putzfrau sie selbst gebacken? Sie musste sich das Rezept geben lassen.
»Das hier ist recht eindeutig: In fine autem omnes unianimes conpatientes fraternitatis amatores misericordes humiles.« Er sah Lara in die Augen und rezitierte dabei förmlich. »Zum Ende aber seid allesamt gleichgesinnt, mitleidig, brüderlich, barmherzig, freundlich.«
»Das verstehe ich.« Dass sie es nicht besonders passend fand in Bezug darauf, was mit Carolin Fresnel passiert war, konnte Lara dem Sektenbeauftragten nicht sagen. Und auch nicht, dass sie in den Texten nach Anhaltspunkten suchte, nach Erklärungen für die Ermordung der jungen Frauen. Der Täter hatte die Sätze ja nicht ohne Grund auf ihre Rücken tätowiert.
»Aber es nützt Ihnen nichts, oder?« Konnte der Mann Gedanken lesen? Stefan Reinmann lächelte. »Ich verstehe schon. Lassen Sie es mich exakt übersetzen, und dann können Sie entscheiden, was Sie mit den Texten machen.«
Lara nahm noch einen Butterkeks und betrachtete ihre Notizen. »›Wege zum Grab‹, ›Todeskammern‹« – sie schaute den Mann im Sessel gegenüber an –, »wonach klingt das für Sie?«
»Das kann alles sein. Was glauben Sie, wie oft solche Metaphern allein in der Bibel vorkommen …« Seine Augen funkelten noch immer. Anscheinend machte ihm das Ganze Spaß.
»Für Sie mag es drastisch klingen, für mich ist es fast alltäglich.« Er faltete das Blatt bedächtig in der Mitte zusammen und hielt dann inne. »Warten Sie!«
Lara, die schon begonnen hatte, ihre Tasche einzuräumen, legte Handy und Notizbuch zurück auf den Tisch.
»Da hätte ich auch schon eher draufkommen können. Wo wurden diese Texte denn veröffentlicht? Äh … das wollen Sie mir ja nicht verraten. Aber ich hätte vielleicht trotzdem eine Idee. Schließlich arbeite ich ja als Sektenbeauftragter, nicht?«
»Eine Sekte?«
»Wenn ich es recht bedenke, wäre es möglich, dass diese Texte von einer Sekte stammen. Unter ihnen gibt es Eiferer, die gern andere missionieren. Bringt Ihnen das etwas?«
»Das ist ein guter Tipp. Wenn Sie mir jetzt noch sagen, welche dazu passenden Sekten es hier gibt, wäre ich glücklich.« Lara dachte an ihre Datei mit den Leipziger Sekten. Vielleicht war es wirklich keine schlechte Idee, sich einmal näher mit einigen von ihnen zu befassen. Sie konnte sie ja in ihrer Freizeit aufsuchen und die Information sammeln. Momentan war Tom nicht in der Lage, Ideen für neue Artikelserien von Lara Birkenfeld wertzuschätzen.
»Oh, das sollte kein Problem sein. Und es ist mir ein außerordentliches Vergnügen, eine junge Dame wie Sie glücklich zu machen.« Wie ein Springteufel aus seiner Schachtel sprang Stefan Reinmann aus seinem Sessel auf und eilte ins Nebenzimmer. Lara sah ihm nach und grinste. Jetzt trug er ein bisschen dick auf. Aber der Tipp war gut. Nebenan ratterte ein Drucker, und eine Minute später kam er zurückgetänzelt, ein Blatt in der Rechten.
»Schauen Sie: Die ersten fünf kämen am ehesten infrage.« Er tippte mit dem Fingernagel auf die Namen und übergab Lara die Liste. »Wenn Sie Fragen zu Details und Hintergründen haben – Sie wissen ja, wen Sie konsultieren können.« Er zwinkerte und glich dabei einem Braunbären, der einen Honigtopf entdeckt hatte.
»Darauf komme ich sicher zurück.« Lara, die die Angaben überflogen hatte, faltete den Zettel und verstaute ihn in ihrer Handtasche. Dann erhob sie sich. »Es wird Zeit.«
Stefan Reinmann, der neben ihr stehen geblieben war, erwachte aus seiner Versunkenheit und setzte sich in Bewegung. »Es war mir ein Vergnügen.«
»Rufen Sie mich bitte gleich an, wenn Sie die Übersetzungen haben? Gern auch am Sonntag. Auf dem Handy bin ich immer zu erreichen.«
»Ich werde nicht säumig sein, versprochen!« Stefan Reinmann hielt Lara den Mantel hin und wartete, bis sie sich den Schal um den Hals gewickelt hatte. Dann hielt er ihr die Tür auf und winkte freundlich, ein netter, massiger Brummbär. Lara stapfte durch den Schnee zum Tor. Ihr Auto trug schon wieder eine weiße Mütze. Einen Sektenbeauftragten hatte sie sich ganz anders vorgestellt; streng, ein bisschen verkniffen, mit Soutane und Beffchen. Natürlich wusste sie, dass das Klischees waren, die zudem nicht einmal zueinander passten, aber ihr Unterbewusstsein hatte eben eine andere Auffassung. Sie klopfte ihre Schuhe ab und schob sich auf den Sitz.
»Deine Zeit ist gekommen.« Die Stimme war ruhig und tief. »Ich habe dir mehrere Tage zum Nachdenken gegeben, aber du willst nicht verstehen. Habe ich recht?« Unverständliches Lallen.
»Es gibt noch viel zu tun für mich. Länger kann ich nicht warten. Also frage ich dich ein letztes Mal: Hast du über deine Sünden nachgedacht?« Eine kurze Pause. Schweres Atmen. Dann sprach die Stimme weiter. »Antworte mir! Wenigstens jetzt kannst du dich wie ein Mann benehmen!«
Aus dem Lallen formten sich Worte: Es klang, als sei die Stimme monatelang eingerostet gewesen »Ja …ich … ich habe gesündigt.«
»Und was waren deine Sünden, mein Freund?«
»Geld.« Röcheln, Husten. »Ich war auf Profit aus. Wollte meine Kunden abzocken. Dafür schäme ich mich. Bitte verzeihen Sie mir.« Er winselte fast. »Ich werde mich ändern. Bitte!«
»Fast könnte man meinen, dass du es ernst meinst. Und fast hättest du mich getäuscht.« Ein irres Kichern folgte. Dann donnerte die Stimme. »Aber ich durchschaue euch. ALLE! Lug und Trug, Täuschen und Verblenden, das ist es, was ihr am besten könnt! Habgier ist, was dich angetrieben hat. Das ist Sünde. Dein Mund spricht von Buße, aber dein Geist glaubt nicht daran! Du weißt, was das bedeutet?«
»Nein, nein! Ich … bitte. Haben Sie doch ein Einsehen.« Schluchzen und Schniefen.
»Hör auf zu jammern! Dafür ist es zu spät.« Etwas knisterte, dann tappten Schritte. »Dies hier ist für dich. Du wirst es essen. Einen nach dem anderen. Wir haben Zeit.« Wieder ertönte das Kichern. »Na komm. Versuch es!« Jemand würgte. Das Rascheln wurde lauter. »Na siehst du, wunderbar. Und nun den nächsten. Rein damit. Wehr dich nicht.« Das Würgen wurde heftiger. »Wenn du dich erbrichst, musst du das auch aufessen. Also, versuch dich zu beherrschen. Gut so. Und hier kommt der nächste. Mund auf!«
Der Scheibenwischer schrappte über die Frontscheibe und stäubte das pudrige Weiß zur Seite.
Lara starrte blicklos die Eiskristalle auf dem Glas an. Sie fror.